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Weiterreichende Erkenntnisse für die ursprüngliche Bedeutung des einzelnen Namens ergeben sich erst dann, wenn ein größeres Gebiet namenkundlich untersucht ist. Das gesammelte Material soll in den Ortsnamenbüchern sowie kartographisch erfaßt werden.

Auf diese Weise kann dann die bestehende Forschungslücke für eine Untersuchung des Ortsnamenschatzes der Länder Westfalen, Niedersachsen und Bremen geschlossen werden.

Damit sind die Erkenntnisinteressen und Ziele des Vorhabens aber noch längst nicht erschöpft. Die Onomastik ist eine Disziplin, die in vielfältiger Weise mit anderen Wissenschaftszweigen verknüpft ist. Ihre Ergebnisse werden u.a. aufgegriffen und weiterverwertet u.a. in folgenden Wissenschaftsbereichen: historische Geographie und Siedlungsgeschichte, Siedlungsarchäologie, Stammes- und Volksgeschichte, Sprach- und Kulturgeschichte, Historische Volkskunde, Rechts-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Agrar- und Stadtgeschichte, Verfassungs-, Herrschafts- und Territorialgeschichte, Kirchengeschichte und Personengeschichte.

Wir versprechen uns von einer umfassenden Untersuchung der Ortsnamen des Untersuchungsgebietes u.a. neue Erkenntnisse in folgenden Bereichen:

Keine Ortsgeschichte geht an dem Namen der Ortschaft und seiner Bedeutung vorbei. Hier liegt eine enge Verbindung zwischen Namenkunde und Regionalgeschichte vor. Das Vorhaben wird sich mit ca. 30.000 Ortsnamen (einschließlich der Wüstungsnamen) beschäftigen und damit eine Fülle von Informationen für die Regional- und Heimatgeschichte bereitstellen. Nicht zu unterschätzen ist dabei die Wirkung auf die Öffentlichkeit. Ortsnamen finden immer wieder großes Interesse in der Bevölkerung, in den Medien und in Diskussionen über Länder, Völker und deren Geschichte. Man erreicht die Bevölkerung nach unseren Erfahrungen vor allem durch Ortsnamenarbeiten, die eine kleinere administrative Einheit (etwa einen größeren Kreis oder zwei bis drei kleinere Kreise) zur Grundlage haben. Großlandschaftliche Namenbücher erreichen ihr Ziel nicht im gleichen Maße.

In jedem Band werden nicht nur die bestehenden Namen der Siedlungen in ihrer Entwicklung und Bedeutung, sondern auch die Wüstungsnamen einbezogen. Auch diese sind für die Territorial-, Orts- und Heimatgeschichte von großer Bedeutung, aber darüber hinaus ergeben sich aus einer gründlichen Bearbeitung der Orts- und Wüstungsnamen auch entscheidende Hinweise für die Familiennamen, speziell für die Gruppe der sogenannten Herkunftsnamen. Wüstungen sind heute im allgemeinen verschwunden, leben aber zum Teil noch heute in Flurnamen der entsprechenden Gemarkung und in Familiennamen weiter.

Fast das gesamte Untersuchungsgebiet gehört zum Bereich des Niederdeutschen. Mit einer Untersuchung von über 50.000 Ortsnamen wird der niederdeutschen Philologie neues und substantielles Material zugänglich gemacht. Das betrifft den Wortschatz, die Wortbildung, die Dialektologie und die Sprachgeschichte in ihrer Gesamtheit. Die schlechte Überlieferung des Altsächsischen kann durch die Gewinnung dieses Materials entschieden verbessert werden.

Anhand der Ortsnamen und ihrer Überlieferung läßt sich das Eindringen des Hochdeutschen in das Niederdeutsche mustergültig verfolgen. Ortsnamen als unbestechliche Zeugen der örtlichen Sprachen und Dialekte zeigen in ihrer Entwicklung gerade das Ablösen von Sprachen in einer bestimmten Region an und sind Indikatoren für Tendenzen eines Sprachwandels.

Der östliche Bereich des Untersuchungsgebietes ist mit slavischen Ortsnamen durchmischt. Ortsnamen zeigen die vielfältigen Berührungen zwischen dem germanischen und deutschen Element auf der einen Seite und dem slavischen Material auf der anderen Seite. Mischnamen, Wüstungsnamen, Eindeutschungen und ähnliches spiegeln den Siedlungsprozeß wider. Moderne Siedlungsforschung verzichtet nicht mehr auf Ergebnisse der Onomastik.

Eine große Rolle in der deutschen Namenforschung spielt die These von der Frankonisierung des deutschen Ortsnamenbestandes (A. Bach u.a.). Erste kritische Stellungnahmen aus westfälischer (G. Müller) und niedersächsischer Sicht (J. Udolph) haben Zweifel an der angeblichen Frankonisierungswelle geweckt, aber nur eine umfassende Durchforstung des Ortsnamenmaterials kann gesichertere Erkenntnisse erbringen.

Untersuchungen an Ortsnamen bereichern die Kenntnisse des Wortschatzes in erheblicher Weise. Namen als der „Friedhof der Wörter“ bewahren alte Elemente bis auf den heutigen Tag, lassen alte Verbreitungen der Bezeichnungen deutlich werden und helfen in ganz entscheidender Weise bei der Etymologie nicht nur des Hochdeutschen, sondern aller germanischer Einzelsprachen, vor allem des Niederdeutschen, Niederländischen, Friesischen und Englischen.

Ortsnamen sind entsprechend den Wörtern einer Sprache morphologisch gleichermaßen gebildet. Die Durchsicht der Toponyme festigt Kenntnisse der historischen Wortbildung und läßt zugleich Hinweise für die ursprüngliche Streuung bestimmter Wortbildungsmechanismen zu.

Eine der entscheidenden Fragen, die nur mit Hilfe der Ortsnamen beantwortet werden kann, lautet: Wo lassen sich altgermanische Siedlungsnamen nachweisen? Die gängige These, wonach es eine germanische Zuwanderung vom skandinavischen Norden in den deutschen Süden gegeben haben soll, beruht im wesentlichen (wenn auch heute kaum noch erkannt) auf archäologischen Aussagen der 30er Jahre des 20. Jhs. (G. Kossinna), die in einer Vermischung mit nationalsozialistischem Gedankengut zu einer „nordischen“ Heimat der Germanen führte. Es muß die Frage gestellt werden, ob diese These im Lichte der Ortsnamen Bestand hat. Damit zusammen hängen Fragen nach eventuellen Substraten, nach der sogenannten „Urheimat“, nach vorgeschichtlichen Wanderungen und engere Verwandtschaftsbeziehungen des Germanischen.

Die Aufdeckung der „Alteuropäischen Hydronymie“ durch H. Krahe und W. P. Schmid zieht grundlegende Konsequenzen für die Namenforschung der indogermanischen Einzelsprachen nach sich. Es ist zu fragen, ob es Bereiche in Europa gibt, aus denen heraus sich eine kontinuierliche Entfaltung einer Einzelsprache, in unserem Fall die des Germanischen, aus der voreinzelsprachlichen, alteuropäischen und indogermanischen Hydronymie entdecken läßt. Im Falle des Baltischen und Slavischen sind erste wichtige Hinweise erbracht worden. Die Namen des Untersuchungsgebietes sind in höchstem Maße verdächtig, entsprechende Hinweise für die germanischen Sprachen zu enthalten. Es geht dabei auch um Ortsnamen, die letztlich auf Gewässernamen beruhen und daher zur weiteren Aufarbeitung der alteuropäischen Hydronymie beitragen können.

Die gelegentlich immer noch akzeptierte Vorstellung eines sogenannten „Nordwest-Blocks“ (H. Kuhn) deckt sich fast vollständig mit dem Untersuchungsgebiet. Am Ende des Vorhabens wird endgültig geklärt sein, ob man diese These akzeptieren kann oder ob nur eine optische Täuschung vorgelegen hat.

Keltisches wird immer wieder gern zu Fragen der Siedlungsgeschichte Westfalens und Niedersachsens herangezogen. Bei unverständlichen und schwierigen Namen ist man sehr schnell zur Hand mit „keltischen Relikten“. Auch hier wird man am Ende des Vorhabens gesicherte Aussagen erhalten.

Entgegen der immer wieder angenommenen engen Verbindung zwischen dem Germanischen und dem Keltischen haben sich in den letzten Jahren erste Anzeichen dafür ergeben, daß die Beziehungen zwischen dem Germanischen und dem Baltischen und Slavischen von der Qualität her eine höhere Wertigkeit besitzen. In Niedersachsen lassen sich hochaltertümliche Ortsnamen zum Teil nur mit Hilfe des Baltischen und Slavischen erklären. Sie dokumentieren enge Verbindungen mit dem östlichen Europa und zeigen, daß die angeblichen „fremden osteuropäischen Sprachen“ enge Verwandte des Germanischen sind.

Es gilt bisher als sicher, daß die westgermanischen Besiedler Englands aus Schleswig-Holstein und Dänemark gekommen sind (Bedas „Angeln, Sachsen und Jüten“). Untersuchungen, die die Ortsnamen Schleswig-Holsteins als Ausgangspunkt genommen haben (W. Laur), erbrachten allerdings keine Ergebnisse. Daraus ist geschlossen worden, daß die Namenforschung für diese Fragestellung nicht konsultiert werden kann. Jüngste Ergebnisse lassen Zweifel daran aufkommen, daß Schleswig-Holstein und Dänemark die Ausgangsbasen der englischen Besiedler gewesen sind. Nach Abschluß der Untersuchung wird man mit Sicherheit eine Antwort auf diese Frage erhalten: Ortsnamen sind für Wanderungsbewegungen die sichersten Zeugen, das zeigt sich bei Übertragungen in den deutschen Osten, von Europa nach Übersee, von den russischen Stammlanden nach Sibirien und anderswo.

Heimat und Herkunft der Sachsen wurden bisher fast nur aus archäologischer und historischer Sicht behandelt. Neueste Untersuchungen zeigen, daß der angebliche Eintrag „Saxones“ bei Ptolemaeus, der im allgemeinen auf Schleswig-Holstein bezogen wird, wahrscheinlich ein Lesefehler ist. Damit bricht ein wichtiger Stein aus der bisherigen Theorie heraus, Sachsen seien ursprünglich aus Schleswig-Holstein gekommen. Die Frage ist völlig offen. Bedenkt man, daß die ersten sicheren Hinweise auf Sachsen aus onomastischer Sicht die englischen Grafschaften Essex, Wessex, Sussex usw. sind, kommt auch hier den Ortsnamen eine wichtige Aufgabe zu: Läßt sich anhand der Namenvergleiche zwischen englischen und kontinentalgermanischen Namen etwas zur Heimat der Siedler Südostenglands sagen?

Die enge sprachliche Verwandtschaft zwischen dem Friesischen und dem Englischen ist eine feste Größe. Es ist zu prüfen, wie sich diese Gemeinsamkeiten aus onomastischer Sicht entwickelt haben. Nach H. Kuhn ist es auch möglich, daß sich Übereinstimmungen auch über See hinweg ausdehnen können. Ortsnamen sind hier als wichtige Zeugen zu befragen.

Die auch durch das Internet neu und entschieden belebte Familienforschung und Genealogie ist auf gründliche und sorgfältige Ortsnamenforschung angewiesen. Bei Herkunftsnamen hängt die Frage, welcher Ort der Ausgang eines Familiennamens ist, von einer exakten Untersuchung der historischen Belege ab. Diese Fragestellung berührt auch außereuropäische Forschungen, so etwa die Genealogie in den U.S.A., Kanada oder Australien. Zahlreiche Anfragen aus Übersee können zur Zeit nur zögernd beantwortet werden, weil entscheidende Gebiete der Auswandernden, so etwa Westfalen und Niedersachsen, toponymisch noch nicht untersucht sind.

Am Schluß der Untersuchung wird eine zusammenfassende Auswertung der Siedlungsgeschichte der drei Länder Westfalen, Bremen und Niedersachsen  im Lichte der Namen angestrebt und auch möglich sein. Dadurch wird auch die in den letzten Jahrzehnten intensivierte genetische Siedlungsforschung berührt und ihr die sich aus den Namen ergebenden Konsequenzen entschieden näher gebracht.

Eine auch für interessierte Laien verständliche Darstellung wird dabei jederzeit angestrebt. Die Diskussion um den sogenannten „Elfenbeinturm“ ist nicht zuletzt auch dadurch entstanden, daß in wissenschaftlichen Publikationen zum Teil eine Sprachform gepflegt wurde (und wird), die eine Distanz zur interessierten Öffentlichkeit entstehen ließ.

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