Das Septuaginta-Unternehmen (1908-2015) der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen war einem der größten und einflussreichsten Werke der Weltliteratur gewidmet, namentlich der griechischen Übersetzung des hebräischen Alten Testaments. Der Legende nach übersetzten im 3. Jahrhundert v. Chr. 72 Gelehrte in 72 Tagen die heiligen Schriften der Juden ins Griechische, was dem Werk den Namen "Septuaginta" ("die Siebzig") eintrug. Tatsächlich aber war die Übersetzung ein langwieriger Prozess, der mehr als dreihundert Jahre währte und erst in neutestamentlicher Zeit zum Abschluss gelangte.

Zur Geschichte des Septuaginta-Textes gehört, dass er zunächst jüdischen, dann christlichen Bearbeitungen (sog. "Rezensionen") unterworfen war. Die Aufgabe des Göttinger Unternehmens bestand darin, in einer kritischen Edition die älteste erreichbare, d.h. vorrezensionelle Textfassung dieses einzigartigen Übersetzungswerkes der Antike zu rekonstruieren und deren Überlieferung möglichst vollständig zu dokumentieren. Dies war ein gewaltiges Vorhaben, an dem Wissenschaftler mehrerer Generationen und Forscher aus aller Welt beteiligt waren.

Während der Laufzeit des Septuaginta-Unternehmens wurden zwei Drittel dieser kritischen Edition publiziert. Das letzte Drittel harrt der editorischen Erschließung, die seit dem 1. Januar 2016 in Verantwortung der ebenfalls an der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen angesiedelten "Forschungskommission zur Edition und Erforschung der Septuaginta" liegt.

Das Haus im Friedländer Weg 11 war der Wohnsitz Paul Anton de Lagardes. In diesem Haus lebte und arbeitete Lagarde, der von 1869 bis zu seinem Tode im Jahr 1891 Professor für orientalische Sprachen an der Universität Göttingen war. Seit 2015 ist das Lagarde-Haus nicht nur Sitz der besagten „Forschungskommission zur Edition und Erforschung der Septuaginta“, sondern auch Sitz der „Patristischen Kommission“ sowie der Forschungsvorhaben „Digitale Gesamtedition und Übersetzung des koptisch-sahidischen Alten Testaments“ und „Qumran-Wörterbuch“.

Eine Tafel am Eingang des Lagarde-Hauses gibt Auskunft über die wissenschaftlichen Verdienste wie auch über die Problematik der Auffassungen und Schriften Lagardes:

„In diesem Hause lebte Paul Anton de Lagarde, von 1869 bis zu seinem Tode im Jahr 1891 Professor für orientalische Sprachen an der Universität Göttingen. Als Editor biblischer, rabbinischer und patristischer Quellen sowie als Sprachforscher und Religionswissenschaftler gehört er zu den herausragenden Gelehrten des 19. Jahrhunderts. Seine Lebensarbeit galt der philologischen Erschließung der ursprünglichen Textgestalt des griechischen Alten Testaments (Septuaginta), auf deren methodischen Grundsätzen die Editionsarbeit des hier ansässigen Septuaginta-Unternehmens der Göttinger Akademie der Wissenschaften beruht. Als radikalkonservativer Kulturkritiker des deutschen Kaiserreichs wandte sich Lagarde in scharfer Polemik gegen den Protestantismus, den Liberalismus und den Parlamentarismus seiner Zeit. Mit seiner zwar noch nicht rassisch begründeten, aber äußerst aggressiv vertretenen Judenfeindschaft wurde er zum Repräsentanten eines menschenverachtenden Antisemitismus. Seinen 1886 erschienenen ‚Deutschen Schriften‘ war eine ebenso nachhaltige wie problematische Wirkungsgeschichte im frühen 20. Jahrhundert beschieden.“

 

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