Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

Gelehrte Journale und Zeitungen als Netzwerke des Wissens im Zeitalter der Aufklärung

Wellhausen-Vorlesung

Der Jerusalemer Tempel im Spiegel des Koran. Mehr...

Frontispiz und Titelblatt: "Neue Bibliothek der schönen Wissenschaft und der freyen Künste", Bd.15, 1. St., 1773

Die Gelehrten Journale und Zeitungen – zeitgenössisch zumeist Ephemeriden genannt – fungierten seit ihrem Entstehen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts als 'Tagebücher der gelehrten Welt'. Mit Rezensionen von neuen Büchern, Berichten über wissenschaftliche Entdeckungen und Projekte sowie Nachrichten von gelehrten Institutionen und Personen gaben sie Auskunft über so gut wie alles, was in der Welt des gelehrten und popularisierten Wissens einschließlich der schönen Künste vor sich ging. Aufgrund ihres zeitnahen Erscheinens und ihrer allgemeinen Zugänglichkeit eröffneten sie nicht nur der Gelehrten-Zunft, sondern jedem hinreichend Gebildeten die Möglichkeit, am Wissensdiskurs der Zeit teilzuhaben. Damit bereiteten die als 'Netzwerke' operierenden Gelehrten Blätter den Weg für einen gleichermaßen öffentlichen, umfassenden und kritischen Kommunikationsaustausch, der nicht an Sprach- und Landesgrenzen gebunden war. Sehr zu Recht werden sie daher von der Forschung als 'Schlüsselwerke' der Aufklärung bezeichnet.

Ab 1682, zwei Jahrzehnte nach dem fast zeitgleichen Entstehen der Gelehrten Blätter in Frankreich, England und Italien, begann sich im deutschsprachigen Raum eine nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ bemerkenswerte – nirgendwo sonst erreichte – Ephemeriden-Tradition auszubilden. Nicht zuletzt aufgrund der Vielzahl territorialer Zentren in Deutschland erlebte die einheimische 'gelehrte Presse' eine außerordentliche Blütezeit: Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts kam es zur Gründung von bis zu 1.000 Gelehrten Journalen und Zeitungen – von kurzlebigen Ein-Mann-Unternehmungen bis zu stabilen, über Jahrzehnte fortgeführten Groß-Unternehmungen. Wiege und Schwerpunkt der gelehrten Periodika waren von Anfang an die protestantischen Länder Mittel- und Norddeutschlands mit ihren bekannten Druckzentren. Aber auch die anderen Regionen des Reiches sowie benachbarte Gebiete deutscher Sprachzugehörigkeit brachten zahlreiche namhafte Blätter hervor. Das gilt ausdrücklich auch für den oberdeutsch-katholischen Raum, wo sich – allerdings mit zeitlicher Verspätung – große eigene Gelehrte Journale und Zeitungen herausbildeten. Selbst im nicht-deutschsprachigen Ausland – etwa in Dänemark, Schweden, Polen, Russland oder den Niederlanden – erschienen deutschsprachige Ephemeriden.

Im Rahmen des Forschungsprojekts Gelehrte Journale und Zeitungen, das seit 2011 von der Göttinger Akademie der Wissenschaften in Kooperation mit der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, der Universitätsbibliothek Leipzig und der Bayerischen Staatsbibliothek München durchgeführt wird, werden aus diesem gewaltigen Korpus Gelehrter Blätter die bedeutendsten deutschsprachigen Vertreter nicht nur erschlossen und digitalisiert, sondern auch in ihrer eminent wichtigen Funktion für die Entstehung und Strukturen der 'aufgeklärten Wissensgesellschaft' sichtbar gemacht. Das Hauptaugenmerk gilt dabei den fächerübergreifenden polyhistorischen Ephemeriden, die die Geistes- und Sozialwissenschaften ebenso berücksichtigen wie die Naturwissenschaften und neben Originalbeiträgen, Rezensionen und gelehrten Nachrichten auch alle Facetten der Antikritik enthalten.

Frontispiz und Titelblatt: "Monatliche Unterredungen Einiger Guten Freunde", Juni 1691

Das Unternehmen knüpft hierbei an zwei Vorgängerprojekte, den "Index deutschsprachiger Zeitschriften" (IdZ 18, ca. 97.000 Datensätze) und den "Systematischen Index zu deutschsprachigen Rezensionszeitschriften des 18. Jahrhunderts" (IdRZ 18, ca. 76.000 Datensätze) an. Bis zum Jahr 2025 wird so ein Quellenfundus aus insgesamt 323 Zeitschriften (ca. 2.775 Bände, ca. 1.260.000 Seiten) entstehen, womit die Forschungsdatenbank die Erschließungsarbeit aus fünf Jahrzehnten vereinen wird.

Um der regionalen Verteilung der ausgewählten Ephemeriden, die partienweise nur verstreut überliefert sind, adäquat Rechnung tragen zu können, ist die Erschließung auf die drei Arbeitsstellen Göttingen, Leipzig und München verteilt. Jeder der genannten Orte repräsentiert in eigener Weise ein Zentrum der Aufklärung.

Die Erschließungsergebnisse werden über eine interaktive Forschungsdatenbank zur Verfügung gestellt, welche detaillierte Sucheinstiege, Verlinkungen zum jeweiligen Artikel-Digitalisat, und bei rezensierten Werken Verlinkungen zu einem Katalogeintrag der Bibliotheksverbünde wie auch, wenn möglich, zum Digitalisat des rezensierten Werks anbietet. Die Ergebnisse verstehen sich keineswegs als bloße Sammlung von Fakten und Materialien, sondern als Angebot vernetzter Informationen, das das bisherige Wissen zum Jahrhundert der Aufklärung zugleich ergänzen und vertiefen soll. Damit ist das Projekt für Fragen einer allgemeinen 'Wissenstopographie' und Wissensvernetzung des 18. Jahrhunderts ebenso bedeutend wie für die Rezeptionsgeschichte einzelner Werke und die Entwicklung der sich spezialisierenden Disziplinen.

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Kontakt

 

Gelehrte Journale und Zeitungen der Aufklärung

Projekt-Homepage:
www.gelehrte-journale.de

 

Arbeitsstelle Göttingen

Akademie der Wissenschaften
Geiststraße 10
D-37073 Göttingen
Tel.: +49 (0)551 39-21554
gjz18@gwdg.de

 

Arbeitsstelle Leipzig

Universitätsbibliothek Leipzig
Beethovenstraße 6
D-04107 Leipzig

 

Arbeitsstelle München

Bayerische Staatsbibliothek
Ludwigstraße 16
D-80539 München


Leitungskommission

Prof. Dr. Thomas Kaufmann
(Vorsitzender)

Dr. Claudia Fabian
(München)

Dr. Christian Fieseler
(Göttingen)

Dr. Thomas Habel
(ehemaliger Projektleiter)

Dr. Wolfram Horstmann
(Göttingen)

Prof. Dr. Gerhard Lauer
(stellv. Vorsitzender)

Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider
(Leipzig)


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