Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Mengerskirchen

Mengerskirchen

(1) Der Marktflecken M. liegt etwa zwölf Kilometer nordwestlich von Weilburg an der Lahn. Er entstand in der Nähe zweier sich kreuzender Handelsstraßen, der Hohen- und der Rhein-Straße. Im Frühmittelalter gehörte M. zum Oberlahngau und bildete den kirchlichen Mittelpunkt der Kalenberger Zent, zu der auch Gebiete um Nendenroth und Beilstein gehörten. Als im 11. Jahrhundert die ältere Gft.sverfassung zerfiel übte das Reich die unmittelbare Verwaltung in der Kalenberger Zent aus. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts gelangte die Region mit der benachbarten Herborner Mark und dem Gericht Heimau (Löhnberg) als Reichslehen an die Ldgf.en von Thüringen. Die hohe Gerichtsbarkeit übten die Herren von Beilstein als Vögte des Hochstifts Worms aus. Mitte des 12. Jahrhunderts erwarben die Grafen von Nassau Teile des alten Reichsgutskomplexes, die Haigerer und die Herborner Mark sowie die Kalenberger Zent, als Lehen der Ldgf.en von Thüringen, so dass es ihnen gelang, den territorialen Korridor zwischen ihrem Besitz im Taunus und im Westerwald im Süden und dem Siegerland im Norden weitgehend zu schließen. Die Herren von Beilstein, deren Nachfolge die von Greifenstein antraten, konnten die Grafen von Nassau in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts aus der Kalenberger Zent verdrängen. Im Zuge mehrerer dynastischer Teilungen des Hauses Nassau 1255 (Bildung der ottonischen und der walramischen Hauptlinie), 1303 und 1343, gelangte der Kalenberger Zent mit M. an die ältere Beilsteiner Linie (bis 1561). Fehlende Ressourcen, um eine selbständige Territorialpolitik betreiben zu können, nötigten die Grafen von Nassau-Beilstein in der Folgezeit mehrfach zur Verpfändung der Kalenberger Zent sowie von Burg und Stadt M. (Pfandnehmer waren Nassau-Weilburg und Erzstift Trier). Bereits 1331 hatte der Trierer Erzbischof Balduin von Luxemburg (reg. 1307-1354) die Lehnshoheit über M. inne. Mit dem Tod Graf Johanns III. im Jahr 1561 gelangte die Grafschaft Nassau-Beilstein, und damit auch M., an die Linie Nassau-Dillenburg.

Während des Spätmittelalters fungierte M. als Sitz eines Amtmanns, daneben auch mehrmals als Witwensitz, so für Anna von Nassau-Weilburg (†1564), die 1523 den letzten Nassau-Beilsteiner Grafen Johann III. (†1561) geheiratet hatte, und Anna zur Lippe (†nach 1533), die nach 1505 Johann II. von Nassau-Beilstein (†1513) geheiratet hatte.

In der Folge machte M. die dynastischen Teilungen der Grafen von Nassau mit. Nach dem frühen Tod Graf Wilhelm Ludwigs von Nassau-Dillenburg 1620 fiel der Beilsteiner Landesteil an den jüngeren Brüder Ernst Kasimir von Nassau-Diez und Johann Ludwig von Nassau-Hadamar. M. wurde mit anderen Gebieten der Grafschaft Nassau-Hadamar zugeschlagen, deren Regent Johann Ludwig 1652 die Reichsfürstenwürde erlangte. Unter ihm diente M. zeitweise als Zweitresidenz, auch als Jagdresidenz, und erlebte eine Blüte. Der Tod Fürst Franz Alexanders von Nassau-Hadamar 1711 nötigte zu einer erneuten Erbfolgeregelung. Einer kurzen Zeit der gemeinsamen Verwaltung des Territoriums durch die ottonischen Linien der Nassauer (Dillenburg, Diez und Siegen) folgte 1717 eine Teilung, bei der u.a.M. (Stadt und Amt) dem Fürstentum Nassau-Dillenburg einverleibt wurde. Durch den Tod des letzten Fürsten aus dem Hause Nassau-Dillenburg 1739 und der 1741 erfolgten Übergabe Hadamars an Nassau-Diez gelang es Fürst Wilhelm IV. von Nassau-Diez (1747 Generalstatthalter der Niederlande, †1751), nach dem Übergang Nassau-Siegens 1743 alle nassau-ottonischen Territorien in seiner Hand zu vereinigen. Hauptstadt und Sitz der Landesregierung wurde Dillenburg, M. verlor den Sitz eines Amtmanns (bis 1775). 1803 ging M. mit den oranischen Besitzungen an das neu geschaffene Ghzm. Berg über, ehe die Gebiete (mit Ausnahme des vormaligen Fsm.s Siegen, dass Bestandteil der preußischen Provinz Westfalen wurde) nach dem Wiener Kongress 1816 dem Herzogtum Nassau zugeschlagen wurden.

(2) M. wird 1279 erstmals urkundlich erwähnt. Die 1321 von Graf Johann von Nassau-Dillenburg für M. erwirkte Stadtrechtsverleihung (Sammelprivileg auch für Heimau [Löhnberg] und Beilstein) schloss eine vermutlich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts begonnene städtische Entwicklung des Ortes ab. Anlässlich des Erwerbs von Einkünften des Deutschen Ordens zu Marburg wurde M. 1307 als »oppidum« bezeichnet, für 1313 ist eine Kirche in M. nachweisbar. Nach Ausweis der urkundlichen Überlieferung entstand die am südlichen Rand von M. gelegene und als »Burgschloss« bezeichnete nassauische Landesburg zwischen 1331 und 1341. Während in der 1331 von Graf Otto von Nassau-Dillenburg (†1350/51) für seine künftige Gattin Adelheid von Vianden ausgestellten Wittumsverschreibung lediglich von der Stadt M. und der eineinhalb Kilometer südöstlich des Ortes gelegenen Burg Eigenberg die Rede ist, findet sich in den Schriftquellen erstmals 1341 ein Beleg für die Existenz der Burg M. Im Unterschied zum benachbarten Beilstein, wo die Dynastenburg die Keimzelle des Ortes bildete, folgte in M. die Burg der älteren Siedlung. Wie in den benachbarten Burg-Talsiedlungen Beilstein und Löhnberg, vollzog sich auch in M. die urbane Entwicklung nur schleppend. Der Versuch Graf Heinrichs IV. von Nassau-Beilstein (†1499) die zentralörtliche Bedeutung von M. 1481 durch die Erneuerung von Marktrechten (Jahrmarkt zu Kreuzerhöhung) zu heben, blieb weitgehend ohne Wirkung. Für 1341 ist ein Gericht zu M., dessen Vorsitz ein Schultheiß führte, belegt. 1492 wird ein zwölfköpfiges Schöffenkollegium erwähnt. Während der Verpfändung M.s an Nassau-Weilburg (Saarbrücken) zwischen 1353 und 1357 erhielt die Stadt offenbar ein eigenes Siegel. Das Siegelbild zeigt ein Stadttor mit drei Türmen sowie in der Toröffnung eine Frauengestalt (Gf.in Johanna von Nassau-Saarbrücken?). Zwei nassauische Löwen auf Schilden flankieren den mittleren Turm). Auch nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges konnte sich die Wirtschaft kaum entfalten. In der 1789 datierten Amtsbeschreibung werden 118 Gebäude, 24 Scheunen und 22 Ställe aufgeführt. Die Einwohnerzahl belief sich auf 581 Personen. Im 15. Jahrhundert lassen sich in M. Windenmacher und Armbruster (Waffenschmiede) nachweisen. Die wichtigste Erwerbsquelle bildete die Landwirtschaft. Zimmerleute und Maurer erhielten 1619 ihren Zunftbrief, Bäcker und Bierbrauer 1655, Schmiede, Bender, Schreiner, Wagner und Glaser 1676 und Schneider 1683. Außer dem 1481 privilegierten Jahrmarkt zum Tag Kreuzerhöhung, der bis Ende des 16. Jahrhunderts auf dem Weidegelände vor der Heiligkreuzkirche vor den Toren der Stadt stattfand, genehmigte 1772 die nassau-oranische Regierung einen Wochenmarkt.

Das von der wohl nach 1321 entstandenen Stadtmauer umgebene Areal der Stadt umschreibt ein breitgelagertes Oval. Der Stadtgrundriss wird maßgeblich durch die mittlere Hauptstraße bestimmt, die dem Verlauf einer Fernstraße folgt und von der mehrere Nebenstraßen rechtwinklig abzweigen. Hauptzugänge zur Stadt bildeten das Ober- und Untertor, während die Burg über einen eigenen, von der Stadt unabhängigen Zugang verfügte. Im 16. Jahrhundert war die Siedlungsdichte in den ummauerten Raum so beengt, dass außerhalb der Befestigung ein Scheunenviertel entstand, dass während des Dreißigjährigen Krieges 1634 zerstört wurde. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die städtischen Befestigungsanlagen niedergelegt, nur Reste haben sich erhalten.

(3) M. bildete den Mittelpunkt eines eigenen Kirchspiels im Dekanat Dietkirchen der Erzdiözese Trier. Eine Kirche mit dem Maria-Magdalena-Patrozinium zu M. ist erstmals 1313 nachweisbar. 1468 verfügten die Grafen Johann und Heinrich von Nassau-Beilstein, dass die Priesterschaft der Kalenberger Zent und der Herrschaft zum Westerwald alljährlich am Agnesentag (21. Januar) zu M. Messe lesen sollte und im Gegenzug Verfügungsrecht über ihren Nachlass hat. In der in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schloss gelegenen Kirche wurden bis 1561 mehrere Angehörige des Hauses Nassau-Beilstein beigesetzt. 1624 wurde die Kirche umgestaltet. An ihre Stelle trat 1849/50 ein Neubau (dieser 1959 durch die heutige Pfarrkirche ersetzt). Außerhalb der städtischen Befestigung lag an der Grenze zur Gemarkung des Ortes Arborn die Ende des 14. Jahrhunderts von Heidenreich Mul von Vetzberg gestiftete Heiligkreuzkapelle. Die Reformation wurde 1534/36 obrigkeitlich eingeführt, 1580 erfolgte der Wechsel vom lutherischen zum reformierten Bekenntnis. Unter Nassau-Hadamar gab es 1620 einen erneuten Übergang zum Katholizismus, daneben existierte 1716-1816 eine kleine reformierte Gemeinde. 1807 lebten 15 Personen jüdischen Glaubens in M.

(4) Das Ortsbild wird maßgeblich durch die am Südrand M.s gelegene Burg sowie die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Pfarrkirche geprägt. Unklar ist, ob die Burg gleichzeitig mit der städtischen Befestigungsanlage errichtet worden ist oder ihr ein Fronhof vorausging. Vermutlich entstand die Niederungsburg zwischen 1331 und 1341. 1628-1635 wurde die spätmittelalterliche Burg unter Johann Ludwig von Nassau-Hadamar (†1653) zum Renaissanceschloss (Zweitresidenz und Jagdschloss) und unter dessen Nachfolger Moritz Heinrich von Nassau-Hadamar ausgebaut (1662 Ergänzung des Nordflügels). Nach dem Erlöschen des Hauses Nassau-Hadamar 1711 erlebte das Schloss eine wechselvolle Nutzung als Behördensitz, Betsaal der reformierten Gemeinde und Speicher (um 1800). Seit dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts sind mehrere Burglehen in der Stadt nachweisbar. Sowohl in der Haupt- wie auch in den Nebenstraßen dominieren schlichte giebel- und traufständige zweigeschossige Fachwerkbauten, von denen viele dem 18. Jahrhundert entstammen. Hofanlagen und größere Parzellen lassen sich innerhalb des ehemaligen Stadtmauerrings nicht nachweisen.

(5) Überörtliche Bedeutung hatte M. im Hochmittelalter als vermeintlicher Ort des Zentgerichts zu Kalenberg. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts spielte der Ort bei den Bemühungen der ottonischen Linie des Hauses Nassau im Rahmen des Ausbaus der Landesherrschaft nördlich der Lahn eine entscheidende Rolle. In direkter Nachbarschaft von M. gründete Graf Johann von Nassau-Dillenburg (†1328) die Burg Eigenberg. Ungeachtet der bescheidenen urbanen Entwicklung überflügelte M. im Spätmittelalter die ebenfalls in der Kalenberger Zent gelegenen und 1321 mit Stadtrechten begabten Burg-Talsiedlungen Beilstein und Löhnberg. Darüber hinaus fungierte der Ort als Sitz des Amtes M.

(6) Der wohl schon im Hochmittelalter entstandene Ort M. entwickelte sich um 1300 zur Stadt. Unter den nassau-ottonischen Städten des Lahn-Dill-Gebietes rangierte das als Minderstadt anzusprechende M. deutlich hinter Siegen, Herborn, Dillenburg und Hadamar. Im Spätmittelalter diente der Ort zeitweise als Residenz der älteren Linie von Nassau-Beilstein, die 1561 erlosch. Nach dem Übergang an Nassau-Hadamar 1620 avancierte M. erneut zur Zweitresidenz des 1652 in den Fürstenstand erhobenen Gf.enhauses. Die Auswirkungen der temporären Verlegung der Verwaltung und Hofhaltung wegen der Jagd unter Graf bzw. seit 1652 Fürst Johann Ludwig (†1653) in die Stadt M. bedürfen noch einer eingehenden Untersuchung.

(7) Archivalien befinden sich im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 171, 175, 178 und 179. - Philippi, Friedrich (Bearb.): Siegener Urkundenbuch, 2 Bde., Siegen 1887, 1927. - Struck, Wolf-Heino (Bearb.): Quellen zur Geschichte der Klöster und Stifte im Gebiet der mittleren Lahn bis zum Ausgang des Mittelalters, 5 Bde., Wiesbaden 1956-1984 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 12).

(8)Vogel, Christian Daniel: Beschreibung des Herzogtums Nassau, Wiesbaden 1843. - Wagner, J.: Die Regentenfamilie von Nassau-Hadamar, 2 Bde., 1863. - Lotz, Wilhelm: Die Baudenkmäler des Regierungsbezirks Wiesbaden, Berlin 1880. - Wagner, Paul: Die Erwerbung der Herborner Mark durch die Grafen von Nassau, in: Nassauische Annalen 32 (1901) S. 26-44. - Luthmer, Ferdinand: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Lahngebiets. Oberlahnkreis, Kreis Limburg, Unterlahnkreis, Frankfurt a.M. 1907 (Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungs-Bezirks Wiesbaden, 3). - Egenolf, Peter: Die Erbfolge im Fürstentum Nassau-Hadamar von 1711-1743, in: Nassauische Annalen 44 (1916), S. 1-68. - May, Karl Hermann: Territorialgeschichte des Oberlahnkreises, Marburg 1939 (Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau, 18). - Hörpel, Leonhard: Mengerskircher Chronik, in: Land und Leute im Oberlahnkreis. Monatliche Beilage zur Kreiszeitung für den Oberlahnkreis, Bd. 5 (1929) Nr. 5-12 und Bd. 6 (1930) Nr. 1-12. - Gensicke, Hellmuth: Landesgeschichte des Westerwaldes, Wiesbaden 1958 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 13). - Messerschmidt, Heinrich: 700 Jahre Mengerskirchen 1279-1979. Der Marktflecken am »Knoten« im Wandel der Zeit, Wetzlar 1979. - Kulturdenkmäler in Hessen. Landkreis Limburg-Weilburg, Bd. 2, hg. von Falko Lehmann, Wiesbaden 1991 (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland). - Friedhoff, Jens: Die Ausstattung nassauischer Burgen und Schlösser im Spiegel frühneuzeitlicher Inventare, in: Nassauische Annalen 113 (2002) S. 97-150. - Friedhoff, Jens: Burgenportrait: Burg Eigenberg und Schloss Mengerskirchen, in: Burgen und Schlösser 44 (2003) H. 2, S. 67-77. - Friedhoff, Jens: Burg und Stadt an Sieg, Lahn-und Dill. Die Wechselbeziehungen von Burg und Stadt im Hoch- und Spätmittelalter, in: Siegener Beiträge. Jahrbuch für regionale Geschichte 11 (2006) S. 9-34. - Eiler, Klaus: Nassauische Grafschaften, in: Ritter, Grafen und Fürsten - weltliche Herrschaften im hessischen Raum ca. 900-1806, hg. von Winfried Speitkamp, Marburg 2014 (Handbuch der hessischen Geschichte, 3), S. 3-92.

Jens Friedhoff