(1) Das 915 erstmals erwähnte N. (lat. »villa Nassova«) liegt im Einrich, einer flachwelligen Landschaft im Nordwesten des Taunus, im Mündungsbereich der Lahn sowie dreier Bäche, des Mühl-, Kalter- und Neuzebachs. Strategisch günstig nahe an der von Mainz und Wiesbaden nach Norden führenden Kemeler Straße gelegen, ging die spätere Stadt aus einem zum Königsgut gehörenden Fronhof hervor. Es existierte möglicherweise schon vorher eine fränkische Befestigungsanlage zur Sicherung des hier befindlichen Lahnübergangs. Im Jahr der Erstnennung wurde der Fronhof durch König Konrad I. dem Walpurgisstift in Weilburg geschenkt. 993 als Schenkung Kaiser Ottos III. an das Bistum Worms gekommen, baute dieses seinen Besitz in den nächsten Jahren aus. Anfang des 12. Jahrhunderts errichteten die Grafen von Laurenburg über der späteren Stadt eine Burg, die sich zum Stammsitz entwickelte, nach der sich ab 1160 die Adelsfamilie benannte. Die Errichtung dieser Burg löste heftige Auseinandersetzungen mit dem Bischof von Worms aus, die unter Vermittlung des Trierer Ebf.s geschlichtet wurden. In der Folge erwarb der Erzbischof N. und belehnte die Laurenburger anschließend mit Burg und zugehöriger Siedlung. Nachfolgend entwickelte sich die Familie zu den mächtigsten Grundherren in der Grafschaft auf dem Einrich. Nach Teilung der Grafschaft unter den Brüdern Walram II. (†1276) und Otto I. (†1290) im Jahre 1255, blieben die Stammburg und die ihr zugehörigen Besitzungen in gemeinsamen Besitz. Die Aufspaltung der Familie in mehrere Teillinien führte zu wachsenden Spannungen, die man durch den Abschluss einzelner Burgfriedensverträge löste. Der erste datiert aus dem Jahr 1349, ein Jahr, nachdem N. Stadtrecht verliehen worden war. Neben diversen Nutzungsrechten regelten sie die Unterhaltungspflichten der Burg und anderer Befestigungen. Mit dem fortschreitenden Aufstieg der walramischen wie ottonischen Linie in fremden Fürstendiensten (bspw. bei den Hzg.en von Burgund) verlor ab Ende des 15. Jahrhunderts N. als Residenzort an Bedeutung. Bis ins 19. Jahrhundert wurden, trotz der Herrichtung des Burghofes, immer wieder Teile der Burg niedergelegt.
(2) Die zentrale Lage in der Grafschaft auf dem Einrich sowie die leichte Verfügbarkeit von Holz, Schieferbruchstein und Nahrung förderten die rasche Entwicklung des Orts. Einen weiteren Faktor stellte die zunehmende Ansiedlung verschiedener Burgmannenfamilien dar. Auffällig in der Entwicklung ist die enge Verbindung zu den um den Siedlungskern entstehenden Orten Scheuern, Bergnassau und Scherpingen, letzteres im 17. Jahrhundert aufgegeben und wüst gefallen. Nach der Verleihung des Stadtrechts 1348 sorgte 1350 die Pest für einen bevölkerungsmäßigen Einbruch, doch setzte auf längere Sicht ein ökonomischer Aufschwung ein. Brandkatastrophen wie wiederkehrende Überschwemmungen führten immer wieder zu schweren Bevölkerungsrückgängen. Am Ausgang des Dreißigjährigen Krieges 1646 hatte N. nach Ausweis von Steuerlisten 43 Haushalte mit 136 Einwohnern.
Mit der Stadtwerdung einher ging die Errichtung erster Befestigungsanlagen. Weite Teile der Stadt sicherte man durch Heckenanlagen, die wie das »Gebück« noch 1709 der Grenzwehr dienten. Um 1372 legte man zwei Wehrtürme an und umgab den Friedhof mit einer Wehrmauer. Weitere Befestigungsanlagen um Bergnassau und Scheuern dienten zugleich als Sperrriegel der nach N. verlaufenden Wegstrecken. Neben den Burgen der Herren von Stein und Crummenau spielten im 15. Jahrhundert eine Reihe befestigter Höfe wie das Idsteinische Haus eine wichtige Rolle. Erst 1546 wurden die Palisaden durch eine Ringmauer ersetzt, die bis 1605 um Tor- sowie mehrere Wehrtürme ergänzt wurde (ab Mitte des 19. Jahrhunderts größtenteils niedergelegt).
Verwaltet wurde N. durch von den Grafen eingesetzte Amtmänner, denen eine ganze Reihe weiterer Amtsträger zuarbeiteten. Nach 1414 wurden die Bürger durch einen Gemeindevorsteher gegenüber der Landesherrschaft repräsentiert. 1496 wird das Amt eines Ko-Bürgermeisters greifbar. Für 1719 sind der Kellner bzw. Kellerer, sechs Nachtwächter, der Stadt- und Forstdiener sowie Wald- und Flurschützen als Amtsträger nachweisbar. Stadt und Burg waren strikt voneinander getrennte Rechtsbereiche. Ab 1343 lässt sich in der Stadt ein Schöffengericht nachweisen. Aus der 1355 erfolgten Bestätigung des Stadtrechtsprivilegs durch Adolf von N. geht hervor, dass die n.ischen Teillinien eigene Schultheißen und Schöffen bestimmten. Ab 1446 erhielt die Stadt N. erstmals ein eigenes Gerichtssiegel, welches im oberen Bereich eine wachsenden Löwen zeigt, wobei das untere Feld leer bleibt. Exekutionen fanden bis Mitte des 17. Jahrhunderts in dem elf Kilometer entfernten Marienfels statt, als man auf dem Hexenkippel, einer Felsenhöhe nahe der Hohen Lay, eine eigene Hinrichtungsstätte einrichtete.
In erster Linie war die Landwirtschaft als Erwerbszweig dominierend, wobei die steile Hügellage wie das herrschende Klima es erlaubten, lukrativen Weinbau zu betreiben. Daneben existierten um N. viele Obst- und Gemüsegärten. Des Weiteren spielten ab 1500 der Hopfenanbau und die Bierbrauerei eine gewichtige Rolle. Das in der Umgebung gewonnene Eisenerz wurde ab 1414 etwa in der Elisenhütte im Bereich des Hollerich in immer größerem Ausmaße verarbeitet. Der hohe Bedarf an Holzkohle führte zur Abholzung der umliegenden Wälder, so dass 1562 eine erste Forstordnung erlassen wurde. Bedingt durch die Lage an verschiedenen Fließgewässern entwickelte sich das Mühlenwesen, insbesondere zur Verarbeitung des hier als Abgaben angelieferten Getreides, zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig, wobei allein entlang des Kaltbaches fünf Malstätten bestanden. Letztlich bildete der Handel auf der Lahn und der alten Kemeler Straße eine gewinnbringende Einnahmequelle. Gefördert wurde diese Entwicklung durch die zunehmende Besteuerung des Rheinverkehrs, welche vieler Kaufleute auf die Lahn ausweichen ließ.
(3) Um 960 lässt sich der Vorläufer der heutigen evangelischen Johanniskirche nachweisen. Der Hauptaltar der Kirche wie der später entstandene Altar der gfl.en Burgkapelle war Johannes dem Täufer geweiht. Die Besetzung der zugehörigen Pfarrstelle stellte einen steten Streitpunkt zwischen der walramischen und ottonischen Linie der Grafen dar, so bspw. im frühen 14. Jahrhundert zwischen Gerlach von N.-Wiesbaden und Emich von N.-Hadamar. Letzterem gelang es, seinen unehelichen Sohn Friedrich 1307 als Pfarrer durchzusetzen. Um 1500 bestand das Kirchspiel N. aus der dortigen Pfarrkirche, den Kapellen auf der Burg N. sowie auf Burg Stein und der Dorfkapelle in Scheuern. Im Zuge der Reformation wurde 1538 das lutherische Bekenntnis eingeführt. 1552 untersagten die Grafen von N.-Dillenburg in der Stadt N. wie im gesamten Gebiet des Einrich die Ausübung des katholischen Glaubens. Konfessionelle Dispute innerhalb der verschiedenen n.ischen Teillinien führten 1606 letztlich zur Spaltung in eine lutherische wie reformierte Gemeinde in der Stadt.
(4) Ein wesentliches Merkmal im Stadtbild stellten die zahlreichen Amtshäuser dar, die im Auftrag der verschiedenen gfl.en Teillinien errichtet wurden. Ein Beispiel hierfür ist das Weilburger Haus, auf dem Bergsattel zwischen Bergnassau und Scheuern gelegen. Erstmalig 1423 erwähnt, nutzte man es mit Beginn des 16. Jahrhunderts als Kellerei. Im Jahre 1544 ersetzte man es durch einen Neubau, der zunächst in seiner vorherigen Funktion, nach 1682 als Amtshaus und nach 1800 als Sitz der hzl.-n.ischen Rezeptur genutzt wurde. Zu den weiteren herrschaftlichen Bauten zählen die Scheunen bzw. Speicherbauten sowie mehrere Zollstätten. Als genuin städtische Bauten sind das Rathaus auf der Aesch, einer in der Nähe der Lahn gelegenen Straße, und die Marktstube auf dem Grientor aus der Mitte des 16. Jahrhunderts zu nennen. Ein bis heute prägnanter herrschaftlicher Bau stellt das durch die Herren vom Stein zwischen 1607 und 1609 errichtete Fachwerkhaus dar, welches nach 1621 als Rathaus genutzt wurde. In dessen direkter Nachbarschaft richtete man zeitgleich Waage und Zollhaus ein. Als neuen Sitz ließen die vom Stein ab 1621 am westlichen Ortsausgang einen Gutshof zum Schloss ausbauen. Ab 1755 wurde die Anlage durch den Bau eines nördlichen Flügels und eines separaten Wirtschaftshofes beträchtlich erweitert und erhielt somit ihr heutiges Aussehen als Dreiflügelanlage mit Ehrenhof.
(5) Innerhalb des seit 1160 bestehenden sog. Vierherrischen Kondominats auf dem Einrich nahm N. eine wichtige Stellung für das Umland ein, die auch nach dessen vertraglicher Auflösung durch die Nastätter Rezesse 1774 fortbestand. Dies gilt in erster Linie für die Funktion als Markt- und Handelsplatz. Seit 1355 hielt man jeden Samstag einen Wochenmarkt ab sowie nach 1446 einen Jahrmarkt zu Sankt Matthias und den Johannis- wie Allerheiligenmarkt sowie bis 1700 Markttage am Josefs- und am Jakobstag. Als Zentrum des sog. Dreiherrischen Amts besaß N. als Verwaltungs- und Gerichtssitz eine große Bedeutung für sein Umland. Als Amts- und Gerichtssitz, zu welchem u.a. Bergnassau, Sulzbach, Dausenau, der n.ische Anteil an der Vogtei Ems sowie zeitweise Obernhof gehörte, behielt N. bis zur Inkorporierung in den 1867 gegründeten Unterlahnkreis eine regionale Bedeutung.
(6) Obwohl Stammsitz der Grafen und späteren Fürsten von N., konnte der Ort an der Lahn hieraus keine Vorteile ziehen. Mit Entstehung der verschiedenen Teillinien wuchsen die Streitigkeiten um die Lastenverteilung der Instandhaltung. Durch die fehlende Möglichkeit in den alleinigen Besitz der Stadt zu gelangen, wandten sich die einzelnen Zweige der Förderung ihrer lokalen Residenzen wie Wiesbaden oder Dillenburg zu. Die schwierigen Herrschaftsverhältnisse auf dem Einrich wie die starke Konkurrenz zu den benachbarten Territorien mögen ebenfalls entscheidend dafür gewesen sein, dass keine Bestrebungen zu einer repräsentativen Neugestaltung der Burg oder zur Schaffung einer Familiengrablege unternommen wurden.
Mit der Stadtwerdung bestätigten die Grafen erstmalig 1355 die hiermit einhergehenden Privilegien und förderten in der Folge insbesondere die wirtschaftliche Entwicklung. Trotz des einsetzenden Bedeutungsverlustes im 15. Jahrhundert blieb N. dennoch als Amts- und Gerichtsort von Bedeutung.
(7) Der weitaus größte Teil der Nassau betreffenden Archivalien findet sich in den Beständen des Hessischen Hauptstaatsarchivs in Wiesbaden (HHStAW), wobei im Besonderen auf die Bestände 170 I (Urkunden), und 350 (Urkunden für das gesamte Amt Nassau) zu verweisen ist. Zugleich besteht die Möglichkeit, über das Internet im rekonstruierten »Alten Dillenburger Archiv« (3036) zu recherchieren und dort eingestellte Digitalisate zu nutzen.
Arnoldi, Johannes von: Geschichte der Oranien-Nassauischen Länder und ihrer Regenten. Bd. 1, Hadamar 1799.
Nassauisches Urkundenbuch. Bd. 1,1-1,3: Die Urkunden des ehemals kurmainzischen Gebiets. Einschliesslich der Herrschaften Eppstein, Königstein und Falckenstein; der Niedergrafschaft Katzenelnbogen und des kurpfälzischen Amts Kaub, bearb. von Wilhelm Sauer, Wiesbaden 1885-1887.
(8)Struck, Wolf-Heino: Ein mittelalterlicher Patronatsprozeß als Quelle zur nassauischen Landesteilung von 1255, in: Nassauische Annalen 66 (1955) S. 30-92. - Rosenberg, Hugo: Zur Geschichte der ehemaligen Befestigung Nassau der Stadt Nassau, in: Nassauische Annalen 84 (1973) S. 48-71. - Stadt Nassau. Ursprung und Gestaltung. Geschichte und Geschichten, bearb. von Herbert Baum, Nassau 1997. - Thon, Alexander, Ulrich, Stefan, Friedhoff, Jens: Burgen an der Lahn. Regensburg 2008.