Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Hadamar

Hadamar

(1) Durchflossen vom Elbbach, an einer Furt der westöstlich verlaufenden Fernhandelsstraße von Frankfurt nach Köln gelegen, nahm das 832 erstmals als Mittelpunkt einer Mark bezeichnete H. (mlat. Hatimero marca, mhd. Münchhadamar) eine Schlüsselposition im Limburger Becken ein. Eine hier im 12. Jahrhundert errichtete Steinbrücke (1552 durch Hochwasser zerstört, 1571 erneuert) förderte die Entwicklung in entscheidender Weise. Seit Beginn des 11. Jahrhunderts zur Grafschaft Diez gehörig, errichteten die Grafen von Leiningen auf einer Erhebung auf dem Westufer bzw. rechtsseitig über dem Elbbach, dem Mönchberg, eine Burganlage. Auf dem anderen Ufer entstand nach 1190 eine Grangie des Klosters Eberbach, welche die Mönche 1320 an Graf Emich I. von Nassau (†1334) verkauften. Nach 1323 machte dieser H. zu seinem Residenzort und erwirkte 1324 die Verleihung des Stadtrechtes durch Ludwig IV. »den Bayern«. Zum endgültigen Herauslösen aus dem Machtbereich der Grafen von Diez trug Emich die Stadt 1332 dem Erzbischof von Trier zu Lehen auf und wurde umgehend wieder hiermit belehnt. Mit dem Erlöschen der älteren Linie der Grafen von Nassau-H. 1394 wurde die Stadt nach Ende des H.er Erbfolgestreits zwischen Nassau-Dillenburg und den Grafen von Katzenelnbogen aufgeteilt. Hiernach besaß die Dillenburger Linie lediglich ein Drittel der Stadt. Mit dem Aussterben der Katzenelnbogener 1479 setzten Konflikte um den Besitz H.s zwischen Nassau und den die Katzenelnbogener beerbenden Ldgf.en von Hessen ein. Mit dem Frankfurter Vertrag von 1557 kamen Erstere wieder in den alleinigen Besitz der Stadt, die bei der Erbteilung von 1607 an Fürst Johann Ludwig (†1653) fiel. Als Stammvater der jüngeren Linie von Nassau-H. ließ er die baufällige Wasserburg 1612-1629 zu einem Schloss im Renaissance-Stil ausbauen, die Stadt planmäßig erweitern. Mit dem Tod seines Enkels Franz Alexander (†1711) starb dieser Zweig der nassauischen Dynastie aus. In den folgenden Erbstreitigkeiten fiel H. an Wilhelm Hyazinth von Nassau-Siegen (†1743), der hier seine Hofhaltung aufbaute. Nach dessen Tod nutzte man das Schloss für verschiedene Behörden. In den Napoleonischen Kriegen diente es als Lazarett, danach als Schule.

(2) Der Siedlungskern lag im Umfeld der Burg auf dem Mönchsberg, an welchen sich mehrere Gehöfte niederadliger Familien anschlossen. Durch die Eberbacher Grangie verlagerte sich der Schwerpunkt der Bebauung ab Beginn des 13. Jahrhunderts auf die linke bzw. östliche Seite des Elbbaches. Die Bemühungen der Grafen von Nassau als neue Landesherren richteten sich in erster Linie auf den Umbau der bereits befestigten Grangie zur Wasserburg. Ein Brand zerstörte 1540 weite Teile H.s auf dem linksseitigen Elbbachufer. Fürst Johann Ludwig vergrößerte durch Kauf der die Burg umgebenden Häuser die Stadt und erweiterte sie planmäßig in Form eines Gittergrundrisses nach Nordosten hin. Nach 1324 erhielt H. das Privileg der Gerichtsbarkeit, welche im 15. Jahrhundert durch einen vom Landesherrn eingesetzten Schultheiß und sechs durch die Bürgerschaft bestellte Schöffen ausgeübt wurde. Die Schöffen wählten ab 1600 zwei Bürgermeister. Unter den Fürsten von Nassau-H. erweiterte sich dieses Gremium auf sieben Schöffen sowie um den Stadtschreiber, welche die niedere Gerichtsbarkeit ausübten.

Mit der Verleihung des Stadtrechts begann zudem die Errichtung einer aus Mauern, Gräben und Wehrtürmen bestehenden Befestigung, die die Wasserburg und das Gebiet links des Elbbachs einschloss. Nach dem im Jahr 1400 geschlossenen Burgfriedensvertrag lag der tägliche Wachdienst bei der Bürgerschaft.

Einhergehend mit der zweimaligen Wahl als Residenzort erlebte die Stadt jeweils ein Bevölkerungswachstum. Unter der älteren Linie siedelten sich im 14. Jahrhundert zahlreiche Burgmannen an. Zugleich sorgte die Residenz für den Zuzug von Handwerkern und Dienstpersonal. Dieser Effekt verstärkte sich Ende des 17. und im 18. Jahrhundert, als die Fürsten den Zuzug von Beamten, Soldaten, Künstlern und Handwerkern förderten. Auch über fiskalische Anreize suchte man den Zuzug anzuregen. So gewährte 1674 Fürst Moritz Heinrich (†1679) allen Neubauwilligen eine 20jährige Steuerbefreiung. Mehrmals wiederkehrende Epidemien, insbesondere in den 1630er Jahren, verursachten einen starken Bevölkerungsrückgang.

Seit der Stadtwerdung in frühen 14. Jahrhundert dominierten Kleingewerbe und Landwirtschaft das Wirtschaftsleben, wobei die Märkte der Stadt eine gewisse Bedeutung bis in den Westerwald erlangten. Seit dem 17. Jahrhundert lassen sich zahlreiche Zunftvereinigungen nachweisen, wobei Tabakanbau und Bierbrauerei wichtige Wirtschaftszweige darstellen. Im 18. und 19. Jahrhundert war der Bergbau in der H.er Gemarkung von Bedeutung. Am Herzberg, etwa ein Kilometer nordöstlich der Stadt, wurden die Mangan-, Eisenerz-, Phosphorit-, aber auch Marmor- und Kalksteinvorkommen ausgebeutet.

(3) Bis 1320 als Tochterpfarrei zum Kirchspiel Niederzeuzheim im Trierer Archidiakonat Dietkirchen gehörig, stellt die vor 1190 errichtete Ägidienkirche auf dem Mönchberg das erste Gotteshaus dar. Zwischen 1231 und 1275 zur eigenständigen Pfarrei erhoben, stifteten die Grafen mehrere Seelenmessen und verbesserten die Pfründeneinkünfte des dortigen Priesters. Trotz dieser Bemühungen unternahmen sie auf der anderen Seite keinen Versuch, hier eine Grablege zu errichten. Später entstand auf Wirken Pfarrer Jakobs von Treysa (†1379) die Liebfrauenkirche am Fuße des Mönchberges. Direkt am Elbbach gelegen, verfiel das Gebäude in der Folgezeit und wurde vor 1446 durch die Grafen von Katzenelnbogen wie Nassau-Dillenburg wiederhergestellt. Durch deren Förderung entstand in der Folge an der Liebfrauenkirche ein Halbstift mit einer hier wirkenden Priesterbruderschaft. Deren regelmäßige Zusammenkünfte mit den in umliegenden Orten wirkenden Pfarrern machten H. zu einem religiösen Mittelpunkt der Region.

1535 führten die Dillenburger Grafen zunächst die lutherische, 1576/77 die reformierte Konfession ein. Der Konfessionswechsel Fürst Johann Ludwigs 1629 vom calvinistischen zum katholischen Glauben leitete die Gegenreformation ein. Zu diesem Zweck förderte die Herrscherfamilie die Ansiedlung von Jesuiten, Franziskanern und später Dominikanerinnen in ihrer Residenzstadt, die in der Folge Aufgaben in der Seelsorge wie in der Armen- und Krankenpflege übernahmen. Im Zuge dieser Rekatholisierung wurde u.a. 1675 die Herzenbergkapelle als Marien-Wallfahrtsort auf dem Hirschberg errichtet.

Bedeutsam war die im 15. Jahrhundert belegte Lateinschule, die an der am Elbbach gelegenen Liebfrauenkirche angegliedert war. Zu nennen sind weiter das von Jesuiten seit 1652 geführte Gymnasium und insbesondere die von Dominikanerinnen ab 1627 geführte Mädchenschule.

(4) In der Entwicklung H.s lässt sich früh die Herausbildung eines herrschaftlichen und städtisch-bürgerlichen Raumes erkennen. Bereits das Kloster Eberbach achtete in der Anlage ihrer H.er Niederlassung auf eine Abgrenzung zu der nahen Siedlung. Der unter Emich I. erfolgte Umbau zu einer mit Wassergräben umgebenen Burg verdeutlichte ebenfalls die soziale Distanz zwischen den Stadtbewohnern und den die Stadtherrschaft ausübenden Grafen Gleiche Tendenzen verfolgte die Fürsten ab dem frühen 17. Jahrhundert, welche bei der Erweiterung ihrer Residenz zwei weitere Schlosshöfe zur Abgrenzung von der Gemeinde anlegten. Die zu beiden Seiten der Tore angebrachten Allianzwappen kennzeichneten den herrschaftlichen Bereich. In einem weiteren Schritt erweiterte man bei der Anlage von zwei Wirtschaftshöfen die Wassergräben und schuf durch weitläufige Gartenanlagen im Norden und Osten weiteren Abstand zur Stadtgemeinde.

Fs. Franz Bernhard (†1695), welcher die Regentschaft für seinen Neffen Franz Alexander ausübte, initiierte ein umfangreiches Bauprogramm, in dessen Rahmen etwa der Neue Bau, eine Erweiterung des Schlosses nach Norden, als Verwaltungssitz entstand. Unter Fürst Franz Alexander (reg. 1694-1711) wurden die Innenräume des Schlosses, insbesondere im Südflügel, weitgehend umgestaltet.

Die Fürsten griffen überdies gestalterisch in das Stadtbild ein. Mit dem von ihnen angeordneten Bau des Neu- und Untermarktes schufen sie zu den Schlosshöfen korrespondierende innerstädtische Gegenplätze, so dass sich Stadt und Hof an der vor der Residenz verlaufenden Hauptstraße, der heutigen Gymnasiumsstraße spiegelten. Zeitgleich stellten sie Land und finanzielle Mittel zur Errichtung des Jesuitenklosters wie des neuen Rathauses bereit. Das neue Rathaus, seinerzeit das größte Fachwerkhaus der Stadt, wurde 1639 an herausgehobener Stelle an der im Osten gelegenen Kopfseite des Neumarkts errichtet. Ein weiteres Denkmal im Stadtbild setzten sich die Nassauer mit der Erweiterung der Herzenbergkapelle ab 1675, in der u.a. die Herzen Franz Bernhards von Nassau-H. wie Wilhelm Hyacinths von Nassau-Siegen bestattet sind. In der Umgebung H.s ließ Fürst Franz Alexander drei weitere Kapellen errichten.

(5) H. erfüllte als Sitz des gleichnamigen Amts, welches die Stadt selbst, Niederzeuzheim und den Dehrner Cent umfasste, sowie als Gerichtsort eine administrative Zentralfunktion. Daneben kam H. eine Bedeutung als regionaler Marktort zu. Nachdem sich für das 15. Jahrhundert mehrere Fruchtmärkte nachweisen lassen, richtete man zwischen 1687 und 1767 einen Wochenmarkt am Mittwoch sowie sieben Jahrmärkte ein. Die Bedeutung als Umschlagplatz für Korn und Getreide zeigt sich an dem seit 1449 bezeugten Oberh.er Kornmaß, das in weitem Umkreis beachtet wurde. Wegen der im 15. Jahrhundert vorhandenen Lateinschule und dem im 17. Jahrhundert gegründeten Gymnasium und der Mädchenschule genoss H. im weiteren Umland ein Renommee als Schulort. Überdies etablierte sich H. durch die vom Hof geförderten Künstler wie Martin Volk als Zentrum der bedeutsamen Bildhauerschule des H.er Barock, der insbesondere in der Kirchenkunst Berühmtheit erlangte. Ausschlaggebend hierfür waren vor allem die umfangreichen Bauaktivitäten unter dem Regenten Fürst Franz Bernhard (reg. 1679-1695).

(6) H. fungierte ab 1323/24 bis 1394 und erneut ab 1607 bis 1711 als Residenzstadt sowie für den aus Siegen vertriebenen Fürst Wilhelm Hyazinth bis zu dessen Tod 1743. Wie bei kaum einer anderen nassauischen Residenz hing in H. die Entwicklung der Stadt von der Anwesenheit der Hofhaltung ab. So wurden die Schulen des 17. Jahrhunderts zwar von Klöstern betrieben, doch diese wurden von den Fürsten gefördert. Folglich wahrte die Bevölkerung ein gutes Verhältnis zu den Regenten, die wiederum die Städter insbesondere für Verteidigungsaufgaben heranzogen. Erste Eingriffe in die städtische Autonomie erfolgten unter der Regentschaft des Hauses Nassau-Diez während des späten 18. Jahrhunderts Stadtbild und Architektur wurden in entscheidender Weise von den beiden in H. residierenden Linien des Hauses Nassau geprägt. Den Status des Residenzortes verlierend, bewahrte H. dennoch seine Stellung als Gerichts- und Marktort.

(7) Der weitaus größte Teil der Hadamar betreffenden Archivalien findet sich in den Beständen des Hessischen Hauptstaatsarchives in Wiesbaden (HHStAW), wobei auf die Bestände 170 I (Urkunden), und 171 (Akten Altes Dillenburger Archiv) zu verweisen ist. Zugleich besteht die Möglichkeit über Arcinsys im »Alten Dillenburger Archiv« (3036), in welchem zwischen 1743 und ca. 1815 alle Archivalien der ottonischen Linie des Hauses Nassau zusammengeführt wurden, zu recherchieren.

(8)Arnoldi, Johannes von: Geschichte der Oranien-Nassauischen Länder und ihrer Regenten. Bd. 1. Hadamar 1799, S. 149-186. - Wagner, Jakob: Die Regentenfamilie von Nassau-Hadamar. Geschichte des Fürstenthums Hadamar mit besonderer Rücksicht auf seine Kirchengeschichte, von den ältesten Zeiten bis auf unsere Tage, nach Urkunden bearbeitet. Bd. 1, Wien 21863. - Krupp, Ingrid: Das Renaissanceschloss Hadamar: ein Bau des Grafen Johann Ludwig von Nassau-Hadamar (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 37). Wiesbaden 1986. - Cramer, Johannes: Der Hof des Klosters Eberbach in Hadamar, in: Architectura 20 (1990), S. 27-36. - Teufer, Oliver: Hof und Verwaltung der Grafschaft Nassau-Hadamar im Spätmittelalter, in: Königswege. Festschrift für Prof. Hans K. Schulze zum 80. Geburtstag, hg. von Thomas Wozniak, Sebastian Müller und Andreas Meyer, Leipzig 2013, S. 201-216. - Teufer, Oliver: Die Grafen von Nassau-Hadamar. Landesherrschaft und dynastische Politik im Spätmittelalter, in: Nassauische Annalen 127 (2016) S. 41-74.

Oliver Teufer