(1) S. lag verkehrsgünstig an mehreren überregionalen Fernstraßen, u.a. der Straße von Soest nach Limburg und dem Handelsweg von Köln über Marburg nach Leipzig. Es verdankt seine Bedeutung den Erzlagerstätten des zum Rheinischen Schiefergebirge gehörenden Siegerlandes. Die Stadt entstand am Zusammenfluss von Sieg, Weiß- und Alchebach auf dem Siegberg unterhalb einer vermutlich gleichzeitig errichteten Burg.
Neben den Grafen von Nassau, die gegen Ende des 12. Jahrhunderts in S. Münzen prägen ließen, erlangten hier die beiden Erzstifte Mainz und Köln erheblichen Einfluss. Die geistliche Oberaufsicht über die S.er Kirchen lag beim Mainzer Erzbischof Die Grafen von Nassau-Laurenburg besaßen die Vogtei- und die Gerichtsrechte in S. und im Siegerland laut einer Urkunde von 1361 als Lehen der Mainzer Erzbischöfe, während die Burgen, u.a. das Obere Schloss in S., offenbar auf Eigengut errichtet wurden. 1224 gelang es dem Kölner Erzbischof Engelbert von Berg (†1225) Ansprüche auf die Hälfte der Stadt S. gegenüber dem Grafen Heinrich dem Reichen von Nassau (ca. 1198-1247) durchzusetzen. Erst nach dem Tod des Kölner Erzbischof Friedrichs III. 1414 fiel S. ganz an Nassau.
Trotz des Kondominats war S. zunächst die bevorzugte Residenz der nassauischen Grafen, bis es 1255 zur Teilung unter den Söhnen Heinrichs des Reichen, Walram (†1280) und Otto (†1289/1290) kam. Otto erbte die Gebiete nördlich der Lahn mit S. als Residenz. Sein Sohn Heinrich I. (†1343) residierte nach der Teilung mit seinem Bruder Johann (†1328) weiterhin in S., ebenso dessen Sohn Otto II. (†1350/1351). Unter Graf Johann I. (†1416) stieg Dillenburg zum bevorzugten Aufenthaltsort der nassauischen Grafen auf, während S. nur noch Nebenresidenz war. Diese Funktion behielt S. bis zum Tod Graf Johanns VI. der Ältere 1606. Sein Sohn Johann VII. d.M. (†1623) erbte bei der Teilung mit seinen Brüdern im Jahr 1607 das Siegerland mit S. als Residenz. Nach der Konversion seines Sohnes, Johann VIII. der Jüngere (†1638), 1612 zum katholischen Glauben, änderte der streng reformierte Vater sein Testament und teilte sein Land unter den Söhnen aus seiner ersten Ehe, Johann VIII. und Wilhelm (†1642), und den Söhnen aus der zweiten Ehe, u.a. Johann Moritz (†1679) und Heinrich (†1669), der die protestantische Linie des Hauses Nassau-S. weiterführte. Als letzter Vertreter des katholischen Zweiges des Hauses Nassau-S. residierte Fürst Franz Hugo Ferdinand Gereon (†1735) im »Oberen Schloss«. Nach dem Aussterben auch der protestantischen Linie des Hauses Nassau-S. 1743 verlor S. seine Residenzfunktion, fiel an Nassau-Oranien und wurde Sitz eines Amtes (neuer Zentralort und Sitz der Regierung für alle Teilfsm.er des ottonischen Zweiges des Hauses Nassau wurde Dillenburg). 1765 wurde das Bergverhör (Bergamt) für das Berg- und Hüttenwesen im Siegerland in S. eingerichtet, außerdem wurde S. Sitz eines Unterdirektoriums für die Teilfsm.er S. und Dillenburg, welches bis zur Eingliederung in das Großhzm. Berg bestehen blieb. Das Untere Schloss in S. diente überdies noch ab 1782 als Witwensitz für Anna Polyxena Sidonia, Gf.in zu Bentheim-Steinfurt (†1799), eine Enkelin der 1781 verstorbenen letzten S.er Fs.in Sofia Polyxena Concordia. Ab 1806 war S. ein Teil des Großhzm.s Berg.
(2) Der urkundlich erstmals 1079/89 erwähnte Ort war unter Rupert III. von (Laurenburg-)Nassau (†1191) Münzstätte, was die Vermutung nahelegt, dass S. bereits zu dieser Zeit städtische Privilegien hatte. Um 1200 wurde durch die Grafen von Nassau auf dem Siegberg planmäßig die sogenannte Nikolaistadt angelegt. Diese Anlage löste eine ältere Siedlung, Alt-Sigin, gelegen auf einer Erhebung über dem Tal, dem Siegbergsporn mit einer dem Hl. Martin geweihten Pfarrkirche, ab. Dieser Bereich lag bis zur Errichtung eines Bollwerkes 1502-1510 außerhalb der Stadtmauern. Neben der eigentlichen Stadt entstand außerhalb des Marburger Tores eine Vorstadt. Unterhalb der Burg schufen die Grafen einen exemten, dem landesherrlichen Land- bzw. Haingericht unterstehenden Bereich, die Burgfreiheit. Drei Hüttenvororte, Hammerhütte, Unterm Hain sowie Dillnhenrichshütten, lagen außerhalb der städtischen Ummauerung.
1224 erfolgt die erste Erwähnung S.s als »oppidum« mit Münze, Zoll und Burgmannen in einer Teilungsurkunde des Kölner Ebf.s Engelbert I. (†1225) und des Grafen Heinrich II. (erwähnt 1198-1247). Der Ort wird als de novo constructus bezeichnet, was sehr wahrscheinlich mit »von neuem errichtet« zu übersetzen ist. Erzbischof Wigbold von Köln (†1304) verlieh 1303 das Soester Stadtrecht. Zugleich werden erstmals das Kaufhaus und die Akzise (zur Bestreitung der Kosten des Stadtmauerbaus) genannt, wobei die Stadt einen Teil der Einnahmen an beide Stadtherren zu entrichten hatte.
1423 versuchten die Grafen ihre Herrschaftsrechte über die Stadt und den Rat auszuweiten. So musste der Rat akzeptieren, dass nunmehr gräfliche Funktionsträger an den Sitzungen teilnahmen und Einblicke in die städtischen Finanzen erhielten.
Nach einer Bedeliste von 1455/56 gab es 418 Steuerzahler bzw. Haushaltungen, was auf eine Bevölkerung von ca. 1800 Personen schließen lässt. Eine Steuerliste von 1552 verzeichnet 498 Haushaltungen (ca. 2300 Bewohner). Bis 1750 wuchs die Einwohnerschaft auf 3160 Personen, 1806 waren es 4144 Einwohner.
In wirtschaftlicher Hinsicht war S. für die nassauische Grafschaft wegen des Eisen- und Stahlgewerbes von großer Bedeutung. Zur Qualitätssicherung hatten die Grafen 1516 mit der Vergabe eines Zunftbriefs an die Massenbläser, die in Blashütten Roheisen herstellten, und Hammerschmiede auf dem Land festgelegt, dass die gesamte Ausfuhr an Eisen- und Stahlerzeugnissen ausschließlich über den S.er Markt zu erfolgen hatte. Für das Umland bedeutsam waren auch die Jahr- und Viehmärkte, so etwa der Markt am Neujahrstag. Zwischen 1570-1587 gewährte der Landesherr einen weiteren Viehmarkt, der von Hilchenbach nach S. verlegt wurde.
Die acht S.er Zünfte entstanden vermutlich erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts Eigene Zunftbriefe erhielten die Handwerkervereinigungen, mit Ausnahme der Bergleutezunft, erst 1504 (Stahlschmiede, Weber, Bäcker, Schuhmacher und Lohgerber, Fleischer, Schneider und Kleinschmiede). In der zuletzt genannten Zunft waren auch Bauhandwerker, Wagner, Schwertfeger und andere Handwerker vertreten. Lediglich die Stahlschmiedezunft besaß bereits um 1475 eine eigene Ordnung. Mit Ausnahme der Bergleute waren alle Zünfte im Rat vertreten. 1537 kam es zu einer vorübergehenden Aufhebung der Zünfte durch die Landesherrschaft, da sich die Stadt geweigert hatte, entgegen ihrer Privilegien eine allgemeine Landsteuer zu zahlen.
Aufgrund der Lage auf dem Siegberg lässt sich die Planmäßigkeit der Anlage nur schwer im Grundriss wiederfinden. Lediglich die Bezeichnung der zwischen den einzelnen schmal-langen Grundstücken befindlichen Gässchen, in S. »Wenden« genannt, die zur Verbindung der an den Hauptstraßen befindlichen Wohn- und Geschäftshäusern mit den dahinterliegenden Scheunen und Stallungen dienten, deuten darauf hin. Das Marktgeviert umfasste das Rathaus mit den Verkaufstischen der verschiedenen Zünfte und die Nikolaikirche. Unmittelbar neben dem Gotteshaus besaß der Landesherr ein Grundstück, auf dem er eigene feste Marktstände vermietete. Erst ab 1572/73 flossen die Einkünfte daraus größtenteils in die Stadtkasse.
Belastet wurden die Beziehungen zwischen Stadt, Umland und Landesherrn durch die hohe Verschuldung des im Oberen Schloss residierenden katholischen Fürsten Wilhelm Hyazinth (†1743), der sich mit dem im Unteren Schloss residierenden evangelischen Fürsten Friedrich Wilhelm I. Adolf (†1722), seinem Cousin, zeitweilig überworfen hatte. Um seine Schulden, verursacht durch seine Hofhaltung und die von ihm verfolgten Ansprüche auf das Fürstentum Orange, zu begleichen, ließ er ständig neue Schatzungen erheben, woraufhin es 1705 zu teils gewaltsamen Protesten im katholischen Landesteil kam. 1706 erfolgte eine Klage gegen den Fürsten vor dem Reichshofrat. Im Rahmen einer Untersuchung rückten pfalz-neuburgische und preußische Truppen sowie ein Kontingent eines bergischen Ausschusses in S. ein. Wegen öffentlicher Proteste gegen ein neues Edikt des Fürsten Wilhelm Hyazinth wurde der Weidenauer Hammerschmied und Gewerke Friedrich Flender von der Hardt 1707 aufgrund seiner Steuerverweigerung sowie seiner an den Wiener Reichshofrat und Kaiser Joseph I. gerichteten Beschwerde inhaftiert und ohne Gerichtsverfahren enthauptet. Wilhelm Hyazinth wurde daraufhin auf Initiative von Friedrich Wilhelm I. Adolf durch eine vom Kaiser eingesetzte Kommission 1707 abgesetzt. Das Obere Schloss wurde durch bewaffnete Abgesandte des Kölner Domkapitels besetzt. In der folgenden Zeit wechselte die Landes-Administration im katholischen Teil von Nassau-S. mehrfach.
(3) Neben Netphen gilt S. als eine der beiden Urpfarreien des Siegerlandes. In einem Archidiakonatsverzeichnis (Abschrift des 15. Jh.s), werden die Gotteshäuser in S. und Netphen als »sedes«-Kirchen bezeichnet. Beide waren dem Hl. Martin geweiht.
Die S.er Stadtpfarrkirche wird erstmals 1311 urkundlich genannt. Sie stand außerhalb der städtischen Ummauerung auf einem Sporn des Siegberges und befand sich unter der Aufsicht des Mainzer Erzstiftes. Erst nach dem Ausbau der Verteidigungsanlagen 1502-1512 wurde sie in die Ummauerung einbezogen. Mit dem Beginn der Reformation (um 1530) verlor sie ihre Funktion als Stadtpfarrkirche und diente lange Zeit als Begräbniskirche für prominente Bürger; ihr Kirchhof wurde bis 1843 als Begräbnisstätte für die Einwohner der Stadt genutzt.
Die im Stadtzentrum befindliche Nikolaikirche besaß lange Zeit nur den Status einer Kapelle. Sie wird 1317 anlässlich einer Altarstiftung zu Ehren des Hl. Michael durch Graf Heinrich I. von Nassau (†1343) und seiner Frau Adelheid von Heinsberg erstmals erwähnt. Im Zuge der Reformation erhielt sie die Funktion einer Pfarrkirche. Die Grafen von Nassau besaßen in vorreformatorischer Zeit auch für den zweiten Altar in der Nikolaikirche, den Margarethenaltar, das Präsentationsrecht für einen Geistlichen. Nach der Standeserhöhung des evangelischen Zweiges der Grafen von Nassau-S. 1652 wurde die Nikolaikirche vom evangelischen Stadtherrn 1654 mit Emporen und einem Fürstenstuhl ausgestattet.
Unmittelbar an die Nikolaikirche angebaut befand sich 1470 eine Schule. Im Zuge der Reformation erhielt S. auch eine Lateinschule, ein Pädagogium, dessen erster Rektor Erasmus Sarcerius (†1559) war, der Graf Wilhelm dem Reichen (†1559) von Philipp Melanchthon (†1560) und Johannes Bugenhagen (†1558) empfohlen worden war. Die Lateinschule wurde mit Genehmigung des Landesherrn in der Nikolaikirche untergebracht.
Ein Barfüßerhof ist 1399 nachweisbar. Die Franziskaner weilten aber nur zeitweise in der Stadt. Konkrete Pläne zur Gründung eines Franziskanerklosters stammen von 1473, als Erzbischof Adolf II. von Mainz (†1475) dem Grafen Johann IV. (†1475) die Erlaubnis erteilte, die Einkünfte der St. Johanniskapelle des ehemaligen Magdalenerinnenklosters, außerhalb S.s gelegen, für die Errichtung eines Franziskanerklosters zu verwenden. 1486 wurde mit dem Bau des Klosters und der St. Johanneskirche an der Kölner Straße begonnen. 1501 und 1517 fanden hier die Provinzkapitel der Niederrheinischen Ordensprovinz der Franziskaner-Observanten statt. 1534 wurde es vom Landesherrn aufgelöst.
Im Zuge der Rekatholisierungsbestrebungen Graf Johanns VIII. von Nassau-S. (†1638) wurde ein Jesuitenkolleg gestiftet, dem ein Jesuitengymnasium angeschlossen war. Die katholische Marienkirche wurde 1702-1725 erbaut, die Grundsteinlegung erfolgte in Gegenwart des Fürsten Wilhelm Hyazinth (†1743) und seiner zweiten Ehefrau Maria Anna Josepha Gf.in von Hohenlohe-Schillingsfürst (†1739). Die Kirche besaß einen Fürstenstuhl.
Über die Geschichte des Ursulinenklosters (erwähnt 1739-1742) ist wenig bekannt.
1248 stellte eine Begine in S. eine Urkunde aus. 1488 wird in der gfl.en Renteirechnung die Lieferung von Tuchen durch die S.er Beginen an Gf.in erwähnt. Nach Einführung der Reformation 1530 befand sich der Beginenhof, über dessen Vorgeschichte so gut wie nichts bekannt ist, bis 1584 im Besitz der Stadt.
Neben einer Schützenbruderschaft gab es eine St. Jakobsbruderschaft (1427 erstmals genannt). 1517 stiftete Graf Wilhelm der Reiche der Bruderschaft eine Pfründe auf den Barbaraaltar in der Nikolaikirche. Der Hl. Jakobus sollte Mitpatron für diesen Altar sein. Während der Reformation löste der Landesherr die Bruderschaft auf.
Für die Zusammenkünfte des Kalands, die in einer Stiftung der Grafen 1409 erstmals genannt wird, stand in S. ein Haus bereit, das neben dem Pfarrhaus bei der Nikolaikirche lag.
Das städtische Hospital zum Hl. Geist wird 1395 erstmals erwähnt, als Graf Johann I. und seine Frau Margarethe den Armen, Kranken und Siechen im Hospital eine Rente stifteten. 1455/56 werden ein Leprosorium sowie ein Siechenhaus am Alchebach vor den Toren der Stadt genannt. Noch 1708 ordnete der reformierte Fürst Friedrich Wilhelm Adolf (†1722) die Renovierung des Pest- oder Siechenhauses an.
(4) Die Burg, das spätere Obere Schloss, war durch eine ummauerte Burgfreiheit von der Stadt getrennt. Von der Stadt unabhängig konnte man durch die Obere Marburger Pforte in die Burgfreiheit und zum Schloss gelangen. 1311 wird erstmals eine Stadtmauer genannt. Im 14. Jahrhundert lassen sich zwei, im 15. Jahrhundert mit dem Kölner Tor ein drittes Tor nachweisen. Zwischen 1502-1512 wurde ein Bollwerk bei der Martinikirche angelegt und 1512-1519 die Stadtmauer bis zum Löhrtor erweitert. Größere Baumaßnahmen wurden 1604/05 am Löhrtor und 1605/06 bei der Hainpforte ergriffen.
Die 1259 erstmals urkundlich erwähnte Burg, das Obere Schloss, deren Nutzung sich der Kölner Erzbischof und der nassauische Graf teilten, wurde erst 1343 durch beide Herren auch baulich geteilt. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ließ Graf Johann VII. d.M. von Nassau-S. (†1623) bereits zu Lebzeiten seines Vater, Graf Johanns VI. der Ältere (†1606), größere Veränderungen am Oberen Schloss vornehmen, u.a. sicherte er das Schloss durch ein Bollwerk. Zugleich wurde im Burgfreiheitsbereich an der Burgstraße ein Zeughaus gebaut, auch wurde die Toranlage erneuert. Die durch die Konversion Graf Johanns VIII. von Nassau-S. 1608 (offiziell 1612) zum katholischen Glauben bedingte Teilung der Grafschaft und die damit verursachten Streitigkeiten der beiden Zweige des Hauses Nassau-S. konnten erst 1651 beigelegt werden: Der katholische Zweig unter Graf Johann Franz Desideratus erhielt das Obere Schloss als Residenz, während Johann Moritz und sein Bruder Georg Friedrich den Nassauischen Hof in der Stadt, das ehemalige Franziskanerkloster, als Residenz bezogen. Johann Franz Desideratus von Nassau-S. (†1699) ließ das Obere Schloss mit Bastionen flankieren, die aufgestellten Geschütze richteten sich gegen die Stadt und die Residenz des evangelischen Zweiges des Hauses Nassau-S. (beendet wurden die Bauarbeiten erst 1736). Unter der 1743 beginnenden nassau-oranischen Herrschaft wurde das Obere Schloss als Behördengebäude genutzt. Trotz schon 1648 von Graf Johann Moritz ergriffener Planungen wurde das Franziskanerkloster bzw. der Nassauische Hof nach seiner Standeserhöhung zum Reichsfürsten 1652 erst ab 1668/69 zum Schloss umgebaut. Errichtet wurde ein Galerieflügel, den Vorgängerbau des Kurländer Flügels des späteren Unteren Schlosses. In derselben Zeit wurde als Grablege eine Fürstengruft an der Grenze des Nassauischen Hofs zum Martinikirchhof angelegt (mit gusseiserner Doppeltür, die das Wappen des Stifters trägt). Zugleich wurde bei S. ein Lustgarten sowie im Bereich des Charlottentals (Hofgut Fusselbach) ein Tiergarten angelegt. 1658 ließ Johann Moritz als Zeichen seiner Standeserhöhung auf der Kirchturmspitze der Nikolaikirche eine vergoldete Fürstenkrone anbringen. Nach dem großen Stadtbrand 1695, bei dem auch der Nassauische Hof zerstört wurde, ließ Fürst Friedrich Wilhelm Adolf (†1722) eine große dreiflügelige Schlossanlage, das heutige »Untere Schloss« errichten, Fürstengruft und die darüber liegende Hofkapelle wurden in das Corps de Logis integriert.
Über die bürgerliche Bebauung lassen sich kaum nähere Angaben finden. Das spätmittelalterliche Rat- und Kaufhaus wurde 1583-1587 teilweise neu errichtet. Es beherbergte auch einen Tanzsaal, der für größere Empfänge, etwa des Landesherrn diente. Ein besonderes Entgegenkommen seitens der Stadt für den Landesherrn war der Einbau einer abgesonderten Toilettenanlage. 1783-1785 ließ der Rat das alte Rathaus durch einen Steinbau ersetzen, mit dessen Planung der landesherrliche Bauinspektor Skell betraut wurde.
Seit dem 14. bzw. 16. Jahrhundert wurden die Stadt und das Obere Schloss durch zwei Wasserleitungen mit Quellwasser versorgt. Bis ins 16. Jahrhundert hinein gab es Badestuben, die auch von den Landesherren mit ihrem Gefolge aufgesucht wurden.
Aus den festen Marktständen neben der Nikolaikirche entstand im Verlauf des 17. Jahrhunderts ein Wohnblock aus 25 kleinen Fachwerkhäusern (1869 niedergebrannt).
(5) Neben einer starken wirtschaftlichen Ausrichtung auf das Eisen- und Stahlgewerbe sowie das Textilgewerbe besaß S. eine Nahmarktsfunktion für den Viehhandel. Es gab im 16. Jahrhundert innerhalb der Stadtmauern drei Hudegemeinschaften mit mehr als 900 Stück Großvieh, hinzu kam zahlreiches Kleinvieh. 1598/99 konnte die Stadt einen Teil des Hofguts Heimbach erwerben, wo es Hauberge und Hochwaldungen gab, an denen der S.er Rat besonders interessiert war, um die Versorgung mit Brenn- und Bauholz zu sichern.
Das Eisen- und Stahlgewerbe war auf den Export ausgerichtet, Siegerländer Kaufleute unterhielten in Mainz ein Kontor für den Vertrieb nach Süddeutschland, wichtig war auch Frankfurt a.M. als Markt. Die im Siegerland hergestellten Metallwaren durften auf Anordnung des Landesherrn nur über den S.er Markt ausgeführt werden. Da auch der Landesherr über eigene Hütten und Hammerwerke verfügte und wegen des Eisenerz- und Holzkohlenzehnts konkurrenzlos preiswert produzieren konnte, kam es in den 1550er Jahren zu Auseinandersetzungen mit der Stadt, insbesondere mit der Stahlschmiedezunft, die den Grafen schließlich durch hohe Ablösungszahlung zum Verzicht auf eigene Werke bewegen konnte.
Bis 1476 unterstand das S.er Gericht der Stadt Soest als Appellationsinstanz (Oberhof). Graf Johann V. (†1516) gelang es, in diesem Jahr in S. einen Oberhof für die Grafschaft Nassau einzurichten. Nach der Einführung einer Landordnung 1494 war er nur noch für die Ämter S. und Dillenburg zuständig.
In S. hatten mehrere landesherrliche Amtsträger ihren Sitz, so ein Amtmann, ein Rentmeister und ein Kellner. Die spätmittelalterlichen Verwaltungsstrukturen mit ihren kleineren Amts- und Gerichtsbezirken existierten bis zur Einverleibung des Fsm.s S. in das Großhzm. Berg am Beginn des 19. Jh.s.
Während die Grafen 1436 dem Wetterauer Gf.enverein beigetreten waren, ist eine Mitgliedschaft der Stadt S. in einem Städtebund, z.B. der Hanse, nicht belegt.
(6) S. gehörte zu den wichtigsten Städten der Gft./des Fsm.s Nassau-S. bzw. der Grafschaft Nassau-Dillenburg. Burgort bzw. Residenzstadt im engeren Sinn war S. im 13./14. Jahrhundert und wieder im 17./18. Jahrhundert In der Zwischenzeit wie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fungierte als solcher Dillenburg. Wirtschaftlich prägend war in S. das Montangewerbe, welches der Stadt eine politisch außerordentlich starke Stellung gegenüber dem Landesherrn verlieh, die im Verzicht auf die landesherrliche Metallwarenproduktion 1555 ihren Ausdruck fand. Die Verflechtung von Stadtgemeinde und Hof ist noch nicht vertiefend und systematisch untersucht worden, als Ausnahme kann der Protest von Teilen der Bevölkerung gegen Fürst Wilhelm Hyazinth (vertrieben 1707, †1743 in Hadamar) genannt werden.
(7) Die Archivalien befinden sich im Stadtarchiv Siegen (StadtA Siegen), im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen (LA NRW), Abteilung Westfalen, in Münster, im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW) und im Koninklijk Huisarchief Den Haag. Die städtische Rechnungsüberlieferung (Bestand Stadt Siegen A) setzt 1455 ein, daneben gibt es zahlreiche Pergamenturkunden. Eine wichtige Quelle zu den Zünften wird im LA NRW Abt. Westfalen unter Fürstentum Siegen LA 23 B2 aufbewahrt. Die territoriale Rechnungsüberlieferung setzt 1417 mit einem Rentbuch und 1444/45 mit einer Landesrenteirechnung ein. Kontinuierlich sind Rechnungen des Ober-Amtes Siegen ab 1463/64 im LA NRW Abt. Westfalen überliefert. Zu Baumaßnahmen am Unteren Schloss finden sich Hinweise in den Rechnungen im HHStAW Abteilung 171 B 861 II.
Willküren der Stadt Soest. Mitgeteilt an die Stadt Siegen, in: Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde 1 (1849) S. 311-333. - Siegener Urkundenbuch. 1. Abtheilung bis 1350, hg. von Friedrich Philippi, Siegen 1887 (= ND Osnabrück 1975). - Siegener Urkundenbuch, Abteilung II. Die Urkunden aus dem Staatsarchiv Münster und dem Stadtarchiv Siegen von 1351-1500, bearb. von W. Menn und B. Messing, hg. von Friedrich Philippi, Siegen 1927 (= ND Osnabrück 1975). - Menk, Friedhelm: Die nachmittelalterlichen Pergamenturkunden im Stadtarchiv Siegen, Siegen 1968. - Bingener, Andreas: Verwaltung und Finanzwesen der Stadt Siegen (1500-1610). Dargestellt vornehmlich anhand der Bürgermeisterrechnungen, St. Katharinen 1997 (Sachüberlieferung und Geschichte, 20).
(8)Achenbach, Heinrich von: Aus des Siegerlandes Vergangenheit, Bd. 1, Siegen 1895 (ND Kreuztal 1981). - Achenbach, Heinrich von: Geschichte der Stadt Siegen, 2 Bde., Siegen 1894 (ND Kreuztal 1983). - Kruse, Hans: Geschichte des höheren Schulwesens in Siegen 1536-1936, Siegen 1936. - Das Rathaus der Stadt Siegen, hg. von Wilhelm Güthling, Siegen 1951. - Geschichte der Stadt Siegen im Abriss, hg. von Wilhelm Güthling, Siegen 1955. - Unter dem Wort. Textbeiträge. Katalog und Abbildungen zu der Ausstellung »Das evangelische Siegerland in Vergangenheit und Gegenwart«, hg. von Walter Thiemann, Siegen 1967. - Bingener, Andreas: Verteidigungsanstrengungen der Stadt Siegen zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Der Bau des Bollwerkes bei der Martinikirche 1502/03 bis 1510/11, in: Nassauische Annalen 103 (1992) S. 63-76. - Bingener, Andreas: Art. „Siegen - Magdalenerinnen“, „Siegen - Franziskaner“, „Siegen - Jesuiten“, „Siegen - Ursulinen“, „Siegen - Beginen“, in: Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zur Aufhebung. Teil 2: Münster-Zwillbrock, hg. von Karl Hengst, Münster 1994 (Veröffentlichung der Historischen Kommission für Westfalen, 44; Quellen und Forschungen zur Kirchen- und Religionsgeschichte, 2), S. 335-346. - Bingener, Andreas, Fouquet, Gerhard: Die Stadt Siegen im Spätmittelalter, in: Nassauische Annalen 105 (1994) S. 103-117. - Wolf, Manfred: Überlegungen zur Urkunde von 1224 und zur Entwicklung der Stadt Siegen, in: Siegener Beiträge 5 (2000) S. 9-32. - Weber, Friedrich: »Katholische und calvinische Schelmen«. Einflüsse von Reformation und Gegenreformation auf das religiöse Leben in Siegen, in: Siegerland 77 (2000) S. 35-44. - Brachthäuser, Christian: Le Prince Regent d’Orange. Wilhelm Hyazinth Fürst zu Oranien und Nassau-Siegen (1667-1743), Groß-Gerau 2010. - Friedhoff, Jens: Prinz Mauritzens monumentum. Planungs- und Baugeschichte der Siegener Fürstengruft im Kontext der baulichen Aktivitäten des Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604-1679), in: Oranien und Nassau in Europa. Lebenswelten einer frühneuzeitlichen Dynastie, hg. von Rouven Pons, Wiesbaden 2018 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 91), S. 481-508. - Friedhoff, Jens: Das Obere Schloss zu Siegen als nassauische Landesburg und Residenz. Beobachtungen zur Baugeschichte im Spiegel archivalischer und archäologischer Befunde, in: Siegener Beiträge, in: Jahrbuch für regionale Geschichte 22 (2017/18) S. 6-55.