(1) Erste Erwähnung L.s dürfte die im Jahre 975 erfolgte Übertragung des Oberhofs Liinga durch Kaiser Otto II. an den Osnabrücker Bischof sein. Der ursprüngliche Siedlungsschwerpunkt lag in Altenl., etwa zweieinhalb Kilometer flussabwärts der Ems. Der Ort lag an einem Verkehrsknotenpunkt. Während die Friesische Straße dem Verlauf der Ems folgend, Emden und Münster miteinander verband, erlaubte eine Furt den Emsübergang der Flämischen Straße. Vor 1150 wurde die Siedlung an den heutigen Ort verlegt. Spätestens jetzt befand sie sich unter der Herrschaft der Grafen von Tecklenburg. Seit Nikolaus II. von Tecklenburg 1402 die L.er Burg seiner Frau übertragen hatte, diente sie sporadisch immer wieder als Wohnsitz einzelner Mitglieder der Gf.enfamillie. Nachdem Nikolaus III. 1489 zunächst die Herrschaft über Rheda, sodann 1493 die vollständige Grafschaft Tecklenburg an seinen Sohn Nikolaus IV. verloren hatte, musste er sich vertragsgemäß nach L. auf sein Altenteil zurückzuziehen (†1495). Der daraufhin ausbrechende Bruderstreit wurde 1498 mit einer dynastischen Teilung beigelegt, bei der der ältere Bruder Otto Tecklenburg und Rheda erhielt, der jüngere Nikolaus IV. hingegen das Amt L. Damit entstand erstmals eine eigenständige Grafschaft L. mit der Stadt L. als Verwaltungszentrum. Nikolaus IV. residierte fortan - wohl gemeinsam mit seiner Mutter - auf der L.er Burg. Die 43 Jahre währende Residenzzeit war geprägt von zahlreichen Auseinandersetzungen. Otto zielte auf eine Wiedervereinigung beider Grafschaften und versuchte eine Eheschließung Nikolaus IV. zu hintertreiben. Als dieser dennoch heiratete, setzte Otto ihn 1508/09 gefangen. Daneben kam es zu Auseinandersetzungen mit den Fbf.en von Münster. Als Reaktion auf Überfälle auf westfälische Kaufleute besetzte der Fbf. 1518 L. Nikolaus IV. floh zum Herzog von Kleve und konnte nach dem Abzug der münsterischen Truppen 1520 seine alten Rechte wieder wahrnehmen. Wegen Komplikationen bei der Rückerstattung von Beutegut überfiel Nikolaus IV. erneut münsterische Kaufleute, wurde von Kaiser Karl V. ermahnt und verlor die Unterstützung des Hzg.s von Kleve. Er wandte sich daraufhin an seinen Onkel, den Herzog Karl Egmond von Geldern, dem er 1526 die Grafschaft L. als Lehen übertrug. Im Gegenzug sicherte der Herzog von Geldern seinem Vasallen militärischen Schutz zu. Mit Tod Nikolaus’ IV., der 1541 ohne legitimen Erben verstarb, verlor L. seine Residenzfunktion. Die Grafschaft Lingen fiel Ottos Sohn Konrad zu und war damit wieder mit der Grafschaft Tecklenburg vereint.
Konrad (reg. 1534-1557) führte die Reformation ein, trieb - umgeben von katholischen Nachbarmächten - den Ausbau der L.er Befestigung voran und trat 1542 dem Schmalkaldischen Bund bei. Im Schmalkaldischen Krieg wurde L. 1547 von dem kaisertreuen Grafen Maximilian von Büren eingenommen, der 1548 die Herrschaft über die von Tecklenburg erneut getrennte Grafschaft L. zugesprochen bekam. Damit endete die tecklenburgische Herrschaft über L. Nach Maximilians Tod und angesichts der Heiratsabsicht seiner alleinerbenden Tochter Anna mit Wilhelm I. von Oranien-Nassau erwarb Kaiser Karl V. 1551 die Grafschaft für 120000 Karlsgulden und schloss sie den habsburgischen Niederlanden an. Im Achzigjährigen Krieg wurde L. 1597 von Moritz von Oranien, 1605 von Spinola erobert. Nach Schleifung der L.er Festungsanlagen 1632 übernahmen die Oranier wieder die Herrschaft, bis zum Westfälischen Frieden 1648 jedoch nur treuhänderisch. Eine münsterische Eroberung 1672/74 blieb Episode. 1702 fiel L. an die preußische Krone und wurde 1707 wieder mit der Grafschaft Tecklenburg vereinigt.
(2) 1227 lassen sich in dem als villa bezeichneten Ort Einkünfte aus Zoll, Münze und Gericht belegen, zudem bestand dort eine curie, was Indizien für eine größere Bedeutung des Orts zu dieser Zeit sind. Ein damals von Gegnern der Tecklenburger Grafen - dem Kölner Erzbischof und der Osnabrücker Kirche - geplanter Ausbau zur Civitas unterblieb. Um 1300 entwickelte sich L. zu einer stadtähnlichen Marktsiedlung. Der Ort erscheint nun tatsächlich als Civitas (1306) oder Oppidum (1320). Das wohl kumulativ erworbene Weichbildrecht L.s diente 1366 als Vorbild für die Stadt Bevergern. Inhaltlich greifbar wird das Recht erst durch ein 1401 ausgestelltes, lediglich kopiarisch überliefertes Privileg Graf Nikolaus’ II. von Tecklenburg. Demnach hatte das L.er Gericht das Tecklenburger Gericht und das Osnabrücker Gogericht als Oberhöfe über sich. Ein Richter zu L. lässt sich 1332 nachweisen, weiterhin erscheinen Burgmannen (1320), ein Drost (1458), ein Rentmeister (1527) sowie ein Schulmeister (1481). Die ab 1394 belegten, den Stadtrat bildenden vier Bürgermeister wurden vom Grafen vereidigt und fungierten zugleich als Schöffen und Kurgenossen des Gerichts. Ein Schöffensiegel ist für 1394 und 1521 belegt. In der Trägerschaft des Stadtrates befand sich das vor 1445 errichtete Antonius-Gasthaus, ein vielleicht ursprünglich für Pestkranke errichtetes Armenhaus. Schenkungen und Stiftungen zugunsten des Gasthauses kamen im 15. und 16. Jahrhundert ausschließlich aus den Händen der L.er Bürgerschaft. Handwerkergilden sind für das Spätmittelalter zu vermuten, aber erst ab 1581 nachweisbar. Mitte des 16. Jahrhunderts zählte die Stadt vielleicht 100 Bürgerhäuser, was auf 400-500 Einwohner, vielleicht etwas mehr, schließen lässt.
(3) Älteste Kirche dürfte die 1367 als olde kercke bezeichnete Marienkapelle gewesen sein. Außerhalb der Stadt gelegen, blieb sie später das Ziel von Wallfahrten zum 1. Mai. Das 1250 zum ersten Mal erwähnte Kirchspiel L. umfasste auch die Bauerschaften Altenl., Biene, Holthausen und Laxten, außerdem Bawinkel (Abpfarrung spätestens 1314), Baccum (Abpfarrung spätestens 1414) und Estringen (Abpfarrung 1520). In der 1367 erstmals genannten Walburgkirche auf dem Marktplatz wurde im selben Jahr eine Vikarstelle eingerichtet. 1382 werden zwei Vikare, 1437 vier Vikare, 1449 und 1496 ein Kirchenrat und 1496 ein Küster erwähnt. Es handelte sich um eine Eigenkirche der Tecklenburger Grafen, die auch das Besetzungsrecht der geistlichen Stellen innehatten. So resignierte beispielsweise der Pfarrer 1483/84 zu Gunsten eines außerehelichen Sohns Graf Nikolaus’ III. Neben der Walburgkirche ist ab 1435 eine Andreaskapelle auf dem Burggelände belegbar. 1530 wurde die Stelle des Burgkaplans ebenfalls mit einem unehelichen Sohn des Grafen besetzt.
Unter Konrad von Tecklenburg erfolgte 1541 der Wechsel zur lutherischen Konfession, 1543 wurde für Tecklenburg, L. und Rheda eine Kirchenordnung erlassen. Im Rahmen des Festungsausbaus wurde die Walburgkirche 1542 abgerissen und durch einen Neubau in der Kirchstraße (heute reformierte Kirche) ersetzt. Weitere Konfessionswechsel erfolgten 1547 (katholisch), 1597 (reformiert), 1605 (katholisch), 1648 (reformiert), 1672 (katholisch) und 1674 (reformiert).
(4) Die prägende Lage von Marktplatz, Walburgkirche und Burg dürfte bereits um 1300 bestanden haben. Unter münsterischer Besatzung (1518/20) wurden die Festungswerke ausgebaut und die Stadt mit einem Graben versehen. Nikolaus IV. ließ sodann die Burgbefestigung weiter verstärken, die Stadtgräben erweitern und erstmals einen Wall um die Stadt anlegen. Die um 1560 von dem Geometer Jacob van Deventer erstellte Stadtansicht zeigt eine um den Marktplatz zentrierte Siedlung und ein durch einen Wassergraben von der Siedlung getrenntes und durch vier Rondelle gesichertes Burggelände. Die Siedlung war durch ein Grabensystem befestigt. Mit der Burgstraße, der Lookenstraße und der sich zur Mühlentorstraße verlängernden Großen Straße führten drei Ausfallstraßen durch je eines der drei Stadttore (Burgtor, Lookentor, Mühlentor). Den Übergang von der Burgfreiheit zur Stadt markierte ein freies Feld zwischen der Burggrabenbrücke und dem Marktplatz. Am anderen Ende des Marktplatzes steht noch heute das nach dem Stadtbrand von 1548 von der Stadt aus eigenen Mitteln wiederaufgebaute Rathaus, das zwar recht kleinflächig geraten ist, durch seine prominente, dreiseitig freistehende Lage jedoch den Marktplatz bestimmt. Das Wappen der Grafschaft zeigte einen goldenen Anker auf blauem Grund. Dieser »L.er Anker« hatte bereits 1475 Eingang in das Tecklenburger Wappen gefunden, das bislang lediglich drei rote Seeblätter auf silbernem Grund gezeigt hatte. In dieser erweiterten Form findet sich das Tecklenburger Wappen auf einem Ziegelstein aus dem 16. Jahrhundert, der in der Marienstraße im Bereich der früheren Burg gefunden wurde.
(5) Neben seiner fortifikatorischen Funktion hatte L. vor allem Bedeutung als Marktsiedlung. Es existierte ein eigenes Getreidemaß (1300). Jahrmärkte fanden statt am Tag der Elftausend Jungfrauen (1306) sowie am Walburgatag (1307). Gehandelt wurden wohl die gängigen Güter des Emshandels: Fische, Pferde, Ochsen und Milchprodukte aus Friesland, Holz, Honig und Getreide aus Westfalen. Versuche des münsteraner Bf.s, den Handel auf die Westseite der Ems und damit an L. vorbei zu verlagern, stießen seitens der Tecklenburger Grafen auf heftigen Widerstand. Die Bischöfe eroberten L. 1392 und erneut 1400. In dem daraufhin geschlossenen Friedensvertrag musste der Graf von Tecklenburg auf einen Großteil seines Landes sowie auf alle Ansprüche an der Friesischen Straße verzichten. Ihm verblieben allein die Burgen in Tecklenburg und L. Neben den dynastischen Spannungen innerhalb des Hauses Tecklenburg während der L.er Residenzzeit 1498-1541 setzten sich die Konflikte mit dem Bistum Münster fort.
Über eine Mitgliedschaft in Städtebünden oder in der Hanse ist nichts bekannt.
(6) Als Residenzstadt lässt sich L. für die Zeiten bezeichnen, als Graf Nikolaus III. von Tecklenburg kurzzeitig 1493-1495 seinen Alterssitz hier hatte, und als Graf Nikolaus IV. für die Zeit 1498-1541 eine Nebenherrschaft der Tecklenburger innehatte, die aber von schweren Krisen und zeitweiliger Flucht an den klevischen Hof geprägt war. Als Stadt spielte L., abgesehen von ihrer Residenzfunktion und ihrem Festungscharakter, in der Herrschaftspolitik Nikolaus’ IV. offenbar keine herausgehobene Rolle. Über die Verflechtung von Hof und Gemeinde lassen sich kaum Aussagen treffen. Die Wirtschaftskraft der Stadt war zu gering, um einen größeren politischen Einfluss zu erlangen. So zeigt sich insgesamt eine starke Abhängigkeit vom Landesherrn. Das ambivalente Verhältnis zwischen Stadt und Graf Nikolaus IV. wird schlaglichtartig deutlich, als sich der Graf um 1533 bei Bau- und Wallarbeiten die Freiheiten und Privilegien der Stadt vorlegen lässt, um sich darnach zu richten, andererseits aber die Beschwerde laut wurde, Nikolaus IV. habe dem städtischen Antonius-Gasthaus zahlreiche Einkünfte entzogen.
(7) Die 1401 gewährten städtischen Privilegien sind als Abschrift in einem 1628 angelegten Protokollbuch der Stadt Lingen überliefert (Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv, Nr. 247, fol. 8r-12r), ebenso ihre 1542 vollzogene Bestätigung durch Konrad von Tecklenburg (fol. 23r-17v). Eine weitere Abschrift der Privilegien 1401 und ihrer Konfirmation 1542 in einem 1671 angelegten Kopiar (Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv, Nr. 255, fol. 2r-5r bzw. 5v-10v). Druck (nach Nr. 255, fol. 2r-5r) in: Ehbrecht, Wilfried: Lingens städtische Entwicklung im Spätmittelalter, in: Im Bannkreis habsburgischer Politik. Stadt und Herrschaft Lingen im 15. und 16. Jahrhundert, hg. von Ludwig Remling, Bielefeld 1997 (Quellen und Forschungen zur Lingener Geschichte, 1), S. 11-50, hier S. 43-50. Der wechselseitige Vertrag über die Lehnsübertragung 1526 ist kopiarisch im Codex Lingensis de iure civili proprietario et publico (Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv, Nr. 5390, fol. 23v-25v) überliefert.
Als weitere Archive mit einschlägigen Beständen sind zu nennen: Niedersächsisches Landesarchiv, Abt. Osnabrück (Osnabrück); Pfarrarchiv St. Bonifatius (Lingen); Landesarchiv NRW, Abt. Westfalen (Münster); Westfälisches Archivamt (Münster); Fürstlich Bentheim-Tecklenburgisches Archiv (Rheda); Algemeen Rijksarchief (Den Haag); Archives Générales du Royaume (Brüssel).
Der Plan von Lingen und Umgebung des Jacob van Deventer befindet sich als Original in Madrid, Biblioteca Nacional, Sección de Manuscritos, Ms. Res. 200 (Plantas de las ciudades de los Paises Bajos, T. III), gedruckt in: Die Stadtgrundrisse von Jacob van Deventer, hg. von Cornelis Koeman und Peter H. Meurer, Alphen aan den Rijn 2001, Nr. 208.
(8)Goldschmidt, Bernhard Anton: Geschichte der Grafschaft Lingen und ihres Kirchenwesens insbesondere, Osnabrück 1850 (ND Osnabrück 1975). - Möller, Johann Caspar: Geschichte der vormaligen Grafschaft Lingen, Lingen 1874 (ND Lingen 1982). - Schriever, Ludwig: Geschichte des Kreises Lingen, 2 Bde., Lingen 1905/1910. - Beiss, Edgar: Geschichte des St. Antonius-Gasthauses zu Lingen a.d. Ems. Von den ersten Anfängen bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, Diss. masch., Göttingen 1945. - Ehbrecht, Wilfried: Zur politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung des tecklenburgischen Amtssitzes, in: Lingen 975-1975. Zur Genese eines Stadtprofils, hg. von Wilfried Ehbrecht, Lingen (Ems) 1975, S. 42-53. - Homann, Hans-Dieter: Lingen im Zeitalter der Glaubenskriege, in: Lingen 975-1975. Zur Genese eines Stadtprofils, hg. von Wilfried Ehbrecht, Lingen (Ems) 1975, S. 54-81. - Wolf, Manfred: Die Entstehung der Obergrafschaft Lingen, in: Westfälische Zeitschrift 140 (1990) S. 1-29. - Remling, Ludwig: Lingen, Emsbüren, Salzbergen. Gemeinsamkeiten und Sonderwege in der Geschichte, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes 36 (1990) S. 160-194. - Mohrmann, Wolf-Dieter: Die Grafschaft Lingen in der Politik Kaiser Karls V., in: Im Bannkreis habsburgischer Politik. Stadt und Herrschaft Lingen im 15. und 16. Jahrhundert, hg. von Ludwig Remling, Bielefeld 1997 (Quellen und Forschungen zur Lingener Geschichte 1), S. 51-80. - Remling, Ludwig: Stadt, Kirche und Landesherr im frühneuzeitlichen Lingen, in: Im Bannkreis habsburgischer Politik. Stadt und Herrschaft Lingen im 15. und 16. Jahrhundert, hg. von Ludwig Remling, Bielefeld 1997 (Quellen und Forschungen zur Lingener Geschichte 1), S. 81-128. - Remling, Ludwig: Konfessionswandel und Konfessionsstabilisierung. Landesherr und Kirchenvolk in der Grafschaft Lingen, in: Osnabrücker Mitteilungen 107 (2002) S. 125-154.