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Ausgangslage

Um die Notwendigkeit eines neuen mittelhochdeutschen Wöterbuchs zu begründen, bedarf es kaum vieler Worte. Die beiden bis heute maßgeblichen Nachschlagewerke, die Wörterbücher von Georg Friedrich Benecke, Wilhelm Müller und Friedrich Zarncke (BMZ, 1854–1866) sowie von Matthias Lexer (1872–1878) beruhen – so bewundernswert sie als lexikographische Leistungen sind – aus heutiger Sicht auf einer ungenügenden Quellenbasis und oft vom Stand der Forschung überholten Ausgaben aus der Frühzeit des Faches.

Schwankende Darstellungskonzepte, der Bezug auf nicht mehr greifbare Ausgaben und die Beschreibungssprache des 19. Jahrhunderts erschweren dem modernen Benutzer zusätzlich den Zugang.

Nach verschiedenen Versuchen der Altgermanistik ein neues Mittelhochdeutsches Wörterbuch zu initiieren sowie nach intensiven Bemühungen und Vorarbeiten besonders durch die Entstehung des 'Findebuchs' konnten 1994 – zunächst finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) – zwei Arbeitsstellen in Göttingen und Trier unter der Leitung der Professoren Klaus Grubmüller, Karl Stackmann und Kurt Gärtner mit der Erarbeitung des neuen mittelhochdeutschen Wörterbuchs beginnen. Seit dem Jahr 2000 wird das Projekt gemeinsam von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz getragen.

Seit dem Tod Karl Stackmanns († 4.11.2013) wird das Mittelhochdeutsche Wörterbuch herausgegeben von Kurt Gärtner, Klaus Grubmüller und Jens Haustein.

Zielsetzung

Ziel des Vorhabens ist es, den mittelhochdeutschen Wortschatz in den zeitlichen Grenzen von 1050 bis 1350 möglichst vollständig zu erfassen und in seiner zeitlichen, regionalen und textsortenspezifischen Verbreitung repräsentativ zu beschreiben. An die Stelle der Konzentration auf die poetischen Werke der 'klassischen' Periode um 1200, wie sie bei BMZ vorgegeben war, tritt ein Korpus von philologisch gesicherten Texten aller Textsorten der gesamten Periode. So treten zum einen neben dichterische Werke verstärkt Quellen aus den Bereichen der geistlichen Literatur und des Sachschrifttums: z.B. zu Astronomie, Medizin, Färben und Kochen, Urkunden und Rechtstexte. Zum anderen werden die bisher vernachlässigten Werke der frühmittelhochdeutschen Periode sowie literatur- und sprachgeschichtlich relevante Werke der nachklassischen Zeit ausgewertet. Das neue Wörterbuch gewährt damit erstmals einen ausgewogenen Überblick über den mittelhochdeutschen Wortbestand und seine Verwendungsweisen.

Als Sprachstadienwörterbuch der mittelhochdeutschen Epoche bemüht sich das MWB einerseits um lemmatische Vollständigkeit und andererseits um eine repräsentative Beschreibung und Belegung aller wesentlichen Verwendungsweisen der einzelnen Wörter. Während es das Bemühen um die lemmatische Vollständigkeit mit Lexers Handwörterbuch teilt, unterscheidet es sich in Bezug auf Auswahl und Repräsentativität der Darstellung von den Vorgängerwörterbüchern: Die Abbildung des Wortgebrauchs ist bei mehrfach belegten Wörtern durch die breitere Quellenbasis oft deutlich repräsentativer. Gleichwohl bietet das MWB jeweils nur eine Auswahl der Belege für ein Wort. Dies kann im Einzelfall auch weniger sein als das, was BMZ und Lexer an Belegen und Stellenangaben geboten hatten.

Das MWB schließt die Lücke zwischen Althochdeutschem und Frühneuhochdeutschem Wörterbuch und dient als zuverlässiges Hilfsmittel für das Verstehen und die philologische Erschließung mittelhochdeutscher Texte sowie für die Erforschung der deutschen Sprache des Mittelalters.

Vorgehensweise

Das Projekt bearbeitet eine Liste von rund 85.000 Lemmakandidaten. Das entspricht weitgehend der Summe der Lemmalisten von BMZ, Lexer und dem Findebuch. Basierend auf den bisherigen Erfahrungen wird erwartet, dass fast ein Drittel der Lemmakandidaten im Lauf der Arbeiten ausgeschieden wird, z.B. aus Datierungsgründen, da z.B. Lexer auch viele Quellen ausgewertet hat, die erst nach 1350 entstanden sind.

Das MWB arbeitet auf der Basis eines elektronischen Belegarchivs, das rund 200 maschinenlesbare Texte und Textcorpora mit unterschiedlicher Lemmatisierungstiefe enthält. Dieses Archiv umfasst mehr als 1,4 Millionen Belege (lemmatisierte Wortformen) – allerdings nur zu knapp einem Drittel (etwa 26.500) der bisher lexikographisch erfassten mittelhochdeutschen Wörter.

Ergänzend zu diesen projektintern erhobenen Belegen wird das notwendige weitere Material vor allem über die Auswertung anderer Wörterbücher der deutschen Sprache erfasst, die Belege aus unserem Bearbeitungszeitraum bieten. Neben den älteren mittelhochdeutschen Wörterbüchern sind dies v.a. das Deutsche Wörterbuch (DWB) von Jacob und Wilhelm Grimm, das Leipziger Althochdeutsche Wörterbuch (AWB) und das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch (FWB), aber auch die einschlägigen Spezialwörterbücher wie z.B. das Wörterbuch zur mittelhochdeutschen Urkundensprache (WMU) und das Deutsche Rechtswörterbuch (DRW) sowie die Autorenwörterbücher zu Hartmanns Iwein (Benecke) oder zu Frauenlob (Stackmann). So wird das elektronische Archiv ständig in großem Umfang durch manuelles Nachexzerpieren ergänzt.

Das Korpus aller verwendeten Quellentexte umfasst zur Zeit rund 1500 Titel. Es ist ein prinzipiell 'offenes' Korpus, denn mit jeder neu erschienenen Textausgabe, mit jedem neuen Glossar kann neues Wortmaterial hinzukommen.

Die Arbeiten finden weitestgehend auf EDV-Basis statt. Das auf die speziellen Bedürfnisse des Mittelhochdeutschen Wörterbuchs zugeschnittene netzbasierte Trierer Artikelredaktionssystem (TAReS) begünstigt die rasche Artikelarbeit, regelt verbindlich die gemeinsam festgelegten formalen Vorgaben (z.B. Lemmaansatz, Artikelstruktur, Quellensiglen) und erstellt mittels eines integrierten TUSTEP-Moduls zugleich eine fertig gesetzte Druckvorlage.


Leitung

Projektleitung

Prof. Dr. Jens Haustein (ab 2016)

Prof. Dr. Klaus Grubmüller (bis 2016)

Kommissionsvorsitz

Prof. Dr. Klaus Grubmüller


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