Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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(Bad) Bentheim

(Bad) Bentheim

(1) Seit dem Spätmittelalter war der bis 1865 als Flecken bezeichnete Ort B. Teil der Obergft., des südlichen Teils der Grafschaft B. (der nördliche Teil wird als Niedergft. bezeichnet). Im Gegensatz zu den übrigen Orten der Grafschaft erlangte B. seine Bedeutung vor allem als Residenzort der Gf.en; im 17. Jahrhundert erhielt der Ort stadtähnliche Rechte. Die im nordwestdeutschen Tiefland befindliche Siedlung entstand südlich zu Füßen der auf einem Sandsteinfelsen, dem letzten westlichen Ausläufer des Teutoburger Waldes, gelegenen Burg B., die 1116 erstmals erwähnt wurde. Die Gemeinde wurde 1929 zur Stadt erhoben, seit 1979 führt sie die Bezeichnung Bad. Der in Mittelalter und früher Neuzeit unscheinbare Residenzort, der sich an die weitläufige und große Burganlage anschloss, lag an wichtigen Verkehrs- und Handelswegen zu den Niederlanden und Westfalen.

(2) Als Burgmannen bezeichnete Gefolgsleute der Landesherren werden in Urkunden seit dem frühen 13. Jahrhundert aufgeführt (1223: plures castellani in Binetheim). Die Anzahl variierte in den nachfolgenden Jahrzehnten zwischen acht bis zwölf Personen, 1324 wurden davon abweichend 15 Burgmannen benannt, im Lehnregister von 1346 ist die Höchstzahl von 21 bzw. 22 Personen vermerkt. Ab dem 15. Jahrhundert hatte sich die Anzahl auf sechs, im 16. Jahrhundert auf fünf Burgmannen eingependelt. Die Verwaltung des ab dem 17. Jahrhundert vom Gf.enhaus mit freiheitlichen und stadtähnlichen Rechten versehenen Ansiedlung B. oblag im 18. Jahrhundert anscheinend einer Ratsverwaltung von zwei Bürgermeistern und einem sechsköpfigen Rat, die von den Einwohnern auf zwei Jahre Amtszeit gewählt und vom Landesherrn bestätigt wurden. Die Wahlen fanden in der lutherisch-reformierten Kirche statt, in der stets einer der gewählten Bürgermeister zugleich Mitglied des Kirchenrates war. Ihre Sitzungen wurden in der so genannten Ratskammer (erwähnt 1776) abgehalten. B. war trotz seiner Bedeutung als Residenzort nur dünn besiedelt. Erste konkrete Einwohnerzahlen sind für 1789 durch eine Erhebung bekannt (1376 Personen).

Wirtschaftlich war B. bis weit in das 19. Jahrhundert hinein hauptsächlich von der Landwirtschaft geprägt. 1648 genehmigte Graf Ernst Wilhelm von Bentheim die Einrichtung einer öffentlichen Waage, die Errichtung eines Schlachthauses sowie die Erhebung der Brot- und Biertaxe. 1649 folgte die Genehmigung zur Abhaltung eines Jahrmarktes. Erste Gildebriefe stellte der Landesherr in den Jahren 1653 bis 1661 für die Schneider, Schuster, Leineweber und Bäcker aus. Ab dem 17. Jahrhundert florierte die Textilindustrie, insbesondere die Leinenproduktion. Aus den 1711 im Wald bei B. entdeckten Schwefelquellen entwickelte sich der Kurbadebetrieb des späteren (Bad) B., das seit 1979 staatlich anerkannter Kurort ist.

(3) Erste Missionierungen sollen in der Umgegend B.s von irischen Mönchen, die Christianisierung ein Jahrhundert später unter Karl dem Großen durchgeführt worden sein. Mit einem in der Literatur genannten, wohl im 11. Jahrhundert am Heerwegekreuz aufgestellten Sandsteinkreuz, ist vermutlich der heute in der Katharinenkirche auf der Burg befindliche »Herrgott von B.« gemeint. Dieses, aus regionalem Sandstein gefertigte Steinkruzifix, gilt als eines der ältesten christlichen Zeugnisse der Region. Es soll in der Zeit der Reformation in einem Acker vergraben worden sein, wo es 1828 aufgefunden wurde.

B. besaß wohl aufgrund seiner geringen Einwohnerzahl ursprünglich keine eigene Kirche, sondern gehörte zunächst zur Pfarrei in Schüttorf (errichtet um 802) bzw. zur Pfarrei in Gildehaus (errichtet nach 1246). Erste kirchliche Einrichtung war die 1144 der Hl. Katharina gewidmete Kapelle auf der Burg, deren Kaplan nicht nur die Mitglieder des Gf.enhauses, sondern auch die Hofgemeinde betreute. Die Katharinenkapelle wurde im Verlaufe der Jahrhunderte zur Kirche ausgebaut (urkundliche Ersterwähnung als Kirche 1415). Eine erste eigene Pfarrei ist in B. für 1321 verbürgt (seit 1543/44 Pfarrkirche St. Johannes). Unter Einfluss seines Hofkaplans Johan van Loen führte Graf Arnold I. von B. 1544 die lutherische Reformation ein. Im selben Jahr wurde die Katharinenkirche auf der Burg erstmalig für evangelische Gottesdienste und in nachfolgenden Jahrzehnten von der reformierten Schlossgemeinde genutzt. Die Säkularisierung der Burgkapelle erfolgte 1767.

Der Enkel Arnolds I. von B., Arnold II. (1554-1606), konvertierte nach seiner Vermählung (1573) mit der reformierten Gf.in Magdalena von Neuenahr vom protestantischen zum reformierten Glaubensbekenntnis, das er 1575 auf seinen Hof übertrug. Die Kirchen in seinen Territorien Bentheim, Tecklenburg, Limburg und Steinfurt blieben zunächst dem lutherischen Glauben verpflichtet, bis ab 1588 sukzessive, doch nicht ohne Gegenwehr der Bevölkerung, die reformierte Konfession übertragen wurde. Erst 1592 wurde die Pfarrkirche St. Johannes in B. entsprechend der Konfession ihres Landesherrn neu ausgerichtet. Im 17. Jahrhundert wurde unter dem zum Katholizismus konvertierten Grafen Ernst Wilhelm von B.-Steinfurt (1623-1693) der katholische Glauben wiederum Leitkonfession im gesamten Territorium, was 1676 durch die Einweihung einer neuen katholischen Kirche im Ortskern manifest wurde. Nach dem Tod des katholischen Landesherrn wurde auf Betreiben des Kirchenrats der reformierten Gemeinde die alte Pfarrkirche St. Johannes abgerissen und an deren Stelle 1696 ein reformierter Neubau errichtet. Für die Nachfolgezeit kann im Ort B. sowie im gesamten Territorium eine Koexistenz katholischer und reformierter Gemeinden angenommen werden.

Eine aus wirtschaftlichen Erwägungen der Landesherren im 17. und 18. Jahrhundert erfolgte Ansiedlung von Juden in den Städten und Orten der Grafschaft wurde von einer ablehnenden Haltung der Einwohnerschaft begleitet. In B. wurden erstmals 1761 Juden angesiedelt.

(4) Die erhöht gelegene, stark befestigte Höhenburg ist bis heute das überragende Bauwerk der Stadt. Die Anlage wurde ab dem 17. Jahrhundert aufgrund ihrer Lage innerhalb des Territoriums überwiegend als Verwaltungszentrum, Gerichtssitz und Gefängnis der Obergft. genutzt. Als Sujet der bekannten niederländischen Landschaftsmaler Jacob van Ruisdael (1628-1682) und Nicolaes Berchem (1620-1683), die sich wohl um 1650/51 gemeinsam in der Grafschaft aufhielten, wurde die Anlage mehrfach bildlich dargestellt. Aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen zahlreiche Gemälde, Radierungen, Kupferstiche und Architekturpläne, die die Burg als Hauptmotiv zeigen. Über das Aussehen der wohl weitgehend vom ländlichen Erwerbsleben geprägten Siedlung ist nichts bekannt. Auch die Existenz einer Befestigung, z.B. in Form eines Palisadenzauns oder einer Stadtmauer, ist nicht belegt. Ein Rathaus wurde erst 1876 errichtet nach der Erhebung B.s zu einer Titularstadt im Königreich Hannover 1865.

(5) Die Grafschaft B. war durch mehrere Handelswege zu Land und zu Wasser in den regionalen und überregionalen Warenaustausch eingebunden, wobei der führende Marktort Nordhorn war. Seit dem 13. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die wirtschaftliche Entwicklung des Ortes B. vornehmlich durch das wichtigste Exportgut der Grafschaft, dem als »B.er Gold« bezeichneten Sandstein aus den Steinbrüchen von B. und Gildehaus, dominiert. Das gräfliche Bergregal umfasste auch das Abbaurecht für Sandstein; die Einkünfte aus dem Verkauf stellten die wichtigste Einnahmequelle des Gf.enhauses dar. Der abgebaute Sandstein wurde auf dem Landweg nach Schüttorf oder Nordhorn verbracht und von dort aus über die Vechte weiter transportiert. Abnehmer des (bis heute als Baumaterial beliebten) Sandsteins waren hauptsächlich die Niederlande, Flandern, Ostfriesland und das Münsterland, vereinzelt wurde auch nach Skandinavien exportiert. Zudem waren Architekten, Baumeister und Steinmetze aus der gesamten Grafschaft B. als Fachleute für die Bearbeitung des Sandsteins über die Grenzen des Territoriums hinaus gefragt. Die als »Hollandgänger« bezeichneten Saisonarbeiter (Handwerker, Steinmetze) stammten vorwiegend aus den Städten der Grafschaft (B., Schüttorf und Gildehaus). Die Zentralität B.s lag in der Anwesenheit der Grafen, für die Niedergft. bedeutend war Neuenhaus als Amtsstadt. Daneben war Nordhorn wichtige Amts- und Handelsstadt. Den Händlern, Kaufleuten und Handwerkern wurden vom Landesherrn besondere Privilegien verliehen, die sie von Abgaben an das Gf.enhaus befreiten.

(6) Über die Verbindung von Hof und der B.er Gemeinde ist so gut wie nichts bekannt. Hingegen lässt sich seit dem Spätmittelalter eine enge Verzahnung zwischen Landesherrn und Kirche feststellen. Das Gf.enhaus trat nicht nur als Stifter von Kirchen sowie als Förderer von Klöstern auf, sondern hatte unter anderem das Kirchenpatronat über B. und Neuenhaus inne. Die Einführung der Reformation in der Grafschaft B., der Ausbau der lutherischen Landeskirche bis zum 1597/98 erfolgten Abschluss der »Zweiten Reformation« in allen gfl.en Territorien, teils auch gegen den Willen der Bevölkerung, zeitigte starke Eingriffe in die städtische Autonomie.

Wirtschaftlich überregionale Bedeutung erhielt B. vor allem durch den Abbau des Sandsteins. Hierdurch rückte B. in das Blickfeld niederländischer Investoren, die am Export des »B.er Goldes« beteiligt waren.

(7) Das Bentheimer Stadtarchiv befindet sich im Kreis- und Kommunalarchiv des Landkreises Grafschaft Bentheim in Nordhorn. Die gräfliche Überlieferung befindet sich in Burgsteinfurt, Fürstliches Archiv; erschlossen ist es durch ein Findbuch: Inventar des fürstlichen Archivs zu Burgsteinfurt. Bestand A: Allgemeine Regierungssachen der Grafschaften Bentheim und Steinfurt, bearb. von Alfred Bruns und Wilhelm Kohl, Münster 1971 (Inventare der nichtstaatlichen Archive Westfalens, N.F., 5).

Visch, Wessel Friedrich: Geschichte der Grafschaft Bentheim, Zwolle 1820 [Neudruck Bad Bentheim 1986 (Das Bentheimer Land, 103)]. - Een cronike van den greven van Benthem. Edition und Übersetzung einer spätmittelalterlichen Chronik über die Grafen von Bentheim, hg. von Friedel Helga Roolfs, Heike Riedel-Bierschwale und Volker Honemann, 2. Auflage, Bielefeld 2011 (Westfälische Beiträge zur niederdeutschen Philologie, 12).

(8)Veddeler, Peter: Die territoriale Entwicklung der Grafschaft Bentheim bis zum Ende des Mittelalters, Göttingen 1970 (Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsen, 25). - Piechorowski, Arno: Zur Geschichte der Juden in der Grafschaft Bentheim, in: Beiträge zur Geschichte der Juden in der Grafschaft Bentheim, hg. von Arno Piechorowski, Bad Bentheim 1982 (Das Bentheimer Land, 101), S. 9-53. - Veddeler, Peter: Politische Geschichte der Grafschaft Bentheim von 1471-1701, in: Reformiertes Bekenntnis in der Grafschaft Bentheim 1588-1988, red. von Heinrich Voort, Bad Bentheim 1988 (Das Bentheimer Land, 114), S. 9-60. - Rohm, Thomas, Schindling, Anton: Tecklenburg, Bentheim, Steinfurt, Lingen, in: Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung, hg. von Anton Schindling und Walter Ziegler, Bd. 3, Münster 1991 (Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung, Vereinsschriften der Gesellschaft zur Herausgabe des Corpus Catholicorum, 51), S. 182-198. - Büttner, Nils, und Unverfehrt, Gerd: Jacob van Ruisdael in Bentheim. Ein niederländischer Maler und die Burg Bentheim im 17. Jahrhundert, Bielefeld 1993. - Bad Bentheim. Aspekte einer Stadtgeschichte, hg. von der Volkshochschule des Landkreises Grafschaft Bentheim, Bad Bentheim 1996 (Das Bentheimer Land, 138). - Voort, Heinrich: Transportwege im deutsch-niederländischen Grenzgebiet dargestellt am Beispiel des Absatzes von Bentheimer Sandstein, in: Kaufmann, Kram und Karrenspur. Handel zwischen Ijssel und Berkel, hg. von Jenny Sarrazin, Coesfeld 2001, S. 57-73. - Auf Spuren jüdischen Lebens in der Grafschaft Bentheim, red. von Hubert Titz, Nordhorn 2003 (Das Bentheimer Land, 163). - Marra, Stephanie: Art. »Grafen von Bentheim«, in: Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich, Tlbd. 2: Grafen und Herren, hg. von Werner Paravicini, Bd. 1, Ostfildern 2012 (Residenzenforschung, 15, 4, 1), S. 179-188.

Stephanie Marra