Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Limburg an der Lahn

Limburg an der Lahn

(1) L. entwickelte sich aus einer Wechselwirkung von Stift St. Georg, gegründet vor 910, und der Ansiedlung am Fuß des späteren Domberges. Erstmals urkundlich genannt wurde die Anhöhe L. 910. Stift und Siedlung gehörten zum Amtsgebiet des Gaugraf Konrad Kurzbold, dessen Linie 966 ausstarb. 1036 erbten die Luxemburg-Gleiberger die Herrschaft, im Laufe des 12. Jahrhunderts die Grafen von Peilstein-Kleeberg-Mörle, dann die Grafen von Leiningen. Diese lassen um 1180 L.er Münzen prägen. 1219 ist Heinrich von Isenburg, Erbe Friedrichs von Leiningen, Inhaber der Herrschaft, die er zu je einem Drittel vom Reich, vom Erzstift Mainz und von Hessen zu Lehen trägt. Heinrichs Söhne Gerlach und Heinrich übten die Herrschaft zunächst gemeinsam aus, teilten dann aber den Besitz. Gerlach nannte sich seit 1248 Herr von L. Der letzte der Herren von L., Johann II., starb 1406 ohne männliche Nachkommen. Damit erlosch die Funktion als Residenzstadt. Die Herrschaft ging an seinen Schwiegersohn Graf Adolf von Nassau und an Wildgf. Gerhard III. von Kirberg über. Nach Adolfs Tod übernahm Kurtrier (bereits seit 1344 Pfandherr), die Herrschaft L. und verpfändete sie seinerseits ab 1426. Die Pfandherrschaft dauerte bis 1624. Der Kurfürst wurde vor Ort durch einen Amtmann vertreten, dem ein Kellner zur Seite stand. 1802 übernahm Nassau-Weilburg das Amt L., 1803 fiel das Stift an Nassau-Usingen.

(2) Grabungsfunde des Jahres 2009 weisen auf eine Besiedlung des Dom- bzw. Burgbergs in vorchristlicher Zeit hin. Im L.er Raum sind fränkische Siedlungsspuren seit dem 7. Jahrhundert auszumachen. Ab wann es auf dem Felsen eine Burganlage gab, ist unsicher. Merowingische Ursprünge einer Burg zur Sicherung der Lahnfurt werden vermutet. Königsurkunden des 10. Jahrhunderts geben keine Hinweise, sie nennen nur einen Berg und einen Ort L. Eine sichere Nachricht über eine Burg gibt es erst 1277.

Im 10. Jahrhundert entstand eine Siedlung um die Laurentiuskirche, südlich des Burgbergs, die aber durch die Kaufmannssiedlung westlich der Burg im Bereich des späteren Fischmarktes an Bedeutung verlor. Dies wurde durch den Bau der ersten Lahnbrücke um 1160 beeinflusst. Im 14. Jahrhundert erreichte L. eine Bevölkerung von ca. 4500-5500 Einwohnern. Darauf deuten auch die Angaben in der L.er Chronik in Bezug auf die Sterblichkeitsrate während der Pest hin. Zwischen 1250 und 1350 erlebte L. eine Blütezeit. Die Oberschicht war wohlhabend, was sich in ihrer Bewaffnung und Lebensweise äußerte.

Ursprünglich war ein vom Stiftspropst eingesetzter Truchsess als Vorsteher der Schöffen »erster Bürger« der Stadt. Seit 1248 tritt an seine Stelle ein Schultheiß, der seine Befugnisse auf den Stadtherrn stützt. 1293 sind erstmals zwei Bürgermeister feststellbar. Vermutlich wurde zu dieser Zeit das zwölfköpfige vom Stadtherrn ernannte Schöffengremium um zwölf gewählte Ratsmitglieder erweitert. Nach den Verträgen von 1276, 1279 und 1344 zwischen Stadtherr und Bürgerschaft hatte die Stadt die Aufsicht über Maß und Gewicht, durfte Steuern erheben, sicherte den Bürgern das Eigentumsrecht, hatte ein vom Stadtherrn unabhängiges Gericht, einen Anteil an der Wehrhoheit unter Oberhoheit des Stadtherrn und konnte das Brücken- und Wegegeld erheben.

(3) Die möglicherweise älteste Kapelle in der Stadt, St. Peter, befindet sich in der Südostecke des Schlosses. Die Stiftskirche/Stift St. Georg auf dem Burgberg wurde 1235 geweiht. 910 stand in diesem Bereich eine Kirche über einem karolingischen Friedhof. Die Stiftskirche wurde mehrfach erweitert. 1629 wurde das ehemalige Marienstift Diez inkorporiert. Um 1250 wurde neben der Stiftskirche die Karnerkapelle St. Michael errichtet. 1331 wurde die Kirche St. Laurentius am Rossmarkt erstmals erwähnt. 1607 stürzte das Dach ein, woraufhin sie niedergelegt wurde. Das Franziskanerkloster am Roßmarkt wurde 1232 gegründet. Die im 14. Jahrhundert errichtete Kirche war die Grablege der Herren von L. 1813 wurde der Konvent aufgehoben. Der älteste Hinweis auf das Hospital mit Hl.-Geist-Kapelle, jenseits der Lahnbrücke, datiert von 1310. 1573 erfolgte die Verlegung ins Wilhelmitenkloster vor dem Diezer Tor. Die Kapelle wurde 1590 wegen Baufälligkeit abgerissen. 1317 wurde das Wilhelmitenkloster, errichtet um 1300, vor die Diezer Pforte verlegt. Von 1320 bis 1350 wurde die Annakirche errichtet. 1568 erlosch der Konvent, die Gebäude wurden ab 1573 als Hospital genutzt. 1322 bis 1324 wurde in Lahnnähe die Johanneskapelle errichtet als Teil des L.er Stadthofs des Klosters Eberbach/Rheingau. An der Nordost-Seite des äußeren Brückenturmes wurde von 1490 bis 1496 die Brückenkapelle angebaut. Am Offheimer Weg stand die zum Dorf Kreuch gehörende Hl.-Kreuz-Kapelle.

Es gab eine Reihe geistlicher Gemeinschaften, unter denen das Kanonikerstift St. Georg und das Franziskanerkloster herausragten. Daneben gab es die Schwestern der Dritten Regel des Hl. Franziskus am Rossmarkt, die ab dem 14. Jahrhundert nachweisbar sind. 1438 übergab die letzte Schwester das »Regelhaus« an die Franziskaner. Die Ursprünge des Klosters Bethlehem gehen auf die 1246 erstmals belegten Beginen zurück. 1478 schlossen die Bewohnerinnen sich dem Dritten Orden an, sechs Jahre später erhalten sie die neue Hieronimuskapelle als Geschenk. 1467 werden die Sebastian- und die Jodocus-Bruderschaft erwähnt, beide an der Franziskanerkirche. Die St. Jakobusbruderschaft in der Windsbach (Wilhelmitenkloster) wird 1474 und 1476 genannt. Dort gab es auch die St. Anna-Bruderschaft, die im 16. Jahrhundert ihren Höhepunkt erlebte. Die St. Georgsbruderschaft im Stift wird ab 1482 wiederholt in Testamenten bedacht.

1525 wird einer zur Kurtrierer Regierung nach Ehrenbreitstein befohlenen Delegation vorgehalten, es gebe einen Kaplan in der Stadt, der die neue lutherische Lehre predige, was unterbunden werden müsse. Aufgrund der teilweisen Verpfändung an die Landgrafschaft Hessen fanden reformatorische Gedanken Verbreitung. An den lutherischen Universitäten Gießen und Marburg sowie an der calvinistischen Hohen Schule Herborn lassen sich im 16./17. Jahrhundert L.er Studenten feststellen. Auch im St. Georgsstift soll es Sympathisanten der Reformation gegeben haben. Mit dem Ende der Pfandherrschaft 1624 wurde L. rein katholisch.

Die erste Erwähnung eines Juden gab es 1278, die der Synagoge 1336. Im 1548 zusammengestellten Stadtbuch »Ordenung der Oberkeit« wird den Bestimmungen über die Juden breiter Raum gegeben, was auf eine größere Gemeinschaft hindeutet. Im 17. Jahrhundert war die Synagoge an gleicher Stelle wie 1336, seit 1660 in einem Haus am Fischmarkt, seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in der Löhrgasse.

(4) In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde die erste Mauer um die Kaufmannssiedlung errichtet. Aufgrund des Wachstums der Stadt wurde um 1230 eine zweite Befestigung errichtet, die von der Lahn entlang der späteren Grabenstraße bis zur Obermühle die Stadt halbkreisförmig umgab.

Nach dem großen Stadtbrand von 1289 entstanden zahlreiche Fachwerkbauten. Ihre genaue Beschaffenheit ist nicht überliefert, doch ist aus den Nachrichten vom Wohlstand der Einwohner, insbesondere der Oberschicht, zu schließen, dass die Bauten repräsentativ waren. Im 14. Jahrhundert entstehen an den Ausfallstraßen die Vorstädte Hammer- bzw. Frankfurter Vorstadt, Diezer Vorstadt und Brückenvorstadt. Letztere erlebte einen Entwicklungsschub mit dem Bau der steinernen Brücke ab 1315.

Im 14. Jahrhundert lag das Rathaus möglicherweise im Bereich der Salzgasse. Das älteste nachweisbare Rathaus stand am Kornmarkt/Ecke Fleischgasse. 1399 erwarb die Stadt von den Geschwistern Sybold ein Haus am Fischmarkt, das 1502 als Rathaus bezeichnet wird und diese Funktion bis 1899 hatte.

Unter den Bauten des 13. Jahrhunderts ragte die Stiftskirche heraus. Unter den Profanbauten ist der ab 1665 errichtete Walderdorffer Hof zwischen Fahrgasse und Rosengasse, der an Stelle einer mittelalterlichen Hofanlage trat mit dem erhaltenen, um 1350 errichteten Wohnturm, von besonderer Prominenz.

(5) Unter den Konradinern war L. der zentrale Ort des Niederlahngaus, doch übernahm ab dem 12. Jahrhundert das benachbarte Diez durch die dortigen Grafen mehr und mehr diese Rolle.

Durch die Lage am Handelsweg hatte L. wirtschaftliche Beziehungen nach Frankfurt, deren genauer Umfang noch nicht erforscht ist. L.er Tuch wurde dort gehandelt, war aber auch in Zürich, Straßburg und Augsburg zu finden. Seit dem späten 13. Jahrhundert werden diverse Märkte genannt: Roßmarkt (1289), Schuhmarkt (1314), Fischmarkt (1317), Kornmarkt (1339) und weitere. Es gab fünf Jahrmärkte zwischen Halbfasten und St. Katharina. Der Handel erfuhr im »Ordenung der Oberkeit« genannten Stadtbuch von 1548 starke Berücksichtigung, was einen Hinweis auf die Bedeutung L.s als Handelsstadt gibt.

Gemäß ksl.er Privilegierung von 1356 und 1510 sowie durch den Bertramschen Vertrag von 1494 waren die L.er im Diezischen und Hessischen von Zöllen befreit. Kaiser Karl IV. legalisierte 1357 die Zollerhebung an der Lahnbrücke. 1346 verbündete sich die Stadtgemeinde mit den Wetterauischen Reichsstädten Frankfurt, Friedberg, Wetzlar und Gelnhausen. Es folgten weitere Verträge mit Graf Johann von Nassau-Hadamar (1351), dem Erzbischof von Trier (1353), dem Grafen von Diez (1357) und schließlich ein Schutzbündnis mit dem Stadtherrn Johann von Isenburg (1393).

(6) L. erlebte unter der Herrschaft der Isenburger eine Blütezeit, woran auch die beiden großen Katastrophen, der Stadtbrand von 1289 und die Pestwelle um 1350, nichts änderten. Die Stadtherren vermochten es aber nicht, aus dieser positiven Entwicklung für sich ausreichenden Nutzen zu ziehen, so dass sie L. ab 1344 verpfänden mussten. Ab 1420 gehörte die Stadt zum Kurfürstentum Trier und war das Zentrum der Kurtrierer Besitzungen im Lahngebiet. Im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit war L. immer wieder in Auseinandersetzungen mit dem benachbarten Diez bzw. zwischen Kurtrier und Nassau verwickelt.

(7) Archivalien befinden sich im Stadtarchiv Limburg (StALM) und im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW). Außerdem: Stadtarchiv Köln, Chroniken und Darstellungen Nr. 332: Mechtel, Johannes: Introductio in Pagum Logenahe. (Fotokopie im Stadtarchiv Limburg a.d. Lahn; Edition in Vorbereitung).

Die Limburger Chronik des Tilemann Elhen von Wolfhagen, ed. von Arthur Wyss, Hannover 1883 (MGH Deutsche Chroniken 4,1). - Quellen zur Geschichte der Klöster und Stifte im Gebiet der mittleren Lahn bis zum Ausgang des Mittelalters, Tl. 1: Das St. Georgenstift, die Klöster, das Hospital und die Kapellen in Limburg an der Lahn. Regesten 910-1500, bearb. von Wolf-Heino Struck, Wiesbaden 1956 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau 12,1). - Quellen zur Geschichte …, Tl. 5, 2: Rechnungen und Register. Das Stift St. Georg zu Limburg. Rechnungen und Register 1367 bis 1500. Seelbuch von 1470, bearb. von Wolf-Heino Struck, Wiesbaden 1984 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 12, 5). - Eiler, Klaus: Das Limburger Stadtbuch von 1548. Georg Rauschers »Ordenung der Oberkeit« und andere ausgewählte Quellen zu Bürgerrecht und Stadtverfassung von Limburg im 16. und 17. Jahrhundert. Eine Edition, Wiesbaden 1991 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 46). - Mechtel, Johannes: Der Lahngau - 1623 (Pagus Logenahe), bearb. und übers. von Walter Michel. Limburg 2005 (Veröffentlichungen des Fördervereins Limburger Schloss, 1). - Brommer, Peter: Kurtrier am Ende des Alten Reichs. Edition und Kommentierung der kurtrierischen Amtsbeschreibungen von (1772) 1783 bis ca. 1790, Mainz 2008 (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte, 124/1), S. 367-436.

(8)Höhler, Jakob: Geschichte der Stadt Limburg an der Lahn, Limburg [1935]. - Schirmacher, Ernst: Limburg an der Lahn. Entstehung und Entwicklung der mittelalterlichen Stadt, Wiesbaden 1963 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 16). - Stille, Eugen: Limburg an der Lahn und seine Geschichte, Kassel 1971. - Struck, Wolf-Heino: Zur Verfassung der Stadt Limburg an der Lahn im Mittelalter. Mit einer bisher unedierten Urkunde von 1277, in: Nassauische Annalen 99 (1988) S. 1-13. - Hessischer Städteatlas. Lieferung I, 6: Limburg an der Lahn, bearb. von Ursula Braasch-Schwersmann, Holger Th. Gräf, Ulrich Ritzerfeld, Marburg 2005. - Corden, Ludwig: Limburger Geschichte. Drei Bände. Aus dem Lateinischen übersetzt von Joseph Wingenbach, bearb. von Franz-Karl Nieder, 22008 (Digitalisat). - Nieder, Franz-Karl: Pfandherren von Limburg 1344-1624, Limburg 2009. - Waldecker, Christoph: … in Monte quodam Lintburk vocato in Logenahe. Die erste urkundliche Erwähnung Limburgs 910, in: Limburg im Fluss der Zeit. Schlaglichter aus 1100 Jahren Stadtgeschichte, Limburg a.d. Lahn 2010 (Beiträge zur Geschichte der Kreisstadt Limburg a.d. Lahn, 1), S. 1-10. - Wolf, Rudolf: Das St. Georgstift zu Limburg, in: Limburg im Fluss der Zeit. Schlaglichter aus 1100 Jahren Stadtgeschichte, Limburg a.d. Lahn 2010 (Beiträge zur Geschichte der Kreisstadt Limburg a.d. Lahn, 1), S. 63-91. - Eiler, Klaus: Limburg an der Schwelle zur Neuzeit, in: Limburg im Fluss der Zeit. Vorträge zur Stadtgeschichte, Limburg a.d. Lahn 2013 (Beiträge zur Geschichte der Kreisstadt Limburg a.d. Lahn, 2), S. 105-126. - Bomert, Jürgen C., Klein, Ulrich: Limburg an der Lahn. Der Walderdorffer Hof, Regensburg 2015 (Kleine Kunstführer, 2843). - Waldecker, Christoph: Limburg a.d. Lahn im Wandel der Zeit, Olching 2017. - Waldecker, Christoph: Kleine Geschichte der Kapelle in der Erbach, Limburg 22020 (Mitteilungen aus dem Stadtarchiv Limburg a.d. Lahn, 1).

Christoph Waldecker