(1) E. (seit 1913 offiziell als Bad bezeichnet) galt nicht erst im 19. Jahrhundert, sondern bereits im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit als einer der führenden Sommerbadeorte des Adels. Die Grafen von Nassau errichteten als Landesherrn mehrere repräsentative Badehäuser. Bad und Dorf blieben bis ins 19. Jahrhundert topographisch, wirtschaftlich und kulturell getrennt, unterstanden aber einer gemeinsamen Herrschaft und Verwaltung.
E. liegt zwischen den Höhen von Westerwald und Taunus an der Mündung des Emsbachs in die Lahn, etwa acht Kilometer südöstlich von Koblenz. In römischer Zeit befand sich an der Stelle des späteren Dorfes ein Kastell, anstelle des Bades ein Kleinkastell zur Sicherung des Limes. Das Dorf E. (1324 mit Stadtrecht begabt) entstand etwa anderthalb Kilometer weiter westlich wohl im 6. Jh.; wichtigster Grundherr war das Koblenzer Stift St. Kastor. Im Spätmittelalter bauten die Grafen von Nassau gegenüber dem Stift ihre Landesherrschaft aus, an der seit dem 14. Jahrhundert die Grafen von Katzenelnbogen, nach deren Aussterben 1479 die Ldgf.en von Hessen Anteil hatten. Bis zum Ende des Alten Reichs blieb E. ein Kondominat. Das Bad entstand im Laufe des Spätmittelalters östlich des Dorfes an einer Stelle, an der auf natürliche Weise Thermalwasser austrat.
(2) Dorf und Bad bildeten eine gemeinsame Vogtei. 1324 erhielt E. zwar Stadtrecht, doch kam es nur in Ansätzen zu einer städtischen Entwicklung. Auch der 1379 verliehene Jahrmarkt am St. Bartholomäustag (24. Aug.) hatte keinen Bestand. Beide Landesherren ließen sich vor Ort durch Vögte vertreten, die die Verwaltung gemeinsam ausübten. Mit zunehmender Bedeutung des Bades wurde der Vogt im 18. Jahrhundert als Badeverwalter bezeichnet.
Von Frondiensten und Abgaben abgesehen gab es kaum wirtschaftliche Beziehungen des Ortes zu den herrschaftlichen Badehäusern. Mit dem Bau von Bürgerhäusern um 1700 beiderseits der Badehäuser verdienten Einheimische als Handwerker und als Logierwirte in den Sommermonaten am Badebetrieb, Pächter der Verkaufsläden waren hingegen durchweg Auswärtige.
(3) Um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstand im Bereich des abgegangenen römischen Kastells die Martinskirche, Inhaber der Pfarrei und damit des Zehnten war das Stift St. Kastor. Um 1530 wurde die Reformation eingeführt, jedoch behielt das Kastorstift bis zu seiner Aufhebung 1802 den Zehnten und blieb für die Besoldung des nunmehr evangelischen Pfarrers zuständig. In der frühen Neuzeit und auch noch im 19. Jahrhundert besuchten neben den Einheimischen auch evangelische Kurgäste die Gottesdienste dieser Kirche.
1474 errichteten die beiden Landesherren eine Kapelle auf dem Bad (im Bereich des heutigen Kurhauses). Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges befand sie sich in einem baufälligen Zustand. 1647 ordnete Graf Ludwig Heinrich von Nassau-Dillenburg ihre Instandsetzung an. Als Anhänger des reformierten Glaubens ließ er dort Gottesdienste seiner Konfession abhalten, was Proteste der lutherischen Ldgf.en von Hessen auslöste. Als 1652 der zum katholischen Glauben übergetretene Graf Johann Ludwig von Nassau-Hadamar anlässlich seines Kuraufenthalts katholische Gottesdienste durchführen ließ, kam es zu scharfen Auseinandersetzungen um die Nutzung der Kapelle. Hessen und Nassau teilten 1695 das Bad, um jeweils eigene Badehäuser errichten zu können. Mit diesem Vertrag wurde die Kapelle den Grafen von Nassau überlassen, die sie zugunsten des 1709 begonnenen oranien-nassauischen Badehauses (heute östlicher Teil des Kurhauses) abbrachen. Damit wurde die Martinskirche im Dorf wieder zur einzigen evangelischen Kirche, auch für Kurgäste (eventuell wurde der Festsaal im zweiten Stock des oranien-nassauischen Badehauses [heute Kaisersaal des Hotels] für reformierte Gottesdienste genutzt).
Gegenüber dem Bad auf der linken Lahnseite erstreckte sich das Gebiet der kurmainzischen Stadt Oberlahnstein bis zum Flussufer. Hier ließ der katholische Landgraf Ernst von Hessen 1661 mit Erlaubnis des Ebf.s eine Kapelle errichten, die fortan von katholischen Kurgästen besucht werden konnte. Sie wurde 1724 erweitert und zur Pfarrkirche für die Oberlahnsteiner Waldhöfe erhoben und erst 1876 mit dem Ortsteil Spieß nach E. eingemeindet.
(4) Dorf und Bad waren zwei räumlich getrennte Siedlungen. Das Dorf blieb ländlich geprägt, die Bebauung bestand aus zumeist einstöckigen kleinen Bauernhöfen. Baulich hervorgehoben waren der (noch erhaltene) Zehntehof des Kastorstifts und höchstwahrscheinlich auch der (nicht mehr existierende) Hof des Deutschen Ordens. Als Rathaus fungierte ein Wohnhaus mit geschmücktem, später verputztem Fachwerk (2007 abgerissen), dem gegenüber das um 1700 ebenfalls in geschmücktem Fachwerk errichtete, heute noch erhaltene Wirtshaus »Krone« (im 19. Jahrhundert »Alte Krone«) stand (Koblenzer Straße 22).
Bei den etwa anderthalb Kilometer östlich des Dorfs gelegenen Thermalquellen entstand spätestens im 14. Jahrhundert ein Wildbad mit zunächst einem Turm direkt über der Quelle. Im 15. Jahrhundert wurden ein weiterer Turm und Badehäuser sowie ein Armenbad errichtet, ein Küchenbau, eine Schenke und die erwähnte Kapelle folgten. Der Badebereich war von Mauern geschützt, es gab eine Pforte und eine Zugbrücke. Die gesamte Badeanlage hatte um 1500 den Charakter einer kleinen Burg. Die Türme dienten den beiden Landesherren während ihrer Sommeraufenthalte als Wohntürme. Das Bad blieb unter gemeinschaftlicher Verwaltung, jedoch wurde der östliche Teil vorwiegend von den Grafen von Nassau und der westliche von denen von Katzenelnbogen bzw. ab 1479 von ihren Erben, den Ldgf.en von Hessen genutzt. Eine Beschreibung des hessischen Turmes von 1577 vermittelt Einblicke in die repräsentative Nutzung. Der Turm erhob sich direkt am Badebecken, in dem Vorläufer der heutigen Kränchenquelle zutage traten. Im Turm gab es ein fsl.es Gemach, darüber lagen zwei mit Kaminen ausgestattete Kammern für Marschall und Kammerjunker, im dritten Stock lagen der Speiseraum für Truchsessen und zwei Kammern für Kammerbuben und im ausgebauten Dachboden fanden Narren und Trabanten Platz.
1581 errichteten die Ldgf.en den Lahnbau. Damit wurde der Burgcharakter der Anlage überwunden und ein herrschaftliches Gebäude im Stil eines kleinen Wasserschlösschens vom beengten Ufergelände aus in die Lahn hinein gebaut. Nach der vertraglichen Aufteilung des Bades 1695 entstand im Westen auf den spätmittelalterlichen Grundmauern das neue hessische Bad und östlich angrenzend ab 1709 das neue oranien-nassauische Badehaus. Es ist noch heute im östlichen Teil des Kurhauses erhalten, während - noch immer auf den spätmittelalterlichen Grundrissen - die hessischen Gebäude einschließlich des Lahnbaus 1912/13 durch den heutigen westlichen Teil des Kurhauses bzw. Hotels ersetzt wurden.
Mit dem Aufkommen der Trinkkur im 16. Jahrhundert wurde der Bereich außerhalb der Bäder zu einem Ort der Repräsentation. Das Promenieren mit einem Gefäß bzw. Glas in der Hand erfolgte zunächst in den Brunnenhallen der beiden Badehäuser, dann aber auch in den Alleen oder Promenaden, die im Zuge des Aufblühen des Bades nach dem Dreißigjährigen Krieg bereits vor dem Neubau der herrschaftlichen Badehäuser angelegt wurden. Östlich des Bades, in der heutigen Lahnstraße, entstanden um 1700 eine Nussbaumallee und eine Reihe mehrstöckiger Bürgerhäuser, ausgehend vom 1696 errichteten Steinernen Haus des hessischen Vogtes mit seinem repräsentativen Rollgiebelwerk (1968 abgerissen). Westlich des Bades entstand bergseitig entlang der heutigen Römerstraße eine Zeile von Bürger- und Handwerkerhäusern. Den westlichen Abschluss des Bades und der Allee bildete das 1696 durch Feldmarschall von Thüngen erbaute Haus Karlsburg, die heutigen »Vier Türme«. Von hier führte die Landstraße noch einige hundert Meter westlich bis zum Eingang des Dorfes. Südöstlich des Bades gehörte das linke Lahnufer zum Kurfürstentum Mainz. Hier errichtete 1694 Kft. Anselm Franz auf eigenem Territorium unterhalb der katholischen Kapelle (s.o.) das »Mainzer Haus«.
Bildliche Darstellungen aus der frühen Neuzeit gibt es fast nur vom Bad, bekannt ist vor allem der Kupferstich aus Merians Topographie von Hessen (1646, 2. Aufl. 1655). Zu den wenigen Ausnahmen, die auch das Dorf zeigen, gehört die mit »J.F.v. Stövesandt 1769« signierte Panoramadarstellung, die vom Bad zum Dorf reicht und in einem zweiten Panorama das linke Lahnufer zeigt.
Ausdrucksformen herrschaftlicher Repräsentation sind einige Wappen. Über dem ehemaligen Eingangsportal des hessen-darmstädtischen Badehauses von 1696 ist noch das ldgf.e Wappen sichtbar, während ein etwas älteres Wappen daneben wohl noch vom Vorgängergebäude stammt. In der Brunnenhalle ist heute, nicht mehr am ursprünglichen (nicht mehr bekannten) Standort, ein großes Marmorwappen angebracht. Gestiftet hat es wohl die Bauherrin, Fs.in Henriette Amalie von Nassau-Diez (1666-1726), anlässlich der Hochzeit ihres Sohnes Johann Wilhelm Friso von Oranien mit Ldgf.in Marie Luise von Hessen-Kassel 1709. Höfische Kultur äußerte sich in Festmählern im Kurgarten oder in der Aufführung von Musikstücken wie etwa der Kantate »Wassermusik« von Christoph Graupner (1683-1760) anlässlich der Badekur des Ldgf.en Ernst Ludwig (1667-1739).
Ausdrucksformen der herrschaftlichen Repräsentation finden sich auch in den Sakralbauten. Dazu gehört das Wappen des Stifters der Kapelle Maria Königin, des Ldgf.en Ernst von Hessen-Rheinfels (1623-1693) in der Kapelle, aber auch das Wappen des Mainzer Ebf.s Lothar Franz von Schönborn (1655-1729), das anlässlich der Erweiterung 1724 über dem Eingangsportal angebracht wurde. Eine der beiden Glocken, die heute in der Kapelle hängen, war ursprünglich 1757 von Wilhelm V. von Oranien für das Türmchen auf dem nassauischen Badehaus gestiftet worden.
(5) Das Dorf E. konnte allenfalls einen Grundbedarf der angereisten Badegäste decken. Das Beispiel der Badereisen des Fürsten Johann Friedrich II. von Hohenlohe-Neuenstein-Öhringen (1708-1765) zeigt, dass Geflügel und Fisch am Ort erworben werden konnten, hingegen Wein, Mehl, Erbsen, Speck, Sauerkraut, Fleisch und auch Eier selbst mitgebracht wurden, dazu Lichter, Seife, Tafel- und Küchengeschirr, Bett- und Tischzeug, gewirkte und gemalte Tapeten, Samt- und Damastbezüge. Zum Tross der Kfs.in Maria Anna Sophia von Bayern (1728-1797) gehörten Pastetenkoch, Tafeldecker und Tapezierer. Manches konnte im nah gelegenen Koblenz gekauft werden.
(6) Trotz des 1324 erteilten Stadtrechts kam E. faktisch nie über dörflichen Rang hinaus. Der Ort war keine Residenz im eigentlichen Sinn, sondern fungierte nach ersten Ansätzen im 14. Jahrhundert vom 15. bis ins 20. Jahrhundert (mit einer Glanzzeit im 19. Jh.) als Bade- und Sommeraufenthaltsort, zunächst der Grafen von Nassau und der von Katzenelnbogen und deren Nachfolger, der Ldgf.en von Hessen, sowie der ihnen im Konnubium zugehörigen Familien, sodann auch anderer Hoch- und Niederadelsfamilien nicht nur des Reichs, sondern weiten Teilen Europas. Reflex dessen ist, dass E. seit 2021 Teil des UNESCO-Welterbes »Great Spa Towns of Europe« ist.
(7) Die wichtigsten ungedruckten Quellen zur frühneuzeitlichen Stadtgeschichte liegen im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden. Zu nennen sind hier insbesondere die Bestände 171 (Altes Dillenburger Archiv) und 355 (Vogtei Ems), u.a. mit den Rechnungen der Vogtei Ems und mit Akten zu Bausachen. Für das späte Mittelalter ist wichtig: Karl E. Demandt (Bearb.): Die Regesten der Grafen von Katzenelnbogen 1060 bis 1486, 4 Bde., Wiesbaden 1953-1957.
Gedruckte Literatur der frühen Neuzeit beschränkt sich auf ärztliche Badeschriften. Die Bibliothek des Stadtarchivs Bad Ems wie auch die Hessische Landesbibliothek Wiesbaden verfügen über umfangreiche einschlägige Sammlungen historischer Badeschriften. In Auswahl seien genannt: Dryander gen. Eichmann, Johann: Vom Eymsser Bade …, Marburg 1535. - Weigel, Marsil: Ausführliche Beschreibung des vortrefflichen, herrlichen, koestlichen warmen Badts Embß, Frankfurt a.M. 1627. - Wolfart, Peter: Neue Beschreibung der warmen Brunnen und Bäder zu Embs, Kassel 1716. - Delling, Carl Philipp von: Embßer Baad-Reiße welche Ihre Churfürstl. Durchl. In Bayern … 1763 nacher Embß ohnweit Coblenz angetretten, hg. und kommentiert von Karl Billaudelle, 2 Hefte, Bad Ems 1989 (Bad Emser Hefte, 81). - Brückmann, Carl Philipp: Neue verbesserte und vollständige Beschreibung der gesunden und warmen Brunnen und Bäder zu Ems, Frankfurt und Leipzig 1772.
Das Stadtmuseum Bad Ems besitzt zudem eine Sammlung von Druckgrafiken. - Zum Stich von Stövesandt siehe Bach, Adolf: Aus Goethe’s rheinischem Lebensraum. Menschen und Begebenheiten. Gesammelte Untersuchungen und Berichte, Neuss 1968, S. 150.
(8)Bach, Adolf: Kirchliche Verhältnisse in der Vogtei Ems von der Reformation bis zum Ausgang des Dreißigjährigen Krieges, in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Bad Ems, hg. von Adolf Bach, Bad Ems 1925, S. 48-85. - Kloft, Jost: Die politische Entwicklung des Bades Ems im Lichte seiner Baugeschichte, in: Jahrbuch für die Geschichte und Kunst des Mittelrheins und seiner Nachbargebiete 15/16 (1965/66) S. 39-72. - Weithoener, Dieter: Bad Ems, Stadt mit Gesicht. Beiträge zur Baugeschichte, mit Photographien von Carlheinz Tömmel, Bad Ems 1987. - Sarholz, Hans-Jürgen: Geschichte der Stadt Bad Ems, 2. Aufl. 1996. - Sarholz, Hans-Jürgen: Vom Wildbad zum Grand Hotel. Die Baugeschichte des Kurhauses von Bad Ems, Bad Ems 2016 (Bad Emser Hefte, 479). - Sommer, Hermann: Zur Kur nach Ems. Ein Beitrag zur Geschichte der Badereise von 1830 bis 1914, Stuttgart 1999 (Geschichtliche Landeskunde, 48).