Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Altenkirchen

Altenkirchen

(1) A. liegt verkehrsgünstig im Westerwald an der Wied, an der Kreuzung der Köln-Frankfurter-Straße mit der Köln-Leipziger-Straße.

Das Kirchspiel A. gehörte seit dem 12. Jahrhundert zur Grafschaft Sayn. Die Grafen von Sayn waren zugleich Vögte des Besitzes des Bonner Stiftes St. Cassius und Florentius, das in A. Güter hatte. 1314 erwirkte Graf Gottfried II. von Sayn (†1327) von König Ludwig IV. Stadtrechte für A., das den Grafen als gelegentliche Residenz und als Witwensitz diente. Seit dem 15. Jahrhundert war A. Amtssitz. Mit dem Tod Graf Heinrichs IV. von Sayn (†1606) erlosch das Grafenhaus. Die Stadt kam wie die gesamte Grafschaft an die Linie der Grafen von Sayn-Wittgenstein. Im Zuge der ab 1636 nach dem Tod Graf Ernsts von Sayn-Wittgenstein (†1632) einsetzenden Erbstreitigkeiten besetzte Graf Christian von Sayn-Wittgenstein 1642 Stadt und Amt A., nahm seine Residenz in der Stadt, musste das Gebiet jedoch 1662 an die saynischen Erbtöchter zurückgeben. Nach der Landesteilung der Grafschaft in der Mitte des 17. Jahrhunderts war A. Hauptort und Sitz der zentralen Verwaltungseinrichtungen der neu geschaffenen Grafschaft Sayn-A. (Kanzlei bzw. Kanzleidirektorium mit Unterbehörden, zuständig für die Ämter der Grafschaft, ab 1744 auch für das Bergamt in Kirchen). Diese Grafschaft fiel an die Herzöge von Sachsen-Eisenach, von denen Herzog Johann Georg I. kurzzeitig A. 1665-1668 zur Residenz wählte, die ansonsten aber nur selten im Westerwald weilten. 1741 ging die Stadt mitsamt der Grafschaft an die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach über, die den Landesteil von Ansbach aus regierten, sich ab 1771 von einem Gouverneur vertreten ließen, der in A. seinen Sitz hatte. 1791 kam Sayn-A. an das Königreich Preußen und war ab 1802/1803 nassauisch, fiel indes nach dem Wiener Kongress 1815 wieder an Preußen.

(2) A. dürfte in fränkischer Zeit entstanden sein, sowohl eine Pfarrkirche als auch ein Königshof sind zu vermuten. Der Hof mit der Kirche und den zugehörigen Kapellen und Zehnten zählte 1131 zum Besitz des Bonner Stiftes St. Cassius und Florentius. Die um die Kirche entstandene Siedlung erhielt 1314 Stadtrecht. Die Errichtung der Stadtbefestigung erfolgte wohl anschließend. Während der frühen Neuzeit wurde die Stadt um eine Vorstadt erweitert. 1728 vernichtete ein Brand weite Teile der Stadt.

1578 gab es in A. 48 Feuerstellen (Räuche), in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zählte die Stadt 40 Feuerstellen, was auf 200 bis 300 Einwohner schließen lässt. 1741 waren 101 Häuser vorhanden, 1787 dann 112 Haushalte, was eine Einwohnerzahl von über 400, eventuell 500 nahelegt.

Bürgermeister sind seit 1450 belegt. Sie waren zunächst Richter am Gericht in der Stadt (mit sieben Schöffen) und zugleich Schöffen des älteren saynischen Hochgerichts der Hohen Feste zu Birnbach (fünf Kilometer nordwestlich A.s), das vor 1464 als Hochgericht nach A. verlegt wurde. Die Gerichtsbarkeit wurde seit dem 16. Jahrhundert zunehmend durch den saynischen Amtmann übernommen. Ein Rat existierte nicht, eine Bürgerversammlung verhandelte Mitte des 18. Jahrhunderts die städtischen Angelegenheiten (aufgrund der Überlieferungsverluste durch den Stadtbrand 1728 kaum näher einzugrenzen). Familien des lokalen Adels hatten in der Stadt Burgmannensitze inne (etwa 1475 Arnold von Widderstein). Mit dem Ausbau der landesherrlichen Verwaltung (Kanzlei und Amt) zogen vermehrt gräfliche Bedienstete in die Stadt. Seit Ende des 16. Jahrhunderts bestand in A. eine Gefälleverwaltung für die gesamte Grafschaft (Kammerordnung 1579).

Wirtschaftlich war A. weitgehend landwirtschaftlich geprägt, die Produktion diente hauptsächlich dem lokalen Markt. In der frühen Neuzeit wurde das gewerbliche Leben organisiert, es entstanden die Zünfte der Wollenweber (1622), Schlosser, Schmiede, Schreiner (1670), Rotgerber, Schumacher und Sattler (1727), Bäcker (vor 1744) sowie der Wagner, Maurer und Fenstermacher. Seit 1603 sind ein Markt im Sommer am Tag der Kirchweihe, seit 1710 ein Wochenmarkt in der Stadt und ab 1736 zwei Jahrmärkte belegt.

(3) Die A.er Pfarrei war Mittelpunkt eines ausgedehnten Kirchspiels, das im hohen Mittelalter weit nach Osten ausgriff und zu dem mehrere Filialkirchen im Umland zählten (u.a. Hilgenroth). Ihr Martinspatrozinium deutet auf eine frühe, wohl fränkische Gründung hin. 1131 befand sie sich im Besitz des Bonner St. Cassius und Florentius-Stiftes. Die Pfarrkirche war im 18. Jahrhundert mit dem Schloss über einen Gang verbunden und wurde als Hofkirche genutzt. Klöster oder Stifte waren in der Stadt hingegen nicht vorhanden.

1561 schlossen sich die Grafen von Sayn der Reformation an und traten zum lutherischen Bekenntnis über. Graf Wilhelm von Sayn-Wittgenstein führte 1605 das reformierte Bekenntnis ein und setzte den A.er Pfarrer ab. 1665 wurde erneut eine lutherische Gemeinde gegründet, ab 1688 gab es wieder eine lutherische Pfarrei. Bereits 1562-1588 war in A. ein Superintendent (neben einem in Hachenburg 1563-1605) eingesetzt. 1613 wurden reformierte Inspektoren für die Grafschaft Sayn mit Sitz in der Stadt ernannt (bis 1727), ab 1710 auch lutherische Inspektoren (ab 1817 Superintendenten). Seit Ende 1784 setzten wieder katholische Gottesdienste ein, für die Teile des Schlosses genutzt wurden. Bis zum Ende der Grafschaft Sayn-A. existierten drei Konfessionen parallel. Bereits im 17. Jahrhundert bestand eine Lateinschule, Ende des 18. Jahrhunderts wurde ein Gymnasium in der Stadt eingerichtet.

(4) Die Gestaltung des Stadtraumes ist wegen der völligen Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg kaum noch erkennbar. Vor dem 18. Jahrhundert war die Stadt vermutlich geprägt von planlos angelegten engen Gassen. Der verheerende Stadtbrand 1728 bot die Möglichkeit einer völligen Neugestaltung der Stadt. Die Hauptstraße wurde zur zentralen Durchgangsachse und durch die beiden Stadttore an der nördlichen und südlichen Stadtmauer geführt. Im Mittelpunkt der Stadt wurde der geräumige Marktplatz angelegt, um den die übrigen Straßen parallel verliefen. Die 1746 erwähnte Vorstadt als Erweiterung ist wohl nach 1688 unter Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach (reg. 1698-1729) entstanden.

Mit dem aus der spätmittelalterlichen Burg hervorgegangenen Schloss als zusätzliche Residenz der Grafschaft Sayn bestand bis in das 18. Jahrhundert hinein ein kontinuierliches, obgleich mit unterschiedlicher Intensität genutztes, herrschaftliches Zentrum. Die Burg wurde im Zuge der Stadtbefestigung im Norden der Siedlung am höchsten Punkt errichtet. Die Baugeschichte des Schlosses ist nicht sicher belegt, der Baubestand indes in Plänen des 18. Jahrhunderts dokumentiert. Abgesehen von der gelegentlichen Nutzung als Residenz neben den anderen saynischen Herrschaftssitzen in Hachenburg, Sayn, Friedewald und auf der Freusburg sowie vorübergehend durch Graf Christian von Sayn-Wittgenstein und die Herzöge von Sachsen-Eisenach entwickelten sich in A. kaum höfische Formen. Im Schloss standen nur wenige repräsentative Räume zur Verfügung, daher schied A. als dauerhafte Residenz mit dem Wegzug Herzog Johann Georgs I. von Sachsen-Eisenach (†1686) aus. Lediglich Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach besuchte die Grafschaft Sayn-A. wiederholt 1706-1722 und ließ die fsl.en Räume im Schloss oftmals modernisieren. Dadurch konnte die Stadt hohen Fürsten mehrmals als Station dienen, wie etwa 1701-1704 dem Kurfürsten von der Pfalz, 1717 dem Thronfolger Wilhelm Heinrich von Sachsen-Eisenach oder 1725 der Herzogin von Parma. Die Herzöge von Sachsen-Eisenach legten Wert auf eine angemessene Unterkunft in A., die der Herrschaftsrepräsentation durch symbolische Präsenz in ihrem Westerwälder Nebenterritorium diente. Nach dem Tod Herzog Johann Wilhelms 1729 ebbte das Interesse der Landesherren an A. deutlich ab. Kanzlei und Amt A. hatten ihren Sitz indes weiterhin im Schloss. Das Schloss wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts abgerissen.

Die Formung des Stadtraumes unter den Markgrafen von Brandenburg-Ansbach zeigt sich punktuell durch den Bau des barocken Gouvernementsgebäudes 1745 (mit der Wohnung des Kanzleidirektors) an der Hauptstraße vor dem Schloss, das später Sitz des Amtes war und somit der Repräsentation der Institutionen der Landesherrschaft in der Stadt diente. Als Beispiel städtischen Bauens kann das nach dem Stadtbrand 1728 errichtete Fachwerkhaus gelten, in das um 1777 die »Privilegierte Apotheke« einzog, die 1699 von dem Hachenburger Apotheker Härtling als Nebengeschäft gegründet und 1717 vom Hof privilegiert wurde.

(5) A. besaß als Stadt in ihrem Umland keine nennenswerten Rechte. Neben den Zentralfunktionen als Kirchort, Nahmarkt, Hochgerichts-, Amts- und Kanzleisitz sowie als zeitweiliger Residenzstadt ist die Beteiligung an den Landständen zu nennen. Zusammen mit Hachenburg war A. als einzige Stadt Mitglied der gfl.-saynischen Landstände, mitunter wurden in A. Landtage abgehalten (1574, 1584). Als Landstand gewährte A. gelegentlich Kredite an den Landesherrn.

(6) Kontinuierliche Residenzfunktion - abgesehen von der temporären Nutzung als Sitz der Grafen von Sayn - hatte A. 1642-1662 unter Graf Christian von Sayn-Wittgenstein und 1665-1668 unter Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach. Gleichwohl wurde das Schloss bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein als standesgemäße Unterkunft zur Repräsentation der Herrschaft unterhalten. Kennzeichnend war die Anwesenheit gleich mehrerer herrschaftlicher Einrichtungen (Kanzlei, Amt, Hochgericht, Kammer) in der frühen Neuzeit. An A. lässt sich die Entwicklung von einem Kirchenstandort zu einem auf Dauerhaftigkeit angelegten Behördenstandort beobachten. Die landesherrschaftliche Prägung des Stadtraumes zeigte sich im Ausbau der Burg zum Schloss, in der Stadterweiterung mit der Vorstadt und durch die Umgestaltung nach dem Stadtbrand 1728 sowie insbesondere durch den Bau des repräsentativen Gouvernementsgebäudes 1745. In der Stadt ließen sich landesherrliche Bedienstete, Hofangehörige und Amtsträger nieder, weitere personelle Verflechtungen zwischen Stadt und Hof bzw. Behörden wie Konnubium oder Patenschaften sind noch nicht erforscht. Mit Ausnahme der Landtagsabschiede sind finanzielle Abhängigkeiten des Landesherrn von der Finanzkraft der Stadt nur in Ansätzen zu erkennen. A. blieb bis zum Ende des Alten Reiches und darüber hinaus Sitz zentraler Behörden für die Grafschaft Obschon die Stadt nicht häufig als Residenz genutzt wurde, war sie dennoch bedeutend für die Herrschaftswahrnehmung in den Grafschaften Sayn und später Sayn-A.

(7) Die wesentlichen archivalischen Quellen werden überwiegend im Landeshauptarchiv Koblenz (Bestand 30, Bestand 655,152) und im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Abteilung 340) aufbewahrt. Weitere Archivalien - allerdings mit zeitlichem Schwerpunkt nach 1800 - befinden sich im Kreisarchiv Altenkirchen.

Hardt, Albert: Urkundenbuch der Herrschaft Sayn, Wiesbaden 2012. - Oeben, Marcel, Schneider, Daniel: Die Stadtrechtsverleihung an Altenkirchen, Hachenburg und Weltersburg. Mit Edition der Urkunde von 1314, in: Nassauische Annalen 125 (2014) S. 53-65. - Brommer, Peter: Die Ämter Altenkirchen, Freusburg und Friedewald der Grafschaft Sayn-Altenkirchen in den Jahren 1745/46. Edition und Kommentierung unbekannter Amtsbeschreibungen, Altenkirchen 2016.

(8)Dahlhoff, Matthias: Geschichte der Grafschaft Sayn und der Bestandtheile derselben, Dillenburg 1874. - Sinemus, Martin: Die Geschichte der evangelischen Gemeinden des Kirchenkreises Altenkirchen (Westerwald), Saarbrücken 1933. - Die Kunstdenkmäler des Kreises Altenkirchen, bearb. von Margot Bitterauf-Remy, Düsseldorf 1935 (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, 16). - Gensicke, Hellmuth: Landesgeschichte des Westerwaldes, Wiesbaden 1958 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 13). - Hennes, Friedrich: Zur Geschichte der Reformation in der Grafschaft Sayn, in: Festschrift zum 400jährigen Jubiläum der Reformation in der Grafschaft Sayn insbesondere innerhalb des Kirchenkreises Altenkirchen, hg. von Heinrich Müller, Albert Rosenkranz und Walter Schmidt, Düsseldorf 1961, S. 9-40. - Haas, Emil: Die Kreisstadt Altenkirchen 1314-1964. Ein Beitrag zur Entwicklung einer kleinen Westerwälder Stadt, Altenkirchen 1964. - Sayn, Hildegard: Altes Schloß an der großen Heerstraße. Bilddokumentation der Geschichte des Altenkirchener Schlosses, in: Heimat-Jahrbuch des Kreises Altenkirchen 31 (1988), S. 180-189 (I. Teil), 32 (1989), S. 185-191 (II. Teil), 33 (1990), S. 145-154 (III. Teil). - Menk, Gerhard: Langer Weg und halber Erfolg: die »Zweite Reformation« in Sayn. Betrachtungen zu Dynamik und Gefährdung des Kalvinismus im Zeitalter des Konfessionalismus, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 18 (1992) S. 181-265. - Lass, Heiko: Altenkirchen und Friedewald. Anmerkungen zu landesherrlichen Schlössern der Herzöge von Sachsen-Eisenach in der Grafschaft Sayn-Altenkirchen, in: Kreisverwaltung des Westerwaldkreises (Hg.): Burgen und Schlösser im Westerwald. Historische Wehr- und Wohnbauten zwischen Sieg, Lahn, Dill und Rhein, Montabaur 1999, S. 51-59. - Malmedie, Franz-Gerd: 300 Jahre Privilegierte Apotheke, in: Heimat-Jahrbuch des Kreises Altenkirchen 44 (2001) S. 58-61. - Schneider, Daniel: Die Landstände in der Grafschaft Sayn sowie Sayn-Altenkirchen und Sayn-Hachenburg, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 33 (2007) S. 213-229. - Seelbach, Kirsten, Heinemann, Horst, Herrmann, Manfred: Altenkirchen Westerwald. 700 Jahre Stadtrechte 1314-2014. Viel mehr als nur Zeitgeschichte, Altenkirchen 2014. - Schneider, Daniel: Die Entwicklung der Konfessionen in der Grafschaft Sayn im Grundriss, in: Heimat-Jahrbuch des Kreises Altenkirchen 58 (2015) S. 74-80. - Schneider, Daniel: Die Städtepolitik der Grafen von Sayn im Spätmittelalter, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 41 (2015) S. 33-49. - Eyl, Joachim: Einwohnerbuch von Altenkirchen und Hilgenroth, Neuwied 2016.

Daniel Schneider