Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Bedburg

Bedburg

(1) B. liegt in der Niederrheinischen Bucht im Unteren Mittelerft- und Erftmündungstal. Die Stadt erstreckte sich rechts der Erft und beiderseits der Mühlenerft am westlichen Rand der Villehöhe. Die in der Antike nicht weit von B. verlaufende Römerstraße Zülpich-Neuss wurde auch im Mittelalter benutzt. Eine Nordwest-Verbindung bestand im Erfttal von Bergheim über B. nach Grevenbroich und weiter nach Neuss.

Burg und Herrschaft B. befanden sich im 12. Jahrhundert im Besitz der Grafen von Sayn. Von diesen trugen die Edelherren von Reifferscheid ab 1222/25 diese Besitzungen zu Lehen. Nach dem Tode Gf.in Mechthilds von Sayn 1284/85 wurden die Kölner Erzbischöfe Lehnsherren der Reifferscheider in B. Zwischen Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts entstand die kurkölnische Unterherrschaft B. (der Name kommt erst später in Gebrauch). Durch Heirat gelangte die Herrschaft B. 1403 an die Grafen von Limburg und 1425 an die Grafen von Neuenahr. Anna Walburga von Neuenahr blieb bis 1600 im Lehnsbesitz von B. 1588 war die Herrschaft durch ebf.e Belehnung jedoch auch an den G.fen Werner von Salm-Reifferscheid gelangt. In der Folge führten die Erben der Neuenahrer, die Grafen von Bentheim-Steinfurt-Rheda, beim Reichshofrat in Wien einen Prozess gegen die Grafen von Salm-Reifferscheid um den Besitz von B., der sich bis zum Ende des Alten Reiches hinzog und nie entschieden wurde. Während dieser Zeit blieben die Grafen von Salm-Reifferscheid jedoch im faktischen Besitz der Herrschaft B.

Die Grafen von Neuenahr, die der Entwicklung der kurkölnischen Unterherrschaft B. einen entscheidenden Stempel aufdrückten, waren auch Inhaber der reichsunmittelbaren Grafschaft Moers, wodurch sie zeitweise zu den Reichsständen gehörten.

(2) Der älteste Teil der späteren Stadt dürfte das Dorf B. (1295 villa) gewesen sein, welches sich aus dem 893 erstmals erwähnten Fronhofsverband der Abtei Prüm entwickelte. 1240 wird die Burg erwähnt. Westlich von Burg und Vorburg entwickelte sich im Bereich der heutigen Graf-Salm-Straße eine Burgsiedlung, die 1295 erstmals als suburbium überliefert ist. Das Dorf hingegen dürfte entlang der heutigen Friedrich-Wilhelm-Straße gelegen haben. Auf dem Areal der Burgsiedlung entwickelte sich die Stadt B. (1298 und 1299 als Oppidum bezeichnet). Als Stadtgründer darf Johann II. von Reifferscheid gelten. In einem zweiten Schritt erweiterte man die Stadt nach Osten auf dem rechten Ufer der Mühlenerft. Hier erbaute man ein Augustinerkloster (vermutlich 1284 gegründet) und legte davor einen neuen Marktplatz (1299 erwähnt) an. Als Neustadt wird dieser Teil in den Quellen erstmals 1421 genannt.

Etwa zur gleichen Zeit, als Johann II. von Reifferscheid in B. ein Kloster errichtete und die Siedlung zur Stadt erhob, nahm er um 1300 einen Neubau der Burg vor.

Nach der Einbeziehung der Neustadt bildete B. ein unregelmäßiges Rechteck von ca. 12,2 ha. B. zählte 1650 51 Haushalte, 1798 gab es 532 Einwohner. Die Mühlenerft floss mitten durch die Stadt und schied die Alt- von der Neustadt. Im Norden und Osten verlief die 1330 erstmals genannte Stadtbefestigung (1355 als Mauer bezeichnet) entlang der Kleinen Erft und besaß damit eine natürliche Wasserbarriere. Im Süden und Westen hatte man der Stadtumwehrung künstliche Wassergräben vorgelagert. Die Pfarrkirche und ein Teil des Dorfes blieben jedoch außerhalb der Stadtmauern. 1370 werden zwei Stadttore genannt, 1423 wird auch ein drittes Stadttor erwähnt.

In B. bestand ursprünglich ein Hofesgericht. Durch die Vereinigung mit den Reifferscheider Gerichten in Blerichen, Kirdorf, Kleintroisdorf, Auenheim und Rath wurde B. zum Stadtgericht, das auch einen Teil der Herrschaft B. umfasste (im 17. Jahrhundert Statt- und Heubtgericht). Im 16. Jahrhundert gingen die Berufungen über Düren nach Aachen. An der Spitze des Gerichtes standen 1321 ein Richter und eine unbekannte Zahl von Schöffen.

Der städtische Magistrat setzte sich 1580 aus zwei Bürgermeistern und drei Schöffen zusammen.

Vertreter des Landesherrn in B. war 1263 der Richter (iudex), der 1269 auch als Vogt bezeichnet wurde. Daneben gab es 1326 noch einen Schultheißen der Burg sowie eine unbekannte Zahl von Burgmannen. Im 16. Jahrhundert standen in der Herrschaft B. ein Amtmann, ein Kellner und ein Burggraf im Dienst der Grafen von Neuenahr.

Als Handwerke sind zu nennen Brauer, Kannengießer, Schneider, Fuhrleute usw. 1512 ist ein Händler von Häuten nachgewiesen. Regelmäßige Handelsbeziehungen bestanden nach Köln und Antwerpen. 1299 existierte ein Marktplatz. Im 16. Jahrhundert hielten sich in B. Kaufleute auf, die Waid aus der Umgebung in größerem Maße aufkauften. B.er Kaufleute exportierten in dieser Zeit Getreide nach Aachen und Eschweiler.

(3) Im 13. Jahrhundert wird mehrmals ein Pfarrer erwähnt, 1299 ist von einer Pfarrkirche die Rede. Sie war dem Hl. Lambertus geweiht. Sie stand im Osten der Stadt außerhalb der Stadtmauer vor dem Kölner Tor. Das Patronat besaßen ursprünglich die Edelherren von Reifferscheid. 1388 schenkte es Johann V. von Reifferscheid dem B.er Augustinereremitenkloster. 1414 wurde die Pfarrkirche dem Kloster inkorporiert.

Vermutlich 1284 gründete Johann II. von Reifferscheid ein Augustinerkloster, deren Kirche, gewidmet der Hl. Dreifaltigkeit und Maria, 1295 vollendet wurde. 1529 erhielt der Augustineremit Gottfried von Brouch vom Papst die Erlaubnis, das Kloster zu verlassen, weil dort die lutherische Häresie herrsche. Graf Wilhelm II. von Neuenahr (†1552) war ein überzeugter Lutheraner und versuchte, in der Grafschaft Moers die Reformation einzuführen. Ob das auch für sein B.er Territorium galt, ist denkbar, jedenfalls setzte er in den zur Herrschaft B. gehörenden Orten Kirdorf und Hüchelhoven evangelische Geistliche ein. Sein Sohn Hermann (1520-1578) war anfangs lutherisch geprägt, wechselte dann aber zum Calvinismus über. 1560 erließ er für die Grafschaft Moers eine Kirchenordnung im lutherischen Sinn, die möglicherweise auch für seine übrigen Territorien Gültigkeit hatte. Graf Adolf von Neuenahr führte 1581 für seine Territorien eine reformierte Kirchenordnung ein, welche die lutherische Landeskirche in eine reformierte überführte. 1584 wurde B. von Truppen des neuen kölnischen Ebf.s Ernst von Bayern erobert und dem Grafen Werner von Salm-Reifferscheid übereignet, der die Herrschaft B. rekatholisierte. Sie blieb hinfort katholisch.

1623 kam es zur Gründung einer lateinisch-deutschen Schule ad instantium civium unter der Leitung der Augustinereremiten, die aber bald ihren Lehrbetrieb einstellen musste, da keine Genehmigung des Grafen von Salm-Reifferscheid vorlag. Auf Wunsch von Graf Franz Wilhelm von Salm-Reifferscheid, seiner Amtleute, des Magistrats und der Bürger und Einwohner umliegender Ortschaften richteten die Augustinereremiten 1698 in der Klosteranlage ein Gymnasium ein.

(4) Die B.er Burg ist Ende des 13. Jahrhunderts unter Johann II. von Reifferscheid als regelmäßige rechteckige Kastellanlage mit vier Ecktürmen erbaut worden. Sie war eine der bedeutendsten gotischen Wasserburgen im nördlichen Rheinland. Mitsamt den beiden Vorburgen und der Mühle lag sie innerhalb der Stadtbefestigung. Wilhelm II. von Neuenahr begann mit dem Umbau der Burg in ein Schloss in den Stilformen der Renaissance. Er beauftragte hiermit einen Baumeister (1552 erwähnt) aus der Schule des Architekten Alessandro Pasqualini. Unter Wilhelms Sohn Hermann wurden die Bauarbeiten fortgeführt, das Schloss Breda (im Besitz seines Schwagers Wilhelm von Oranien) diente dabei als Vorbild. Nach Behebung der Beschädigungen durch die Eroberung B.s 1584 ließ Graf Werner von Salm-Reifferscheid die Schlossanlage vollenden. Auf Hermann von Neuenahr dürfte die Parkanlage zurückgehen. Er muss auf dem Gebiet der Gartenbaukunst bewandert gewesen sein, denn er vermittelte dem Ldgf.en Wilhelm IV. von Hessen (1567-1592) einen Gärtner, übersandte ihm Pfropfenreiser von Obstbäumen (1578) und half beim Ankauf von Lorbeerbäumen und Blumen in den Niederlanden.

Einen Eindruck der Burg vermittelt der Stich im Braun/Hogenbergschen Städteatlas von 1584. Den Zustand Ende des 18. Jahrhunderts gibt eine Zeichnung von Peter Stephan Christian Eveldt (1754-1820) wieder (Rheinisches Bildarchiv Köln, rba 008182).

(5) B. war die einzige Stadt und Amtssitz in der Herrschaft bzw. Unterherrschaft B. Für die umliegenden Dörfer besaß die Stadt zentralörtliche Funktion hinsichtlich Markt, Handel und Gerichtsbarkeit. Eine überregionale wirtschaftliche Bedeutung (über die Unterherrschaft hinaus) konnte die kleine Stadt nie erringen. Kulturelle Ausstrahlung erlangte B. zur Zeit der Reformation. Über eine Beteiligung an Städtebünden ist nichts bekannt.

(6) Die Grafen von Neuenahr besaßen in ihren verstreuten Territorien zwei Residenzen: B. und Moers. Unter Hermann von Neuenahr (1552-1578) scheint B., vor allem wegen der Nähe zu Köln und dem ebf.en Hof, bevorzugt worden zu sein. Hermann der Ältere von Neuenahr (1492-1530), der Bruder Graf Wilhelms II., war einer der bedeutendsten Humanisten im Reich, bewirtete hier prominente Gäste wie Erasmus von Rotterdam, legte eine bedeutende Bibliothek und eine naturwissenschaftliche Sammlung an. Da die Grafen von Neuenahr (Gumprecht II., Wilhelm II. und Hermann) Räte der Könige und Kaiser Friedrich III., Karl V. und Maximilian II. und auch der Erzbischöfe von Köln waren und mit wichtigen Adelshäusern in verwandtschaftlichen Beziehungen standen, dürfte B. häufig Ziel von Adligen und Gesandten gewesen sein. B. war zudem administrativer Mittelpunkt für die aus 17 Orten bestehende Herrschaft B.

(7) 1741 wird das Archiv auf Schloss Bedburg erwähnt, seit dem Ende des 18. Jahrhunderts sind die Bedburger Bestände spurlos verschwunden. Wichtige Quellen zu Bedburg befinden sich im Archiv der Grafen von Bentheim-Steinfurt in Burgsteinfurt.

Runde, J.F.: Ausführliche Darstellung der gerechten Ansprüche des regierenden Herrn Grafen zu Bentheim-Tecklenburg auf die Herrschaft Bedburg […] gegen den Herrn Grafen von Salm-Reifferscheid, Göttingen 1788.

(8)Seul, Peter Josef: Bedburg und seine Geschichte, Köln 1854 (Programm der Rheinischen Ritterakademie, 12). - Fahne, Anton: Geschichte der Grafen, jetzigen Fürsten zu Salm-Reifferscheid sowie ihrer Länder und Sitze, nebst Genealogie derjenigen Familien, aus denen sie ihre Frauen genommen, 2 Bd.e, Köln 1858-1866. - Clemen, Paul: Die Kunstdenkmäler des Kreises Bergheim, Düsseldorf 1899 (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, 4, 3). - Goeters, Johann Friedrich Gerhard: Die Herrschaft Bedburg und ihre kirchlichen Verhältnisse zur Zeit der Reformation, in: 400 Jahre Bedburger Synode. Eine Festschrift, hg. von der Evangelische Kirchengemeinde Niederaußem, Jülich 1971, S. 49-71. - Aders, Günter: Urkunden und Akten der Neuenahrer Herrschaften und Besitzungen Alpen, Bedburg, Hackenbroich, Helpenstein, Linnep, Wevelinghoven und Wülfrath sowie der Erbvogtei Köln, Köln/Bonn 1977 (Inventare nichtstaatlicher Archive, 21). - Gülpers, Josef: Die Reifferscheider in Bedburg/Erft und das dortige Kloster der Augustinereremiten, Diss. masch. Köln 1991. - Kirchhoff, Hans Georg, Braschoss, Heinz: Geschichte der Stadt Bedburg, Bedburg 1992. - Andermahr, Heinz: Die Edelherren von Reifferscheid als Herren von Bedburg (1225-1422). Mit einem Beitrag von Jansen, Lutz: »…sin aneher buwete Bedebur di vestene…«. Bedburg und der Burgenbau des späten 13. Jahrhunderts am Niederrhein, Jülich 2010 (Forum Jülicher Geschichte, 57). - Bedburg, bearb. von Elfi Pracht-Jörns, Köln/Weimar/Wien 2013 (Rheinischer Städteatlas Lieferung 19, Nr. 96). - Andermahr, Heinz: Handelsgüter und Wirtschaftskräfte in den Städten des Herzogtums Jülich vom 14. bis zum 17. Jahrhundert, Jülich 2014 (Forum Jülicher Geschichte, 67). - Andermahr, Heinz: Die Grafen von Neuenahr als Herren der Herrschaft Bedburg. Landesherren, Diplomaten, Humanisten und Beförderer der Reformation, in: Jahrbuch des Bergheimer Geschichtsvereins 27 (2018) S. 38-99.

Heinz Andermahr