(1) Der Ort R. (heute Ortsteil der 1969 neugeschaffenen Gemeinde Hellenthal) entstand zu Füßen des Burgbergs, eines Sporns der Hollerather Hochfläche, die landschaftlich zur Rureifel gehört, einem Teil der Nordeifel. Der Berg wird westlich vom Reinzelbach umflossen, der in den östlich des Bergs fließenden R.er Bach einmündet. Parallel des R.er Baches verlief ein Weg (erst Mitte des 19. Jahrhunderts zur Straße ausgebaut) zum Verkehrsknotenpunkt Dahlem, 19 km südöstlich R.s, wo es einen Anschluss an den ur- und frühgeschichtlich bedeutenden, von den Römern ausgebauten Fernverkehrsweg Trier-Neuss gab, von dem in Dahlem eine Straße nach Bonn abzweigte. Ein weiterer Weg verband R. mit dem sieben Kilometer nördlich gelegenen Schleiden. Ob ein weiterer, in nordost-südwestlicher Richtung verlaufender Handelsweg für die Anlage der Burg R. ausschlaggebend gewesen sein könnte, ist unbekannt.
Die Anfänge der Grafschaft R. sind nicht überliefert, die Burg wird erstmals 1106 erwähnt. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts war die Grafschaft ausgebildet, als anlässlich einer Herrschaftsteilung Graf Gerhard die Herrschaft R. erhielt und dessen Bruder die neue Herrschaft Wildenburg, die 1335 zu einer Jülicher Unterherrschaft wurde. Im 13./14. Jahrhundert gelang es den R.er Grafen, ihre Selbständigkeit gegen Kurköln, Kurtrier und gegen die Grafen bzw.e Herzöge von Jülich und Luxemburg zu wahren, im späten 14. und 15. Jahrhundert standen sie in hochrangigen Diensten der Erzbischöfe von Köln oder Trier sowie den Hzg.en von Jülich, was umfangreiche Gebietserweiterungen absicherte und den Rang festigte. Einen Einschnitt bedeutete die Erbteilung nach dem Tod Graf Werners 1639, bei dem R. zusammen mit Salm und Bedburg an Graf Erich Adolf von Salm-R. (†1673) ging. Bis Ende des 18. Jahrhunderts gab es trotz zweier Erbteilungen keinen dynastischen oder wirtschaftlichen Einbruch. 1794 wurde R. wie das gesamte Rheinland von französischen Revolutionstruppen besetzt, 1806 wurde das 1804 zum Fürstentum erhobene Territorium mediatisiert, indem es teils an Württemberg, teils an Baden ging.
(2) R. selbst kennt keine römische Vorgängersiedlung. Der Name deutet auf eine Entstehung in fränkischer Zeit hin, so dass die Siedlung ihren Namen der jüngeren Burg verlieh. Eventuell gab es nördlich R.s eine Vorgängersiedlung auf einer Flur namens Burghövel. Die Burg hat es an der heutigen Stelle spätestens 1130 gegeben. Direkt um sie herum schließt sich an der etwas flacher abfallenden Ostseite des Bergsporns die Bebauung an, die sich terrassenförmig in Halbkreisen an den Berg anschmiegt; der obere Teil der Stadt wird als »Bergstadt« bezeichnet. Oberhalb des »Zehntwegs« gehörte der Bereich noch der Vorburg an, unterhalb dessen befand sich die Talsiedlung. Der Straßenname »In der Freiheit« in der Bergstadt weist auf eine zur Burg gehörende Dienstmannensiedlung. Neben der »Freiheit« entstand im Tal an der Südostseite eine weitere Siedlung, die zusammen 1384 als »Burg und Stadt«, 1425 als »Stadt und Freiheit«, 1522 als »Oppidulum« bezeichnet wurde, 1669 als »Fleck«. Die Verleihung eines förmlichen Stadtrechts, gar sein Inhalt, ist nicht bekannt. Der Verlauf ihrer Stadtmauer, die die Talsiedlung nicht mit einschloss, ist heute noch zu erkennen. Sie muss im 14. Jahrhundert entstanden sein, da das nördliche Stadttor, das Matthiastor, nach seiner Bauform in dieses Jahrhundert zu datieren ist. 1435 wird eine »neue Stadtpforte« erwähnt, womit eventuell der Ostturm gemeint sein könnte, der südlich des Halbturms liegt, was, falls es zutrifft, auf eine Stadterweiterung schließen lässt. Weitere Einschnitte in die Baustruktur gab es nach den Zerstörungen 1669 und 1689. In der Bergstadt befanden sich am südlichen Ende der Marktplatz und die Pfarrkirche.
Einwohnerzahlen aus Spätmittelalter oder Frühneuzeit sind nicht bekannt, 1820 (in einer ausgesprochenen wirtschaftlichen Schwächephase) gab es 471 Einwohner. R. befand sich in einem für die Landwirtschaft ungünstigen Gebiet, allein Schafhaltung war in größerem Umfang möglich. In der Talsiedlung gab es Mühlen (bereits 1130 erwähnt, 1725 im heutigen Gebäude Tal 2 befindlich) und Wirtschaftshöfe, alle wichtigen Einrichtungen befanden sich jedoch in der Bergstadt. Eventuell war die wirtschaftliche Entwicklung von der Eisenverarbeitung im Tal der Olef und in Schleiden beeinflusst, doch hatten die R.er Grafen an ihr nur geringen Anteil, erst im 16. Jahrhundert errichteten sie ein eigenes Eisenwerk. Am südlichen Ende der Talsiedlung befand sich der 1479 erstmals erwähnte »hoeff zom stege«, ein von den Grafen teils als Lehen, teils in Pacht ausgegebenes Anwesen, das nach der Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg mehrere Jahrzehnte brach lag und 1737 als Witwensitz ausgebaut wurde. Graf Karl Anton (1697-1755) ließ einen größeren Garten anlegen. In den 1920er Jahren wurde der Hof der katholischen Kirche überlassen, die dort ein Familienheim einrichtete, seitdem »Liebfrauenhof« genannt.
(3) Die Pfarrkirche war bis um 1800 dem Hl. Kreuz gewidmet (danach dem Hl. Matthias), sie liegt an der Südostspitze des Bergsporns, integriert in die Befestigung der Bergstadt (ein früherer Freiraum zwischen Stadtmauer und Kirche dürfte von einem Seitenschiff verfüllt worden sein). Hervorgegangen sein dürfte sie aus der bereits um 1130 erwähnten Burgkapelle. Es handelt sich bei ihr um einen dreischiffige, spätgotische Kirche, die ihr Aussehen umfangreichen Um- und Erweiterungsbauten nach 1489 verdankt; unter dem Chor hindurch gelangte man durch einem im 15. Jahrhundert angelegten Durchgang zum Südturm der Stadtmauer (heute Teil der Kirche). Unter dem Chor befindet sich die Grablege der Familie Salm-R. 1721 wurde in der Gruft auch die Witwe eines Amtmanns beigesetzt, Anna Elisabeth Gronsfeldt von Nevelstein. Inwiefern dies als Zeichen für die Anwesenheit von Amtmännern in R. zu verstehen ist, muss dahingestellt bleiben. In der Burg gab es eine eigene Kapelle.
(4) Markant über dem Ort thront die Burg (heute Ruine). Burg und Stadt waren durch die (Vor-)Burgmauer und durch einen später teilweise zugeschütteten Graben getrennt (heute noch nördlich des Bergfrieds zu erkennen). Den Übergang von der Burg zur Stadt markiert das Vorburgtor mit zwei Flankierungstürmen, von denen einer wohl als Wohnturm diente. Nördlich des Bergfrieds wurde im 16. Jahrhundert eine Schildmauer angelegt. Auf der Westseite des Burghügels zeugt die heutige Flur »Weiern« von den vormaligen, im 18. Jahrhundert mehrmals erwähnten Stauteichen,
1669 brannten Burg und Stadt ab, im Pfälzischen Erbfolgekrieg wurden 1689 Teile der Burg und vermutlich auch das städtische Matthiastor zerstört, die Stadtmauer anschließend nicht mehr instand gesetzt. Hingegen wurde das Schloss als Wohnbau ohne Wehrfunktion neugebaut. Ein Um- und Ausbau erfolgte unter Graf Franz Wilhelm von Salm-R. (reg. 1798 bis zur Mediatisierung 1806, danach als württembergischer bzw. badischer Standesherr). Nach 1825 wurde es für die Gewinnung von Baumaterial abgebrochen, die Ruinen später von der fsl.en Familie Salm-R.-Krautheim wieder angekauft und restauriert, 1965 der Gemeinde Hellenthal geschenkt. Von der Existenz eines Rathauses ist nichts bekannt.
Aus der Regierungszeit Franz-Wilhems von Salm-R. stammen die ersten bildlichen Darstellungen. Älter ist die 1725 angefertigte Zeichnung von Renier Roidkin, die zwar detailliert ist und die zerstörte Stadtmauer einschließlich des Matthiastores zeigt, aber das Schloss wohl überhöht wiedergibt.
(5) Eine nennenswerte, rein auf der städtischen Qualität R.s beruhende Bedeutung für das Umland gab es nicht, die Zentralität beruhte auf der Anwesenheit der Grafen bzw. Fürsten, die oftmals in hochrangigen landesherrlichen Diensten auswärtiger Herren wie den Ebf.en von Köln oder Trier oder den Hzg.en von Jülich standen. Um R. herum gab es weitere Burgplätze, von denen aus die Burg in R. hätte belagert und die Talstraßen versperrt werden können. Es wird angenommen, dass sie ein regelrechtes Wachtsystem um den gfl.en Hauptsitz auf Burg R. bildeten.
(6) R. fungierte als Burgort bzw. als Residenzstadt über den gesamten Zeitraum von 1300 bis 1800 hinweg, wobei fraglich ist, ob die Grafen wirklich stets in R. anwesend waren. Über die Verflechtung von Hof und Gemeinde ist nichts bekannt, wie überhaupt eine kommunale Organisation nur im Keim ausgebildet gewesen sein dürfte. R. lässt sich dem Typ der Minderstadt zuordnen.
(7) Quellen zur Geschichte Reifferscheidts finden sich im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland (Duisburg), im Historischen Archiv Schleiden, im Stadtarchiv Aachen, im Archiv des Schlosses Dyck in Jüchen und im Gemeindearchiv Hellenthal.
(8)Fahne, Anton: Geschichte der Grafen, jetzigen Fürsten zu Salm-Reifferscheid, sowie ihrer Länder und Sitze, nebst Genealogie derjenigen Familien, aus denen sie ihre Frauen genommen, 2 Tle., Köln 1858, 1866. - Neu, Peter: Reifferscheid (Kr. Schleiden), Köln 1979 (Rheinische Städteatlas, Lieferung V, Nr. 29). - Böhm, Gabriele, Eberhardt, Jürgen, Kandler, Ekehard: Hellenthal-Reifferscheid, Köln 1994 (Rheinische Kunststätten, 402).