Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Anholt

Anholt

(1) A., seit 1975 Teil der neu geschaffenen Stadt Isselburg, liegt im westlichen Münsterland (etwa 13 km westlich von Bocholt, direkt an der heutigen Grenze zu den Niederlanden) auf dem leicht erhöhten Ufer an der Issel. 1349 erhielt A. Stadtrecht. Zusammen mit der 1313 in den Quellen erscheinenden, aber wohl dem 12. Jahrhundert angehörenden, namengebenden Burg A. war die Stadt Hauptort der gleichnamigen Herrschaft, die im 13. Jahrhundert entstand. Die Geschichte dieses (später) reichsunmittelbaren Territoriums war wesentlich durch die Grenzlage zwischen dem Herzogtum Geldern im Norden und Westen, dem Hochstift Münster im Osten und dem Erzbistum Köln im Süden geprägt. Errichtet wurde die Burg durch die Herren von Zuilen, die 1234 erstmals urkundlich im Zusammenhang mit A. bezeugt sind und wohl Mitte des 14. Jahrhunderts herrschaftliche Rechte innehatten. Nach dem Aussterben der Herren von Zuilen 1380 fiel die Herrschaft A. zunächst kurzfristig an die Herren von Gemen, dann 1402 an die von Bronckhorst-Batenburg, denen als hzl.-geldrische Bannerherren besondere Vorrechte zukamen, die sich in einer faktischen Unabhängigkeit von der Landesherrschaft ausdrückte (1431 Belehnung durch den römischen Kg.). Gegen die benachbarten Territorialmächte, die Kurfürsten von Köln, Fbf.e von Münster und Herzöge von Geldern, musste die Selbständigkeit immer wieder gesichert werden (im 14. Jahrhundert war die Burg A. zeitweise Kurkölner Offenhaus). Im Rahmen der »Geldrischen Fehde« zwischen König Maximilian I. und Herzog Karl von Geldern stand Jakob I. van Bronckhorst-Batenburg auf Seiten Maximilians, was 1512 zur Besetzung A.s durch den geldrischen Herzog führte (bis 1537/38 dauernd). Von Kaiser Karl V. als Oberlehnsherrn wurde die selbständige Stellung der Herrschaft A. 1540 anerkannt, die politische Treue der Herren von Bronckhorst-Batenburg wurde 1621 mit der Erhebung in den Gf.enstand belohnt. Auf dem Erbweg ging die Herrschaft A. 1649 an die Fürsten zu Salm-Neuweiler. A. diente seitdem gelegentlich, im 18. Jahrhundert insbesondere dem Grafen (seit 1743 Fs.en) Nikolaus Leopold zu Salm-Salm (†1770) als Residenz, erneut dessen Enkel Konstantin ab 1790. Im Rahmen der Auflösung des Alten Reichs wurde A. zur Residenz des 1802 neu gegründeten Fsm.s Salm. Nach dem Wiener Kongress fiel es 1815 an Preußen.

(2) Der Stadtgrundriss lässt auf eine planmäßige Anlage wohl schon im 13. Jahrhundert schließen. Nördlich der Issel entstand die nordsüdlich verlaufende Hauptachse (heute Markt und Kirchstraße), von der rechtwinklig drei Straßen (Steinweg, Hoher Weg, Niedere Straße) nach Westen abzweigten. Wenig außerhalb lag südlich der Stadt die Burg bzw. das Schloss. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es unter Fürst Nikolaus Leopold zu Salm-Salm (1701-1770) eine Erweiterung nach Westen um die Gendringer Vorstadt. Eine Bewehrung des Orts durch Palisaden wird 1347 erwähnt, Ende des 14. Jahrhunderts gab es eine Mauer (1498 verstärkt). Es gab drei Tore: Im Westen das Clever oder Steintor (später Zutor genannt), im Osten das Kirch- oder Markttor und im Süden das Blockhaustor (bezugnehmend auf die alte Bezeichnung für die Burg). Die Stadtentstehung lässt sich auf zwei Rechtsakte zurückführen. 1347 überließ Stephan van Zuilen den Bewohnern des Dorfes ihre Hofstätten als erbliches Eigentum, zwei Jahre später verlieh Dietrich van Zuilen Stadtrecht.

Das Stadtrecht enthielt Bestimmungen zur Verwaltung, Gerichtsordnung und zum Erb- und Güterrecht. Die Bürger besaßen durch Schöffenrecht und Schöffenwahl die Möglichkeit zur Teilnahme an der Verwaltung. Sieben Schöffen und ein Bürgermeister führten die Verwaltung, jährlich am 3. Februar wurden drei neue Schöffen zu den verbleibenden vier hinzugewählt. Die städtische Gerichtsbarkeit oblag dem Herrn oder dessen Richter und den Schöffen. Während die Schöffen gewählt wurden, wurde der Richter, der als Stellvertreter des Herrn fungierte, durch den Herrn eingesetzt. Die Zuständigkeit des Stadtgerichtes erstreckte sich auf das Gebiet der gesamten Herrschaft sowie auf die herrschaftlichen Hörigen in Dinxperlo und Ijzerlo. Zu dem Aufgabenbereich des Richters zu A. gehörte auch die Musterung der der Herrschaft hörigen Leute aus Dinxperlo und Ijzerlo, die Erhebung der verwirkten Brüchten (Strafen) von und Pfändungen durch den A.er Frohn. Das städtische Schöffengericht war für Fälle der niederen Gerichtsbarkeit und der freiwilligen Gerichtsbarkeit zuständig, so z.B. für die Beglaubigung von Urkunden, für Schenkungen, für Testamente und Vollmachten für gerichtliche Vertreter. Zum Stadtrecht gehörte die Erlaubnis zur Erhebung einer Akzise auf Bier und Wein.

Um 1500 werden 150 Feuerstellen erwähnt, die auf knapp 700, vielleicht sogar auf 900 Einwohner schließen lassen. Wirtschaftlich überwog die Landwirtschaft und die Weiterverarbeitung deren Produkte. 1493 wird eine Schützengilde erwähnt, 1650 gab es eine Schützenkompanie der Junggesellen.

Aus dem Wappen der Herren von Zuilen, das drei Maueranker zeigte, fanden in das Stadtwappen auf rot zwei silberne übereinanderstehende Maueranker Eingang. 1406 wird ein Stadtsiegel erwähnt, das älteste überlieferte Siegel stammt von 1433.

(3) Die Pfarrrechte lagen ursprünglich bei der Kirche von Bredenasle, die Mitte des 15. Jahrhunderts rückblickend als »Mutterkirche« bezeichnet wurde, was für eine Abpfarrung der inzwischen in A., vielleicht durch die Herren von Zuilen, gegründeten Eigenkirche mit dem Patrozinium des Hl. Pankratius spricht. 1451 entstand ein gotischer Hochchor, der das romanische Langhaus in Höhe und Länge übertraf. Nachdem auf diese Kirche die Pfarrrechte übergegangen waren, wurde die ehemalige Mutterkirche vor den Toren der Stadt 1501 niedergelegt. Das Patronatsrecht lag bei den Herren von A. Seit Mitte des 14. Jahrhunderts werden bedeutende Prozessionen und Wallfahrten erwähnt, darunter eine große Marienprozession, die unter maßgeblicher Beteiligung der städtischen Schützen stattfand. 1451 gründete Dietrich I. die St.-Antonius-Gilde, die alljährlich am Antoniustag (17. Januar) in der Pfarrkirche eine feierliche Messe zelebrierte. Beigesetzt wurde in der Pankratiuskirche Leopold Philipp Karl zu Salm (†1663), der erste aus der Salm’schen Familie, der A. besaß. Bis 1811 diente die Kirche der Fs.enfamilie als Grabstätte.

Seit 1555 gab es eine Lateinschule, die unter der Aufsicht des Landesherrn stand und zu deren Aufgaben u.a. die Pflege des Kirchengesangs zählte. 1579 lehnte Dietrich III. von Bronckhorst-Batenburg es ab, sich der »Utrechter Union« anzuschließen und zum Protestantismus überzutreten. Im Jahr darauf wurde A. von den Geusen überfallen, die Kirche geplündert und die Stadt gebrandschatzt. Wegen der Nähe der Salmer Fürsten zu den Reichsoberhäuptern blieb A. katholisch, 1717 wurde in A. eine Mission der Jesuiten eingerichtet (1773 aufgelöst). 1786 wurde das Recht der freien Konfessionswahl zugestanden. 1793 wurde vom ehemaligen Benediktinerpater Emilius Schollmeyer eine private Lehr- und Erziehungsanstalt für Jungen und Mädchen eingerichtet.

1616 sind erstmals jüdische Einwohner belegt.

(4) Die etwas südlich der Stadt fließende Issel speiste den Graben der Wasserburg und der Stadtbefestigung. Stadtbildprägend waren zum einen die südlich der Stadt gelegene Burg, die im 17. Jahrhundert unter Fürst Karl Theodor Otto zu Salm (1645-1710) und besonders im 18. Jahrhundert unter dessen Sohn Ludwig Otto zu Salm (1674-1738) zu einem zweiteiligen Schloss deutlich erweitert wurde, und zum anderen die spätmittelalterliche Kirche mit ihrem Hochchor aus der Mitte des 15. Jahrhunderts (1862 abgerissen, als der 1851 begonnene »A.er Dom« fertiggestellt worden war). Das Rathaus wurde 1567 vollendet (1795 und 1843 umgebaut); ob es einen älteren Vorgänger gab und wie dieser aussah, ist unbekannt. Am Rathaus befand sich 1579 ein in Stein gehauenes Wappen bzw. Wiedergabe des Siegelbilds. Die ältere Bebauung ist im Zweiten Weltkrieg so gut wie komplett zerstört worden, beim Wiederaufbau wurden ältere Baustrukturen an moderne Bedürfnisse angepasst.

(5) A. war Zentralort für die kleine Herrschaft und deren Ortschaften, da das A.er Stadtgericht auch für diese Orte zuständig war. Hinzu kam, dass A. unter den Herren von Zuilen Münzstätte war, belegt für die Zeit von Dietrich (1346-1364) bis Friedrich van Zuilen (1373-1380) in Nachahmung geldrischer Vorbilder. Seit Gijsbert I. van Bronckhorst-Batenburg (1402-1429) bis zur Besatzung A.s durch den geldrischen Herzog Karl von Egmond 1512 wurden ununterbrochen Münzen geprägt. 1570 wurde das Münzrecht nochmals verliehen. Die Funktion des Stadtgerichtes als Gericht der gesamten Herrschaft verlieh der Stadt eine über eine typische Kleinstadt hinausgehende Bedeutung als Mittelpunktsort, in welchem Landes-, Stadt- und Grundherrschaft miteinander verbunden waren. Ein Großteil des herrschaftlichen Grund und Bodens dürfte an Adelige, Bürger, Amtsträger und Bauern verpachtet gewesen sein, wie sich aus einer Auswertung einer landesherrlichen Rechnung von 1493/94 ergibt. Ob die Stadt A. selbst über Landbesitz verfügte, ist nicht bekannt, ebenso wenig wie eine Teilnahme an Städtebünden oder eine Einbindung in den Fernhandel.

(6) Trotz seiner an der Einwohnerzahl bemessenen geringen Größe lässt sich A. als Amtsstadt und als Residenzstadt des kleinen Territoriums verstehen. Als solche fungierte die Stadt im 14.-17. Jahrhundert für die Herren von Zuilen und für die von Bronckhorst-Batenburg sowie phasenweise im 17./18. Jahrhundert für die Fürsten zu Salm. Die genauere Verflechtung von Stadtgemeinde und Hofgesellschaft bleibt noch zu untersuchen.

(7) Zentraler Quellenbestand ist die Überlieferung des Fürstlich Salm-Salm’schen und Fürstlich Salm-Horstmar’schen Archivs in der Wasserburg zu Anholt. Das reiche Material umfasst u.a. Amtsbücher, Lehnsverzeichnisse und Lehnbücher, ein Lager- oder Rentbuch, Rechnungen, Korrespondenzen, Prozess- und Lehnsakten. Für die Zeit der Besatzung Anholts durch den Herzog von Geldern nach 1512 wird der Rechnungsbestand gut ergänzt durch die Überlieferung im Rijksarchief Gelderland (Arnheim).

Schmitz-Kallenberg, Ludwig: Das älteste Stadtrecht von Anholt, in: Westfälische Zeitschrift 59 (1901) S. 227-234. - Urkunden des Fürstlich Salm-Salm’schen Archives in Anholt, bearb. von Ludwig Schmitz-Kallenberg, Münster 1902 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission der Provinz Westfalen: Inventare der nichtstaatlichen Archive der Provinz Westfalen, Beibd. 1,1). - Graswinckel, Dirk Petrus Marius: Het archief van het Huis Bronkhorst, in: Verslagen omtrent ’s Rijks oude archieven 49, 2 (1926) S. 77-182. - Graswinckel, Dirk Petrus Marius: Inventaris van het archief van het Huis Bronkhorst, Arnheim 1926. - Krugten, Duco van: Fürstlich Salm-Salm’sches und Fürstlich Salm-Horstmar’sches gemeinschaftliches Archiv in der Wasserburg Anholt, Bestandsübersicht, Bd. 1: Die Hausarchive (bis 1830), die Herrschaftsarchive (bis ca. 1850) und die Klosterarchive (bis 1803), Rhede 1989. - Zelzner, Klaus: Anholter Stadtrechte 1347/1349, in: Tradition über Jahrhunderte gewahrt: Anholter Geschichten. Anholt - 650 Jahre Stadtrechte, 1347-1997, hg. vom Heimatverein Anholt, Isselburg-Anholt 1997, S. 9-20.

(8)Roest, Th. M.: Die Münzen der Herrschaft Anholt, in: Tijdschrift van het nederlandsch Genootschap voor Munt- en Penningkunde, Amsterdam 1895, S. 167-211. - Tinnefeld, Josef: Die Herrschaft Anholt. Ihre Geschichte und Verwaltung bis zu ihrem Übergange an die Fürsten zu Salm, Diss. phil. Münster, Hildesheim 1913. - Jansen, Elisabeth: Die Lehen der Herrschaft Anholt unter besonderer Berücksichtigung der geltenden Lehensrechte, Diss. phil. Münster 1924. - Scheidt, A.: Der Anholter Rhein- und Isselzoll bei Arnheim, in: Bijdragen en Mededelingen, Gelre. Vereniging tot beoefening van Gelderse geschiedenis, oudheidkunde en recht 27 (1925) S. 1-50. - Zelzner, Max: Geschichte von Stadt und Schloß Anholt, in: Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen, Bd. 46: Kreis Borken, mit geschichtlichen Einleitungen von Anton Schmeddinghoff, Max Zelzner, Willi Kohl, hg. von Wilhelm Rabe, Münster i.W. 1954, S. 38-100. - Zelzner, Max: Art. »Anholt«, in: Deutsches Städtebuch, Bd. 3, Tl. 2: Westfalen, hg. von Erich Keyser, Stuttgart 1954, S. 32-34. - Monté Ver Loren, J. Ph. de: Gegevens over de verhouding van de heerlijkheid Bronkhorst tot het Heilige Roomse Rijk en tot het graafschap Zutphen voor 1570, in: Bijdragen en Mededelingen, Gelre. Vereniging tot beoefening van Gelderse geschiedenis, oudheidkunde en recht 56 (1957) S. 125-165. - Krugten, Duco van: Geschichte der Anholter Garten- und Parkanlagen. Darstellung einer garten- und parkgeschichtlichen Entwicklung über vier Jahrhunderte, Anholt 1994. - Kwiatkowski, Iris: Herrschaft zwischen Herrschaften. Die Herrschaft Anholt und die Familie von Bronckhorst-Batenburg. Ein niederrheinisches Kleinterritorium im Spätmittelalter, Diss. Bochum 2006.

Iris Kwiatkowski