(1) A. liegt am linken Niederrhein am Kreuzungspunkt der seit römischer Zeit wichtigen Straßen zwischen Köln und den Niederlanden sowie zwischen Maas und Rhein. Ein hier gelegener Hof befand sich vermutlich schon im frühen Mittelalter im Besitz der Kölner Erzbischöfe, doch wird der Ortsname erst 1074 in einer - wohl verfälschten - Urkunde erwähnt. Die hier ansässigen ebf.en Ministerialen sind seit 1084 nachweisbar. Der Ort A. mit den Bauerschaften Drüpt, Huck und Millingen sowie der Exklave Alpsray stellte die nur knapp 14 Quadratkilometer umfassende kurkölnische Unterherrschaft A. dar. Diese wiederum bildete mit dem Amt Rheinberg eine Exklave und den nördlichen Ausläufer des Erzstifts Köln. Anfang des 12. Jahrhunderts kam die Herrschaft als Kurkölner Lehen an die Herren von A. aus dem Hause Dornick. 1320 mussten sie den Ort jedoch an die kurkölnischen Erbvögte aus dem Hause Heppendorf verpfänden, die sich fortan ebenfalls Herren von A. nannten, obwohl die früheren Herren weder Ansprüche noch Titel aufgaben. Bevor der letzte aus der Reihe der neuen Herren starb, übertrug er A. 1413 auf seinen Neffen Gumprecht von Neuenahr. Nachdem diese Linie 1589 mit Graf Adolf ausstarb, ging A. durch weibliche Erbfolge an die Grafen von Bentheim über, die meist aus der Ferne regierten. Bevor die Stadt jedoch ihre Zentralfunktion immer mehr verlor, erlebte sie von 1600 bis 1602 unter Amalia von Neuenahr, der Witwe Kurfürst Friedrichs III. von der Pfalz und Halbschwester Adolfs, noch eine kurze Glanzzeit als Residenz. Das Ende der Herrschaft A. kam 1794 mit dem Einmarsch französischer Truppen. Kirchlich gehörte A. zum Erzbistum Köln, Archidiakonat und Dekanat Xanten.
(2) Westlich von A. befinden sich am Rande der Hochebene Bönninghardt Fundamentreste der Alten Burg. Diese wurde spätestens um 1300 durch eine in der Rheinebene liegende Niederungsburg (Motte), das Alte Kastell, abgelöst. Westlich daran anschließend entwickelte sich die Stadt, deren Ausdehnung noch am heutigen Straßenverlauf ablesbar ist. Ihre schützenden Wassergräben wurden durch die Alpische Ley gespeist. Ob man aus der ursprünglichen Lage der Pfarrkirche westlich vor der Stadt auf eine Siedlungsverlagerung schließen kann, ist ungewiss. Der Ort erhielt vor 1330 Stadtrechte, doch sind erst die 1354 durch Gumprecht von A. verliehenen erweiterten Privilegien überliefert. Im 18. Jahrhundert übten die Grafen von Bentheim, vertreten durch einen Drost, die hohe und niedere Gerichtsbarkeit aus und setzten Richter und Amtsträger ein. Appellation war auf Ebene des Erzstifts Köln möglich. Daneben bestand ein bäuerliches Latengericht (Höfegericht). Die sieben sich durch Kooptation ergänzenden Schöffen wählten - vorbehaltlich gfl.er Bestätigung - aus ihrer Mitte den Bürgermeister, der die Stadträte bestimmte. Gegen dieses - die reformierte Konfession bevorzugende - Herkommen regte sich im 18. Jahrhundert Widerstand. Die Stadt bestand 1662 aus 72 Häusern mit etwa 350 Einwohnern, je zur Hälfte Katholiken und Reformierte. Hinzu kamen 35 Bewohner der Burg. Spätestens seit dem 17. Jahrhundert bestanden zwei Gilden für Schneider und Schuhmacher. Unter der pfälzischen Kfs.in Amalia bezog der Hof um 1600 Reis, Zucker und Gewürze aus Übersee, Molkereiprodukte aus den Niederlanden sowie Fisch, Wild und Wein aus Süddeutschland.
(3) Im Spätmittelalter lag die Pfarrkirche St. Ulrich westlich vor der Stadtmauer und diente den Herren von A. als Grablege. Ihr Patrozinium lässt ihre Gründung im 11. Jahrhundert vermuten. Der Pfarrbezirk reichte deutlich über Stadt und Herrschaft hinaus. Während der Herr von A. den Pfarrer präsentierte, wurde er durch den Propst des Viktorstifts in Xanten investiert. Der Einfluss der Herren zeigte sich auch darin, dass sie dem Sendgericht zustimmen mussten. Das Kirchengebäude wurde in den 1580er Jahren während des Kölnischen Krieges abgebrochen. Der erst 1650 innerhalb der Stadt errichtete, 1716 abgebrannte und danach erneuerte Nachfolgebau ist nicht erhalten. Daneben bestand seit dem 14. Jahrhundert innerhalb der Stadtmauern die mit einer Vikarie verbundene, 1478 erstmals erwähnte St. Nikolauskapelle. Als Regent für den minderjährigen Grafen Adolf führte Graf Hermann von Neuenahr-Moers in den 1550er Jahren die Reformation ein. Herrschaftliche Amtsträger und Magistratsangehörige bildeten das Konsistorium der ab 1578 der Weseler Klasse angehörenden reformierten Gemeinde. Kfs.in Amalia initiierte den Bau einer neuen reformierten Pfarrkirche, der unter ihrem Nachfolger 1602/03 errichtet wurde. Nachdem der Kölner Kurfürst dieser Entwicklung zunächst machtlos gegenübergestanden hatte, versuchte er seit 1617 mit wechselndem Erfolg, A. für den Katholizismus zurückzugewinnen. Mit dem Westfälischen Frieden war zwar die Existenz der reformierten Gemeinde gesichert, doch bestand fortan auch eine etwa gleich große, politisch jedoch benachteiligte katholische Pfarre.
Mit einem 1714 von Gf.in Isabella Justina von Bentheim-Steinfurt ausgestellten Schutzbrief sind erstmals Juden in A. nachweisbar. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich eine kleine, tributpflichtige jüdische Gemeinde mit zehn Haushalten.
(4) Die Stadt und die durch eine Vorburg mit eigenem Grabensystem mit Zugbrücke zusätzlich gesicherte Burg bildeten unter Verteidigungsaspekten eine Einheit. Die wohl im 14. Jahrhundert angelegte und durch Wassergräben verstärkte Stadtbefestigung umfasste neben fünf Türmen (mit Windmühlenturm) das Kirchtor im Westen und das Brücktor im Norden. Weil sie ebenso wie die Burg nicht erhalten ist, bilden die Skizzen und Beschreibungen des Anton von Dorth (1686) und ein Lageplan vom Anfang des 18. Jahrhunderts wichtige Quellen. Die spätmittelalterliche Burg mit Bergfried und drei Türmen wurde um 1600 für Kfs.in Amalia hergerichtet, verfiel nach ihrem Tod jedoch allmählich und wurde - seit einem Erdbeben 1758 unbewohnt - 1809 abgetragen. Der Stadt fehlten repräsentative Gebäude. Auch das zusammen mit der Schule auf einem vom Grafen von Bentheim 1643 geschenkten Grundstück erbaute, nicht erhaltene Rathaus war ein schlichtes Bauwerk. Eine Ausnahme bildet die nach dem großen Stadtbrand von 1716 durch Bartolomeo Salla neugestaltete barocke Kirche, die als ältester Neubau einer reformierten Pfarrkirche in Deutschland gilt. Über der Eingangstür findet sich die erneuerte Inschrift »Condidit Arnoldus struxitque sacraria templi Tecklenburgianus Benthemiusque comes. 1602.«. In diesen Bau wurde die gotische Nikolauskapelle als Grabkapelle für Kfs.in Amalia einbezogen. Ein prächtiges, von ihrem Schwager Graf Arnold von Bentheim gestiftetes und über fünf Meter hohes Marmorepitaph mit Ahnenwappen und lateinischer Inschrift würdigt die Verstorbene. Glasfenster mit Wappen und Inschriften erinnerten zudem an die Bentheimer Grafen und Gf.innen des 16. und 17. Jahrhunderts (1842 entfernt). Kfs.in Amalias Eltern Gumprecht IV. und Carda von Neuenahr-A. waren im Chorraum der einstigen, vor der Stadt gelegenen Kirche beigesetzt worden; ihre Grabsteine mit Wappen und Inschriften waren 1686 noch vorhanden.
(5) Die 1354 verliehenen Stadtprivilegien schrieben das Marktrecht fest und ermöglichten es der Kommune, Zoll und Abgaben selbst festzulegen. Donnerstag war Markttag, doch wird das Einzugsgebiet dieses Marktes nicht allzu weit über die Herrschaft A. hinausgereicht und seinen Schwerpunkt wohl in den Erzeugnissen der beiden örtlichen Gilden der Schneider und Schuhmacher gehabt haben. Selbst in der Blütezeit unter Kfs.in Amalia um 1600 wurden Lebensmittel wie Molkereiprodukte und Wein aus den Niederlanden oder Süddeutschland, also offenbar nicht von örtlichen Händlern, bezogen. Immerhin gab es eine Schlossbrauerei, doch belegt die Nachricht, dass der Brauer zugleich das Amt des Bäckers versah, die geringen Bedürfnisse des Hofes. Die Nachfolger Amalias, die Grafen von Bentheim, hielten sich meist nicht in A. auf. Stattdessen übte ein Drost im Namen der Grafen die Herrschaft aus, wobei ihm - abgesehen von den Gerichtspersonen - wenige Amtsträger zur Seite standen. Für die Jahrzehnte von der Mitte des 14. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts ist das für eine so kleine Herrschaft ungewöhnliche Münzrecht hervorzuheben. 1349 hatte König Karl IV. es Gumprecht von A. als Dank für treue Dienste erblich verliehen. Auch wenn die Lage der Prägestätte innerhalb der Stadt unbekannt ist, so lässt sich für 1429 ein A.er Münzmeister belegen. Eine gewisse überörtliche Ausstrahlung erlangte A. später als regionales Zentrum der reformierten Konfession in einem gemischtkonfessionellen Umfeld auch angesichts der Oberherrschaft des katholischen Kölner Kfs.en/Ebf.s.
(6) Aufgrund des kleinen, nur das städtische Gemeinwesen und vier Bauerschaften umfassenden Territoriums, ist die Geschichte der Stadt A. von derjenigen der gleichnamigen Unterherrschaft kaum zu trennen. Dazu trug auch bei, dass die Kölner Kfs.en/Ebf.e als obere Landesherren während der frühen Neuzeit nur selten willens und in der Lage waren, ihre Interessen durchzusetzen. Im späten Mittelalter lagen die Verhältnisse noch anders, als A. in den 1370er Jahren aufgrund seiner Befestigung und der Lage an der Nordgrenze des Territoriums - neben Odenkirchen (im Westen), Rheineck (im Süden) und Padberg (im Osten) - als eine der »vier Säulen« des Erzstifts Köln galt. In der frühen Neuzeit hatte sich die Verbindung zur Oberherrschaft hingegen gelockert. Dies belegt die durch den Grafen von Neuenahr als Herrn von A. zunächst reibungslos durchgesetzte Reformation, auf die das Kölner Erzstift erst im 17. Jahrhundert mit gegenreformatorischen Maßnahmen reagierte, die zu einer etwa paritätischen Verteilung der katholischen und der reformierten Konfession führte. Hier liegt zugleich der Keim für den einzigen überlieferten ernsthaften Konflikt zwischen städtischer Bevölkerung und Unterherrschaft, indem die katholischen Bürger es im 18. Jahrhundert nicht mehr hinnahmen, dass das ausschließlich mit Reformierten besetzte, sich durch Kooptation ergänzende Schöffenkollegium den Bürgermeister wählte, der wiederum die Ratsmitglieder bestimmte. Durch dieses Verfahren wurden die katholischen Bürger weitgehend von der kommunalen Selbstverwaltung ausgeschlossen. A. erlebte im späten Mittelalter einen Aufschwung - Verleihung der Stadtprivilegien 1354, Ansiedlung einer Münze, zeitgemäßer Ausbau von Burg und Stadtbefestigung -, der später nicht fortgesetzt werden konnte. Der Status als Residenz ging nach der kurzen Blütezeit unter Kfs.in Amalia (1600-1602) verloren. Strukturell waren die Ressourcen des kleinen Territoriums zu gering, um der Siedlung als Basis einer Entwicklung zur modernen Stadt zu dienen.
(7) Archivalien finden sich vor allem im Fürstlichen Archiv Burgsteinfurt, Steinfurt, im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland, Duisburg, und im Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Alpen, Alpen.
Inventare der nichtstaatlichen Archive des Kreises Steinfurt, bearb. von Ludwig Schmitz-Kallenberg unter Mitwirkung von [Karl Georg] Döhmann, hg. von der Historischen Kommission der Provinz Westfalen, Münster i.W. 1907 (Inventare der nichtstaatlichen Archive der Provinz Westfalen, I, 4), S. 59-61, S. 80f., S. 84-87, S. 131f. und S. 147-157. - Quellen zur Alpener Geschichte im Fürstlichen Archiv Burgsteinfurt, bearb. von Alfred Bruns, in: Alpen. Festbuch zur 900-Jahr-Feier. Im Auftrag der Gemeinde Alpen hg. von Hans-Georg Schmitz, [Alpen 1974], S. 67-125 [mit »Grundriß von Stadt und Burg Alpen«, Anfang 18. Jahrhundert]. - Urkunden und Akten der Neuenahrer Herrschaften und Besitzungen Alpen, Bedburg, Hackenbroich, Helpenstein, Linnep, Wevelinghoven und Wülfrath sowie der Erbvogtei Köln, bearb. von Günter Aders, Köln 1977 (Inventare nichtstaatlicher Archive, 21). - Niederrheinische Inschriften aufgezeichnet von Anton von Dorth (1626-1695), Teil 2, hg. von Klaus Bambauer und Hermann Kleinholz, Wesel 1980, S. 1-17. - Inventar des Fürstlichen Archivs zu Burgsteinfurt. Schuldensachen, Familiensachen (Teilbestand), Reichs- und Kreissachen. Bestände C, D (Teilbestand), E, bearb. von Alfred Bruns, Münster i.W. 1983 (Inventare der nichtstaatlichen Archive Westfalens, Neue Folge, 7). - Hunke, Joachim: Die ›Carte der Herrlichkeit Alpen‹, in: Jahrbuch Kreis Wesel 35 (2014) S. 99-109 [Karte nach 1780]. - Hunke, Joachim: Die Herrschaft Alpen im Jahre 1621, in: Jahrbuch Kreis Wesel 38 (2017) S. 67-78 [Karte von 1621].
(8)Noss, Alfred: Die Münzen von Jülich, Kleve, Berg und Mörs, Bd. 1: Die Münzen von Jülich, Mörs und Alpen, München 1927. - Bösken, Walter: Geschichte der evangelischen Gemeinde Alpen von der Reformationszeit bis zum Anschluß an die Union, Essen 1929. - Bösken, Walther: Beiträge zur Geschichte der ehemaligen Herrschaft Alpen, Geldern 1902 (Veröffentlichungen des Historischen Vereins für Geldern und Umgegend, 9) (ND in: Die Veröffentlichungen des Historischen Vereins für Geldern und Umgegend. Gesamtausgabe in drei Bänden, Geldern 1974, Band 1, S. 152-211). - Alpen. Festbuch zur 900-Jahr-Feier, im Auftrag der Gemeinde Alpen hg. von Hans-Georg Schmitz, [Alpen 1974]. - Schmitter, Peter: Geschichte der Alpener Juden. Dokumente vom Alpener Beginn bis zum Leidensweg in der NS-Zeit, Alpen 1986. - Schwieren, Klaus-Dieter: Alltag auf Burg Alpen, in: Jahrbuch des Kreises Wesel 14 (1993) S. 30-32. - Daebel, Joachim: Kurfürstin Amalia von der Pfalz und ihre Kirche zu Alpen 1604-2004. Festschrift zum 400. Todestag der Kurfürstin Amalia von der Pfalz 1602-2002 und zum 400jährigen Bestehen der evangelischen Kirche zu Alpen 1604-2004, hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Alpen/Niederrhein, Regensburg 2004. - Alpen-Lexikon. Alte und neue Besonderheiten aus unserer Gemeinde in Kurzbeschreibungen, hg. von der Arbeitsgemeinschaft Alpen-Lexikon, 3. Auflage, Alpen 2017.