(1) N. hat seinen Namen vom spätlateinischen Ausdruck »Namuco«, der seit dem späten 6. Jahrhunderts überliefert ist. Die Siedlung entstand an den Ufern der Sambre an ihrer Mündung in die Maas, wo sich zudem mehrere überregionale, seit römischer Zeit bestehende Handelsstraßen kreuzten. In N. ändert die Maas ihren Lauf nach Osten, nördlich befindet sich das fruchtbare Plateau des Haspengau, südlich das des Condroz. Das in der römischen Kaiserzeit bedeutende N. erlebte in Spätantike und Frühmittelalter eine deutliche Schrumpfung. In karolingischer Zeit entstand eine Fähr- bzw. Anlegestelle, in deren Nähe es eine Kollegiatkirche gab, zudem besaß der Graf des Gaus Lomme in N. ein Haus. Gelegentlich hielt sich auch der Bischof von Lüttich in N. auf. Im 10. Jahrhundert entstand aus der älteren Gaugft. eine erbliche Grafschaft, deren Familie ihren Sitz in N. nahm. Von der Stadt wurde der Name auf die Grafschaft übertragen. Die erste regierende Familie starb mit Heinrich dem Blinden 1196 aus, woraufhin ein Nachfolgestreit zwischen den nacheinander regierenden Familien der Grafen von Hennegau jüngere Linie und der aus Frankreich stammenden Familie Courtenay mit den benachbarten Bf.en von Lüttich und Grafen von Luxemburg ausbrach. 1263 wurde die gesamte Grafschaft an Guy de Dampierre, Grafen von Flandern, verkauft. In zweiter Ehe war dieser mit einer Enkelin von Heinrich dem Blinden verheiratet. Der aus dieser Ehe hervorgegangene Sohn erbte N., deren Nachfolger die Grafschaft bis 1421 (wegen fehlender Erben Verkauf an den Herzog von Burgund-Flandern) bzw. 1429 (Tod Graf Johanns III.) in Händen hielten. Seitdem war N. Bestandteil der in den Händen der burgundischen Herzöge, dann deren Erben, den Ehzg.en von Österreich und anschließend den habsburgischen Königen von Spanien vereinigten Niederlande. Ab 1714 gehörte N. zu den Österreichischen Niederlanden. Die Besetzung durch revolutionäre französische Truppen 1794 beendete die Verfassungszustände des Alten Reichs. N. blieb in der ganzen Zeit seit 1429 Sitz von Statthaltern, war zudem in der frühen Neuzeit Standort einer Garnison. Die alte gräfliche Burg wurde im 16. Jahrhundert zur Festung ausgebaut, die die Grenze zu Frankreich schützen sollte (französisch besetzt war sie 1692-1695 und 1746). Hervorzuheben ist, dass N. zwischen 1580 und 1585 während der Glaubenskriege zeitweilig anstelle von Brüssel Hauptstadt der Spanischen Niederlande war.
Faktisch ließen sich die Grafen seit dem 13. Jahrhundert durch den »Bailli« während ihrer häufigen und langen Abwesenheitszeiten vertreten. Dieser stand der gfl.en Verwaltung vor. Der gräfliche Rat gewann im 15. Jahrhundert eine gewisse Autonomie und entwickelte sich unter der Bezeichnung »Conseil provincial« zum höchsten Gerichtsorgan der Grafschaft In der frühen Neuzeit ernannten die Landesherrn einen »Gouverneur« als Statthalter in der Gft.
Bis 1559 gehörte N. kirchlich zum Bistum Lüttich. Im Rahmen der kirchlichen Neuordnung unter König Philipp II. wurde in N. ein neues Bistum eingerichtet, N. wurde Kathedralstadt (das 1048 von den Grafen gegründete Kollegiatstift Saint-Aubain förmlich zur Kathedrale erhoben).
(2) Seit dem 12. Jahrhundert fungierten in der Stadt und der direkten Umgebung (»banlieue«) ein Maire und mehrere Schöffen als Vertreter des Grafen, die aus der städtischen Führungsschicht entstammten. In der Stadt galt ein mündlich vermitteltes, eigenständiges Recht (Loi de N.), das mehrmals geändert worden sein muss, bis 1357 der Graf dem Gemeinwesen eine finanzielle Autonomie zustand zugunsten der Errichtung einer Befestigung. Zwei Amtsträger wurden mit der Kassenführung/-verwaltung beauftragt, sie trugen später den Titel »Bourgmestre«. Vom Beginn des 13. Jahrhunderts stammt das erste Siegel, das spätestens 1250 durch ein im engen Sinn städtisches, die Stadtmauer zeigend, ersetzt wurde, was die fortschreitende Institutionalisierung der Gemeinde verdeutlicht. 1214 gründete Gf.in Yolande de Courtenay im Osten des um N. befindlichen Stadtrechtsbezirks, der »franchise« (Stadtfreiheit), eine Neustadt, um fremde Kaufleute anzusiedeln. Zugleich wurde in der Umgebung N.s ein Jahrmarkt eingerichtet, um den Ort für den Fernhandel attraktiver zu machen als es die bestehende Stadt war.
In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts dürfte N. etwa 5000-6000 Einwohner gehabt haben. Die Krise des 14.-16. Jahrhunderts wirkten stagnierend, 1578 wurden 6274 Einwohner gezählt. Im 17./18. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung auf 13379 Einwohner (1745).
Das »Loi de N.« sah vor, dass das Bürgerrecht gegen einen jährlichen Zins an den Grafen zu erwerben war. Viele Einzelfragen des Rechtslebens der Bürger wurden durch deren Beziehungen zum Grafen geregelt, was diesem weitreichende Eingriffsmöglichkeiten sicherte.
Der N.er Rat war anfangs Oberhof für die Landgemeinden in der Stadtfreiheit (zudem auch für andere Orte der Gft.), zog aber deren Kompetenzen zunehmend an sich, so dass später der »Conseil provincial« Berufungsinstanz wurde, an der die Parteien Entscheidungen des Stadtrats überprüfen lassen konnten. Die N.er Schöffen besaßen auch die Blutgerichtsbarkeit, vollstreckte auch die Todesurteile, die die Schöffen von Jambes, einem zum Fbm. Lüttich gehörenden Ort direkt N. gegenüber auf dem anderen Maasufer, ausgesprochen hatten.
N. besaß seit dem 12. Jahrhundert einen Wochenmarkt und schuf später weitere Märkt, nachdem sie das Recht hierzu erhalten hatte. Die Einrichtung von Kaufhäusern für Getreide, Tuch, Leder und Fleisch u.a. ging auf den Stadtherrn zurück, lediglich die Halle für Flussfische wurde von der Stadt gegründet (1513). Zur gfl.en Grundherrschaft im Stadtgebiet gehörten mehrere Mühlen an der Sambre, zu denen im frühen 14. Jahrhundert welche bei der Neustadt hinzukamen für die Brauer und Gerber.
Zünfte, in N. »frairies«, entstanden im späten 13. Jahrhundert, als erstes die Schlachter 1274. Bedeutendster Gewerbezweig war im Spätmittelalter die Weberei, 1466 erlaubte der Herzog von Burgund die Ansiedlung der aus dem 1466 zerstörten Dinant vertriebenen Kesselschmiede (»batteurs«).
Das bebaute Areal befand sich zu Füßen der Burg. Die Stadtbefestigung kannte mehrere Ausbaustufen. Im Hochmittelalter erstreckte sie sich zunächst um die Kernstadt von der Sambermündung auf dem linken Samberufer bis zum heute Corbeille genannten Platz. Die im 13. Jahrhundert errichtete Befestigung umschloss die alte Kernstadt, die Handwerkerviertel im Osten und Westen sowie das Quartier um die Kollegiatkirche Saint-Aubain im Nordwesten ein. Seit der zweiten Hälfte des 14.s wurde die Stadtbefestigung deutlich weiter nach Norden und nach Osten zur Neustadt ausgedehnt. Zahlreiche Haushandwerker siedelten sich auf der Fläche bis zur Neustadt an, zahlreiche Freiflächen dienten als Gemüsegärten.
(3) Es gab eine ganze Reihe von Kirchen, seit dem 12. Jahrhundert gab es vier Pfarreien, zu denen im 17. Jahrhundert eine fünfte hinzukam, die der Neustadt. Erste Hauptkirche der Stadt war Notre-Dame auf dem linken Maasufer, an der wohl seit dem Hochmittelalter ein Priesterkollegium wirkte. Sie fungierte als Pfarrkirche, als solche war sie direkt dem Bischof von Lüttich unterstellt. Vermutlich im 9. Jahrhundert wurde von ihr die gräfliche St. Johann-Baptist-Kirche abgetrennt, gelegen auf dem linken Samberufer. Im 12. Jahrhundert kamen zwei weitere Pfarrkirchen hinzu, Saint-Loup direkt neben St. Johann-Baptist und St. Johann-Evangelist weiter im Westen in der Nähe des Kollegiatstifts Saint-Aubain. Im Osten, wo später die Neustadt entstand, wurde im 12. Jahrhundert St. Nikolaus-Kapelle gegründet, die im 17. Jahrhundert zur Pfarrkirche aufgewertet wurde. Als seit Ende des 17. Jahrhunderts holländische Truppen auf der Zitadelle garnisoniert wurden, wurde eigens für sie eine Reformierte Kirche eingerichtet. Die Kapellen des Saint-Hilaire und des Saint-Rémy auf dem linken Samberufer haben eventuell karolingische Ursprünge; erstere verschwand im 14. Jahrhundert, die zweite wurde zur Ratskapelle im Rathaus.
Neben den Kapitelskirchen Notre-Dame und Saint-Aubain wurde neben der Burg das Kollegiatstift St. Pierre, genau auf dem Sporn des Bergs, erbaut. Auch wenn es erst Ende des 12. Jahrhunderts erwähnt wird, dürfte es deutlich älter sein; aufgehoben wurde es 1560, seine Präbenden wurde an Saint-Aubain übertragen, diese zur Kathedrale erhoben. Unterhalb dieses Stifts gründeten die Grafen die Kapelle Saint-Jacques und außerhalb der Burg die Kapelle Saint-Georges.
Im frühen 13. Jahrhundert ließen sich Franziskaner und Regularkanoniker (entstanden 1211 im benachbarten Huy) nieder, ihre Konvente lagen außerhalb der Stadtmauern. 1467 zogen die Karmeliterinnen von Dinant (1466 zerstört) nach N., 1498 kamen noch Franziskanerinnen hinzu, beide Klöster lagen in der Stadt. Während der Gegenreformation förderten Ehzg. S.o. Albrecht VII. (als Regent der spanischen Niederlande 1599-1621) und seine Ehefrau Isabella die Ansiedlung gleich mehrere Ordenshäuser, was ihre Nachfolger fortsetzten: Kapuziner (1604), Jesuiten (1610), Karmeliter (1622), Annuntiatinnen (1624), Cölestiner (1631), Dominikaner (1648), Ursulinen (1652), Barfüßige Karmeliter (1673). Begünstigt wurde die Vielzahl von Klöstern durch die schwache, weiträumige Bebauung des Areals zwischen innerer und äußerer Ummauerung. Zwei Abteien vervollständigten die Klosterlandschaft, so die um 1200 gegründete Zisterze im Dorf Salzinnes samberaufwärts auf dem rechten Ufer, und die 1613 gegründete Abtei Notre-Dame de la Paix.
Die im 13. Jahrhundert entstandenen Beginenhäuser blieben klein. Ein erstes Hospital wurde im 12. Jahrhundert in der Nähe der Maasbrücke gegründet. 1240 wurde es durch den oströmischen Kaiser Balduin, der aus dem Haus Courtenay stammte, dem byzantinischen Hospital vom Hl. Samson übereignet. Dieses ging zugrunde durch das 1270 von N.er Bürgern gegründete und schnell wachsende zweite Hospital, das sich zum »Grand Hôpital« entwickelte und unter Aufsicht des Rats stand. Der Graf stattete es 1312 mit Gütern aus, die zur Armentafel der Pfarrkirche St. Johann-Baptist gehörten. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde unter Aufsicht des Rats eine Leproserie maasabwärts außerhalb der Stadt angelegt, welches bis zum 17. Jahrhundert bestehen blieb. Zwischen 1406 und 1410 wurde von der Jakobs-Bruderschaft ein Hospital zur Beherbergung von Pilgern gegründet, das dem selben Hl. gewidmet war; dieses wurde von Graf Wilhelm II. gefördert. Im Laufe der Zeit wurde es der Aufsicht des Rats unterstellt und parallel zum Grand Hôpital geführt, allerdings für Kranke umgewidmet. 1755 wurde es von der Bruderschaft der barmherzigen Brüder übernommen. Der Pestzug des Jahres 1531 war Anlass für die Stadtobrigkeit, auf dem linken Maasufer an der äußeren Stadtmauer ein Rochushospital zu gründen. 1695 fiel es einem Umbau der Stadtbefestigung zum Opfer.
Nach der Bm.sgründung wurde 1568 ein Seminar zur Priesterausbildung ins Leben gerufen, das nach schwierigen Anfangsjahren 1656 zur Blüte gebracht wurde.
(4) Die eventuell aus einem spätantiken Kastell hervorgegangene hochmittelalterliche Burg wurde erst im 15./16. Jahrhundert zur größeren Anlage ausgebaut. Auch als spätere Zitadelle blieb die Befestigung baulich von der Stadt getrennt. Nach Ende der Selbständigkeit der Grafschaft siedelten sich herrschaftliche und städtische Behörden allein in der Stadt an, der Burg verblieben rein militärische Funktionen, sie wurde zur Zitadelle ausgebaut, vor allem durch den holländischen Festungsbaumeister Coehorn.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erhielt der Conseil provincial ein Gebäude in der Stadt auf dem linken Samberufer. In der Nähe der Kollegiatkirche Saint-Aubain erwarben die Landstände einen adligen Stadthof, den sie 1515 Karl V. zum Herrschaftsantritt in den Niederlanden schenkten, welches später Wohn- und Amtshaus des Gouverneurs der Grafschaft N. wurde. 1613 erhielt es eine Fassade im Stil der maasländischen Renaissance.
Im Laufe des Spätmittelalters wurden die älteren Holzbauten sukzessive durch Stein-, Fachwerk- und Lehmhäuser ersetzt, für die man auf die im Umland anstehenden Materialien zurückgriff. Im 16. Jahrhundert bildete sich mit der maasländischen Renaissance aus Ziegelstein und Belgischem Granit (»pierre bleue«) ein eigener Stil heraus, der vor allem bei Häusern der vermögenden Familien und bei kommunalen Bauten wie dem Neuen Rathaus (ein erstes kleines, angelehnt an die Kapelle Saint-Rémy gab es bereits im frühen 13. Jh.) und der auf Befehl König Philipps II. erneuerten Fleischhalle (beide 1590 beendet, Fleischhalle mit Wappen des Kg.s an der Schauseite) angewandt wurde und weite Verbreitung fand. Bis heute stadtbildprägend sind zahlreiche Bauten des 18. Jahrhunderts, die sich in der Bauflucht an die neuvermessenen Straßenzüge anzupassen hatten. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden von nobilitierten Bürgerfamilien eine ganze Reihe von Stadthöfen errichtet, bei denen in unterschiedlicher Ausprägung Bauformen der ländlichen Adelssitze übernommen wurden. In der Kernstadt waren mehrere Marktplätze angelegt worden. 1590 wurde vor dem neuen Rathaus der Grand-Place geschaffen, für den ein ganzer Baublock niedergelegt wurde. Seitdem gab es eine freie Sichtachse durch das Handelszentrum der Stadt vom Rathaus zur Samberbrücke mit der Fleischhalle, Ausdruck der machtvollen Stellung des Rats. Die vielen Klöster und Kirchen des 17. Jahrhunderts - hervorhebenswert die 1621-1645 erbaute Jesuitenkirche -, aber auch einige Privatbauten dieser Zeit wurden im Barockstil errichtet; in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts lehnte man sich stilistisch eng an das französische Vorbild (Louis-treize) an, was insbesondere für das kommunale Grand-Hôpital gilt (mit einem sich zur Maas öffnenden Hof), maßgeblich finanziert durch ein Bürgerpaar, Nicolas Chaveau und Anne Leveau, denen zwei Stelen an der Kapellenwand gewidmet sind. Im 18. Jahrhundert wurde die Kathedrale Saint-Aubain im französischen »style classique« des Barock umgebaut, ebenso die Pfarrkirche St. Johann-Evangelist. 1728-1732 wurde der bischöfliche Palast gegenüber der Kathedrale errichtet anstelle mehrerer Bürgerhäuser, die seit Schaffung des Bm.s 1559 sukzessive gekauft worden waren. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts kamen noch die Kirchen St. Jakob und St. Peter und Paul als Neubauten hinzu.
Einen Plan der Stadt gibt es im Atlaswerk von Braun/Hogenberg, erschienen in Köln in verschiedenen Ausgaben 1572-1618.
(5) Als Hauptstadt der flächenmäßig kleinen Grafschaft kam N. seit dem Hochmittelalter eine Zentralfunktion zu, die auch nach dem Aufgehen im größeren burgundisch-niederländischen Herrschaftsverband und dessen Nachfolgern, den habsburgischen, dann spanischen und österreichischen Niederlanden bestehen blieb. Einhergehend mit dem Bedeutungsverlust der Grafen, die im 12. und frühen 13. Jahrhundert in die Nähe reichsfürstlichen Rangs kamen, entwickelte N. sich in wirtschaftlicher Hinsicht zu einem maasländischen Regionalmarkt. N. war nicht Mitglied von Städtebünden, die direkte Unterstellung mit ihrer genauen Aufsicht unter ihren Landesherrn verhinderte dies. In der kleinen Grafschaft war die Stellung der Stadt so stark, dass das Hinterland im Haspengau und im Condroz wirtschaftlich ganz auf N. ausgerichtet war. Im Fernhandel spielte N. keine große Rolle, die Messe von Herbatte war allein für die benachbarten Städte bedeutend. Die Tuchhersteller/-kaufleute hatten sich zu einer als »Hanse« bezeichneten Genossenschaft zusammengeschlossen, die jedoch eine lokale Größe blieb. Der in nahe gelegenen Steinbrüchen abgebaute Kalkstein wurde über die Maas vertrieben und findet sich in zahlreichen Städten, woraus auf eine wirtschaftliche Verflechtung zu schließen ist. Der große gräfliche Wald Marlagne wurde von der Stadt zur Holzversorgung genutzt. Kommunale Ländereien befanden sich samberaufwärts, dort entstanden städtische Ziegelhöfe. Anders als in anderen Maasstädten gab es keinen umfangreichen Abbau von Steinkohle, so dass sich so gut wie keine diesen Rohstoff nutzenden Gewerbezeige bilden konnten. Die im 18. Jahrhundert entstehenden Glashütten blieben hinter denen des Beckens der Niedersamber und de Lütticher Raums deutlich zurück.
(6) Obwohl (oder gerade weil) N. Hauptstadt der vergleichsweise kleinen Grafschaft war, wurde die Stadt deutlich von den Grafen und deren Rechtsnachfolgern beherrscht. Das Stadtrecht setzte den bürgerlichen Bestrebungen eine engen Rahmen, gelegentliche Aufstände wurden im Keim erstickt. Politischer Gestaltungswille äußerte sich beispielsweise in der Unterstützung Graf Heinrichs V. »des Blonden« von Luxemburg, die Stadt willigte dann aber doch in den Verkauf der Grafschaft an den Grafen von Flandern, Guy de Dampierre, ein, dessen Einfluss auf die Stadt in der noch zunahm. Bis Mitte des 14. Jahrhunderts geschah der Ausbau der städtischen Infrastruktur unter gfl.er Aufsicht. Die städtische Kassenführung blieb trotz der gewissen Autonomie, die die Stadt 1357 mit der Reform des Stadtrechts erhalten hatte, unter enger gfl.er Kontrolle. Das einzige, was ihr zustand, war der Ausbau der Befestigung und die Pflege der Straßen. In der frühen Neuzeit war N. Spielball in den militärischen Großlagen, die Zitadelle zog die Aufmerksamkeit der Heerführer auf sich, die Belagerungen bildeten immer wieder Einschnitte in die urbane Entwicklung. In N. fanden die feierlichen Einzüge neuer Herrscher der Grafschaft anlässlich der Huldigung statt, woraus die Stadt keine Vorteile zog, sie blieb unter der genauen Aufsicht der Herrschaft. Doch befanden sich in der frühen Neuzeit die Verwaltungseinrichtungen des Landes in der Stadt, die direkt unter der herrschaftlichen Zentralverwaltung in Brüssel standen. Auf der Stadt ruhte in erster Linie die Verpflichtung zur Zahlung der Beden und anderer Subsidien. Die vom Grafen eingesetzte Stadtregierung beherrschte die örtliche Politik, geriet dabei aber in Konkurrenz zum Conseil provincial, dessen Zuständigkeiten permanent erweitert wurden. Nur wenige Bewohner N.s gelangten in den höheren Hofdienst bzw. die höhere Landesverwaltung.
(7) Das alte Stadtarchiv von Namur befindet sich in Namur, Archives de l’Etat de Namur (AEN), Bestand »Ville de Namur 525-0020«. Man findet dort insbesondere eine Reihe von Stadtrechnungen, beginnend ab den 1360er Jahren und zunehmend vollständig bis zum Ende des Alten Reichs (AEN, 525-0020-953/1479). Ebenfalls finden sich Bürgerlisten (AEN 525-0020-92/100) wie die Überlieferung des Gerichtshofs seit dem frühen 15. Jahrhundert (AEN, Haute Cour de Namur 525-0013). Landesherrliche Beden- und Subsidienrechnungen sind fast vollständig ab dem frühen 16. Jahrhundert erhalten (AEN, 525-0020-1489/1762). Beachtenswert sind Notariatsarchive seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts (AEN, Notariat 525-0027). Hinzu kommen die Zünfte (AEN, Métiers de Namur 525-0023) und die Hospitäler (AEN, Bienfaisance Namur AR 525-0025), beide mit den ältesten Teilen aus dem 14. Jahrhundert. Auch die wichtigsten geistlichen Institutionen haben ihre Bestände erhalten können (AEN, Archives ecclésiastiques 525-0029 et 525-0030). Nicht zuletzt befinden sich dort die Urkunden und Akten des Landesherrn sowie die der gräflichen Amtsträger (AEN 525-0001 à 525-0008). Zu rate zu ziehen sind auch die Bestände der zentralen Einrichtungen in den Archives générales du Royaume (AGR) in Brüssel. Zu nennen sind die Rechenkammer bzw. Chambre des Comptes (AGR, Chambre des comptes), vor allem die gräflichen Grundherrschaften betreffend, und die des Großen Rats zu Mecheln (AGR, Grand Conseil de Malines), der als Appellationsinstanz für den Conseil provincial Namurs fungierte.
Rousseau, Félix: Actes des comtes de Namur de la première race, 946-1196, Brüssel 1936. - Walraet, Marcel: Actes de Philippe Ier dit le Noble, comte et marquis de Namur (1196-1212), Brüssel 1949. - Die gräflichen Besitzverzeichnisse von 1265 und 1289 sind veröffentlicht bei: Dieudonné Brouwers: Cens et rentes du comté de Namur au XIIIe siècle, 2 Tl.e, Namur 1910-1911, vervollständigt durch Dieudonné Brouwers: Chartes et règlements, 2 Tl.e, Namur 1913-1914. Verwandte Quellen der geistlichen und karitativen Einrichtungen gibt es aus dem frühen 14. Jahrhundert, so zum Beispiel von der Abtei Salzinnes, siehe: Polyptyque de l’abbaye de Salzinnes-Namur (1303-1307), hg. von Léopold Genicot, Löwen/Gent 1967 (Centre belge d’histoire rurale, 7). Zahlreiche städtische Quellen sind veröffentlicht bei: Jules Borgnet, Stanislas Bormans und Dieudonné Brouwers: Cartulaire de la commune de Namur, 7 Tl.e, Namur 1876-1924. Die einzige Chronik, die Namur in nennenswerten Maß behandelt, wurde im 16. Jahrhundert redigiert von [Paul] De Croonendael, veröffentlicht als: Cronicque contenant l’estat ancien et moderne du pays et conté de Namur, la vie et gestes des seigneurs, contes et marquis d’icelluy, hg. von [León] De Limminghe, 2 Tl.e, Brüssel 1878-1879. Zu den Rechtsgewohnheiten, die das städtische Leben bis zum Ende des Alten Reichs bestimmten, siehe François Grandgagnage, Charles Joseph: Coutumes de Namur et coutume de Philippeville, 2 Tl.e, Brüssel 1869-1870 (Recueils des anciennes coutumes de la Belgique. Coutumes de Namur et de Philippeville, 1). Desweiteren gibt es zahlreiche Einzeleditionen einschlägiger Texte in der geschichtswissenschaftlichen Literatur über Namur.
Galliot, Charles François Joseph: Histoire générale ecclésiastique et civile de la Ville et Province de Namur, 6 Tl.e, Lüttich 1788-1791 [veraltet, wenig glaubwürdig].
(8)Borgnet, Jules: Promenades dans la ville de Namur, Tl. 1, Namur 1859 (ND Profondeville 1964). - Radiguès de Chennevières, Henri de: Les échevins de Namur, in: Annales de la Société archéologique de Namur 25 (1905), S. 1-467. - Goetstouwers, J.-B.: Les métiers de Namur sous l’Ancien Régime. Contribution à l’histoire sociale, Löwen/Paris 1908 (Université de Louvain, Recueil de travaux publiés par les membres des conférences d’histoire et de philologie, 20). - Courtoy, F.: L’architecture civile dans le Namurois aux XVIIe et XVIIIe siècles, in: Mémoires de l’Académie royale de Belgique, Classe des Beaux-Arts, 2e sér., 27, Brüssel 1936. - Genicot, Léopold: L’économie rurale namuroise au bas Moyen Age (1199-1429), Tl. 1: La seigneurie foncière, Löwen 1943; Tl. 2: Les hommes - La noblesse, Löwen 1960; Tl. 3: Les hommes - Le commun, Louvain-la-Neuve-Brüssel 1982; Tl. 4: La communauté et la vie rurale, Louvain-La-Neuve 1995. - Art. »Namur«, in: Le Patrimoine monumental de la Belgique, 5, Tl. 2 (1975) S. 474-642. - Jacques, François: Namur en 1784. Paroisses - Rues - Immeubles. Propriétaires et essai de constitution d’un plan parcellaire, Namur 1980. - Jacques, François: Aux origines du diocèse de Namur, Namur 1988. - Namur. Le site, les hommes, de l’époque romaine au XVIIIe siècle, Brüssel 1988 (Crédit Communal, Collection Histoire, sér. in-4°, 15). - Bodart, Emmanuel: Approche archéologique et archivistique de la matérialité urbaine. L’exemple de Namur entre le XIIe et le XVIe siècle, in: Au-delà de l’écrit. Les hommes et leurs vécus matériels au Moyen Âge à la lumière des sciences et des techniques. Nouvelles perspectives, hg. von René Noёl, Isabelle Paquay und Jean-Pierre Sosson, Turnhout 2003 (Université Catholique de Louvain, Typologie des sources du Moyen Âge occidental), S. 81-97. - Histoire de Namur. Nouveaux regards, hg. von Philippe Jacquet, René Noёl und Guy Philippart, Namur 2005 (Facultés universitaires de Namur, Collection Histoire, Art, Archéologie, 7). - Douxchamps-Lefèvre, Cécile: Une province dans un monde. Le comté de Namur 1421-1797, Namur 2005. - Paquay, Isabelle: Gouverner la ville au bas Moyen Âge. Les élites dirigeantes de Namur au XVe siècle. Thèse de doctorat, masch. Facultés universitaires Notre-Dame de la Paix à Namur, Namur 2005. - Bodart, Emmanuel: Le château des comtes de Namur des origines au XVIe siècle. Du palais princier aux prémices de la citadelle, in: Annales de la Société archéologique de Namur 82 (2008) S. 49-93. - Bodart, Emmanuel: Société et espace urbains au bas Moyen Age et au début de l’époque moderne. Morphologie et sociotopographie de Namur du XIIIe au XVIe siècle, Namur 2017 (Société archéologique de Namur, Namur. Histoire et Patrimoine, 4). - Ronvaux, Marc: L’ancien droit privé namurois et sa pratique au XVIIIe siècle, 2 Tl.e, Namur 2020 (Annales de la Société archéologique de Namur 93, 2019).