(1) A. wurde vor 1370 von den Grafen von Sternberg an Stelle einer älteren Siedlung »Alwardessen« neu gegründet, die 1151 als Besitz des Herforder Stifts Auf dem Berge erstmals Erwähnung fand. Der Ort wurde auf einem im Osten von einer Schleife der Exter umflossenen Plateau angelegt. Durch den Ort führte der wichtige Verkehrsweg Lemgo-Hameln. Nicht weit östlich des Ortes kreuzte er die Nord-Südverbindung Bremen-Kassel. Trotz dieser verkehrlich günstigen Lage gelang es A. nie, mit bedeutenderen Städten der Region gleichzuziehen. Der von einer kleinen, 1396 erstmals nachweisbaren Burg geschützte Ort wird in der Forschung als »dörfliche Zwergstadt« (Gorki 1966, S. 100) bezeichnet.
1405 kam A. als Pfand in die Hände der Edelherren zur Lippe. 1424 wurde der Ort in der Lippisch-Schaumburgischen Fehde völlig zerstört, offensichtlich aber zügig wieder aufgebaut. Die ebenfalls vernichtete Burg wurde durch einen Neubau ersetzt, an dessen Stelle 1662 das heute noch vorhandene schlichte Schloss trat.
1613 fiel das Amt A. als Paragium an den Sohn Graf Simons VI. zur Lippe, Philipp. Schloss A. war fortan Residenz einer Nebenlinie der Edelherren zur Lippe, der »Erbherren zur Lippe«. Nachdem 1647 Philipp zur Lippe-A. die Regentschaft in der Grafschaft Schaumburg-Lippe angetreten hatte, wurden Amt und Flecken A. von Bückeburg aus regiert. Nach 1681 wurde A. Wohnsitz einer Seitenlinie des Hauses Schaumburg-Lippe und erlebte bis 1777 seine Blütezeit als Residenz. Später diente das Schloss vor allem der Verwaltung als Amtshaus, A. lässt sich für diese Zeit als Amtsstadt verstehen. Die Angehörigen der Gf.enfamilie nutzten das Schloss nur noch zeitweise als Wohnsitz. 1812 erwarb Fs.in Pauline zur Lippe-Detmold (reg. als Regentin 1802-1820) die Stadt A.
(2) Die Siedlung wurde von den Grafen von Sternberg planmäßig und nach dem Vorbild lippischer Drei-Straßen-Gründungen (vgl. Lemgo) angelegt. A. war von einer mit Toren versehenen Schutzhecke umgeben. Inwieweit A. je volle Stadtrechte besaß, ist ungeklärt. Zweimal, 1370 und 1410, wird es als Civitas bezeichnet. 1370 werden Rat und Gemeinheit, ab 1396 Bürgermeister und Rat genannt. Wohl infolge des Anfalls an Lippe 1405 und der Zerstörungen 1424 ging der Status einer Stadt de facto verloren. In den Quellen wird A. fortan als Flecken oder Weichbild bezeichnet. Die Kleinheit der Verhältnisse wird ersichtlich aus der demographischen Schätzung, dass A. um 1480 lediglich aus vier Kolonaten mit zusammen etwa 30 Einwohnern bestand (Wiechmann 1965, S. 258). Der Rat unter der Führung zweier gewählter Bürgermeister bestand aber weiter. Die Haushaltsvorstände des Fleckens besaßen Bürgerrechte und ein entsprechendes Selbstbewusstsein, mit dem sie gegenüber der Bevölkerung der umliegenden Dörfer auftraten.
Wirtschaftlich war A. bis auf einige Handwerker und zwei Krüge überwiegend agrarisch geprägt. Die Verwaltung des Amtes und die Domanialverwaltung wurden dabei streng getrennt. Genauere Aussagen sind möglich über den umfangreichen, dem Schloss angegliederten landwirtschaftlichen Betrieb (mit mehreren Stallungen, Remisen, Kornboden, Schrot- und Sägemühle und Brauhaus). Neben Amtmann, Amtsassessor, Kammersekretär bzw. Kammerrat und Schreiber sind eine ganze Reihe niederer Amtsträger und Bediente belegt. Schließlich existierte eine kleine Wachmannschaft mit eigenem Gebäude. Mehrere Bediente waren in kombinierter Funktion tätig (z.B. dienten die Schlossbäcker auch als Lakaien, als Pförtner und Kastellan wurden Soldaten der Wache eingesetzt). Der vornehmste Amtsträger vor Ort übte zugleich die Funktion eines Hofmeisters aus. Die zahlreichen Baumaßnahmen am Schloss wurden von Handwerkern aus dem Flecken durchgeführt, so fungierte die Untere Schmiede im Flecken auch als Schlossschmiede. Im 18. Jahrhundert werden zwei medizinisch geschulte Personen (»medicus« bzw. »chirurgus«) erwähnt, die Bürgerrecht im Ort hatten und zugleich als Leibärzte bei Hof dienten.
Unklarheiten im Testament Graf Simons VI. (†1613) hatten Spannungen zwischen den Edelherren zur Lippe und den A.er Erbherren zur Folge. Erstere beanspruchten die Landeshoheit und die höhere Gerichtsbarkeit, außerdem kam ihnen die Entscheidungsgewalt in Kirchen- und Schulsachen zu. Ihre A.er Verwandten bemühten sich systematisch, möglichst viele dieser Gerechtsame an sich zu bringen. Misshelligkeiten gab es auch über Apanagegelder, welche die Detmolder den A.ern schuldig waren und nur säumig zahlten. Dennoch blieb das Verhältnis bis zum Tod Philipps I. 1681 noch weitgehend einvernehmlich. Nach Philipps Ableben eskalierten die Konflikte zwischen den beiden Adelshäusern mehrfach derart, dass beide Parteien aufrüsteten und Militär in A. stationierten. Ihren Höhepunkt erreichten die Streitigkeiten 1768 mit der Inhaftierung der Bürgermeister und einer Einquartierung von 100 Bückeburger Soldaten im Schloss sowie 30 Detmolder Soldaten im Rathaus. Nur auf Druck des Lehnsherrn, des Ldgf.en von Hessen-Kassel, konnte die Situation entschärft werden. Der Zwist setzte sich in gegenseitigen Klagen beider Adelshäuser vor dem Reichskammergericht fort. Auch die A.er Bürgermeister klagten vor dem Reichskammergericht gegen die Erbherren von Lippe-A. wegen Erstattung der hohen Fouragekosten für die einquartierten Militärs.
Vornehmlich wurden die Auseinandersetzungen auf kirchlich-schulischem Feld ausgetragen, d.h. um Investitur, Amtsführung und Lebenswandel der Pfarrer und Küster, um Fürbitten, Trauer- und Festgeläut für die adeligen Häuser sowie um die Erhebung von Kollekten. Die A.er Seite erkannte das aufsichtführende Konsistorium in Detmold nicht an und ließ - wohl auch konfessionellen Gegensätzen zwischen dem lutherischen Schaumburg-Lippe und dem reformierten Lippe-Detmold geschuldet - Amtshandlungen von einem ortsfremden Prediger im Schloss vornehmen.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts versuchten die A.er Erbherren zudem, die Bürger des Fleckens in ihren hergebrachten Privilegien zu beeinträchtigen. Ratswahlen wurden nicht anerkannt, auch versuchte man, Bürgermeister nach eigenem Gusto einzusetzen. Gerechtfertigt wurde dies mit dem Argument, die Bürger verhielten sich halsstarrig und widerspenstig gegenüber dem A.er Hof. Erst auf Intervention Detmolds hin wurden Ratswahlen wieder zugelassen und anerkannt.
Gegenseitige Schikanen waren offenbar an der Tagesordnung. 1704 beschwerten sich zwei Bürger beim Detmolder Hof über das Auftreten des A.er Amtmanns. Die Streitigkeiten spalteten die Einwohner des Fleckens in eine lippische und eine bückeburgische Partei, was sich nachteilig auswirkte. Erst nach dem endgültigen Übergang A.s an Lippe-Detmold 1812 kehrte Ruhe ein. Von einem höfischen Leben im Schloss war zu diesem Zeitpunkt keine Rede mehr. Ein im Torhaus lebender Beamter berichtet, das Schlossareal sei zu diesem Zeitpunkt auf fast schon gespenstische Weise ausgestorben und vernachlässigt gewesen.
(3) Kirchlich gehörte A. anfangs zu Bösingfeld, von wo es im 16. Jahrhundert ausgepfarrt und selbständige Kirchengemeinde wurde. Eine eigene Kirche ist erstmals 1511 belegt. Vorher sollen Gottesdienste auch im Schloss stattgefunden haben. Ein Stein am Turm der Kirche, der das Doppelwappen Lippe und Sternberg sowie die Jahreszahl 1555 zeigt, wird als Markzeichen für die Fertigstellung der ersten A.er Kirche gedeutet. Wie die übrige Grafschaft Lippe wurde A. im 16. Jahrhundert evangelisch und 1603 evangelisch-reformiert. Der Pfarrer hatte zu Beginn des 17. Jahrhunderts, möglicherweise auch später noch, einen Freitisch im Schloss. Von der ersten Kirche ist nur der Turm erhalten, an den 1723 der heute noch vorhandene, mit Wappen der Verstorbenen versehene »Totenkeller« als Gruft für Angehörige der Familie Lippe-A. angebaut wurde.
(4) In einem kleinen Gemeinwesen wie A. war nicht viel Raum für höfische Repräsentation. Das Schloss liegt östlich des weitgehend agrarisch geprägten Ortes. Auf den Wappenstein am Kirchturm wurde bereits hingewiesen. Über dem Haupteingang des Schlosses war ein Stein mit dem Doppelwappen Schaumburg-Lippe/Hessen-Kassel angebracht, der heute den Giebel des Treppenturms ziert. Der zeitweise in Detmold tätige Kupferstecher Elias von Lennep (†1692) fertigte 1663 einen Stich des Schlosses an, aus dem die landwirtschaftliche Nutzung der Vorburg deutlich wird.
(5) A. hatte spätestens seit dem Übergang an Lippe und wohl auch infolge der Zerstörungen zu Beginn des 15. Jahrhunderts keine besondere, geschweige denn überregionale Bedeutung.
(6) Als Residenzstadt fungierte A. im 17. und 18. Jahrhundert Vor allem im 18. Jahrhundert war die Entwicklung gekennzeichnet vom Dauerkonflikt zwischen den Edelherren zur Lippe, den Erbherren zur Lippe-A. bzw. den Grafen von Schaumburg-Lippe und den Bürgern des Fleckens. Letztere wurden oft zum Spielball der Interessen der beiden Adelsfamilien. Eine detaillierte Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des wenig erforschten Ortes bleibt desiderat.
(7) Einschlägige Archivbestände befinden sich in Detmold, Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe (früher Staats- und Personenstandsarchiv Detmold). Zu nennen sind: L 65 Lippische Konsistorialakten - Generalia, Nrr. 92, 93, 158, 202. - L 66 Lippische Konsistorialakten - Kirchspiele Alverdissen u.a., Nrr. 1-33. - L 95 III Schaumburg-Lippische Regierung und Hofkammer - Paragialamt Alverdissen (147 Akten aus der Zeit 1633-1833). - L 108 Amt Alverdissen (2 Faszikel Akten, Urkunden- und Aktenabschriften aus der Zeit 1652-1812).
Pölert, Otto: Alverdissen. Die Chronik eines freien Weichbildes und seiner Eingesessenen, ohne Ort 1951. Maschinenschriftliches Manuskript. Landesarchiv NRW Abt. OWL, Bibliothek, T 588. - Wiechmann, Franz: Bilder aus der Geschichte des Schlosses und des Fleckens Alverdissen. Manuskript, zusammengestellt aus Gemeindebriefen der Evangelischen Kirchengemeinde Bega (26./27. Jahrgang 1977-1978). Landesarchiv NRW Abt. OWL, Bibliothek, T 291.
(8)Kittel, Erich: Zur Gründung der lippischen Städte, in: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde 20 (1951) S. 9-62, hier S. 50-51. - Wiechmann, Franz: Kirchen um den Sternberg. Aus der Geschichte des Bega- und Extertals, Lemgo 1965. - Gorki, Hans Friedrich: Die Städte des Landes Lippe in geographisch-landeskundlicher Darstellung, in: Westfälische Forschungen 19 (1966) S. 79-115, hier S. 100-101. - Wieden, Helge Bei der: Schaumburg-Lippische Genealogie. Stammtafeln der Grafen - später Fürsten - zu Schaumburg-Lippe bis zum Thronverzicht 1918, Bückeburg 1969 (Schaumburger Studien, 25). - Kittel, Erich: Heimatchronik des Kreises Lippe, Köln 21978 (Heimatchroniken der Städte und Kreise des Bundesgebietes, 44, zugleich Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe, 28) [zu Alverdissen lt. Index]. - Buchholz, Volker: Schloss Alverdissen. Von der Residenz zum Archiv, in: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde 53 (1984) S. 31-48. - Meier, Burkhard: Lippische Residenzen. Schlösser und Burgen zwischen Teutoburger Wald und Weser, Detmold 1998, S. 73-79. - Buchholz, Volker: Art. »Alverdissen«, in: Handbuch der Historischen Stätten, Bd. 3: Nordrhein-Westfalen, hg. von Manfred Groten, Stuttgart 2006, S. 74-75. - Pieper, Lennart: Einheit im Konflikt. Dynastiebildung in den Grafenhäusern Lippe und Waldeck in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Köln, Weimar, Wien 2019 (Norm und Struktur, 49), zu Alverdissen lt. Index.