Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Fischhausen (Primorsk)

Fischhausen (Primorsk)

(1) F. liegt an der nördlichen Bucht des Frischen Haffs, vier Kilometer von der Ostsee entfernt, zwölf Kilometer Luftlinie zu dem seit 1510 bestehenden Pillauer Tief, dem neuzeitlichen Durchlass vom Haff ins offene Meer. F. lag damit abseits des im Mittelalter benutzten älteren Tiefs, aber zugleich an dem Weg von der Frischen Nehrung über das erst in der frühen Neuzeit gegründete Pillau nach Königsberg. Nachdem das Bistum Samland ein Drittel des in den ersten Jahren zur Verfügung stehenden Landes vom Deutschen Orden als Gebiet bekommen hatte, ertauschte sich 1264 Bischof Heinrich von Streitberg das Gebiet mit der nördlichen Haffbucht und nannte die dort entstehende Bf.sburg und die daneben sich entwickelnde Siedlung Schonewic (schöne Bucht). 1268 wurden fünf Burglehen vom Bischof ausgegeben, die Burgmannen sollten auf der Burgfreiheit wohnen. Das waren die Anfänge des Hochstifts Samland. 1294 kam das nunmehr endgültig gegründete Domkapitel zunächst hierher, ehe es 1302 nach Königsberg ging. Damit blieb F. Residenz allein des Bf.s. Als solche fungierte F. bis zur Reformation, als der letzte Bischof, Georg von Polentz, das Hochstift an das Herzogtum Preußen abtrat und dafür die bisherige Ordensburg Balga als Tafelgut erhielt. Danach wurde F. in der Zeit der Herzöge Albrecht und Albrecht Friedrich (1525–1618) zur viel besuchten Sommerresidenz. Die Bf.sburg wurde als nunmehr hzl.e Domäne Sitz eines Amtshauptmanns. Der Inhaber dieses Amtes gehörte zu den vier vornehmsten des Hzm.s Preußen, die in Abwesenheit des Landesherrn rangmäßig nach den vier Regimentsräten (Oberräten) zur Regierung zählten. F. war seitdem eine der zahlreichen Kleinstädte des Hzm.s.

(2) 1299 stellte Bischof Siegfried von Regenstein erstmalig eine Lokationsurkunde nach Kulmer Recht aus, mit der vier aus Stralsund gekommene Siedlungsunternehmer verpflichtet wurden, innerhalb von drei Jahren eine Stadt anzulegen. Gleichzeitig stellte der Bischof der zu gründenden Stadt eine erste Handfeste nach Kulmer Recht aus, die 40 Hofstätten vorsah. Offenbar hatte die Gründung Erfolg, so dass der Bischof nach sechs Jahren die fast gleichlautende Handfeste 1305 neu ausstellte, aber nunmehr eine Abgabe von den Bürgern verlangte.

In Anlehnung an die Burg wurde die Stadt, von dieser durch das Mühlenfließ getrennt, mit rechteckigem Grundriss und gitterförmigen Straßennetz angelegt. Die Stadt zog sich in westöstlicher Richtung neben dem Haffufer hin. Der Bischof hatte bei der Gründung nur eine Befestigung mit Graben und Pfahlwerk zugestanden. Es gab das Pillauer und Germauer Stadttor. 1692 wurden 37 Bürgerhäuser und 58 Buden verzeichnet, was auf etwas über 450 Einwohner schließen lässt. Nach verlässlichen Angaben lebte Ende des 18. Jahrhunderts etwa um 1000 Einwohner in F.

Seit 1305 stand der erste Lokator als Schultheiß an der Spitze von Gericht und Verwaltung. Für Streitigkeiten mit Prußen oder dem bfl.en Gesinde war der Vogt des Bf.s zuständig, der ein Ritterbruder des Deutschen Ordens war. 1475 werden als Verfassungsorgane Bürgermeister, Ratmänner und die ganze Bürgergemeinde genannt, die dem Bischof gegenübertraten. Als städtische Bedienstete werden Stadtschreiber und Stadteinnehmer aufgeführt. Erst 1694 ist überliefert, dass der Rat aus sechs Personen bestand. Auch erst für diese Zeit wird das Schöffenkolleg mit Stadtrichter und sechs Beisitzern genannt. Beide Kollegien wurden 1723 zusammengelegt.

Erst 1694 erhielten die Bürger das Recht zum Bierbrauen. Einen Amtskrug, zu dessen Bedienung Bürger herangezogen wurden, gab es jedoch schon früher. Den bei F. gefundenen Bernstein lieferte der Bischof gegen Bezahlung an den Großschäffer zu Königsberg ab, die Einwohner durften den Bernstein nicht verwerten. Ein örtlicher Handel, etwa mit Getreide, verbunden mit einer Schifffahrt wurde erst im 16. Jahrhundert von Herzog Albrecht erlaubt, wurde aber von den benachbarten Ämtern erschwert, wenn nicht sogar verhindert. Die ältesten Handwerksinnungen (Tuchmacher, Töpfer und Schneider) sind erst aus dem 16. Jahrhundert bekannt, auch Schuster wird es schon zu dieser Zeit gegeben haben, die Gewerke dürften wohl älter sein. Eine Mühle hat schon vor der Stadtgründung bei der Burg bestanden. Wochen- und Jahrmärkte sind erst aus hzl.er Zeit bekannt. Zur Lebensmittelversorgung suchte die F.er Bevölkerung die Dörfer der Umgebung auf, daneben wohl die Märkte im nicht allzu entfernt liegenden Königsberg (belegt erst im 18. Jahrhundert). Darüber hinaus war die Stadt landwirtschaftlich geprägt, sie verfügte von Anfang an über eine Stadtfreiheit.

(3) In den Stadtgründungsurkunden von 1299 und 1305 wird die Dotierung einer Stadtpfarrkirche nicht erwähnt. Dennoch muss ihr Bau bald begonnen worden sein, denn 1321 wird erstmals ein Pfarrer erwähnt. Der Bau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirchengebäudes ist spätestens in der Mitte des 14. Jahrhunderts begonnen worden, dürfte aber älter sein. Es wies typologische Abhängigkeiten vom Königsberger Dom auf.

Über Altar- und Pfründenstiftungen sowie Bruderschaften ist nichts bekannt. Die Tätigkeit eines Hospitals (Aufnahme von Bedürftigen, Darlehensgeschäfte) ist erst aus dem 18. Jahrhundert belegt.

Über eine Kapelle verfügte die Bf.sburg. Sie wird auch dem 1294 gegründeten Domkapitel gedient haben. Eine in der Vorburg bestehende zweitürmige Kirche war möglicherweise (wie in Marienburg) für das niedere Gesinde bestimmt, das sich auch aus prußischen Bewohnern benachbarter Siedlungen rekrutiert haben könnte. Diese Kirche wird noch nach dem Abbruch 1701–05 des größten Teils der Bf.sburg erwähnt.

Der in F. seit 1519 wirkende Bischof Georg von Polentz gehörte zu den führenden Kräften bei der Einführung der Reformation im Deutschordensland. Während der Abwesenheit von Hochmeister Albrecht leitete er 1522–1525 die Regentschaft und schuf die entscheidenden Vorrausetzungen für die Säkularisierung der Ordensherrschaft 1525 und die Umwandlung zum Herzogtum als einem erblichen Fürstentum Mit der Abtretung der weltlichen Herrschaft an den Herzog verließ der Bischof seine Residenzstadt. In der neuen evangelischen Landeskirche wurde F. Sitz eines Kirchenkreises unter der Leitung eines Erzpriesters.

(4) Die steinerne Burg ist erst im 14. Jahrhundert als Vierflügelanlage entstanden. Das Erscheinungsbild der Stadt wurde im Mittelalter und in der frühen Neuzeit von dieser sowie von der Stadtpfarrkirche und dem Rathaus bestimmt. Die Burg wurde 1701–1705 auf Befehl Kg, Friedrichs I. abgerissen, um Baumaterial für die benachbarte Festung Pillau zu bekommen.

Einige bildliche Darstellungen aus dem 17./18. Jahrhundert vermitteln einen Eindruck von F. Es handelt sich um den Grundriss von Johann de Kemp von 1603 sowie um Grundriss und Schrägaufsicht von John Collas 1713. Die Abbildung in dem bekannten Werk von Johann Chr. Hartknoch von 1684 hat nur dekorativen Charakter.

(5) F. verfügte, wie im Ordensland üblich, über eine Stadtfreiheit zur landwirtschaftlichen Nutzung sowie ein Waldstück. Ob schon in bfl.er Zeit Märkte bestanden, ist nicht überliefert, doch gab es einen Warenaustausch mit den Landgemeinden des Samlands. Andere Kleinstädte waren in der weiteren Umgebung nicht vorhanden. In der frühen Neuzeit wurde das Fehlen eines Jahrmarkts beklagt.

Da für die bischöfliche Zeit keine Verwaltungsgliederung im Hochstift Samland zu erkennen ist, dürfte offenbar kein entsprechender Amtsträger in F. gesessen haben. Nach 1525 war F. Sitz des gleichnamigen Hauptamtes, gehörte 1688–1809 zum Steuerrätlichen Kreis Tapiau, 1723–1809 zur Kriegs- und Domänenkammer Königsberg. Im kirchlichen Bereich ist nicht zu erkennen, ob es im spätmittelalterlichen Samland eine Untergliederung in Archipresbyterate wie in der benachbarten Diözese Ermland gegeben hat. Erst für die nachreformatorische Zeit ist bekannt, dass das Herzogtum in Inspektionsbereiche der Erzpriester gegliedert wurde.

(6) Im Spätmittelalter hatte die Stadt den Bischof als Landesherrn, seit 1525 den Herzog Das Zusammenleben war nach Maßgabe der Gründungshandfesten gewohnheitsrechtlich geregelt, Willküren sind erst aus dem späten 17. Jahrhundert bekannt. Die Stadt wird vor allem der Versorgung des bfl.en Hofes gedient haben, zudem war F. wichtig für die Gewinnung des Bernsteins, auf dem der Orden sein Handelsmonopol durchsetzte. Inwieweit der Bischof zur personellen Besetzung seines Gesindes Bewohner der Stadt und der umliegender Dörfer herangezogen hat, ist nicht überliefert. Ob die Anwesenheit des Bf.s zu einer kulturellen Hebung der Einwohnerschaft beitrug, ist nicht zu erkennen.

(7) Städtische Archivalien sind seit längerem nicht mehr zugänglich. Bischöfliche Archivalien sind zunächst nach Königsberg ins Archiv des Herzogtums gelangt. Da dies weit vor Einführung des archivischen Provenienzprinzips erfolgte, sind diese in verschiedenen Beständen des heutigen Historischen Staatsarchivs Königsberg (= XX. Hauptabteilung des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz, Berlin) zu suchen. Die wichtigsten veröffentlichten Editionen sind:

Urkundenbuch des Bisthums Samland, bearb. von Carl Peter Woelky und Hans Mendthal, 1–3, Königsberg 1891–1905. – Preußisches Urkundenbuch 1/1–3/1, Königsberg 1882–1944; 3/2–6/2, Marburg 1958–2000. – Regesta historico-diplomatica Ordinis S. Mariae Theutonicorum 1198–1525, bearb. von Erich Joachim u. a., hg. von Walther Hubatsch, Pars I 1–3. Pars II, Göttingen 1948–1973 [gedrucktes Findbuch zu den Beständen Pergament-Urkunden (bis 1525) und Ordensbriefarchiv, im Archivexemplar zahlreiche handschriftliche Verbesserungen].

(8)Boetticher, Adolf: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Ostpreußen, Bd. 1: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Samlandes, Königsberg 21898, S. 42–44. – Scheiba, Gustav A.: Geschichte der Stadt Fischhausen, Fischhausen 1905. – Winkler, Theodor: Fischhausen, Kr. Fischhausen, in: Deutsches Städtebuch, Bd. 1: Norddeutschland (1939), S. 48 f. – Weise, Erich: Fischhausen, in Handbuch der Historischen Stätten, Bd. 10 A: Ost- und Westpreussen (1966), S. 54 f. – Dehio, Kunstdenkmäler: West- und Ostpreußen (1993), S. 174–176. – Biskup, Radosław: Das Domkapitel von Samland (1285–1525), Toruń 2007 (Prussia sacra, 2). – Jarzebowski, Residenzen (2007), S. 140–154, 384–386. – Herrmann, Christofer: Mittelalterliche Architektur im Preußenland, Olsztyn, Petersberg 2007, S. 415a–416c. – Jähnig, Bernhart: Beziehungen der Bischofsstadt Fischhausen zur bischöflichen Residenz, in: Zapiski Historyczne 82 (2017) S. 41–49.

Bernhart Jähnig