Arbeitsbericht des Septuaginta-Unternehmens für das Jahr 2012

Septuaginta

Das Septuaginta-Unternehmen gilt einem der größten und einflussreichsten Werke der Weltliteratur: der nach der antiken Legende, von der die Septuaginta ihren Namen hat, durch 72 jüdische Gelehrte in 72 Tagen, tatsächlich aber in mehreren Generationen hergestellten griechischen Übersetzung des hebräischen Alten Testaments. Die Aufgabe des 1908 gegründeten Unternehmens besteht in der kritischen Edition der Septuaginta unter Verwertung der gesamten erreichbaren Überlieferung, d.h. der über die ganze Welt verstreuten griechischen Handschriften von den vorchristlichen Fragmenten bis ins 16. Jh. n. Chr., der Tochterübersetzungen (in lateinischer, syrischer, koptischer, äthiopischer und armenischer Sprache) und der Zitate der griechischen und lateinischen Kirchenväter. Die Göttinger Edition, die das Ziel verfolgt, durch kritische Sichtung der Überlieferung den ältesten erreichbaren Text wiederherzustellen, umfasst in bisher 23 erschienenen Bänden zwei Drittel des Gesamtvorhabens. Die Arbeit wurde nach den von der Septuaginta-Kommission aufgestellten Richtlinien fortgeführt.

Gedenken

Der Vorsitzende der Leitungskommission gedachte in der Kommissionssitzung am 16. November 2012 in dankbarer Würdigung der Verdienste des langjährigen Kommissionsmitgliedes Prof. Dr. Dr. h. c. Lothar Perlitt, der am 25. Oktober 2012 in seinem 83. Altersjahr in Göttingen verstorben ist.

Handschriftenverzeichnis/Sigelliste

Die Erarbeitung des Bandes „Die Psalterhandschriften vom IX. Jh. an“ (Suppl. vol. I,3) wurde im Berichtsjahr weitergeführt. Eine gegenüber dem bisher erschienenen Handschriftenverzeichnis (Suppl. vol. I,1) <link internal-link internen link im aktuellen>wesentlich erweiterte und aktualisierte Liste aller mit einer Rahlfs-Sigel versehenen Septuaginta-Handschriften konnte abgeschlossen und im Dezember auf der Internetseite des Unternehmens in elektronischer Form der internationalen Fachwelt zur Verfügung gestellt werden.

Editionen

Die Bandherausgeber setzten in ehrenamtlicher Arbeit ihre Editionstätigkeit an den Bänden „Regnorum I“ (A. Aejmelaeus), „Regnorum III“ (P. A. Torjiano) und „Paralipomenon I“ (T. Janz) fort.
Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. Robert Hanhart vollendete seine Edition des Buches „Paralipomenon II“ im Manuskript. Die Erstellung einer Druckvorlage wurde von den Mitarbeitern der Arbeitsstelle in enger Kooperation mit dem Editor in Angriff genommen. Die umfangreichen Änderungsvorschläge der eingereichten Erstfassung des Buches „Ecclesiastes“ (P. Gentry) wurden dem Herausgeber seitens der Arbeitsstelle in mehreren gemeinsamen Sitzungen zur Einarbeitung unterbreitet. Der Abschluss der Edition wird im Jahr 2013 erwartet.
Die Druckvorlage der Neubearbeitung des Bandes „Duodecim prophetae“ (J. Ziegler) durch F. Albrecht konnte fertig gestellt werden.

Kollation und Revision der Psalter-Handschriften

 

Um bis zum Laufzeit-Ende 2015 das angestrebte Ziel einer Bearbeitung von nahezu 600 Psalter-Handschriften bis zum 12. Jahrhundert erreichen zu können, kollationierten die Mitarbeiter der Arbeitsstelle über das Jahresplansoll hinaus 60 Handschriften. Überdies wurden 20 Psalter-Handschriften revidiert. Da in einem geplanten Neuvorhaben „Die Editio critica maior des griechischen Psalters“ die enorme Masse des handschriftlichen Materials mit Hilfe einer Datenbank erschlossen werden soll, verlagert sich der Schwerpunkt im Unternehmen bis 2015 auf die Fertigstellung der Kollationen, die dann in der Anfangsphase des Neuprojektes, gemeinsam mit der notwendigen Kontrolle des Datenmigrationsprozesses, in die Datenbank zu überführen sind.

Jubliäumsband

Der aus Anlass des hundertjährigen Bestehens des Septuaginta-Unternehmens erstellte <link internal-link internen link im aktuellen>Sammelband „Die Göttinger Septuaginta – ein editorisches Jahrhundertprojekt“, hg. von R. G. Kratz und B. Neuschäfer, wurde am 5. November 2012 der Akademie zur Begutachtung für eine Publikation in den Abhandlungen der Göttinger Akademie (Verlag de Gruyter) eingereicht. Nach dem inzwischen erfolgten positiven Bescheid ist mit dem Erscheinen des Bandes im März 2013 zu rechnen.

Digitalisierung/Datenbank

Die Digitalisierung und elektronische Langzeitarchivierung der im Septuaginta-Unternehmen auf Mikrofilm oder als Fotografie vorhandenen Psalter-Handschriften wurde im Berichtsjahr fortgeführt. Hinsichtlich der zu programmierenden Septuaginta-Handschriften-Datenbank, die neben den Handschriften-Digitalisaten über detaillierte kodikologische, paläographische und inhaltliche Beschreibungen verfügen wird, konnte im Laufe des Berichtsjahres ein Werkvertrag zwischen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und einem spanischen Programmierer-Team geschlossen werden. Das Expertenteam nahm im August seine Arbeit auf. Die Arbeiten sollen im Laufe des Jahres 2013 zum Abschluss gebracht werden.

Homepage des Septuaginta-Unternehmens

Die im Jahr 2005 online gestellte Homepage des Septuaginta-Unternehmens konnte im Berichtsjahr durch enge Zusammenarbeit zwischen dem IT-Referenten der Akademie, Herrn Dr. Bode, und der Arbeitsstelle in die Internet-Seiten der Akademie migriert werden. Die Pflege und redaktionelle Betreuung der Seiten obliegt auch weiterhin ausschließlich dem Septuaginta-Unternehmen.

Kontakte

Folgende Gastforscher weilten während des Berichtsjahrs zur Fortführung ihrer Editionen, Monographien und Einzelstudien sowie zu Bibliotheksrecherchen in der Göttinger Arbeitsstelle: Prof. Dr. Peter J. Gentry (Louisville, USA) im Januar und Juni, Dr. Luciano Bossina (Padua) im Januar und November, Dr. Jason Radine (Bethlehem, USA) im Februar, Dr. Richard James Saley (Cambridge, USA) im Juni, Prof. Dr. Jan Joosten (Strasbourg) im Juli, Prof. Dr. Olivier Munnich (Paris) im August, ebenfalls im August Dr. Carlo Martino Lucarini (Palermo), Prof. Dr. Arie van der Kooij (Leiden) im Oktober und Joshua Harper (Cambridge, GB) im November.

Vom 25.-29. März nahmen Herr Dr. Ceulemans und Herr Schäfer an Podiumsdiskussionen beim Workshop und Symposium „Changes in Sacred Texts and Traditions“ in Saariselkä – Ivalo (Lappland) teil. Darüber hinaus hielt Herr Dr. Ceulemans Vorträge in Rom (am 12. Juni über „The Type XXII Catena on the Psalter and its Witnesses in Light of Earlier tradition“ auf dem Ars Edendi Workshop zum Thema „A Book of Psalms from Eleventh-Century Constantinople: On the Complex of Texts and Images in Vat. gr. 752“) und Paris (am 1. Dezember über „La réception des chaînes exégétiques“ auf dem Symposium „Lire en extraits. Une contribution à l’histoire de la lecture et de la littérature, de l’Antiquité au Moyen Age“). Herr Albrecht sprach am 21. Juli auf der internationalen Septuaginta-Tagung „Die Septuaginta: Text, Wirkung, Rezeption“ in Wuppertal über „Die Notwendigkeit einer Neuedition der Psalmen Salomos“ und hielt am 5. Oktober auf dem Int. Kongress am Istituto Patristico Augustinianum in Rom einen Vortrag mit dem Titel „Moyses dicit. Osservazioni filologiche sul Pentateuco della Lex Dei“. Schließlich berichtete Herr Schäfer auf der OTSEM (Old Testament Studies: Epistemologies and Methods) Annual Conference in Oxford am 18. September über „A. Rahlfs’ Reconstruction of the Textual History of the Greek Psalter“.

Vom 16.-20. Juli 2012 veranstaltete die Arbeitsstelle unter Leitung von Herrn Prof. Dr. Joosten (Strasbourg) die 3. internationale Septuaginta Summer School zum Thema „Current Issues in Septuagint Scholarship. New Insights and Debates – Readings in Proverbs“, an der 19 Studierende und Promovierende aus zehn Nationen teilnahmen.

Publikationen

  • Chr. Schäfer, Benutzerhandbuch zur Göttinger Septuaginta. Band 1: Die Edition des Pentateuch von John William Wevers, Göttingen 2012 (304 Seiten).
  • R. Ceulemans, Greek Christian Access to ‘the Three’, 250–600 CE, in: T.M. Law/A. Salvesen (eds.), Greek Scripture and the Rabbis (Contributions to Biblical Exegesis and Theology 66), Leuven u.a. 2012, 165-191.
  • F. Albrecht/M. Rosenau, Zum Textwert des Papyrus Vaticanus Copticus 9, in: Göttinger Miszellen 234 (2012), 21-32.

 

R.G. Kratz