Das Septuaginta-Unternehmen gilt einem der größten und einflussreichsten Werke der Weltliteratur: der nach der antiken Legende, von der die Septuaginta ihren Namen hat, durch 72 jüdische Gelehrte in 72 Tagen, tatsächlich aber in mehreren Generationen hergestellten griechischen Übersetzung des hebräischen Alten Testaments. Die Aufgabe des 1908 gegründeten Unternehmens besteht in der kritischen Edition der Septuaginta unter Verwertung der gesamten erreichbaren Überlieferung, d.h. der über die ganze Welt verstreuten griechischen Handschriften von den vorchristlichen Fragmenten bis ins 16. Jh. n. Chr., der Tochterübersetzungen (in lateinischer, syrischer, koptischer, äthiopischer und armenischer Sprache) und der Zitate der griechischen und lateinischen Kirchenväter. Die Göttinger Edition, die das Ziel verfolgt, durch kritische Sichtung der Überlieferung den ältesten erreichbaren Text wiederherzustellen, umfasst in bisher 23 erschienenen Bänden zwei Drittel des Gesamtvorhabens.
Die Arbeit wurde nach den von der Septuaginta-Kommission aufgestellten Richtlinien fortgeführt.
Editionen
Die Erarbeitung des Bandes „Die Psalterhandschriften vom IX. Jh. an“ (Suppl. vol. I,3) wurde im Berichtsjahr durch die Beschreibung von 18 Ps-Hss, die von den Mitarbeitern Albrecht, Ceulemans und Schäfer während einer Dienstreise in die Mönchsrepublik Athos (Kloster Vatopedi, 5.-12. November 2011) eingesehen werden konnten, weitergeführt.
Die Bandherausgeber setzten in ehrenamtlicher Arbeit ihre Editionstätigkeit an den Bänden „Regnorum II“ (Ph. Hugo/T. Law), „Regnorum III“ (P. A. Torjiano) und „Paralipomenon I” (T. Janz) fort. Die Edition von „Paralipomenon II” (R. Hanhart) liegt mittlerweile fast vollständig als Druckvorlage vor. Einer kritischen Prüfung ist die dem Unternehmen eingereichte Erstfassung der Edition des Buches „Ecclesiastes“ (P. Gentry) unterzogen worden. Die Neubearbeitung des Bandes „Duodecim prophetae“ (J. Ziegler) durch F. Albrecht steht kurz vor dem Abschluss.
Plangemäß kollationierten die Mitarbeiter der Arbeitsstelle 35 Hss. des Psalters. Überdies wurden wie vorgesehen 40 Psalter-Hss. revidiert. Weiterhin konnten die Sichtung und Kollation der ältesten Hss. des Psalmenkommentars Theodorets unter Begleitung vertiefender Untersuchungen über den Psaltertext dieses für die Identifizierung des „antiochenischen Textes“ höchst bedeutsamen Kommentars fortgesetzt werden.
Digitalisierung/Datenbank
Die Digitalisierung und elektronische Archivierung der im Septuaginta-Unternehmen auf Mikrofilm oder als Fotografie vorhandenen Ps-Hss. wurde im Berichtsjahr fortgeführt. Hinsichtlich der zu programmierenden Septuaginta-Hss.-Datenbank, die neben den Hss.-Digitalisaten über umfangreiche und detaillierte Beschreibungen verfügen wird, konnte in Zusammenarbeit mit dem IT-Referenten der AdW, Herrn Dr. Bode, sowie Herrn PD Dr. Kottsieper (Qumran-Wörterbuch) die Strukturierung der Datenbank vorläufig abgeschlossen und die Ergebnisse in einem Vortrag beim Workshop „Bits and Bible. New Digital Approaches to Edit Biblical Texts“ (1.-2. März 2011 in Göttingen) von den Herren Neuschäfer und Schäfer einem breiteren Publikum vorgestellt werden.
Kontakte
Folgende Gastforscher weilten während des Berichtsjahrs zur Fortführung ihrer Editionen, Monographien und Einzelstudien in der Göttinger Arbeitsstelle: Prof. Dr. Peter J. Gentry (Louisville/USA) im Januar, Mai und Juni, Dr. Reinhart Ceulemans (Leuven/Belgien) von Januar bis März, Magali Coullet (Aix-en-Provence/Frankreich) von März bis Mai, Prof. Dr. Kristin De Troyer (St. Andrews/Schottland) im Juni/Juli und Prof. Dr. Robert Hiebert (Langley/Kanada) im September. Am 30. September 2011 endete der seit 1. November 2008 andauernde Forschungsaufenthalt von Dr. Ph. Hugo (Fribourg/Schweiz) als Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds an der Arbeitsstelle.
Darüber hinaus hielt Herr Albrecht auf der internationalen Fachtagung zum Thema „Der antiochenische Text der Septuaginta in seiner vielfachen Bezeugung“ am 2. Juli 2011 in Wuppertal einen Vortrag über „Die lukianische Rezension und ihre Bezeugung im Zwölfprophetenbuch“.
Lehre
Im Wintersemester 2010/11 und WS 2011/12 fanden an der Theologischen Fakultät die Übungen „Einführung in das griechische Alte Testament“ (Chr. Schäfer) sowie im Sommersemester 2011 die Übung „Vetus Testamentum in Novo – Rezeption und Transformation der Septuaginta im Urchristentum“ (F. Albrecht, B. Neuschäfer), außerdem im WS 2011/12 die Übung „Einführung in den griechischen Psalter“ (F. Albrecht, B. Neuschäfer, Chr. Schäfer) statt. Vom 27. Juni bis zum 1. Juli 2011 veranstaltete die Arbeitsstelle unter Leitung von Frau Prof. Dr. De Troyer (St. Andrews, Schottland) die <link internal-link internen link im aktuellen>2. Internationale Septuaginta Summer School zum Thema „David und Batseba – Textkritik und Textgeschichte in 2. Sam (Regn II) 11–12“, an der 19 Studierende und Promovierende aus neun Nationen teilnahmen.
R. G. Kratz