Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Moers

Moers

(1) M. wird als Siedlungsname erstmals um 900 genannt, während das Geschlecht der Edelherren und Grafen von M. erst ab 1186 in Erscheinung tritt (Gf.entitel ab 1226 bezeugt). Um 1200 errichteten diese auf einer Insel zwischen vermoorten, teilweise noch wasserführenden alten Rheinarmen eine Burg (Wohnturm, Bodendenkmal im heutigen Schlosshof). In deren Anschluss entstand auf einem höher gelegenen Inselteil eine kleine Siedlung, die Altstadt M. M. wurde nur indirekt von großen Durchgangsstraßen berührt. So führte die zum Teil schon römerzeitlich bezeugte linksrheinische, von Köln stromabwärts in die Niederlande ziehende Handelsstraße an M. vorbei.

Die Burg wurde von den Grafen von Moers in mehreren Bauphasen bis ins 16. Jahrhundert zur Rundhausburg ausgebaut. Mit Graf Friedrich III. (reg. 1418-1448) erreichte das Haus M. seinen Höhepunkt an Macht und Einfluss. Während dieser Zeit hatten auch Burg und Stadt M. ihren Zenit als Residenz. Friedrichs enge Verbundenheit mit Burgund (1431 Ordensritter vom Goldenen Vlies) brachte mehrfach Herzog Philipp den Guten nach M., das dieser 1437 als Ort für einen Fürstentag bestimmte. Während der Soester Fehde 1444-1449 war M. häufig Tagungsort der Vertreter der Kampfparteien wie der Vermittler. Wohl die Notwendigkeit, viele hochrangig besetzte Delegationen und Gäste unterzubringen, veranlasste Graf Friedrich III., der auch sonst rege politisch-diplomatisch als Vermittler tätig war, sich in den 1440er Jahren in der Stadt am Altmarkt ein Haus errichten zu lassen (heute Löwen-Apotheke). Unter seinem Sohn und Nachfolger Vinzenz (reg. 1448-1494, †1499) vollzog sich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts der Niedergang des Gf.enhauses. Das wirkte sich auch auf die Residenz M. aus. Vinzenz tat wenig für den Erhalt der Burg wie für die Entwicklung der Stadt, ausgenommen das Karmeliterkloster, das er erheblich förderte. Wie sein Vater vor allem in seiner letzten Lebenszeit residierte Vinzenz überwiegend im gfl.en Hof in der Stadt Köln.

Seine Nachfolger aus dem Hause M.-Saarwerden ab 1501 bzw. ab 1510 Wied und ab 1519 Neuenahr-M. nutzten die Stadt M. weiter als Residenz. Letztere bauten das Schloss zur Festung nach italienischer Manier aus. Ab 1586 war M. von den Spaniern besetzt und konnte 1597 von Moritz von Oranien zurückerobert werden. Walburgis von Neuenahr-M., die letzte Gf.in von M., hatte Moritz bereits 1594 als Schenkung unter Lebenden für den Fall ihres Todes als Erben der Grafschaft eingesetzt, 1598 wiederholte sie die Schenkung. Seit ihrem Tod 1600 auf Schloss M., das auch ihre Geburtsstätte gewesen war, residierte dort kein Landesherr mehr, die Grafschaft fiel an Moritz von Oranien, der nach Abwehr klevischer Erbansprüche sich seit 1601 durch Drosten vertreten ließ; Schloss und Stadt blieben weiterhin Sitz der im 17. Jahrhundert ausgebauten Verwaltung der Grafschaft 1702 fiel die Grafschaft (ab 1707 Fsm.) an das Königreich Preußen (endgültig 1712). Gelegentlich hielten sich im 17./18. Jahrhundert die Landesherren in M. auf. In preußischer Zeit wurde die M.er Verwaltung an die Kriegs- und Domänenkammer in Kleve übertragen, die sich in M. durch eine Kammerdeputation vertreten ließ. Seit 1752 war M. einem Steuerrat unterstellt.

Kirchlich gehörte M. bis zur 1560 eingeführten Reformation zum Erzbistum Köln.

(2) Die Stadt entstand aus mehreren Siedlungskernen. Um 900 wird eine zur Abtei Werden gehörende Hofessiedlung erwähnt, die diese 1288 an die Grafen von M. verkaufte. Mit Kirche und Friedhof lag diese Siedlung außerhalb (Buytendorp) nördlich der späteren Stadt und wurde bei deren Befestigung nicht einbezogen. Die kleine Siedlung, die sich im Anschluss an die Burg im 13. Jahrhundert entwickelt hatte, wies noch keine urbanen Ansätze auf, als der Graf von M. sie 1300 von König Albrecht I. mit Stadtrecht privilegieren ließ, um sein Territorium durch eine Haupt- und Residenzstadt aufzuwerten. Neben der Altstadt, die spätestens im 15. Jahrhundert befestigt und mit drei Toren versehen war, entstand, getrennt durch das sog. Meer, einem alten Rheinarm, die Neustadt (1446 bezeugt), die ebenfalls befestigt wurde.

Sieben Gerichtsschöffen bildeten das Schöffenkollegium, ab 1411 werden Bürgermeister genannt, Ende des 15. Jahrhunderts der Rat. Um 1500 hatte M. etwa 500-1000 Einwohner.

Zentrum der Altstadt war der 1446 erstmals bezeugte Markt (Altmarkt), an dem sich Fleischbänke befanden (1415), Wochenmarkt und Kaufhaus werden 1460/61 erwähnt. Die wirtschaftliche Bedeutung M. war gering, ihre Märkte reine Nahmärkte. Gewerbe und Handwerke, die teilweise seit 1453 bzw. dem 16./17. Jahrhundert in Zünften organisiert waren, dienten vor allem der Deckung des lokalen Bedarfs. Im 18. Jahrhundert wurde der Handel mit Agrarprodukten und Textilien (Wolle, Leinengarn, Miselan, ein Woll-Leinen-Gemisch) wichtig für die Stadt. Veränderungen im M.er Wirtschaftsleben gingen von den Krefelder Seidenfabrikanten aus, die ab Mitte des 18. Jahrhunderts in M. zahlreiche Bandwirker beschäftigen. In französischer Zeit verlor M. 1798 das Stadtrecht.

(3) Die Pfarrkirche St. Bonifatius (1230 Priester, 1234 Pfarre erwähnt), die die ältere gräfliche Grablege beherbergte, hatte wohl ihren Ursprung in einer Eigenkapelle für die Hofessiedlung. Mit dieser und dem Friedhof blieb sie außerhalb der spätmittelalterlichen Stadtbefestigung. Nach Kriegszerstörungen wurde die Kirche 1590-1608 abgetragen, die Fundamente (mit der ehemaligen Fürstengruft?) 1786/87 ausgebrochen. In der Stadt stiftete 1363 Graf Dietrich VI. von M. eine Kapelle (Johannes Baptist, später Maria), an der Graf Friedrich III. 1441 ein Hauskloster (Karmeliter) mit neuer gfl.er Grablege gründete, in der jedoch nur wenige Mitglieder der Familie beigesetzt wurden. Unter den Grafen Hermann (reg. 1552-1578) und Adolf (reg. 1578-1589) von Neuenahr-M. gehörten Stadt und Grafschaft zu den Hauptzentren der Reformation am Niederrhein. Ab 1560 war M. reformiert.

Das Karmeliterkloster wurde 1606 aufgelöst, das Gebäude der Lateinschule zugewiesen. Um 1700 gab es wenige Lutheraner, Katholiken und Juden in der Stadt. Die Lutheraner nutzten seit 1712 das Auditorium des Gymnasiums für ihre Gottesdienste, die Juden besaßen seit Anfang des 18. Jahrhunderts eine Synagoge, 1778 ließ König Friedrich II. die Errichtung einer katholischen Kirche in der Stadt zu.

(4) Alt- und Neustadt M. sind möglicherweise nach einem einheitlichen Plan angelegt worden. Mit dem Festungsbau 1601-1620 unter Moritz von Oranien nach altniederländischem Festungssystem begann eine neue Epoche der Stadtentwicklung, indem der Festungsgürtel mit vier vorgelagerten Bollwerken und der Burg als fünftem Bollwerk weit über die spätmittelalterliche Stadtmauer hinausgriff (Bauplan erhalten). Dabei gingen zwar Häuser und Grundstücke verloren, doch wurden diese Verluste flächenmäßig mehr als kompensiert durch die Linienführung der neuen Festungswerke. Die alten Stadtmauern mussten weitgehend abgerissen und die Stadttore verlegt werden. Die Stadtfläche erfuhr eine erhebliche Erweiterung, insbesondere in der Neustadt. Noch während der Bauarbeiten an der Festung begann die Vergabe der neu ausgewiesenen Grundstücke.

Eine maßgebliche Veränderung des Stadtbildes brachte rund 150 Jahre später die Schleifung der Festung, zu der König Friedrich II. 1763 nach einem Aufenthalt in M. den Befehl gab (abgeschlossen 1764). Vor allem die Beseitigung der inneren Festungswerke beeinträchtigte zunächst das Erscheinungsbild erheblich, dem man mit Anpflanzungen zu begegnen suchte. Nach dem Verkauf des ehemaligen Festungsgeländes in Privathand verwandelten die neuen Eigentümer diese Flächen in Gärten und Parkanlagen. Der »Gedeckte Weg« ging in das Eigentum der Stadt über. Die hohe äußere Umwallung blieb bei der Schleifung erhalten. Das Schloss oder königliche Amtshaus befand sich Ende des 18. Jahrhunderts in einem desolaten Zustand und wurde 1807 an privat verkauft. Während des 19. Jahrhunderts blieben Topographie und Erscheinungsbild der Stadt weitgehend auf dem um 1800 erreichten Stand erhalten.

Die früheste Ansicht von Stadt und Burg findet sich auf einem Plan der M.er Feldmark vor 1580 (Nachzeichnung aus der zweiten Hälfte des 17. Jh.s), die früheste druckgraphische Darstellung als gesonderte Vogelschauansicht auf Johannes Mercators Karte der Grafschaft M. von 1591. Sie zeigt die Mehrteiligkeit der Siedlung mit den mittelalterlichen Mauern und -toren, weitgehend realistisch wiedergegeben die innerstädtische Topographie sowie die nach italienischer Manier befestigte Burg. Zahlreiche M.er Pläne und Ansichten des 16.-18. Jahrhunderts sind vor allem der Aufnahme in Festungsatlanten und -bücher zu verdanken oder im Zusammenhang mit der Darstellung kriegerischer Ereignisse entstanden, reine Stadtansichten sind selten. Besondere Bedeutung hat der exakt vermessene Festungsplan aus der Zeit der französischen Besetzung von 1762 (Sariac-Plan), der die innerstädtische Topographie blockweise wiedergibt und eine Bestandsaufnahme der Festungswerke kurz vor deren Schleifung bietet.

(5) Neben der Haupt- und Residenzstadt M. lag mit Krefeld (Stadt 1373) nur eine weitere kleine, bis ins 17. Jahrhundert unbedeutende, ländlich geprägte Stadt auf dem Gebiet der Grafschaft M.

An Städtebündnissen waren beide Städte nicht beteiligt. Über ihre Landstandschaft ist nichts bekannt.

(6) Die aufstrebenden Grafen von M. waren seit dem 14. Jahrhundert bestrebt, ihren Haupt- und Stammsitz zur Residenz auszubauen. Vor allem unter Graf Friedrich III. von Moers erlebten Burg und Stadt bis Mitte des 15. Jahrhunderts eine Blütezeit als Residenz, die bis 1600 von seinen Nachfolgern regelmäßig genutzt wurde. Von Mitte des 14. Jahrhunderts bis 1570 war M. außerdem gräfliche Münzstätte. Der Sitz von Regierung und Verwaltung der kleinen Grafschaft bedingte eine kleine Beamtenschicht, die im 18. Jahrhundert mit dem Magistrat und der reformierten Geistlichkeit die soziale Oberschicht der Stadt bildete, untereinander verbunden durch vielfältige verwandtschaftliche Beziehungen.

In höfischer Hinsicht sind einige Herrscheraufenthalte in M. hervorzuheben. So weilte Moritz von Oranien einige Male in M., wo auch seine Verwandtschaft, befreundete Fürsten und Diplomaten Station machten, so dass dort während des 17. Jahrhunderts noch der »Hauch einer Residenzstadt« (Heike Preuss) zu spüren war. Der ab 1713 regierende preußische König Friedrich Wilhelm I. war einige Male zu kurzen Aufenthalten in M., so 1730, als nach der Flucht des Kronprinzen Friedrich aus der väterlichen Verfügungsgewalt ein Vermittlungsversuch zwischen Vater und Sohn stattfand. 1738 waren König und Kronprinz nochmals gemeinsam in M. Unmittelbar nach Ende des Siebenjährigen Kriegs 1763 machte König Friedrich II. kurz Station in M., u.a. das Schleifen der Festung befehlend.

(7) Die wesentlichen Archivquellen befinden sich im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Abt. Rheinland (Bestände Moers, Landesarchiv, Oranien-Moers, Regierung Moers) und im Stadtarchiv Moers. Die Geschichte von Stadt und Grafschaft wird auch im Grafschafter Museum im Moerser Schloss dokumentiert.

Urkundenbuch der Stadt Krefeld und der alten Grafschaft Mörs, 5 Bd.e, bearb. und hg. von Hermann Keussen, Krefeld 1938-1940.

(8) Moers. Die Geschichte der Stadt von der Frühzeit bis zur Gegenwart, 2 Bd.e, hg. von Margret Wensky, Köln/Weimar/Wien 2000, darin: Preuss, Heike: Moers in oranischer Zeit, Bd. 1, S. 271-398. - Moers. Burg, Schloss - Kulturzentrum. Festschrift zum 100jährigen Jubiläum des Grafschafter Museums- und Geschichtsvereins in Moers e.V., hg. von Kristin Dohmen, Worms 2004 (Arbeitsheft der rheinischen Denkmalpflege, 62). - Wensky, Margret: Art. »Moers«, in: Handbuch der Historischen Stätten Deutschlands, Bd. 3: Nordrhein-Westfalen, Stuttgart 32006, S. 754-757. - 400 Jahre oranische Befestigung von Schloss und Stadt Moers 1620-2020, hg. von Margret Wensky, Moers 2020.

Margret Wensky