Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Löbau (Lubawa)

Löbau (Lubawa)

(1, 2) L. lag im nördlichsten Teil der gleichnamigen Landschaft, nur wenige Kilometer östlich vom Oberlauf der Drewenz, an der Einmündung der von Osten kommenden Jessina in die Sandella. Das Land L. wurde bereits vor Ankunft des Deutschen Ordens 1216 erstmalig urkundlich erwähnt. Ob an der Stelle der späteren Bf.-sburg der Wohnsitz von prußischen Adligen stand, ist ungewiss. Hier könnte jedoch der Missionar, der 1215 mit dem Namen Christian zum ersten Bischof der Prußen geweiht worden war, einen frühen Sitz gehabt haben. Nach der Gründung der vier preußischen Bm.er 1243 gehörte das Land L. zu dem Teil des neuen Bm.s Kulm, der zwischen dem inzwischen im Preußenland eingetroffenen Deutschen Orden und dem Bischof 1260 geteilt wurde. Der zum Gebiet des Hochstifts gehörende Markt L. wird erstmals 1260 urkundlich genannt. Im zweiten Prußenaufstand sollen 1269 Stadt und Burg L. von den Sudauern zerstört worden sein, doch ist ungewiss, ob der Marktort inzwischen tatsächlich vom Bischof als Landesherrn Stadtrecht erhalten hatte. 1300/1301 wurde L. erneut, diesmal von den Litauern, zerstört, darunter auch die bisher nur aus Holz erbaute Burg. Die Bischöfe residierten bisher in ihrer Kathedralstadt in Kulmsee. Erst unter Bischof Hermann (1303–1311) wurde das wiederentstehende L. Bf.sresidenz. Die Stadt erhielt 1303 oder kurz danach eine Handfeste nach Kulmer Recht. Diese wurde 1326 in einem weiteren Stadtprivileg von Bischof Otto zitiert. Noch während in L. an der östlich der Stadt gelegenen bfl.en Burg gebaut wurde, entstand in Briesen eine zweite Burg, in der die Bischöfe in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts sich oft aufgehalten haben. Nach dem Zweiten Thorner Frieden 1466 gingen Bistum und Hochstift Kulm mit der Residenz L. in die Schutzherrschaft der Krone Polen über, L. blieb aber bischöfliche Mediatstadt. Die Reformation hat kaum zu Veränderungen geführt. Nach Ende der Herrschaft von Polen-Litauen infolge der ersten Teilung Polens (1772) wurden die bfl.en Güter säkularisiert, ohne dass die Stadt davon etwas erworben hat. Die Bischöfe residierten bis 1781 weiterhin in L., ehe sie 1781 ihren Sitz in die Kathedralstadt Kulmsee verlegten.

Der Stadtgrundriss mit sich rechtwinklig kreuzenden Straßen passt sich den Verläufen der Flüsse an, die den Graben der Stadtbefestigung speisten. In der Mitte gab es einen geräumigen Marktplatz, die Pfarrkirche stand im Südosten, die Burg im Osten außerhalb der Stadt. Der Stadtgraben umfasste auch die Vorburg, während die Hauptburg von einem eigenen Graben umgeben wurde. Zudem wurde die Stadt von einer Mauer geschützt. Im Norden wurde vom Eylauer Tor aus die Sandella, im Süden vom Brattianer Tor aus die Jessina überquert. Über diese führte eine weitere Brücke durch das Polnische Tor in die Vorburg, von wo aus man über eine weitere Brücke über den Burggraben zum Haupthaus der Burg gelangte.

Zur Ausstattung L.s gehörten 100 Hufen zur direkten landwirtschaftlichen Nutzung durch die Bürger. Ein kleines Stadtdorf gab es erst seit 1650, schon früher war eine Vorstadt entstanden. Durch Stadtbrände hatte L. im 17./18. Jahrhundert stark gelitten. 1772 hatte die Stadt nur 625 Einwohner. 1789 gab es einschließlich der vorstädtischen Besiedlung 257 Feuerstellen, von denen 113 wüst waren; es lebten dort 1115, 1792 1429 Einwohner.

In L. wurde der Lokator nach der Stadtgründung als Schultheiß zuständig für Verwaltung und Rechtsprechung. Ein von den Bürgern gewählter Bürgermeister ist erstmals 1348 überliefert. Dem Bürgermeister standen die Ratmannen zur Seite, zunächst fünf, später zehn; diese wurden jährlich gewählt. Neben Rat und Richter gab es als zweite Ordnung die geschworenen Schöffen (Schöppenbank), während die Gemeindevertreter die dritte Ordnung bildeten. Rat und Gemeinde erließen zur Regelung des städtischen Lebens eine Willkür, von der erst von 1538 ein Fragment bekannt ist. Der Rat wählte auch den Stadtrichter (Schultheiß), mit Namen erstmals 1661 belegt. Diese wie alle wesentlichen Personalentscheidungen waren vom Stadtherrn zu bestätigen. Gescholtene Urteile des Stadtgerichts wurden an die Stadt Kulmsee verwiesen. Der Burgbereich und seine Bewohner unterstanden nicht der städtischen Gerichtsbarkeit, sondern der des bfl.en Vogtes, dem Leiter der Verwaltung des Hochstifts.

Aus der 1326 bestätigten Stadthandfeste geht hervor, dass die Stadt von Anfang an Fleisch-, Brot- und Schuhbänke einrichten sollte, die entsprechenden Handwerke dürfte es zu dieser Zeit gegeben haben. Außer diesen drei hat es in Zünften (Gewerken) organisierte Müller, Rademacher, Tischler, Töpfer und Tuchmacher gegeben, wobei es für diese keine spätmittelalterlichen Überlieferungen gibt. Zur Versorgung des bfl.en Hofes muss es diese aber schon während der Ordenszeit gegeben haben. Auch Bier wurde in der Stadt gebraut, auf über 100 Haushalten lag das Braurecht.

Der Bischof zog als Stadtherr ein Drittel der Gerichtsgebühren des Schultheißen ein, von den Einnahmen aus den Fleischbuden sowie Brot- und Schuhbänken hatte er sogar die Hälfte zu bekommen. Inwieweit der Bischof sein Personal aus der Stadt und den umliegenden Siedlungen angeworben hatte, ist nicht überliefert.

(3) Seit die Kulmer Bischöfe in L. residierten, dürfte es eine Kapelle in der Bf.sburg gegeben haben. Wenn später Bischof Wikbold von Dobbelstein (1363–1385) als ihr Erbauer genannt wird, kann das nur für einen späteren Bauabschnitt gelten. 1510 wurde sie erneuert. Die ordenszeitlichen Bauteile wurden im 17. Jahrhundert barock überprägt und schließlich dem Verfall überlassen. Die Stadtpfarrkirche St. Anna wurde seit Anfang des 14. Jahrhunderts errichtet, seit dem 16. Jahrhundert wurden wiederholt Ergänzungen nötig. Seit dem 15. Jahrhundert ist belegt, dass die Pfarrer die Aufgabe eines Erzpriesters hatten. Die Bischöfe hatten als Patrone einen Zugriff auf die Kirche. So gab es zahlreiche Seelenmeßstiftungen, darunter drei von Bf.en aus der Zeit nach 1466. Die Ausstattung der Kirche mit Kapellen und Altären erfolgte sowohl durch Geistliche als auch durch Angehörige der städtischen Führungsschicht, insbesondere Bürgermeistern. Das gilt auch für einige Epitaphien und Grabplatten. Für die seit dem späten 15. Jahrhundert zunehmenden polnischen Einwohner wurde 1505 die unter dem Patronat des Bf.s stehende Kapelle St. Barbara auf dem Friedhof der Stadtpfarrkirche eingeweiht. Bischof Wikbold von Dobbelstein hatte südlich der Bf.sburg 1366 die Kapelle St. Michaelis und St. Johannis Baptistae gegründet. Daneben wurde 1502 ein Kloster mit Franziskaner-Observanten errichtet, nach der Erneuerung 1580 Bernhardiner genannt.

In L. gab zwei Hospitäler, zum einen das von einem Unbekannten um 1500 gestiftete Hospital St. Georg (Zweck nicht überliefert), zum anderen das von Bischof Johannes Kuczborski 1616 gestiftete Hospital St. Valentin für Arme, das nur wenige Jahrzehnte bestand. Bruderschaften sind erst im 17. und 18. Jahrhundert entstanden, und zwar an der Stadtpfarrkirche die Bruderschaft des Allerheiligsten Leichnams Christi, die Schutzengel-Bruderschaft und die Rosenkranz-Bruderschaft an der Pfarrkirche, und an der Bernhardiner-Klosterkirche die St. Annen-Bruderschaft und die Bruderschaft der unbefleckten Empfängnis. Die Reformation hat keine Veränderungen in L. bewirkt, erst 1772 entstand eine evangelisch-lutherische Gemeinde.

(4) L. hatte drei herausragende Gebäude, nämlich im Osten der Stadt auf einer kleinen Anhöhe die Bf.sburg (im ausgebauten Zustand des frühen 15. Jahrhunderts eine Vierflügelanlage) sowie innerhalb der Stadtmauern im Südosten die Stadtpfarrkirche und in der Mitte das Rathaus. Eine der von Westen nach Osten laufenden Straßen führte von der Stadt durch die Vorburg und überquerte den Burggraben zum Haupthaus der Burg. Dazu kam als Bauwerk die Stadtmauer mit ihren Türmen und den drei Stadttoren.

Der älteste erhaltene Abdruck des Stadtsiegels von 1440 zeigt einen stehenden Bischof, die rechte Hand zum Segen erhoben, in der linken Hand einen Bf.sstab haltend. Die seit dem 16. Jahrhundert gebrauchten Stadtsiegel zeigen Bf.smütze, Hirtenstab und Kreuz.

(5) Ab wann es Märkte gegeben hat, ist nicht bekannt, L. lag an einem bedeutenderen Handelsweg von Deutsch Eylau nach Lautenburg. Wenigstens aus späterer Zeit ist von Wochenmärkten die Rede, die mehrmals in einer Woche stattfanden und besonders von auswärtigen Schweinehändlern aufgesucht wurden. Auch Krammärkte, ebenso Vieh- und Pferdemärkte wurden wöchentlich durchgeführt. Die Märkte im knapp fünf Kilometer entfernten Zlottowo (Złotowo) hatten noch bis ins 19. Jahrhundert auch für L. große Bedeutung.

Das im Hinterland der Ostsee liegende L. gehörte nicht zur Hanse. 1440 schloss sich L. wie viele preußische Groß- und Kleinstädte dem Preußischen Bund gegen den Deutschen Orden an. Bald nach Kriegsausbruch 1454 floh der Kulmer Bischof Johannes Trunzmann von Marienau nach Thorn und unterwarf sich dem mit dem Bund verbündeten König von Polen. Im wechselnden Kriegsverlauf hatte die Stadt wie das ganze Land zu leiden.

(6) So lange die Bischöfe von Kulm in L. residierten, hatten diese die Aufsicht über die Stadt. Das verliehene Kulmer Recht gewährte eine gewisse Autonomie in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht. Den Handel hatten die Bürger selber zu gestalten, das galt auch für das Handwerk. Hier konnte der bischöfliche Hof seine Bedürfnisse decken.

(7) Städtische Archivalien haben sich infolge zahlreicher Katastrophen nicht erhalten. Unveröffentlichte Quellen befinden sich daher zumeist im Archiv des Bistums Kulm, das nach der 1821 erfolgten Verlegung des Bistumssitzes nach Pelplin dorthin gelangt ist.

Urkundenbuch des Bisthums Culm, bearb. von Carl Peter Woelky, Tle. 1–2, Danzig 1885–1887. – Urkundenbuch der Stadt Löbau, in: Liek, Gustav: Die Stadt Löbau in Westpreussen mit Berücksichtigung des Landes Löbau, Marienwerder 1892 (Zeitschrift des historischen Vereins für den Reg.-Bez. Marienwerder, 25–29), S. 586–638.

(8)Liek, Gustav: Die Stadt Löbau in Westpreussen mit Berücksichtigung des Landes Löbau, Marienwerder 1892 (Zeitschrift des historischen Vereins für den Reg.-Bez. Marienwerder, 25–29). – Die Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Löbau, bearb. von Johannes Heise, Danzig 1895, S. 634–657 (Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Westpreußen, 10) – Bahr, Ernst: Art. „Löbau“, in: Handbuch der Historischen Stätten, Bd. 10 A: Ost- und Westpreussen (1966), S. 123 f. – Letkemann, Peter: Die Geschichte der westpreußischen Stadtarchive, in: Beiträge zur Geschichte Westpreußens 5 (1976) S. 5–96, hier 66 f. – Dehio, Kunstdenkmäler: West- und Ostpreußen (1993). – Kajzer, Leszek: Zamek w Lubawie, Lubawa 2001. – Nadolny, Anastazy: Bistum Kulm, in: Die Bistümer des Heiligen Römischen Reiches von ihren Anfängen bis zur Säkularisation, hg. von Erwin Gatz, Freiburg im Breisgau 2003, S. 315–323. – Herrmann, Mittelalterliche Architektur (2007), S. 567–569. – Jarzebowski, Residenzen (2007).

Bernhart Jähnig