Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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OETTINGEN

C. Oettingen

I.

Die erste und namengebende Res. der Gf.en von O. lag in der gleichnamigen Stadt (Lkr. Donau-Ries).

II.

Bei dem bereits um 750 in Fuldaer Güterverzeichnis gen. Ort entstand im 11. Jh. eine Turmhügelburg, aus der ein 1242 erwähntes castrum hervorging. Die Siedlung mit Handwerkern daneben wurde erstmals urkundlich 1057/75 anläßlich einer Kirchweihe durch den Bf. von Eichstätt erwähnt. Bereits 1242 wurden von der Stadt forum und portae erwähnt. Die Siedlung lag im Bannforst des Bf.s von Eichstätt von 1053 und wurde zur Keimzelle der späteren Gft. Die Gf.en von O. haben sich seit vor 1141/43 nach dem Ort gen., als sie im Ries die Verwaltungsgeschäfte übernahmen. Die Siedlung neben der Burg wurde seit der zweiten Hälfte des 12. Jh.s planmäßig zur Stadt erweitert. Schon 1293/94 wird die Stadtmauer erwähnt, seit 1343 hatte der Ort ein Stadtsiegel, seit 1364 einen Rat und seit 1416 wurde nach dem Stadtrecht geurteilt. Siedlung und Burg waren Mittelpunkt der Gft. O. und Hauptsitz der Gf.enfamilie. Das castrum wurde im frühen 15. Jh. als Res. der Gf.en ausgebaut. Dieses »Alte Schloß« wurde in der historischen Entwicklung zum Sitz der seit 1539 evangelischen ältesten Linie des Hauses O.-O., die 1731 erlosch. Das »Alte Schloß« wurde 1850/51 bis auf die Kapelle abgebrochen. Diese war die ursprgl. Burgkapelle, war vor 1242 dem Deutschen Orden geschenkt worden und stellte den Rest einer um 1270 errichteten Kirche dar. An der Ostfassade der Kapelle findet sich ein romanischer Rundbogenfries über eine großen spitzbogigen Fenster. Rippen und Gewölbekappen zeigen die ursprgl. rot-blaue Bemalung. Die Flächen sind mit Sternen verziert. An der Nordseite des Kirchenbaus ist ein heute schwach sichtbares Fresko erkennbar: Christus als Weltenrichter in der Mandorla mit Maria und Johannes aus der Zeit um 1450. Der Umbau zur fsl. Gruftkapelle der Linie O.-Spielberg wurde 1798 durchgeführt, wobei von dem einst fünfjochigen Langbau nur zwei Joche erhalten blieben. Der Turm, der vermutlich aus dem 15. Jh. stammt, trägt an der Nordseite die Wappen O., Seckendorf und Sonnenberg. Durch den Ausbau der Münzstätte, die errichtet worden war, nachdem die Familie das Münzrecht 1393 verliehen bekommen hatte, beim oberen Tor der Stadt entstand in der ersten Hälfte des 15. Jh.s das Schloß der Linie O.-Spielberg, daß im 16. Jh. vergrößert und durch die Errichtung des nach W anstoßenden Barockbaus (1679-1687) mit dem vom M. Schmuzer ausstuckierten Festsaal mit den Fresken von J. Murrer. Die Gebäude wurden damit zu einer prunkvollen Res. erweitert und später durch einen großen Schloßhof mit einem Brunnenbecken mit Mariensäule (um 1720) vollendet. Der anschl. im 18. Jh. im frz. Stil angelegte Hofgarten wurde Anfang des 19. Jh.s in einen englischen Park umgewandelt. Die darin 1726 von Francesco de Gabrieli erbaute Orangerie ist seit dem Umbau in den 50er Jahren des 20. Jh.s Wohnsitz der katholischen Linie O.-Spielberg, die 1731 die Anteile der evangelischen Linie O.-O. an der Stadt geerbt hatte. Die Stadt zeigt mit zwei weiteren Kapellen des späten 15. Jh.s, dem Leprosenhaus (Neubau von 1608), der 1624 erbauten Lateinschule, dem Rathaus von 1431 und den barocken Amtsgebäuden und Beamtenhäusern an der Hauptstraße Bauten des bürgerlichen und des fsl. Barock. Stadt- und Schloßgebäude bieten noch zu Beginn des 21. Jh.s den Charakter einer Res.stadt aus der Zeit vor 1806.

Neben Schloß und Stadt O. traten wohl schon im frühen SpätMA im Zuge der Teilungen des Familenbesitzes weitere Burgen als Res.en des Hauses. Eine solche Stellung ist für die Burg Steinsberg im Kraichgau anzunehmen, auf der 1283 Gf. Ludwig V. urkundete. Die Burg, die zu Beginn des 14. Jh.s der Familie verloren ging, dürfte wie so viele Burgen des HochMAs ein Verwaltungszentrum gewesen sein, stellte aber keine repräsentative Res. dar, sondern war eine bedeutende milit. Anlage. Auch in den übrigen Gebieten der Teilherrschaft der jüngeren Linie des Hauses im 13. Jh. mit Schwerpunkten am Riesrand, um Herrieden und um Crailsheim sind keine Burgen erkennbar, die mit der Burg Steinsberg konkurrieren könnten. Darüber hinaus ist nicht erkennbar, wie die jüngere Linie ihren Besitz verwaltet hat. Die ältere Linie des Hauses scheint im 14. Jh. ihren Herrschaftsmittelpunkt weitgehend in O. gehabt zu haben, während durch die Teilungen des 14. Jh.s vermutlich bereits die Burgen als Res.en ins Spiel kamen, denen man später in der Geschichte des Hauses begegnet. Dazu müßten auch noch die Strukturen der Ämter und ihrer Verwaltungsmittelpunkte untersucht werden, um festzustellen, ob etwa diese Verwaltungsmittelpunkte auch als zeitw. Res.en der Familie in Betracht kommen. Erst im 15. Jh. wird dann beim Entstehen der Linien Alt-Wallerstein, Flochberg und O. neben O. die Res.en Alt-Wallerstein und Flochberg endgültig erkennbar.

Die 1188 im Besitz der Staufer befindliche Burg Wallerstein gehörte 1271 den Gf.en von O. Als Eichstätter Lehen der Familie wird seit 1362 von einer Oberen und Unteren Burg gesprochen, die im 14. Jh. noch als zwei Türme erscheinen. Diese Alte Burg wurde im Dreißigjährigen Krieg 1648 von den Schweden niedergebrannt und an ihre Stelle ab 1717 Neubauten als Verwaltungsgebäude errichtet. Damit läßt sich über den ma. Res.charakter der Alten Burg fast nichts ausführen. Im Bereich der Talsiedlung von Wallerstein entwickelte sich das Neue Schloß aus drei Trakten, dem Anfang des 16. Jh.s erbauten »grünen Haus«, dem Galerietrakt von 1651 und dem »Welschen Bau« von 1665, die erst 1805 unter dem Einbezug der im 15. Jh. erbauten Schloßkapelle St. Anna zu einer Gesamtanlage verbunden wurden. In diesem Gebäude residierte seit 1550 die Linie O.-Wallerstein, die katholisch geblieben war. In dem 1767 als frz. Anlage und 1828 zum englischen Park umgestalteten Gartenanlage wurde von Antonio Belli de Pino 1804 der Wwe.nsitz des Moritzschlösschens errichtet, der 1809/1810 durch Seitenflügel erweitert wurde. Die Reitschule enstand 1741-1751. Die unter dem Felsen der Alten Burg gelegene Altsiedlung Steinheim erhielt erst im 15. Jh. den Namen als Wallerstein als sie zu einer planmäßigen Straßenmarktanlage ausgebaut wurde, die später zweiseitig den Schloßkomplex umschloß. Die Beamtenhäuser des 17. und 18. Jh.s liegen unmittelbar am Schloßgarten. Mit der 1242 erstmals erwähnten und ab 1712 ausgebauten Pfarrkirche, der Mariahilf-Kapelle (1625) und dem Sechserbau (1788, Belli de Pino) und der Festsäule von J. G. Schorner (1720) ist die Marktgasse von Wallerstein noch heute der typische Charakter einer Res. der Barockzeit anzusehen.

Auch die 1442 als Res. anzunehmende Burg Flochberg bei Bopfingen hat sich ursprgl. in der Hand der staufischen Familie befunden. Sie ist erst 1330 als Lehen an die Gf.en von O. gekommen. Gf. Ludwig der Bayer hat die Wiederbefestigung des Burgstalles Flochberg gestattet. Sie wurde 1347 von Ks. Karl IV. an die Gf.en von O. verpfändet. Das Pfand wurde vom Reich nicht mehr eingelöst. Die Burg diente danach als Sitz der oettingischen Vögte. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Burg Flochberg durch ksl. Truppen besetzt und bei der Eroberung durch die Schweden stark beschädigt. Ein bedeutender Res.charakter der Burg ist heute in den Ruinen nicht mehr zu erkennen.

Die am Nordkamm des Hahnenkamms weithin sichtbar gelegene Burg → Spielberg war ursprgl. Lehen der Gf.en von → Truhendingen. Durch Kauf gelangte sie 1363 endgültig an die Gf.en von O. Die Burg gilt als Stammsitz der Linie O.-Spielberg. Die Hoheitsrechte gingen 1797 durch Landesvergleich an Preußen über und gelangten dann an das Kgr. Bayern. Die eindrucksvolle Gesamtanlage entstand in ihrer heutigen Bauform etwa um 1400, wurde in ihrem Inneren jedoch so oft umgebaut, daß keine Einzelheiten der Res.anlage mehr erkennbar sind.

Die Burg Baldern (Ostalbkreis) gelangte 1280 in den Besitz von Gf. Ludwig V. von O. Im 15. Jh. wurde sie von der Familie verpfändet und erst 1507 wieder ausgelöst. Seine heute barocke Gestalt hat die ehem. Res. der Linie der Gf.en zu O.-Baldern endgültig erst zwischen 1718 und 1737 erhalten, dabei wurden die Baumaßnahmen von Nicolaus Loyson und nach dessen Tod von Franz de Gabrieli geleitet. Mit dem Aussterben der Linie O.-Baldern fiel die Burg 1798 mit dem Erbe an das Fs.enhaus O.-Wallerstein. Neben den prunkvollen Wohn- und Repräsentationsräumen wird die Waffensammlung auf Schloß Baldern verwahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die bei Neresheim gelegene Burg Katzenstein (Gmd. Dischingen-Katzenstein) kam erst 1354 aus dem Besitz der Herren von Hirnheim an die Gf.en von O. Sie verpfändeten die Burg an die Familie von Westerstetten. Nach deren Erlöschen verkauften die Erben des letzten Westerstetteners die Burg an den Lehensherren, den Gf.en von O. Nachdem die Franzosen die Burg 1648 im Dreißigjährigen Krieg niedergebrannt hatten, ließ Notger Wilhelm von O.-Baldern die Burg ab 1669 erneuern und baute sie zu seiner Res. aus. Die Burg Katzenstein fiel nach dem Erlöschen der Linie O.-Baldern 1798 an die Linie Wallerstein. Sie befindet sich seit 1939 im Privatbesitz.

Neben den heute entweder zerstörten oder kaum noch erkennbar umgebauten ma. Burgen zeigen somit innerhalb der Gft. O. Res.charakter nur die Schloßanlage in der Stadt O., die Schloßanlage in Wallerstein und das Schloß Baldern.