Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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MONTFORT

C. Feldkirch

I.

Schloß F. (heute: Schattenburg) (1319: Veltkirch); im O der Stadt F. (Vorarlberg) auf einem isolierten niedrigen Hügelrücken; Zentrum der Gft. F.; in die Stadtbefestigung einbezogene Stadtrandburg; Hauptsitz der F.er Linie der Gf.en von → Montfort von den 60er Jahren des 13. Jh.s bis 1390.

Burg Tosters, auf einem breiten nördlichen Ausläufer des Schellenbergs oberhalb der gleichnamigen Ortschaft, eines Stadtteils von F.; Mittelpunkt eines kleinen, die nähere Umgebung der Burg umfassenden Herrschaftssprengels; von 1319-1359 Sitz der Linie → Montfort-F.-Tosters, 1362 als Pfand an die Gf.en von → Fürstenberg, 1390 Übergang an die Habsburger.

II.

Die Stadt F. liegt unterhalb des Austritts der Ill aus dem Walgau in die Vorarlberger Rheintalebene in 458 m Seehöhe. Östlich und westlich der Altstadt bildete die Ill beim Durchschneiden der Felsenau und des Ardetzenbergs Schluchten. F. schließt das seit urgeschichtlicher Zeit siedlungs- und verkehrsgeographisch bedeutende Vorarlberger »Vorderland« nach SW hin ab, die Stadt bildet die Schnittstelle zwischen dem Alpenrheintal und dem Walgau, südlich davon zweigt die Walenseefurche nach W zum Zürichsee ab. Die rechtsrheinische Fernstraße von den Bündner Pässen zum Bodensee überquerte bei F. die Ill, ostwärts führt die Straße dem Arlberg zu. Spätrömischen Ursprungs könnte der im 9. Jh. erstmals gen. Brückenort Pontilles am Übergang über die Ill (später übersetzt als Illbrugg, heute F.-Heiligkreuz) sein. In F.-Altenstadt ist jüngst die spätantike Verkehrsstation Clunia erschlossen worden.

Bei der Verwaltung der Gft. Rätien kam dem F.er Raum eine zentrale Funktion zu. 807 saß Gf. Hunfrid in curte ad campos zu Gericht. Das Churrätische Reichsgutsurbar (842/43) setzt schließlich ad campos und F. gleich: De ecclesia sancti Petri ad Campos id est Feldchiricha. Die dt. Ortsbezeichnung entstand durch die Übersetzung des lat. ecclesia sancti Petri ad Campos. Das Dorf F. erstreckte sich nicht im Bereich der ma. Stadt, sondern war der Kern des heutigen F.er Stadtteils Altenstadt.

Aus dem Jahr 1218 dat. die erste Nennung der regelmäßig geplanten, auf weitgehend siedlungsfreiem Areal zwischen den beiden Illschluchten im W bzw. O und der Ill im S angelegten Stadt als civitas Veltkilch; das ältere gleichnamige Dorf nannte man in weiterer Folge zur besseren Unterscheidung »Altenstadt«. Mit großer Wahrscheinlichkeit entstand als Rückgrat der neuen Siedlung in den Jahren zwischen etwa 1200 und 1218 die Marktgasse mit einer rechten Parallelstraße, die Schlossergasse, und deren Fortsetzung, die Gymnasiumgasse. Mit Abschluß der ersten Ausbauphase dürfte F. aus etwa 50 Hofstätten bestanden haben, um die Marktgasse gruppierten sich knapp 30 Häuser. Erweitert wurde die Stadtanlage im ausgehenden 13. Jh. durch die Errichtung der Neustadt nach NO hin. 1379 nahm Gf. Rudolf V. von → Montfort-F. (gest. 1390) den planmäßigen Ausbau der »Vorstadt« im SW der Ill zu in Angriff. Die Stadt hatte damit bereits ihre größte Ausdehnung als Siedlung bis zu den Eingemeindungen in der Neuzeit erreicht, ihr Gebiet umfaßte etwa 1,3 qkm. Die städtische Jurisdiktion blieb im Wesentlichen auf den Bereich innerhalb der Stadtmauern beschränkt. Ein Einkünfteverzeichnis aus dem Jahr 1307/13 nennt 137 Namen von Hofstättenbesitzern, was auf knapp 700 Einw. schließen läßt. Mit der Stadterweiterung im ausgehenden 14. Jh. kamen ca. 50 weitere Hofstätten hinzu, im ausgehenden 15. Jh. dürfte die Stadt etwa 1500 Einw. gezählt haben.

In der Frühphase der Stadtentwicklung kam der Landwirtschaft, insbes. dem Weinbau am Ardetzenberg, beträchtliche Bedeutung zu. Zur landwirtschaftlichen Produktion trat von Anfang an die Distribution. Weingartenbesitz und Weinhandel gingen vielfach Hand in Hand. F. war zudem ein wichtiger Umschlagplatz für Getreide, das vornehmlich von Schwaben nach Graubünden exportiert wurde. Der städtische Wochenmarkt war der bedeutendste des unteren Alpenrheintals, die Termine benachbarter Städte auf F. abgestimmt. F.er Maß und Gewicht galt in einem Umkreis von etwa 30 km. Der Hauptmarkt fand in der Marktgasse statt, ein Krämermarkt ist seit dem 14. Jh. in der Neustadt nachgewiesen. Außerdem wurden zwei dreitägige Jahrmärkte abgehalten, die v.a. dem Pferdehandel dienten. Die Stadt profitierte auch vom Fernverkehr zwischen Schwaben und Oberitalien sowohl über die Bündner Pässe wie auch über den Arlberg. Brakteaten des 13. Jh.s, die als Münzbild die → Montforter Fahne und eine Kirche zeigen, wurden wohl in F. geprägt. Seit 1397 ist von einer eigenen, jedoch nicht ausgeprägten F.er Währung die Rede. Kontermarken der Stadt sind auf Münzen des 15. Jh.s überliefert. Eine jüdische Gemeinde bestand in der ersten Hälfte des 14. Jh.s, bis sie 1349 einem Pogrom zum Opfer fiel. Handwerk und Gewerbe dienten in erster Linie zur Befriedigung der regionalen, nicht zuletzt vom Handelsverkehr verursachten Bedürfnisse. Metallverarbeitung spielte eine wichtige Rolle; seit dem ausgehenden 14. Jh. sind auch Goldschmiede in F. nachgewiesen.

Da die Stadt in den ersten Jahrzehnten nach ihrer Gründung zum Pfarrsprengel des Dorfes F. (F.-Altenstadt) gehörte, ist die am südöstlichen Ende der Marktgasse situierte Johanneskirche, die Gf. Hugo I. 1218 dem Johanniterorden übertrug, die älteste sakrale Einrichtung in F. Die Johanniterkommende war v.a. in kultureller Hinsicht für F. von Bedeutung. Die Pfarrkirche zum Hl. Nikolaus – heute Dom – wird erstmals 1297 erwähnt, nachdem bereits zehn Jahre zuvor ein Teil des Gotteshauses geweiht worden war. Sie liegt an Innenseite der nordöstlichen Stadtmauer. In der ersten Hälfte des 14. Jh.s sind Häuser der Franziskaner, Dominikaner und Augustiner in F., das zur Diöz. Chur gehörte, nachgewiesen. Eine Stiftung Gf. Rudolfs V. (gest. 1390) ist die Hl.-Kreuzkapelle im »Kehr«.

Spätestens 1312 benutzte die Stadt ein eigenes Siegel, das eine Kirche und die → Montforter Fahne zeigt; 1312/13 erwirkte Rudolf III. von → Montfort-F. (gest. 1334) von Ks. Heinrich VII. die Bewidmung mit Lindauer Recht, wenig später erfolgte eine erste Niederschrift des Stadtrechts, das im Verlauf des 14. Jh.s mehrfach an die örtlichen Gegebenheiten angepaßt wurde, so daß die Kodifizierung von 1399 bereits als eigenständiges F.er Recht gilt.

In Hinblick auf den Verkauf seiner Herrschaftsrechte an die Habsburger gewährte schließlich Rudolf V. der Bürgerschaft 1376 im den so gen. »F.er Freiheitsbrief« weitreichende Rechte: Limitierung der jährl. Stadtsteuer, Einschränkung des Satzungsrechtes des Stadtherrn, Verbot der Einführung von Sondersteuern durch die Herrschaft, Mitwirkung der Bürger bei der Wahl des Stadtammanns, das Recht der Bürger auf freien Zug und freie Heirat, eine Bevorzugung der Bürger in Erbfällen, das Vorrecht der Bürger, die Huldigung gegenüber jedem künftigen Stadtherrn von der vorherigen Bestätigung der Freiheitsrechte abhängig zu machen, sowie die Bestellung des Rates der Stadt Zürich zum Schiedsrichter über alle Streitigkeiten um den Freiheitsbrief. 1379 befreite Kg. Wenzel die F.er vom kgl. Hofgericht und allen Landgerichten. Die Habsburger konfirmierten das Privileg des letzten Montforters. Dem erstmals 1318 erwähnten Rat der Stadt saß als Stadtrichter der Stadtammann vor, der – ebenso wie die Räte – vom Stadtherrn bestellt wurde.

Eine Gelegenheit, sich der gfl. Stadtherrschaft zu entziehen und den Status einer Reichsstadt zu erlangen, ließen die F.er ungenutzt: Der von seinen Neffen entmachtete Ulrich II. von → Montfort-F. (gest. 1350) übertrug 1344 Stadt und Herrschaft Ks. Ludwig dem Bayern, der sie zurückerobern und dem Gf.en zur Nutzung auf Lebenszeit überlassen sollte. Der Kriegszug des Reichsoberhaupts scheiterte aber, weil sich ein bedeutender Teil der F.er für die Gf.en von → Montfort entschieden hatte und die Stadt entschlossen verteidigte.

Andererseits wurde ein Jahrzehnt später das Einvernehmen zwischen Stadt und Herrschaft nachhaltig getrübt. Im Verlauf langwieriger Fehden in Graubünden waren zwei Söhne Rudolfs IV. von → Montfort-F. (gest. 1375) in gegnerische Hände gefallen. Die Stadt F. sträubte sich gegen die Fortsetzung des Kriegs und zögerte auch beim Aufbringen des Lösegelds. Die Verstimmung zwischen der Bürgerschaft und dem Gf.en gipfelte in einem bewaffneten Überfall des Montforters auf die Stadt im Frühjahr 1355; zahlr. Bürger wurden gefangengenommen, andere flohen. Die Gefangenen mußten Lösegeld zahlen, die Güter der aus F. Gewichenen wurden konfisziert.

III.

Schloß F. (heute: Schattenburg): Dendrochronologischen und bauanalytischen Befunden zufolge entstanden die ältesten Bauteile der urkundlich erstmals 1307/13 erwähnten Burg in den 60er Jahren des 13. Jh.s, zum Kernbestand zählt der massige, viergeschossige Wehrturm auf längsrechteckigem Grundriß. Der festungsmäßige Ausbau der Anlage erfolgte während des 15. und in der ersten Hälfte des 16. Jh.s nach dem Übergang an die Habsburger (1390) und Zerstörungen im Appenzellerkrieg (1405). Es entstanden der mächtige, bollwerkartige Palas mit drei Geschossen, eine Barbakane, Ringmauervorbauten, der Tortrakt, der zweigeschossige Westtrakt sowie der östliche Verbindungsflügel. Veränderung während der 17. bis 20. Jh.s betrafen v.a. Details sowie die Innenausstattung. Die Burg war zwar in die Stadtbefestigung, nicht aber in den städtischen Rechtsbereich einbezogen, sie lag auf Altenstädter Gemeindegebiet. Heute ist die Schattenburg die am besten erhaltene Burganlage Vorarlbergs.

Burg Tosters: Ältester Teil der 1271 erstmalig gen. Anlage ist die ein ungewöhnlich großes Areal einfassende polygonale Ringmauer, mit deren Bau im dritten Viertel des 13. Jh.s begonnen wurde. Im SW der Burgfläche entstand im ausgehenden 13. Jh. ein mächtiger, wenig später umgestalteter Bergfried über annähernd quadratischem Grundriß mit sechs Geschossen, dem ersten Viertel des 14. Jh.s gehört im SO ein über den Bering hinausragender palasartiger Wohnbau an, er wurde wohl im Zusammenhang mit der Ausgestaltung der Burg zum Sitz der Linie → Montfort-F.-Tosters errichtet. Weitere Umbauten der ersten Hälfte des 14. und – nach dem Übergang an Österreich und Zerstörungen im Appenzellerkrieg 1405 – des 15. Jh.s betrafen den Torbereich im SW. Vom 16. Jh. an verfiel die Burg allmählich.

Quellen

Siehe A. Montfort.

Siehe C. Tettnang.