MONTFORT
I.
Castrum Pregancia (802), Pregentz (1218), wohl im südöstlichen Teil der heutigen B.er Oberstadt im Bereich der spätantiken Siedlung gelegener Sitz der Gf.en von B. aus dem Geschlecht der Udalrichinger, der nach deren Aussterben über Pfgf. Hugo von → Tübingen an die Gf.en von M. kam; Mittelpunkt der montfortischen Gft. B., seit der Gründung der Stadt B. um die Mitte des 13. Jh.s Stadtschloß (das groß haus, gelegen bei dem obren tor, 1409).
Burg (Hohen-)B. (als burk B. 1338 erstmals erwähnt), Höhenburg am Gebhardsberg oberhalb der Stadt B. in dominanter Lage auf einem Felsabhang zum Rheintal.
II.
B. liegt in 400 m Seehöhe südlich der B.er Klause, der Engstelle zwischen dem Ostufer des Bodensees und dem Pfänderhang in strategisch starker, verkehrstechnisch aber ungünstiger Lage, weil der Warenverkehr in der Nord-Süd-Richtung zu Schiff über den Bodensee abgewikkelt wurde.
Kurz vor der römischen Eroberung der Region nennt Strabon eine keltische Siedlung Brigantion. Sie wurde nach 15 v. Chr. Standort eines römischen Militärlagers, an das sich auf dem Ölrainplateau das kaiserzeitliche B. mit einer Fläche von 22 ha anschloß. In römischen Quellen scheint der Ort als Brigantia, Brigantio, Brecantia oder Bracantia auf, der Name Brigantium ist offenkundig jünger. Wg. der nahe an den Bodensee herangerückten Grenze und der Gefahr von Alamanneneinfällen wurde die Siedlung im ausgehenden 3. Jh. auf das geschütztere Plateau der heutigen Oberstadt verlegt, zumindest bis zur Mitte des 5. Jh.s blieb die Siedlungskontinuität ungebrochen. Mit der Missionstätigkeit des Hl. Columban um 610 beginnt die ma. Geschichte von B. 802 ist das castrum Pregancia Ausstellungsort einer Urk. für das Kl. St. Gallen, um 840 nennt Walahfrid Strabo B. ein oppidum, wohl als Mittelpunkt der Gft. im Argengau. Um 920 verlegte das Gf.engeschlecht der Udalrichinger seinen Hauptsitz von Buchhorn (heute Friedrichshafen) nach B., im ausgehenden 11. Jh. stifteten sie am Bodenseeufer das Kl. B. (später Mehrerau). Nach ihrem Aussterben Mitte des 12. Jh.s kamen ihre Hausgüter über Pfgf. Hugo von → Tübingen an dessen gleichnamigen Sohn, der sich zwar nach seinem neuen Stammsitz von M. nannte, im Siegel aber noch den Titel eines Gf.en von B. führte.
Um die Mitte des 13. Jh.s erfolgte schließlich – wohl in Vorbereitung der Teilung des Hauses → Montfort in die Linien → Feldkirch, B. und → Tettnang – der Ausbau des Gf.ensitzes B. zur Stadt. 1260 ist erstmals von der civitas die Rede; auch die Stadtmauer wird in die Zeit bald nach der Mitte des 13. Jh.s dat. Die Anlage war klein, sie umfaßte im Bereich der heutigen Oberstadt 57 Hofstätten an drei Gassen, Erweiterungen waren aufgrund der topographischen Gegebenheit nur unterhalb des Plateaus seewärts möglich, wo später im Maurach und an der Kirchstraße vorstädtische Siedlungen mit insgesamt etwa 60 Hofstätten entstanden, was auf kaum mehr als 600 Einw. schließen läßt. Da gleichzeitig mit dem Zusammenbruch der staufischen Macht gegr., wurde wohl keine Willenserklärung des Reichsoberhauptes eingeholt; erst 1330 beschafften sich die B.er M.er ein recht vages Marktprivileg Ks. Ludwigs des Bayern.
Als Erwerbszweige standen Weinbau und -handel sowie der genossenschaftlich betriebene Holzhandel (das »Holzwerk«) im Vordergrund. Dem Wochenmarkt fehlte es hingegen aufgrund des kleinen Einzugsgebiets und der Konkurrenz durch die nahegelegene Reichsstadt Lindau an gestaltender Kraft. Bezeichnenderweise hat sich der Name »Markt« weder als Marktplatz oder Marktgasse erhalten. Münzen wurden in B. nie geprägt, auch vom Fernhandel blieb die Stadt unberührt.
Nachdem die Gf.en von → Montfort-B. 1379 ihre ländlichen Herrschaftsbereiche geteilt hatten, folgte 1409 auch die Teilung der Stadt entlang einer vom oberen zum unteren Tor gezogenen Grenze; die Bürger wurden gemäß ihres Wohnsitzes dem Gf.en Hugo XII. (gest. 1424) bzw. seinem Neffen Wilhelm VII. (gest. 1422) zugewiesen. Angesichts häufiger Spannungen zwischen den beiden B.er Zweigen der Gf.en von → Montfort wirkte sich die Teilung auf die ohnehin sehr zögerliche Entwicklung der Stadt negativ aus. Noch schwieriger wurden die Verhältnisse, nachdem Elisabeth von → Montfort-B. (gest. 1458) 1451 ihre Hälfte an Hzg. Sigmund von Österreich veräußert hatte. Erst die 1523 erfolgte Wiedervereinigung Stadt – Verkauf des anderen Teils durch Gf. Hugo XVII. (gest. 1550) an Ehz. Ferdinand von Österreich – ermöglichte eine gewisse Konsolidierung.
Mit einem Stadtrecht wurde B. nie bewidmet, die Stadt besaß unter monfortischer Herrschaft weder Siegel noch Wappen, die Ratsstube befand sich bis ins frühe 16. Jh. im »Haus«, der Stadtburg. Den Stadtammann und den zunächst zwölf-, von 1409 an achtköpfigen Rat setzte der Stadtherr ein. Von 1409 bis 1523 erfolgte die Ammannamtsbesatzung abwechselnd durch die beiden Stadtherren für jeweils zwei Jahre. Eine Trennung von Rat und Stadtgericht deutet sich um die Mitte des 15. Jh.s an.
Die B.er Bürger waren ihrer Herrschaft leibeigen, allerdings von Frondienst und Todfall befreit, den Heiratszwang hoben die Gf.en 1409 auf. Frei wurden die Bewohner jener Stadthälfte, die 1451 an Österreich gelangte, im Zuge dieses Übergangs, jene des anderen Teils blieben bis 1597 leibeigen.
Wesentlich älter als die Stadt ist die erstmals um 1097 erwähnte, zur Diöz. Konstanz zählende B.er Pfarrkirche St. Gallus, Mutterpfarre zahlr. umliegender Kirchen. Sie liegt auf einem der Stadtanlage benachbarten Plateau, das bis zum Ende des MAs nicht zur Stadt gehörte. In einem Turm der Stadtbefestigung (heute Martinsturm) stiftete Gf. Wilhelm III. von → Montfort-B. (erw. bis 1373) 1362 eine Kapelle samt Meßpfründe, die eine hochwertige Freskenausstattung erhielt. Sie fungierte in der Folge als repräsentativer Sakralraum der dienstadeligen Spitzengruppe von B. 1440 entstand aus einer Beginengemeinschaft in unmittelbarer Stadtnähe das Kl. Thalbach der Franziskaner-Tertiarinnen. Das außerhalb des städtischen Rechtssprengels gelegene Benediktinerkl. Mehrerau stand unter der Vogtei der Gf. von → Montfort bzw. ihrer B.er Linien, es fungierte zumindest zeitw. als Hauskl.
III.
Das Aussehen des 1857 abgerissenen Stadtschlosses ist nur durch kurz zuvor angefertigte Zeichnungen bekannt. Es befand sich an der südöstlichen Schmalseite der ma. Stadtanlage anschl. an das 1884 gleichfalls geschliffene obere Tor und dürfte, 1480 umgebaut, im Kern auf den hochma. Sitz der Gf.en von B. zurückgegangen sein.
Über das Alter der Höhenburg B. auf dem Gebhardsberg herrscht keine Einigkeit. Viell. gehen Teile der polygonalen Ringmauer, die ein weitläufiges Areal umfaßte, ins ausgehende 11. Jh. zurück. Gesichert ist jedoch, daß die Anlage nach der Mitte des 13. Jh.s – also etwa zeitgl. mit der Gründung der Stadt B. und der Abtrennung der B.er Linie der Gf.en von → Montfort – umgestaltet wurde. Aus dieser Zeit stammt der in der erhöht liegenden Südost-Ecke positionierte, äußerst großzügig dimensionierte Palas, der heute die Wallfahrtskirche zum Hl. Gebhard birgt. Die Teilungsurk. von 1379 läßt eine bedeutende Anlage erkennen: Sie bestand aus einer inneren und einer äußeren Burg, besaß ein Torhaus, einen Bergfried, zwei »Ritterhäuser«, nämlich den bereits erwähnten oberen Palas und einen zweiten jüngeren, sowie weitere Einbauten (Küchenhaus, Bäckerei, Stallungen, Schuppen). Eine Burgkapelle ist aus anderen Quellen belegt. Um 1420 wurde, wohl aufgrund der Erfahrungen während der Belagerung im Appenzellerkrieg 1407/08, das Nordrondell hinzugefügt, nach der Mitte des 15. Jh.s entstand der Brunnenturm über der ehem. Zisterne. Die Ringmauer weist v.a. Bauphasen des 15. und 16. Jh.s auf. Zwischen 1451 und 1523 war die Burg den Gf.en von → Montfort und den Hzg.en von Österreich gemeinsam. Anfang des 17. Jh.s erfolgte der Ausbau zur Festung, die 1647 von den Schweden besetzt und gesprengt wurde; in weiterer Folge mehrfache Aus- und Umbauten der Ruine zu kirchlichen (Wallfahrt des Hl. Gebhard) und gastronomischen Zwecken.
Quellen
Siehe A. Montfort.
Literatur
Siehe C. Tettnang.