Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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MONTFORT

B. Montfort

I.

Der Machtbereich Hugos I. von M. (erw. 1188-1228, gest. vor 1237) dürfte wesentliche Teile des mütterlichen Erbes der Gf.en von → Bregenz in umfaßt haben. Dazu gehörten Gf.enrechte in Unterrätien, im Rhein-, Argen- und Nibelgau sowie weitere Besitzungen und Rechte, die sich aus den spärlichen Quellen allerdings nur vage erschließen lassen: im Gebiet des heutigen Vorarlberg, im Allgäu, nördlich des Bodensees zwischen Meersburg und Markdorf, im Tettnanger Raum sowie am Überlinger See, einzelne Nennungen weisen im N bis an die Donau sowie südlich des Sees bis nach Winterthur und nach Rätien. Den Mittelpunkt seiner inkohärenten, von Rechten zahlr. anderer Machtträger durchsetzten Herrschaft bildete die bald nach 1200 in seinem Auftrag oberhalb von Weiler (unweit → Feldkirch) errichtete Höhenburg M. (heute: Ruine Altm.) sowie die im selben Zeithorizont gegr. Stadt → Feldkirch.

Zahlr. Linienteilungen splitterten die m.ischen Einflußzonen in der Folge auf. Bereits um die Mitte des 13. Jh.s spalteten sich die Gf.en von → Werdenberg ab, an die die Besitzungen links des Alpenrheins, im Vorarlberger Walgau und seinen Nebentälern sowie im heutigen Liechtenstein kamen. Bald nach 1260 teilten sich die Gf.en von M. in die Linien → Feldkirch, → Bregenz und → Tettnang, wodurch drei neue, von ihren Inhabern allmählich verdichtete Herrschaftskomplexe entstanden, die in den Quellen abwechselnd als Gft.en oder Herrschaften bezeichnet wurden. Die Teilung gab auch den Anlaß zur Gründung der Städte → Bregenz und → Tettnang im Vorfeld der beiden gleichnamigen gfl. Burgen. Zur Gft. → Feldkirch gehörten zunächst die Stadt → Feldkirch und deren Umland rechts des Rheins (die späteren Gerichte Rankweil-Sulz, Jagdberg und Damüls) sowie am Bodensee der Hafenort Fußach, ein Lehen des Damenstifts Lindau, zu → Bregenz das Leiblachtal, das rechtsseitige Rheintal bis Dornbirn, der Bregenzerwald, die Herrschaft Staufen (Oberstaufen im Allgäu), die Reichspfandschaft Leutkirch (1330 bis 1364) sowie als österr. Pfand die Herrschaft Neuburg (1405 bis 1437), zu → Tettnang ursprgl. wohl altes Hausgut um → Tettnang und die Hochgerichtsbarkeit zwischen Argen und Leiblach. Ein 1319 innerhalb der Feldkircher Linie geschlossener Teilungsvertrag ließ die Gft. → Feldkirch für einige Zeit in drei an die Burgen Jagdberg, Altm. und Neum. geknüpfte »Gft.en« zerfallen. Mit dem Aussterben der (älteren) Bregenzer Linie kamen der hintere Bregenzerwald, Dornbirn und Staufen (Oberstaufen) an den Feldkircher Zweig (erloschen 1390 nach dem 1375 erfolgten Verkauf ihrer Güter und Rechte an die Hzg.e von Österreich), die übrigen Gebiete zunächst an die Tettnanger M.er, sowie in weiterer Folge an die aus ihnen hervorgehende jüngere Bregenzer Linie. 1359 erwarb diese die nördlich anschließende Herrschaft Hohenegg. 1379 teilten die Bregenzer M.er ihrerseits; es entstanden die südliche, »ältere« Herrschaft → Bregenz mit den Gerichten Hofsteig, Alberschwende, Lingenau und Hohenegg, außerdem von 1402 bis 1424 die Gft. Kyburg (im heutigen Kanton Zürich) sowie die nördliche, »jüngere« mit den Gerichten Hofrieden, Sulzberg, Grünenbach und Simmerberg. Letztere gewann durch Ehen mit Margarete von Pfannberg (Wilhelm III. von M.-Bregenz, gest. nach 1373), mit deren gleichnamigen Tochter (Hugo XII., gest. 1424) und mit Guta von Stadeck (Ulrich VI., erw. bis 1410) bedeutenden Besitz in der Steiermark, in Kärnten und Niederösterreich (insbes. die Herrschaften Rohrau, Kranichberg, Pfannberg, Peggau, Krems). Es handelte sich dabei um Lehen bzw. Pfandgut der habsburgischen Landesfs.en, Kirchenlehen des Ebf.s von Salzburg sowie in geringerem Maß auch um Eigen, überwiegend in Streulagen. Die ältere Herrschaft → Bregenz kam 1453, die jüngere 1523 durch Kauf an Habsburg-Österreich. Der Einflußbereich der Tettnanger M.er wuchs im SpätMA durch einige oberschwäbische Erwerbungen noch an: 1290 Herrschaft Argen, um 1300 Herrschaft Sumerau mit der Vogtei über das Kl. Langnau sowie Hirschlatt (bis 1659), 1314/1315 Gft. Friedberg-Scheer (als Pfand der Hzg.e von Österreich, bis 1432), um 1330 Herrschaft Rothenfels (bis 1567), 1399 Herrschaft Staufen (Oberstaufen), erste Hälfte 14. Jh. Herrschaft Schomburg (bis 1404, dann wieder 1658), 1386 Herrschaft Wasserburg (bis 1592), nach 1426 Herrschaft Brochenzell (bis 1447), 1415 Eglofs (als Reichspfandschaft bis 1516) und 1491 Immenstaad (bis 1500). Im Alpenrheintal besaßen sie 1402 bis 1483 die Gft. → Werdenberg sowie von 1470 bis 1483 die Herrschaft Wartau, waren von ca. 1420 bis ca. 1436 Pfandherren von Bludenz und verfügten von 1438 bis 1466 aus dem Erbe der Gf.en von → Toggenburg über die sog. VIII Gerichte im heutigen Graubünden. Unter Hugo XIII. von M.-Tettnang (gest. 1491) erlebte die Herrschaft (seit 1471 Reichsgft.) Rothenfels mit ihrem zentralen Ort → Immenstadt einen intensiven Ausbauprozeß.

Die Gf.en von M. gründeten folgende Städte: → Feldkirch (vor 1218), → Bregenz (bald nach 1250), → Tettnang (um 1260), Scheer (vor 1289), → Immenstadt (1360) und Langenargen (1453).

Zur Feldkircher Linie gehörten als M.er-Burgen: Altm. (Weiler), Neum. (Götzis), Schloß → Feldkirch/Schattenburg, Tosters (→ Feldkirch), Jagdberg (Schlins), Fußach und Horben (Gestratz, bis in die 20er Jahre des 14. Jh.s). Die Bregenzer Linien verfügten über das Bregenzer Stadtschloß, die Burg (Hohen) → Bregenz auf dem Gebhardsberg und Hohenegg (Grünenbach), die Tettnanger über die Burg und das Torschloß in → Tettnang, Argen (Langenargen), Rothenfels und Hugofels (→ Immenstadt) als Doppelburg, Wasserburg sowie Schomburg (Wangen). Staufen (Oberstaufen) war zunächst in Bregenzer, dann in Feldkircher und zuletzt in Tettnanger Hand. In der Steiermark, in Niederösterreich und Kärnten besaßen die Gf.en von M. rund zwanzig Burgen, darunter Pfannberg, Kaisersberg, Salla, Krems, Stadeck, Kranichberg, Festenburg, Hohenwang, Frondsberg und Peggau.

Belehnungen durch das Reichsoberhaupt sind für die Gft. → Feldkirch nicht belegt, für → Bregenz erstmals 1429, für → Tettnang erstmals 1348, → Bregenz 1401. Eine Belehnung mit dem Reichsgut Brochenzell erfolgte 1439, mit Rothenfels 1471 zusammen mit der Erhebung zur Reichsgft. Die langwierigen Streitigkeiten zwischen den Gf.en von M.-Tettnang und der Reichsstadt Lindau zeigen freilich eindrücklich, daß diese Herrschaftssprengel auch noch im 15. und frühen 16. Jh. weder hinsichtlich ihres Umfangs noch ihrer Rechtssubstanz eindeutig definiert waren.

1380 war Gf. Heinrich IV. von M.-Tettnang (gest. 1408) Mitglied des ein Jahr zuvor in Wiesbaden gegr. Löwenbunds (Gesellschaft vom Leuen), Ulrich V. von M. → Tettnang (gest. 1495) scheint 1484 als Hauptmann der Turniergesellschaft »vom Fisch« auf, 1489 als Hauptmann der Ritterschaft mit St. Jörgenschild im Hegau, von 1492 bis 1494 amtierte er als Bundeshauptmann des Adels im Schwäbischen Bund. Der schwäbischen Rittergesellschaft mit St. Jörgenschild gehörten im Verlauf des 15. Jh.s mehrere Angehörige der Familie an.

II.

Über die Hofhaltung der M.er Linien in → Feldkirch, → Bregenz und → Tettnang liegen nur ganz vereinzelte Nachrichten vor. Da die häufigen Teilungen die Ressourcen zusehends schmälerten und sich die Gf.en häufig außer Landes aufhielten, ist von eher bescheidenen Verhältnissen auszugehen. Die zunächst recht zahlr. Ministerialität verringerte sich bereits im Verlauf des 14. Jh.s deutlich, aus ihrem Kreis stammen die gelegentlich als Vertreter der Gf.en gen. Vögte. Auf die Existenz eines Hofamts weist einzig das Ministerialengeschlecht der Marschälle von M. (erstmals 1260) hin. Ein gfl. Schreiber wird 1321 für die Bregenzer Linie gen. Die Lieder des Minnesängers Hugo XII. vertonte sein »Knecht« Bürk Mangold. 1479 scheint in → Tettnang ein Schloßkaplan urkundlich auf, ein Hofmeister zu Rothenfels in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s, ein solcher zu → Tettnang in den 30er Jahren des 16. Jh.s, ein gfl. Sekretär dort 1571. Der Verwaltung stand vom 16. Jh. an ein Oberamtmann vor, der zumeist auch im Hochgericht der Gft. → Tettnang den Vorsitz führte. Nähere Angaben über Hofbedienstete haben sich erst aus dem 17. Jh. erhalten; gen. werden ein Koch, ein Kammersekretär, ein Hofkeller, ein Ochsenknecht, ein Schloßwächter, ein Hofküfer, Kammerzofen, Jäger und Förster. Ein Narr hatte bereits zum Hofstaat Hugos XVI. (gest. 1564) gehört. 1648-1654 wirkte der Jesuit Andreas Arzet als Beichtvater und Hausgenealoge Gf. Johanns. X. (gest. 1686).

Auf vor Ort wirkende, höher qualifizierte Kunsthandwerker haben wohl nur die Feldkircher M.er zugreifen können, in ihrer Stadt lassen sich im 14. Jh. Goldschmiede, Bildschnitzer sowie Baumeister nachweisen. 1516 wird ein Maler des Ulrichs VIII. von M.-Tettnang (gest. 1520) in Lindau gen.

Gfl. Münzen wurden in → Feldkirch möglicherw. schon im 13. Jh. geprägt. Die Tettnanger M.er gaben von 1529 bis 1537, von 1567 bis 1574, 1620 bis 1629, 1674 bis 1680, 1690 bis 1692 sowie von 1694 bis 1758 eigene Münzen aus. Während die Prägungen des 16. Jh.s noch überwiegend repräsentativen Charakter hatten, ging es weiterer Folge ausschließlich darum, minderwertige Münzen in enormen Mengen herzustellen, wobei die Grenze zum Betrug durchaus überschritten wurde. Die Finanzen der Gf.en von M. hatten sich seit dem ausgehenden MA insgesamt weiter verschlechtert, die Schulden wuchsen – nicht zuletzt in als Folge der Schloßbauten – dramatisch an, bis sie sich Mitte des 18. Jh.s auf über eine Million Gulden beliefen.

1380 und 1389 ließ Rudolf V. von M.-Feldkirch (gest. 1390) in → Feldkirch Osterspiele aufführen, auf ihn geht auch die um 1382 eingeführte Feldkircher Kinderfasnacht zurück, zu der alle zwei Jahre die Knaben aus der Region mit hölzernen Wehren, Masken, Fähnlein und Spielleuten in die Stadt zogen.

Im Gefolge Hzg. Leopolds III. von Österreich nahmen 1376 Heinrich IV. von M.-Tettnang (gest. 1408) und Hugo XII. von M.-Bregenz (gest. 1424) an einem Turnier auf dem Münsterplatz in Basel teil. Zur Fasnacht 1447 veranstalteten die Tettnanger M.er ein Turnier in der nahen Reichsstadt Lindau. 1484 trat Hugo XVII. von M.-Bregenz (gest. 1550) in Stuttgart an, 1487 Ulrich V. von M.-Tettnang (gest. 1495) samt seinem gleichnamigen Sohn in Regensburg. Hans Burgkmairs Turnierbuch überliefert die Abbildung eines Stechens zwischen Kg. Maximilian und Johann I. von M.-Tettnang (gest. 1529), auch Georg III. von M.-Tettnang (gest. 1544) ist zu Fuß und zu Pferd gegen den Habsburger angetreten. Das Turnierbuch Hzg. Wilhelms IV. von Bayern zeigt Wolfgang I. von M.-Tettnang (gest. 1541) zu Pferd.

Eine vom Minnesänger Hugo XII. in Auftrag gegebene Prachthandschrift seiner Lieder befindet sich heute in der Heidelberger Universitätsbibliothek. Dem ausgehenden 15. bzw. dem beginnenden 16. Jh. gehören drei hochwertig illuminierte Privatgebetbücher an, die auf Hugo XV. (gest. 1519) und Ulrich VII. von M.-Tettnang (gest. 1520) zurückgehen. Eine Kunstkammer im Stil der Zeit trug Ulrich IX. (gest. 1575) zusammen, das 1574 angelegte Inventar nennt Münzen, Altertümer, astronomische Geräte, kunsthandwerkliche Produkte, Bilder, Kuriositäten, Kunstbücher, geomantische Werke und Büecher zue der Musica.

Quellen

Siehe A. Montfort.

Burmeister, Karl Heinz: Turniere der Montforter, in: Die Montforter, Bregenz 1982 (Katalog des Vorarlberger Landesmuseum, 103), S. 97-98. – Burmeister, Karl Heinz: Die Grafen von Montfort, in: Die Grafen von Montfort. Geschichte und Kultur, hg. von Bernd Wiedemann, Friedrichshafen 1982 (Kunst am See, 8), S. 9-16. – Burmeister, Karl Heinz: Die Montforter und die Kultur, in: Die Grafen von Montfort. Geschichte und Kultur, hg. von Bernd Wiedemann, Friedrichshafen 1982 (Kunst am See, 8), S. 34-42. – Burmeister, Karl Heinz: Kulturgeschichte der Stadt Feldkirch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, Sigmaringen 1985 (Geschichte der Stadt Feldkirch, 2). – Burmeister, Karl Heinz: Geschichte der Stadt Tettnang, Konstanz 1997. – Carl, Horst: Der Schwäbische Bund 1488-1534. Landfrieden und Genossenschaft im Übergang vom Spätmittelalter zur Reformation, Leinfelden-Echterdingen 2000 (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde, 24). – Fleischhauer, Werner: Die Kunstkammer des Grafen Ulrich von Montfort zu Tettnang, 1574, in: Ulm und Oberschwaben 44 (1982) S. 9-28. – Klein, Ulrich: Die Münzen und Medaillen der Grafen von Montfort, in: Die Montforter, Bregenz 1982 (Katalog des Vorarlberger Landesmuseum, 103), S. 83-89. – Kuhn, Elmar L.: Die Herrschaftsgebiete, in: Die Grafen von Montfort. Geschichte und Kultur, hg. von Bernd Wiedemann, Friedrichshafen 1982 (Kunst am See, 8), S. 18-33. – Die Kunstdenkmäler von Schwaben, Bd. 7: Landkr. Sonthofen, bearb. von Michael Petzet, München 1964 (Die Kunstdenkmäler von Bayern, Regierungsbezirk Schwaben, 7). – Merten, Klaus: Die Burgen und Schlösser der Grafen von Montfort-Tettnang und Rothenfels, in: Die Grafen von Montfort. Geschichte und Kultur, hg. von Bernd Wiedemann, Friedrichshafen 1982 (Kunst am See 8), S. 140-148. – Moser, Eva: Die Besitzungen in der Steiermark, in: Die Grafen von Montfort. Geschichte und Kultur, hg. von Bernd Wiedemann, Friedrichshafen 1982 (Kunst am See, 8), S. 133-137. – Muoth, Giachen Caspar: Aufzeichnungen über Verwaltung der VIII Gerichte aus der Zeit der Grafen von Montfort, in: Jahresbericht der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft des Kantons Graubünden 35 (1905) S. 1-37. – Niederstätter, Alois: Kaiser Friedrich III. und Lindau. Untersuchungen zum Beziehungsgeflecht zwischen Reichsstadt und Herrscher in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, Sigmaringen 1986. – Niederstätter, Alois: Herrschaftliche Raumorganisation im nachmaligen Vorarlberg während des Mittelalters, in: Montfort 61 (2009) S. 231-257. – Ochsenbein, Peter: Die Privatgebetbücher, in: Die Grafen von Montfort. Geschichte und Kultur, hg. von Bernd Wiedemann, Friedrichshafen 1982 (Kunst am See, 8), S. 82-88. – Tiefenthaler, Eberhard: Montfortische Bücher und Bücherzeichen, in: Die Montforter, Bregenz 1982 (Katalog des Vorarlberger Landesmuseum, 103), S. 150-152.