Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Großstruktur (architektonische)

Fassade

Noch im SpätMA wurde der Fassadenbildung dt. Schlösser nur untergeordnete Aufmerksamkeit geschenkt. Im Unterschied zum ital. Palastbau besaßen architekturtheoret. Normen im dt. Schloßbau (wie auch im übrigen nordeurop. Schloßbau) bis weit ins 16. Jh. hinein kaum eine Bedeutung. Eines der frühesten Beispiele, bei dem die Baukörper der Hauptflügel eines Schlosses mit einer durchstrukturierten Fassadenbildung ausgestattet wurden, ist die Albrechtsburg oberhalb von Meißen (1471ff.) (Farbtafel 94). Hier gelingt es unter der Leitung Arnolds von Westfalen, sowohl zur Hof- als auch zur Landseite ein relativ geschlossenes Fassadenbild zu erzeugen, dessen Hauptmerkmale die formale Einheitlichkeit von Traufhöhe, Fensteranordnung und -typus und Dachlukarnen sind. Nach frz. Vorbild bemühte man sich sogar, Fenster und Lukarnen zu senkrechten Achsen zusammenzufassen. In diese Fassadenstruktur wurden auch der elbseitige Kapellenturm und der große, offene Treppenturm (Großer Wendelstein) zum Innenhof eingebunden.

In Entsprechung zu seinen frz. Vorbildern (vgl. z. B. den Louvre, das Schloß von Saumur oder das Palais Jacques Coeur in Bourges) avanciert der große Treppenturm seit dem ausgehenden 15. Jh. auch im dt. Schloßbau zum wichtigsten Gestaltungselement der Hoffassaden. Noch 1670 verwendet man beim Ausbau des Schlosses von Coswig einen zentral positionierten Wendeltreppenturm als Hauptschaustück der Hoffassade. Die hochartifiziellen, offenen Treppentürme der Meißner Albrechtsburg (1471ff.), des Torgauer Schlosses (1533ff.) oder des Berliner Schlosses (1539ff.) blieben jedoch Ausnahmeerscheinungen mit einem entspr. hohen Repräsentationswert. Allen vor die Hoffassade gestellten Treppentürmen ist gemeinsam, daß sie systemat. mit herald., genealog. und allegor. Elementen sowie Inschriftentafeln ausgestattet wurden. Das früheste Beispiel für ein solches Bildprogramm ist der Große Wendelstein der Meißner Albrechtsburg. Mit seinen Bildreliefs (zw. 1482 und ca. 1530) an den Brüstungen der Altane, die sowohl ein moral. als auch ein herald. Programm zeigen (bibl. und mytholog.-antike Exempla, Auszüge aus Schwänken des Minnesängers Neidhart von Reuental, Regalienschilde des Hauses Wettin), erhebt dieser Treppenturm die Fassade der Albrechtsburg zugleich zu einem Sinnbild fsl. Dignität und Tugendhaftigkeit. Weitere eindrucksvolle Beispiele finden sich in Dessau (1530ff.), Torgau (1533ff.) und Merseburg (1605).

Über den Treppenturm hinaus wurden die Fassaden dt. Schlösser erst seit dem ersten Drittel des 16. Jh.s mit Bildwerken bzw. bildhaften Zeichen versehen. Auch hier dürfen die Residenzschlösser der sächs. Kfs.en als wegweisend gelten. Den Auftakt bildet 1530 das monumentale Torhaus Hzg. Georgs des Bärtigen, der sog. Georgenbau, in Dresden (vgl. Abb. 36). Die mit ital. Renaissancedekorum und einem außergewöhnl. antiluther. Bildprogramm versehenen Fassaden stellen als zentrale Aussage die Unauflöslichkeit von Erlösungshoffnung und Werkgerechtigkeit heraus, der der Fs. in seinem Regierungshandeln gerecht werden mußte. Insgesamt darf der Georgenbau als der ehrgeizige Versuch des kathol. gesonnenen und reichstreuen sächs. Hzg.s gelten, die Hofhaltung seiner beiden Söhne zu einem Denkmal für das eth.-religiöse und polit. Bekenntnis der albertin. Wettiner werden zu lassen. Mit dem Fassadenprogramm sollten die Nachfolger Georgs von Sachsen auch nach außen hin auf die religiöse und polit. Tradition verpflichtet werden.

Die protestant. Antwort auf den programmat. Torbau Hzg. Georgs gab der Um- und Neubau des Schlosses von Torgau. Kfs. Johann Friedrich der Großmütige ließ ab 1533 nicht nur sämtl. Flügel mit aufwendig dekorierten Zwerchhäusern ausstatten, sondern nutzte darüber hinaus das Element des Erkers intensiv zur Darstellung fsl. Tugendhaftigkeit an den zur Hof- wie zur Elbseite gerichteten Fassaden. So waren die seit dem Dreißigjährigen Krieg stückweise abgebrochenen Zwerchhaus- und Turmgiebel in Torgau mit Tugendallegorien und Kugeln (im Sinne von Erd- und Himmelskugeln) geschmückt, die zeichenhaft an die eth. Verantwortung einer weisen und gerechten fsl. Herrschaft erinnerten. Gleiches gilt für die beiden seitlichen, an der Elbseite angebrachten Erker des Neuen Saalbaus (Abb. 194), von denen der nördl. bis heute die originalen Bildreliefs trägt, deren Mittelpunkt eine Darstellung von Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis einnimmt. Die Betonung der von Gott eingesetzten, auf Tugendhaftigkeit und Weisheit verpflichteten fsl. Regentschaft ist im übrigen auch das Thema der Bildreliefs des sog. Schönen Erkers, der 1544 an der Hofseite des Nordflügels angebracht wurde: Eingerahmt von zwei Friesen mit nackten Reitern erscheinen in Rundmedaillons die beiden Heldinnen Lucretia und Judith mit dem Haupt des Holofernes. Als Sinnbilder mahnen sie den Fs.en im allgemeinen, es bei seinem Regiment nicht an Selbstüberwindung, Tapferkeit, Opfermut und Klugheit fehlen zu lassen, und den sächs. Kfs.en im bes., seine Regententugenden für die Verteidigung des protestant. Bekenntnisses zu gebrauchen.

Die in Torgau gesetzten Standards zur zeichenhaften Ausgestaltung der Fassaden wurden in der Folgezeit nicht zuletzt im mitteldt. Raum rezipiert und auch überboten. Eine Rezeption des Torgauer Schönen Erkers erfolgte bspw. im Schloß von Bernburg, dessen sog. Joachim-Ernst-Bau, den sich der Nachfolger des anhalt. Fs.en Wolfgang als fsl. Haus errichten ließ, mit zwei mehrgeschossigen Erkern an der Hofseite besetzt wurde. Während der eine Erker die anhalt. Wappenschilde trägt, ist der andere Erker mit Bildreliefs der vier Kardinalstugenden geschmückt. In Dresden, dessen Schloß der neue Kfs. Moritz von Sachsen ab 1548 zum prachtvollen kfsl. Residenzschloß erweitern läßt, werden schließl. die ganzen Fassaden mit aufwendigen Sgraffitomalereien überzogen, die durch die Darstellung verschiedener antiker wie bibl. Exempla die Fassaden in gemalte Fürstenspiegel verwandelten. Innerhalb dieses heute nur noch fragmentar. rekonstruierbaren Bildprogramms nahm die Rückwand der Loggia am Hausmannsturm mit ihren farbigen Fresken eine bes. Position ein. Das ikonograph. Programm sollte den sächs. Kfs.en Moritz – unter Berücksichtigung der polit. Ereignisse von 1547 – als rechtmäßigen und tugendhaften protestant. Herrscher von Gottes Gnaden und Beschützer des protestant. Bekenntnisses vor Augen stellen. Das Pendant zu den Dresdner Fassadenmalereien sind die Sgraffitomalereien an den Hoffassaden des kurpfälz. Schlosses Neuburg an der Donau, die der ebenfalls protestant. gesonnene Ottheinrich von der Pfalz anbringen ließ.

Im N des Alten Reichs stellt Schloß Gottorf ein wichtiges Beispiel aus der ersten Hälfte des 16. Jh.s dar. Hier wurde um 1530 das sog. Neue Haus als repräsentatives Gebäude für den schleswigschen Hzg. und dän. Kg. errichtet und durch das applizierte Bildprogramm als Sitz eines der Heilsgeschichte verpflichteten Regenten ausgezeichnet. In die Fassadenwand links und rechts der sog. Laterne, die als turmartiger Standerker die Fassadenmitte beherrscht, waren ursprgl. Terrakottabildnisse eingelassen, die dem Betrachter Passions- und bibl. Historiendarstellungen sowie Tugendallegorien zeigten.

Mit dem Ottheinrichbau (1556ff.) des Schlosses von Heidelberg wird erstmals im Alten Reich ein tugendallegor. und genealog. Bildprogramm in ein Fassadenschema integiert, das unverkennbar die Auseinandersetzung mit ital. Palastfassaden zeigt. Diese Auseinandersetzung erfolgt jedoch in auffällig freier Weise, die sich nicht selten geradezu regelwidrig über die Normen der zeitgenöss. ital. Architekturtheorie hinwegsetzt. So wird zwar einerseits die ganze Fassade – unter Verzicht auf einen davorgestellten Treppenturm – einem strengen Fenster- und Geschoßraster unterworfen und dabei italianisierende Gesimsbänder, Architrave, Pilaster, Halbsäulen und Fensterädikulen eingesetzt, doch andererseits wenig Rücksicht auf das diesen Elementen zugehörige fein abgestimmte System der vitruvschen Säulenordnungen Rücksicht genommen. Den auffälligsten Bruch mit dem rezipierten ital. Fassadensystem dürften aber bis zu ihrer Zerstörung die beiden Zwerchhäuser gebildet haben. Sie saßen oberhalb des eigentl. fassadenabschließenden Kranzgesimses und ergaben im Widerspruch zur Horizontalität des darunter befindl. Fassadensystems das im Alten Reich tradierte Bild einer vertikal strukturierten Dachlandschaft.

Während die ältere Forschung in diesen Widersprüchen das »Unverständnis« oder gar die »Willkür« der dt. Architekten erkennen wollte, kann die jüngste Forschung das zw. MA und früher Neuzeit oszillierende Fassadenbild des Ottheinrichbaus mit guten Argumenten als gewollte Syntheseleistung würdigen. Unter Berücksichtigung des ganzen Spektrums höf. Architektur- und Kunstproduktion erweist sich der »manieristische« Umgang mit Formen und Typen aus MA und Renaissance als der gelungene Versuch, die nordeurop. Tradition höf. Ästhetik mit den modernen ästhet. Normen der ital. Renaissance in Einklang zu bringen. Das Beharren im dt. Schloßbau auf den scheinbar regellos-maler., altertüml. Fassadenbildern ist somit weitaus mehr als ein struktureller, ästhet. Konservatismus, da sich in ihm zugleich das traditionsgeleitete Selbstverständnis einer auf Dynastie und Dignität gestützten Fürstenherrschaft im Alten Reich widerspiegelt. Aus der gleichen Intention heraus läßt zur selben Zeit (1558ff.) Hzg. Ulrich III. von Mecklenburg beim Neubau seines zuvor abgebrannten Residenzschlosses in Güstrow (Farbtafel 95) die Fassaden so komponieren, daß auf den ersten Blick der Eindruck eines über die Jh.e gewachsenen altdt. Schlosses entsteht.

→ vgl. auch Farbtafel 7; Abb. 36, 234, 235

Deutsche Architekturtheorie zwischen Gotik und Renaissance, hg. von Hubertus Günther, Darmstadt 1988. – Albrecht 1995. – Biller/Grossmann 2002. – Habich, Johannes: Schloß Gottorf – Ein Palast der Frührenaissance, in: Gottorf im Glanz des Barock 1, 1997, S. 149-151. – Heckner, Ulrike: Im Dienst von Fürsten und Reformation. Fassadenmalerei an den Schlössern in Dresden und Neuburg an der Donau im 16. Jahrhundert, München u. a. 1995. – Hoppe 2000a. – Hubach, Hanns: Das Heidelberger Schloß als Träger fürstlicher Selbstdarstellung. Gedanken zur Ikonographie der Hoffassaden des Ottheinrichs und des Friedrichsbaus, in: Heidelberg – Das Schloß, hg. von Hanns Hubach und Franz Schlechter, Heidelberg 1995, S. 19-30. – Magirius, Heinrich: Das Georgentor, in: Das Dresdner Schloß. Monument sächsischer Geschichte und Kultur (Ausstellungskatalog), Dresden 1989, S. 44-47. – Müller, Matthias: Die Tradition als subversive Kraft. Beobachtungen zur Rezeption italienischer Renaissanceelemente im französischen und deutschen Schloßbau, in: Wege zur Renaissance. Beobachtungen zu den Anfängen neuzeitlicher Kunstauffassung im Rheinland und den Nachbargebieten um 1500, hg. von Norbert Nussbaum, Claudia Euskirchen und Stephan Hoppe, Köln 2003 (Sigurd Greven-Kolloquium zur Renaissanceforschung), S. 133-165. – Müller 2004.