Sammlungen
Der Beginn des Sammelns von Münzen und der Beschäftigung mit ihnen fällt mit dem frühen Humanismus zusammen. Der erste Beleg für eine Münzsammlung im höf. Umfeld ist ein Brief Petrarcas an seinen Freund Lello di Stefano aus dem Jahr 1355, in dem Petrarca berichtet, er habe Ks. Karl IV. während dessen Italienaufenthalt einige antike Gold- und Silbermünzen mit den Worten geschenkt »Und sieh, Caesar, welcher Männer Nachfolge du angetreten hast, sieh, wen nachzuahmen du dich bemühen und wen du bewundern sollst, wessen Lebensweise und Charakter du nacheifern sollst« (Rerum familiarum libri XIX, 3). Die Münzporträts visualisierten also die antike Tradition des Ksm.s, und sie zeigten moral. Vorbilder auf. Petrarca gelang es mit diesen Münzen zwar nicht, sein eigentl. Ziel zu erreichen und Karl IV. zu einem langfristigen Engagement in Italien zu bewegen. Dagegen dürfte er aber den Anstoß zur Beschäftigung des Ks.s mit antiken Münzen gegeben haben. Das Interesse daran blieb am Kaiserhof erhalten: Maximilian I. sammelte lt. dem Weißkunig Münzen und beauftragte Konrad Peutinger mit dem Abschreiben von Münzinschriften, um das gedechtnus an die Taten der Kg.e und Fs.en wachzuhalten. Ein Brief des Hofpredigers und Chronisten Antonio de Guevara an Karl V. erinnerte den Ks. daran, daß er seine Freizeit, statt wie Domitian Fliegen zu fangen, vor einem kleinen Tisch zu verbringen pflegte, der über und über mit Medaillen bedeckt war (Las epístolas familiares I, 3). Von der Sammlung Ks. Ferdinands I. ist sogar das Inventar überliefert. Ferdinand verfügte über 1 567 »heidnische«, d. h. antike, Münzen, davon 127 goldene bzw. vergoldete und 1 190 silberne. Die Stücke hatte er in Rom, Venedig, Ungarn, Siebenbürgen und Konstantinopel zusammenkaufen lassen. Maximilian II. ließ sich von dem Antiquitätenhändler Jacopo de Strada antike Münzen aus Italien beschaffen, der auch für Hzg. Albrecht von Bayern und Ehzg. Ferdinand von Tirol tätig war. De Strada trug so zur Ausgestaltung der Paläste in Wien, Prag und München bei und konnte außerdem mit den Abbildungen von Münzen sein weit verbreitetes Buch Epitome thesauri antiquitatum mit Kurzbiographien der röm. Ks. von C. Julius Cäsar bis Karl V. illustrieren, das 1553 in Lyon erschien.
Die Münzsammlungen fanden Eingang in die seit Mitte des 16. Jh.s begründeten Kunst- und Wunderkammern, die sich 1560 in Wien, Dresden und München nachweisen lassen. Die Dresdener Sammlung geht auf Hzg. Georg zurück, der die in Sachsen bis zu seinem Tod 1539 angefertigten Medaillen aufbewahren ließ. Unter Kfs. August wurde die Sammlung systemat. ausgebaut. Er erhielt u. a. 1577 von Hzg. Hans d. Ä. von Schleswig-Holstein-Hadersleben eine goldene Medaille mit dessen Bildnis als Dank für die in Dresden erwiesene Gastfreundschaft (Farbtafel 87). Von dem Augsburger Stadtarzt und Humanisten Adolf III. Occo (1524-1606) konnte August 1 299 Bronzemünzen der röm. Kaiserzeit erwerben, die Occo zudem in einem ausführl. handschriftl. Katalog beginnend mit C. Julius Caesar angeordnet und ausführl. beschrieben hatte. Zu einigen Stücken ist die Provenienz aus den Sammlungen Hzg. Wilhelms IV. oder Wilhelms V. von Bayern und Marcus III. Fuggers vermerkt. Occo publizierte 1579 außerdem die Imperatorum Romanorum numismata a Pompeio Magno ad Heraclium, ein Werk, das noch bis 1730 immer wieder aufgelegt wurde und Hzg. Albrecht V. von Bayern gewidmet war, der die Münchener Münzsammlung begr. hatte. Am Beispiel von Kfs. August und Adolf Occo wird somit die enge Verbindung der Höfe über die Sammelleidenschaft deutlich. Zur Aufbewahrung der sich stetig vermehrenden Münzen hat man allmähl. eigene Schränke benutzt, die nach dem Auszug der Münzsammlungen aus den Wunderkammern in Studienkabinetten aufgestellt wurden. Ein solcher für Maximilian I. von Bayern zw. 1618 und 1624 kunstvoll verzierter, aus Elfenbein, Lapislazuli, Email und Buchsbaum gefertigter Münzschrank hat sich in München erhalten. Allegorien der Alten Geschichte und der Numismatik sowie das Reiterstandbild eines röm. Ks. verbinden antike Traditionen mit den außen am Münzschrank angebrachten Wappendarstellungen des bayerischen Hzg.s und späteren Kfs., wodurch die historische Tradition des Fsm.s betont wird (Abb. 193). Einen Eindruck vom Umfang dieser Sammlungen vermitteln die Zahlenangaben über die Heidelberger Sammlung des 17. Jh.s. Hier wurden 13 250 antike Münzen und 790 neuzeitl. Gedenkmedaillen verwahrt, davon 1 200 in Gold. Nach dem Erlöschen der Linie Pfalz-Simmern 1685 gelangte die Sammlung durch Erbvertrag nach Berlin, wo Kfs. Friedrich Wilhelm bereits 1665 ein Inventar der antiken Münzen in den kurbrandenburg. Sammlungen hatte erstellen lassen. Ab dem 17. Jh. läßt sich vermehrt auch das Sammeln ma. und neuzeitl. Münzen aus dem dt. Raum nachweisen. So zählten 1634 zum Kunstbesitz der Hzg.in Barbara Sophia von Württemberg auch Schaupfennige (Medaillen), 528 Taler »sonderbaren Schlags« sowie 67 Goldabschläge von Porträttalern ihres verstorbenen Gemahls Hzg. Johann Friedrich und weitere Münzen. Um 1640 besaß Hzg. Ernst I. von Sachsen-Altenburg und Gotha gar unter 516 Münzen nur mehr 200 antike Prägungen, alleine aus Sachsen dagegen 212 Stücke. Dies belegt ein vierbändiges Verzeichnis der Münzsammlung, das der weimar. Rat Friedrich Hortleder (1579-1640) anlegte. Hortleder beschrieb im dritten Band auch drei Brakteaten, konnte sie aber noch nicht genauer deuten. Die Erforschung dieser hochma. Münzen setzte erst nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ein, wobei den bedeutenden Brakteatensammlungen in den Res.en Gotha und Arnstadt zentrale Bedeutung zukam.
→ vgl. auch Farbtafel 60; Abb. 5, 46, 143, 153, 161
Quellen
Antonio de Guevara, Las epístolas familiares, hg. von José María de Cossio, Bd. 1, Madrid 1950. – Holzmair, Eduard: Das wiedergefundene Inventar der Münzsammlung Ferdinands I., in: Numismatische Zeitschrift 79 (1961) S. 79-89. – Francesco Petrarca, Le Familiari, hg. von Vittorio Rossi, Bd. 3: Libri XII-XIX, Firenze 1937 (Edizione Nazionale delle Opere di Francesco Petrarca, 12).
Literatur
Alföldi, Maria R.: Antike Numismatik, 2 Bde., Mainz 1978 (Kulturgeschichte der antiken Welt, 2 und 3). – Arnold, Paul: Adolf III. Occo (1524-1606) und das Dresdner Münzkabinett im 16. Jahrhundert, in: Wissenschaftsgeschichte der Numismatik. Beiträge zum 17. Deutschen Numismatikertag 3.-5. März 1995 in Hannover, hg. von Rainer Albert und Reiner Cunz, Speyer 1995 (Schriftenreihe der Numismatischen Gesellschaft Speyer e. V., 36), S. 139-157. – Berghaus, Peter: Der deutsche Anteil an der numismatischen Literatur des 16. Jahrhunderts, in: Numismatische Literatur 1500-1864. Die Entwicklung der Methoden einer Wissenschaft, hg. von Peter Berghaus, Wiesbaden 1995 (Wolfenbütteler Forschungen, 64), S. 11-25. – Cunnally, John: Images of the Illustrious. The Numismatic Presence in the Renaissance, Princeton 1999. – Klein, Ulrich: Das Münzkabinett des Württembergischen Landesmuseums Stuttgart, in: Commission Internationale de Numismatique. Compte rendu 31 (1984) S. 35-43. – Klein, Ulrich: Graf Eberhard im Bart als Münzsammler, in: Eberhard und Mechthild. Untersuchungen zu Politik und Kultur im ausgehenden Mittelalter, hg. von Hans-Martin Maurer, Stuttgart 1994 (Lebendige Vergangenheit, 17), S. 83-94. – Mäkeler, Hendrik: Francesco Petrarca und Stephan von Neidenburg. Zwei Münzensammler im Mittelalter, in: Minda Numismitica 2005, hg. von den Münzfreunden Minden und Umgebung e. V., Minden 2005 (Schriftenreihe der Münzfreunde Minden und Umgebung e. V., 23), S. 257-269 – Maué, Hermann: Die Münze als Objekt des Sammeleifers und der numismatischen Forschung, in: Münzen in Brauch und Aberglauben, red. von Hermann Maué und Ludwig Veit, Mainz 1982, S. 196-205. – Numismatics in the Age of Grolier. An Exhibition at The Grolier Club 11 September-24 November, 2001, red. von John Cunnally, Jonathan H. Kagan und Stephen K. Scher, New York 2001. – Sangl, Sigrid: »Sedulo quaesita recondunt« – Sie verbergen, was sie fleißig gesucht haben. Möbel für Münz- und Medaillensammlungen, in: Pracht und Zeremoniell – Die Möbel der Residenz München, hg. von Brigitte Langer, München 2002, S. 118-131. – Schmitt, Annegrit: Zur Wiederbelebung der Antike im Trecento. Petrarcas Rom-Idee in ihrer Wirkung auf die Paduaner Malerei. Die methodische Einbeziehung des römischen Münzbildnisses in die Ikonographie »Berühmter Männer«, in: Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz 18 (1974) S. 167-218. – Schulz, Hans-Dietrich: Der numismatische Teil des Codex Ewich in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz (Resümee), in: Numismatische Literatur Bibliographie 1995, S. 57f. – Steguweit, Wolfgang: Von Sagittarius bis Schlegel. Beginn und Höhepunkt der Brakteatenforschung in Thüringen 1675 bis 1722, in: Numismatische Literatur 1500-1864. Die Entwicklung der Methoden einer Wissenschaft, hg. von Peter Berghaus, Wiesbaden 1995 (Wolfenbütteler Forschungen, 64), S. 59-69. – Wallenstein, Uta: Münzen und Medaillen, in: Ernst der Fromme (1601-1675). Bauherr und Sammler. Katalog zum 400. Geburtstag Herzog Ernsts I. von Sachsen-Gotha und Altenburg, red. von Juliane Ricarda Brandsch, Gotha o. J. [2001], S. 113-147.