Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Jagd und Tiere

Wildpark

Mit dem Begriff »Wildpark« wird ein zur Haltung von gefangenen Wildtieren geschaffenes Gehege bezeichnet, das den Tieren einerseits in gewissem Umfang ein Leben in ihrer natürl. Umwelt ermöglicht, sie andererseits aber für die Nutzung durch den Menschen verfügbar macht (Wildgehege, Jagdpark, Tiergarten). Mit diesem Begriff ist in der Regel auch die Vorstellung verbunden, daß in einem Wildgehege neben den üblichen einheim. Tierarten auch seltene exot. Tiere vorhanden sind. Der neuzeitl. Begriff der »Menagerie« weist präzise auf die Anwesenheit seltener Tiere hin, die durch transportable Käfige herbeigeschafft wurden. Seit der Karolingerzeit gab es in der Nähe der Königspfalzen Wildparks, die unter der Bezeichnung Brühl in den Quellen erscheinen. Ein Brühl bot die Möglichkeit, größere Tiere (Hirsche, Wildschweine, Wildrinder, Bären), aber auch kleineres Wild (Hasen, Geflügel) in geschützter Umgebung zu halten; dadurch wurde den Kg.en und ihren Gefolgsleuten garantiert, jederzeit im Nahbereich jagen zu können, und zugl. wurde eine regelmäßige Versorgung der Pfalzbesucher mit fr. Wildfleisch gewährleistet. Die fränk. Kg.e inszenierten in den Tiergärten der Pfalzen gern großartige Jagden, um bei Kämpfen mit starken Tieren ihren Mut und ihr Herrschercharisma zu demonstrieren. Das Capitulare de villis Karls d. Gr. schrieb die Einrichtung eines Brühls (lucus) bei allen Pfalzen und wichtigen Königshöfen vor.

1200-1450

In der Stauferzeit (12./13. Jh.) wurde die Tradition der Tiergärten bei Pfalzen von den dt. Kg.en fortgeführt. Die Wildgehege dienten den Stauferherrschern sowohl als Rahmen für festl. Hofjagden als auch als Schauplätze für exot. Tiere. Rahewin weist in den Gesta Frederici, die er im Sinne Ottos von Freising fortführt, ausdrückl. auf die Tiergärten der Stauferpfalzen hin. Nach Rühmung der großartigen Erneuerung der alten Königspfalzen in Nimwegen und Ingelheim durch Friedrich I. beschreibt er detailliert die Ausstattung der Pfalz Kaiserlautern mit neuen Gebäuden und einem Wildpark: Auf der einen Seite hat der Ks. die neue Pfalz mit einer überaus starken Mauer umgeben; die andere Seite umfließt ein Fischgewässer, das jede Art von Fisch und Vögeln beherbergt. Daran stößt ein Tiergarten (hortus) voller Hirsche und Rehe (copia cervorum et capreolorum). Der herrscherl. Glanz all dieser Dinge und die reiche Vielfalt dieses Werkes erwecken das Staunen der Besucher und geben einen hervorragenden Beweis der Seelengröße, die dem stauf. Ks. angeboren ist. Die Bedeutung dieser neu errichteten Pfalz, die inmitten eines alten Reichsforstes lag, war machtpolit. dadurch geprägt, daß die Pfalz Lautern nicht nur Zentrum eines Amtes und Wirkungsstätte bedeutender Reichsministerialen war, sondern auch durch einen Kranz mächtiger Burgen gesichert wurde.

Ähnl. wie Ks. Friedrich I. die Pfalz Lautern ausbaute und mit einem großartigen Wildpark ausstattete, förderte im Nachbarland Frankreich auch Kg. Philipp II. August die Pfalz Vincennes. Den umfangr. Pfalzbereich von Vincennes gestaltete Kg. Philipp in der Weise um, daß er den bei der Pfalz gelegenen Forst mit einer großen Mauer einschließen ließ. Beeindruckt von diesen Maßnahmen hat daraufhin der anglonormann. Kg. Heinrich II. Wild als Ehrengeschenk an den jungen frz. Kg., seinen Lehnsherr, mit Schiffen auf der Seine nach Paris bringen lassen. Dieses Wild war in der Normandie eingefangen und dann mit größter Sorgfalt in Schiffe verladen worden, auf denen die notwendigen Käfige mit Futterbeilagen bereitstanden. Diese Geschenke nahm Philipp II. August gern entgegen, setzte die Tiere in Vincennes in seinem Wildgehege aus und bestellte dafür die erforderl. Wärter.

Wildgehege wie sie in Vincennes und in Kaiserslautern ausführl. beschrieben werden, waren in der Stauferzeit bei zahlreichen Pfalzen der Kg.e und Fs.en in Mittel- und Westeuropa vorhanden. Sie waren in der Regel von einem Graben und einem Erdwall, der mit einer Palisade gesichert war, umgeben und in bes. Fällen wie in Vincennes sogar mit einer Mauer geschützt. Im späten MA wurden diese Mauern oft aus behauenem Bruchstein errichtet. Schon der Brühl bei der Aachener Pfalz hat offenbar eine Mauer besessen, wie sich aus den Angaben des Ermoldus Nigellus ergibt. Die Ausdehnung des umhegten Areals von Wildgehegen war sehr unterschiedlich; sie variierte von 40 bis zu 400 Hektar Fläche. In Frankreich besaßen die Herren von Sablé (Maine) einen Wildpark von 80 Hektar; die Gf.en von Évreux unterhielten in Gravenchon (Maine) ein Wildgehege von etwa 95 Hektar. Der Wildpark der Hzg.e von der Normandie bei Rouen übertraf mit seinem ungefähr 300 Hektar großen Areal diese Wildgehege bei weitem.

Wildparks umfaßten in Frankreich und im dt. Reichsgebiet des Hoch- und SpätMA unterschiedl. Landschaftszonen: baumbestandene Areale, Ödlandkomplexe und Heidegebiete, aber auch Flußläufe, Weiher und Fischbassins, Wohngebäude wie die Residenzbauten der Hzg.e von der Normandie zu Rouen, manchmal auch Wein- und Obstgärten, wie sie in dem großen Wildgehege von Hesdin bestanden, das von den Gf.en von Artois begr. und von den Hzg.en von Burgund weiter ausgebaut wurde. Die Anlage derartiger Parkanlagen war bisweilen von der gezielten Anpflanzung von fruchttragenden Bäumen (Eichen, Buchen, Wildobst) begleitet, so bereits im ausgehenden 11. Jh. im Park des Bf.s von Coutances (Normandie). Der Unterhalt der Parkanlagen von Pfalzen und ihres Tierbestandes war sicherl. aufwendig und kostspielig. Umfassungsmauern, wie sie in Kaiserslautern und Aachen bestanden, waren in der Regel solide Konstruktionen, die das Eindringen von Waldtieren und Wilderern wie auch die Flucht der gefangenen Tiere verhindern sollten. Die Pflegemaßnahmen der Bediensteten in den Wildgehegen umfaßten vielfältige Aufgaben, wie die Reinigung und Säuberung des Geländes von unerwünschten Pflanzen, die Wasserversorgung und Fütterung der Tiere in strengen Wintermonaten sowie die Instandhaltung von Schutzbauten für die Tiere.

Die in der Nähe von Burgen und Schlössern der dt. Fs.en des SpätMA gelegenen Wildgehege und Tiergärten dienten nicht nur der Abhaltung repräsentativer Hofjagden und der Bereicherung der fsl. Tafel mit vorzügl. Wildgerichten, sondern auch der Unterbringung lebender Tiere, die ein Fs. im Zuge diplomat. Beziehungen als Geschenk erhielt. Die Wildparks dienten ferner der Aufzucht von Tieren, die dem Herrn oder benachbarten Gemeinden gehörten (Pferde, Rindvieh). Viele Wildgehege der Fs.en beherbergten auch eine fest installierte Menagerie für fremdartige Tiere. Die Präsenz einer Menagerie mit exot. Tieren unterstrich Reichtum, Prestige und Macht eines Fs.en. Die Bedeutung der Menagerien für das Ansehen eines Herrschers zeigte sich bes. bei Friedrich II.; die südl. Lage des sizil. Normannenreiches erleichterte es diesem Stauferherrscher, eine Menagerie von erstaunl. Vielfalt einzurichten. Eine Veroneser Chronik verzeichnet zum Jahr 1245 Friedrichs II. Besuch in San Zeno, wobei er einen Elefanten, 24 Kamele und 5 Leoparden mit sich führte. Im ksl. Hoflager zu Ravenna werden 1231/32 gen.: Elefanten, Dromedare, Kamele, Panther, Löwen und zahlreiche Falken. Diese Tierbestände hat Friedrich II. sich einerseits durch Ausnützung seiner weitreichenden diplomat. Verbindungen erworben, andererseits sich auch dadurch verschafft, daß er in seinen Wildgehegen mit besonderer Umsicht Tierzucht betrieb. Zu diesen Parkanlagen gehörte an erster Stelle der berühmte Tiergarten bei Palermo, den der Ks. in der Tradition der Normannenkg.e bes. pflegte und mit einem zahlreichen Bestand an heim. und exot. Tieren ausstattete.

1450-1550

Im Kreis der Kg.e und Fs.en des SpätMA ragte der Habsburger Maximilian I. durch eine starke Jagdleidenschaft hervor, die sich auch in seiner Vorliebe für Wildgehege und Tiergärten zeigte. Die Jagd spielte bereits bei fast allen Habsburgerherrschern während des 14. und 15. Jh.s eine wichtige Rolle. In der Umgebung von Wien entstanden einige Tiergärten, die je nach der Wildart, die darin gehalten wurde, als »Hirsch-« oder »Saugarten« bezeichnet wurden. Umschlossen waren diese Wildgehege mit einem Holzgeflecht oder mit einem soliden Eichenverhau (»Planken«). Hzg. Albrecht III. hatte bereits um 1380 in Laxenburg durch die Erweiterung eines dort schon bestehenden Tiergartens und durch die Anlage von Fischteichen dieser Landschaft ein neues Gepräge gegeben. Auch Friedrich III., der in jungen Jahren gern jagte, ließ sich um 1450 nahe der Burg in Wiener Neustadt einen Tiergarten errichten. Für den Sohn von Hzg. Albrecht V., dem jungen Ladislaus Posthumus, wurde 1452 ein Tiergarten im Wiener Stadtgraben errichtet.

Maximilian I., der der Jagd und allen Jagdeinrichtungen einen hohen Rang einräumte, ließ den Tiergarten in Laxenburg erweitern, richtete darin einen Damwildbereich ein und betrieb in der Nähe der Fischteiche die Beizjagd auf Reiher. Im Tiergarten von Wiener Neustadt, den er von seinem Vater übernahm, ließ er für sich ein Jagdhaus bauen. Dem Schutz der Jagdbezirke und Wildgehege dienten strenge Waldordnungen, die er gegen Wilddiebe und Waldzerstörer verkünden ließ. In seinen autobiograph. Schriften und bes. in seinem »Geheimen Jagdbuch« rühmt Maximilian I. einerseits den hohen Stellenwert der Jagd für Kg.e und Fs.en, geht aber andererseits auch auf den Schutz der Jagdreviere und der Wildgehege ein. Es lag Maximilian sehr daran, genau aufzuzeichnen, welches Wild in den einzelnen Revieren zu jagen war.

1550-1650

Das Interesse der Habsburgerks. an der Jagd und an den Tiergärten in der Umgebung von Wien hielt auch in der nachfolgenden Zeit an. So vergrößerte Ks. Maximilian II. den Tierpark von Eberdorf und ließ dort außerdem ein neues Jagdschloß errichten. Dieses Jagdschloß war umgeben von einem »Fasanen-« und »Moufflon-Garten« sowie von ausgedehnten Parkanlagen. Auch Ks. Ferdinand II. war ein leidenschaftl. Jäger; trotz der Wirren des Dreißigjährigen Krieges erweiterte er die ksl. Jagdgebiete entlang der Donau sowie nach S bis Laxenburg, wo die Falkenjagd wieder verstärkt aufgenommen wurde. Das Areal des ksl. Tiergarten, das man später als Lainzer Tiergarten bezeichnete, wurde beträchtl. erweitert und für die Jagdausübung des Hofes mit Eichenplanken eingezäunt. Die gesamte Umgebung von Wien war offenbar in bes. Maße auf die Jagdbedürfnisse des ksl. Hofes ausgerichtet. Um die Weingärten im W Wiens vor Wildschäden zu schützen, wurde am Rande des Wienerwaldes im ausgehenden MA eine hölzerne Einhegung in einer Länge von 20 km geschaffen und im 17. Jh. weiter verstärkt. Bei dieser Abzäunung handelt es sich ursprgl. wahrscheinl. um Verbindungen zw. einzelnen Tiergärten, die auch nach deren Auflassung stehen geblieben waren.

Wildgehege gab es im 16. und 17. Jh. nicht nur in den Jagdrevieren der Habsburger nahe bei Wien, sondern auch bei vielen Fs.en im dt. Reich. Selbst kleinere Gf.en, wie z. B. die Gf.en von Ysenburg und Büdingen, verfügten über Wildparks und Tiergärten. Im Jahre 1555 legte Gf. Reinhard von Ysenburg und Büdingen in Birstein einen Tiergarten an. Sein Bruder Gf. Wolfgang Ernst (1533-97) baute diesen Tiergarten dann später weiter aus und stattete ihn mit Damwild aus, das er bei seinem Vetter Gf. Albrecht von Nassau und Saarbrücken in dessen Tiergarten in Weilburg kennengelernt hatte. Es kam zu einem Briefwechsel zw. den beiden Vettern, der 1593 zu dem Ergebnis führte, daß Gf. Wolfgang Ernst verschiedenes Damwild aus Weilburg in seinen Tiergarten zu Birstein überführen ließ. Bei den größeren Fs.en waren v. a. die Tiergärten der Mgf.en von Meißen bedeutsam. Unter den Tiergärten des wettin. Hofes ist bes. der Dresdener Tiergarten hervorzuheben, der seit dem 15. Jh. in den Quellen erscheint und in der frühen Neuzeit weiter ausgebaut wurde. Die fsl. Menagerie, die aus prächtigen Jagdvögeln und exot. Wildtieren bestand, wurde auf den Umzügen des Hofes in der Regel mitgeführt. Unter den Jagdvögeln befanden sich wertvolle Falken, die die Wettiner Fs.en oft von weither bezogen, so etwa vom Bf. von Brixen oder vom Kg. von Neapel. An wilden Tieren hielt der kursächs. Hof bes. Affen, Bären und Luchse, zeitw. auch Löwen und Kamele. In der frühen Neuzeit war die Verknüpfung von Res., Menagerie und Wildpark allg. ein Kennzeichen vieler Fürstenhöfe. In den Gehegen wurde einheim. Wild gleichsam auf Vorrat gehalten, um es bei bes. Anlässen zum Abschuß freigeben zu können. Zur herrscherl. Selbstdarstellung dienten v. a. die exot. Tiere wie Löwen, Tiger oder Elefanten. Den Fs.en ging es darum, durch den Besitz majestät. wirkender Tiere ihren fsl. Anspruch zu unterstreichen, die Konkurrenz mit den Standesgenossen zu bestehen und den vielfältigen Jagdvergnügungen neue Reize zu verleihen.

Quellen

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Beck, Corinne/Delort, Robert: Art. »Wildgehege und Tiergarten«, in: LexMA IX, 1998, Sp. 115-119. – La Chasse au Moyen Age. Actes du Colloque de Nice (22-24 juin 1979), Nizza 1980. – Eckhardt, Hans Wilhelm: Herrschaftliche Jagd, bäuerliche Not und bürgerliche Kritik, Göttingen 1976. – Fenske, Lutz: Jagd und Jäger im früheren Mittelalter. Aspekte ihres Verhältnisse, in: Jagd und höfische Kultur im Mittelalter, 1997, S. 29-93. - Geringer, Hans Helmut: Kaiser Maximilian I. als Jäger und die Jagd seiner Zeit, Graz 1970. – Hauck, Karl: Tiergärten im Pfalzbereich, in: Deutsche Königspfalzen, Bd. 1, Göttingen 1963, S. 30-74. – Jagd und höfische Kultur im Mittelalter, 1997. – Landau, Georg: Die Geschichte der Jagd und der Falknerei in beiden Hessen, Kassel 1849. – Nieß, Walter: Die Forst- und Jagdgeschichte der Grafschaft Ysenburg und Büdingen vom ausgehenden Mittelalter bis zur Neuzeit, Büdingen 1974. – Prossinagg, Hermann: Wien und die Jagd, in: Jagdzeit. Österreichs Jagdgeschichte – eine Pirsch, Wien 1997, S. 113-126. – Röhrig, Fritz: Das Weidwerk, Potsdam 1933. – Rösener 2004. – Streich 1989.