Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

Herrschaftszeichen

Inschriften

Seit jeher haben Menschen durch das Anbringen von Zeichen im öffentl. Raum versucht, Mit- und Nachwelt Informationen über Stand und Status zukommen zu lassen. Dazu wurden im Betrachtungszeitraum Schriftzeichen (Buchstaben, Initialen, Namen, ganze Texte), Jahreszahlen, Symbole, Devisen und herald. Elemente miteinander kombiniert. Auf diese Weise verewigten sich Individuen ebenso wie verwandtschaftl., landsmannschaftl., ständ. und soz. Gruppen. Mit solchen inschriftl. Zeugnissen, die bzgl. der Form und Größe der Buchstaben und der verwendeten Sprache in großer Vielfalt überliefert sind, beschäftigt sich die Inschriftenkunde (Epigraphik). Diese ist eng mit anderen »Hilfswissenschaften« verflochten und hat ein eigenes Instrumentarium zur Beschreibung, Klassifizierung und Dokumentation entspr. Zeugnisse entwickelt. Demnach sind Inschriften »Beschriftungen verschiedener Materialien – in Stein, Holz, Metall, Leder, Stoff, Email, Glas, Mosaik usw. -, die von Kräften und Methoden hergestellt sind, die nicht dem Schreibschul- und Kanzleibetrieb angehören.« (Kloos 1992, S. 2). Kennzeichnend ist überdies meist das Ansprechen eines gedachten Adressaten und das Bemühen um eine klare Formensprache sowie die Anlehnung an vorgegebene Schriftformen und sprachl. Konventionen und der gehobene Standard in der Ausführung. Letztere wurde in der Regel professionellen Handwerkern überlassen, weshalb die Zeugnisse in Qualität und Formensprache z. T. hohen künstler. Ansprüchen genügen. Zu den Inschriften im engeren Sinne zählen Haus-, Bau- und Weiheinschriften sowie Inschriften des Totengedenkens auf Grabmälern und Epitaphien. Es können aber auch Beschriftungen anderer Art zur Gattung gerechnet werden, etwa solche auf Gebrauchsgegenständen, Ausstattungsstücken und Luxusartikeln, auf Waffen und Kleinodien, auf Altar- und Tafelbildern, auf Prunkteppichen und Wandgemälden und auf Fensterglas, v. a. in sakralem, aber auch in profanem Zusammenhang. Diese Vielfalt spiegelt sich in dem aus den fsl. Res.en auf uns gekommenen Material wider, das in seinen formalen und sprachl. Ausprägungen der allg. Entwicklung folgt. Es diente meist dem Preis des Fst.en bzw. der von Gottes Gnaden ausgeübten fsl. Herrschaft und – an weltl. Höfen – dem der fsl. Dynastie. Speziell an geistl. Höfen verweisen herald. Verzierungen nicht unbedingt auf baul. Aktivitäten, sondern deuten vielfach ledigl. auf Regentenwechsel hin. Dagegen ist das Anbringen von persönl. Wortdevisen v. a. für welt. Res.en belegt (vgl. weiter unten und DI 48, Wiener Neustadt, LVIIIf.).

Große Bedeutung kam – v. a. an weltl. Höfen – ephemeren Zeugnissen zu, wie sie etwa anläßl. von Turnieren oder feierl. Einzügen in Form von herald. und inschriftl. Dekorationen z. B. auf Triumphbögen angebracht wurden. Auch diesbezügl. traten mit der Zeit die Städte als erweiterter Inszenierungsrahmen der fsl. Herrschaft mehr und mehr in den Vordergrund.

Spezielle Beachtung verdienen die an Bade- und Kurorten hinterlassenen Inschriften und Wappentafeln (Kraack 1997, DI 30, Calw und DI 41, Göppingen). Darüber hinaus gewähren Ritzinschriften und Rötelzeichnungen, die von eigener Hand und spontan angebracht wurden, ungewohnte Einblicke in den Alltag bei Hofe (Kraack/Lingens 2001) (Abb. 163).

Obwohl die Erfassung und Dokumentation von inschriftl. Zeugnisse in einem Gemeinschaftsunternehmen der Akademien der Wissenschaften in Dtl. und in Österreich betrieben wird und auch in Nachbarländern, etwa in der Schweiz, in Frankreich, Polen und Tschechien fortschreitet, ist der Grad der flächendeckenden Erfassung im dt. Sprachraum gering. Zwar werden in Veröffentlichungen zu einzelnen Res.en Inschriften erwähnt und abgebildet, doch hat die Residenzenforschung den Gegenstand noch nicht eigentl. für sich entdeckt; von einer systemat. Beschäftigung mit ihm kann nicht die Rede sein. Hingegen liegt es nahe, daß zentrale Orte wie Heidelberg und die geistl. Res.en an Rhein und Mosel auch bzgl. der epigraph. Entwicklung eine Mittlerrolle zw. den Regionen Westeuropas und den Territorien des Reiches gespielt haben.

Allg. fand das Medium der Inschrift beim spätma. und frühneuzeitl. Ausbau der Res.en immer häufiger Verwendung. Wie andernorts kamen auch hier neue Schriftformen zur Anwendung wie etwa die in Anlehnung an antike Vorbilder entstandene Kapitalis der Renaissance. Generell wurden die Zeugnisse größer und prächtiger und trugen damit dem steigenden Repräsentationsbedürfnis des Fs.en Rechnung. Auf der anderen Seite gingen gerade durch den Ausbau der Res.en, in denen die Repräsentationsbauten gegenüber den Wehrbauten immer mehr in den Vordergrund traten, mit den Gebäuden der älteren Epoche in der Regel auch die inschriftl. Zeugnisse verloren. Bisweilen wurden diese aber auch in hohen Ehren gehalten, zumal sie von den Leistungen der eigenen Dynastie kündeten. So läßt sich etwa der Ausbau der Heidelberger Res. allein anhand der inschriftl. Überlieferung darstellen, die dadurch zur Quelle für die Baugeschichte und für das fsl. Selbstverständnis wird: Dies gilt etwa für eine vormals vergoldete Inschriftentafel am Ruprechtsbau (DI 12, Heidelberg, Nr. 247), die Kfs. Friedrich II. 1545 in Würdigung der Bautätigkeit seiner Vorgänger, Kg. Ruprechts (1398-1410) und Kfs. Ludwigs V. (1508-44), hatte anbringen lassen. Es gilt ganz ähnl. für die Wappen und Inschriftentafeln an den Arkaden des Gläsernen Saalbaus aus der Zeit Kfs. Friedrichs II. (begonnen 1547, Nr. 260), der dort u. a. seine Devise D(e) C(oelo) V(ictoria) in den Stein meißeln ließ. Auch der Ottheinrichsbau von 1558 mit seiner prächtigen Renaissancefassade erhielt vielfachen inschriftl. Schmuck (Nr. 290 Portaltafel, Nr. 291 Medaillons röm. Ks. und Helden, Nr. 292 Statuen antiker und bibl. Helden). Ähnl. gilt für den Friedrichsbau, der unter Kfs. Friedrich IV. 1601/07 errichtet wurde und mit Statuen der wittelsbach. Ahnherren geschmückt ist (Nr. 565-567), und für den sog. Dicken Turm im Stückgarten (Sandsteintafel von 1619 mit Hinweisen auf die Bautätigkeit der Kfs.en. Ludwig V. und Friedrich V., Nr. 600). Nicht erhalten ist dagegen die – für weltl. Res.en typ. – gemalte Ahnengalerie der Wittelsbacher mit ausführl. Versbeischriften (Nr. 169; vgl. auch DI 5, München, Nr. 44). Einen Hinweis auf die Um- und Ausgestaltung des Residenzgartens bietet eine kopial überlieferte Inschrift vom Neptunsbrunnen im Hortus Palatinus (Nr. 601, 1619) (Abb. 162). Ebenfalls nur kopial überliefert sind die meisten Grabmäler von Mitgliedern der fsl. Familie und gehobenen Würdenträgern des kfsl. Hofes in der Heiliggeistkirche. Eine dichte Folge von Inschriften erinnert überdies an die Errichtung und regelmäßige Ausbesserung der Heidelberger Mauern (Nr. 267, zu 1552, 1651, 1662, 1751 und 1805). Außerdem hat Kfs. Friedrich III. es sich nicht nehmen lassen, seinen Beitrag zur Errichtung des ehem. kfsl. Kanzleigebäudes (1561) hervorzuheben (Nr. 299, kopial), und bis heute kündet eine Schiefertafel, die sich vormals am Eingang des 1591 errichteten Collegium Casimirianum befand, von dem kfsl. Förderer der Universität (Nr. 436). Wie das Große Faß Pfgf. Johann Casimirs (Nr. 437, kopial) so waren auch Gegenstände in der Schatz- und Wunderkammer des Fs.en. mit Inschriften versehen: Dies gilt etwa für die Planetenuhr von 1555 (Nr. 280, heute Techn. Mus./Wien) und für den Prunkteppich Pfgf. Ottheinrichs von 1558 (Nr. 287).

Je nach Region ist ein Großteil der erhaltenen Überlieferung erst in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s, nach dem Dreißigjährigen Krieg oder anderen krieger. Auseinandersetzungen entstanden und in humanist. oder barocker Manier gestaltet. Aus der Zeit davor ist abgesehen von Grabinschriften meist nur weniges, und das auch nur indirekt auf uns gekommen. So ist etwa in spätma. Reiseberichten nur selten von Inschriften die Rede, zumal die Berichte über Reisen ins Hl. Land und nach Santiago de Compostela die fsl. Res.en des Reiches kaum berücksichtigen und die inschriftl. Zeugnisse nicht im Mittelpunkt des Interesses der Reisenden standen. Aus den Beobachtungen zu westeurop. und mediterranen Reisestationen dürfen wir indes schließen, daß entspr. Zeugnisse durchaus wahrgenommen wurden. All dies findet sich in wachsender Ausführlichkeit und Zuverlässigkeit in frühneuzeitl. und neuzeitl. Reiseberichten, Landes- und Städtebeschreibungen.

→ vgl. auch Farbtafel 85