Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Herrschaftszeichen

Thron (Herrscherstuhl)

Throne/Herrscherstühle sind Sitze, die die Amtsgewalt des weltl. Herrschers symbolisieren. Ihr Aussehen, Aufstellungsort und Zeremoniell transportiert Herrschaftsvorstellungen. Seit dem 6. Jh. galt die Thronsetzung als konstitutives Zeichen des Herrschaftsantritts.

1200-1450

Aus erhaltenen Beispielen, Bildzeugnissen und Schriftquellen ist zu schließen, daß es dem Material, der Konstruktion und ihrem Schmuck nach sehr unterschiedl. Typen von Herrschersitzen gab: Thronbänke aus Stein, Kastensitze, tragbare Lehnstühle und Faltstühle (Faldistorien). Für die verschiedensten Anlässe (z. B. Reichversammlungen, Gerichtssitzungen) benötigten Herrscher Reisestühle. Ein Herrschersitz konnte mit textilem Beiwerk angemessen inszeniert werden.

Ma. Herrscher hatten oft mehrere Throne, so z. B. Friedrich II. Neben dem Sitz vor der Thronwand in Porphyr in der Cappella Palatina in Palermo sind weitere Throne in seinen Burgen und für seine Reisen anzunehmen. In den Quellen wird zudem ein Prachtstuhl aus vergoldeter Bronze oder vergoldetem Silber gen., der mit Perlen, Edelsteinen und Emaillen geschmückt war. Letztere zeigten Medaillons, wohl von Heinrich VI. und Gemahlin sowie deren Vorfahren im Sinne von Legitimationsbildern. Diesen Thron beanspruchte Manfred als Kg. von Sizilien 1258 als sichtbarstes Zeichen seiner legitimen Nachfolge für sich.

Wie Theophilus Presbyter berichtet, konnten solche Stühle auch mit Metallauflagen in Durchbrucharbeit verziert sein. Bis ins 13. Jh. wurden kostbar gedrechselte Stühle (Rundstollenstuhl) für Herrscher angefertigt. Umgearbeitet als Pult, hat sich ein gedrechselter Thron in Kl. Isenhagen erhalten (Abb. 156). Ihn hatte Agnes von Meißen als Wwe. dem Kl. vermacht. Auf ihrem Siegel wird sie auf einem Rundstollenstuhl thronend gezeigt.

Faltstühle dürften weitgehend den erhaltenen Beispielen des 13./14. Jh.s aus Admont und Nonnberg entsprochen haben: in Löwentatzen bzw. -köpfen endende Füße und Arme; Schnitzarbeit, Bemalung, Bein- oder andere Auflagen; ein zw. Tragriemen eingespanntes Leder als Sitzfläche.

Der engl. Thron von 1299 in Westminster Abbey stellt ein singuläres Werk dar (Abb. 155). Auf ihm wurden fast alle Herrscher Englands bis heute inthronisiert. Es handelt sich um einen got. Kastensitz aus Eichenholzbrettern, den Walter von Durham im Auftrag Kg. Eduard I. bemalte. Einzelne Elemente sind Anspielungen auf Salomos Thron, wie die zwei geschnitzten Leoparden, der weiße Anstrich und die Goldblechauflage. Im 14. Jh. wurden 21 Wappen u. a. am Sockel, Glasflüsse und die Darstellung eines thronenden Kg.s, wohl Edwards des Bekenners, innen an der Rücklehne angebracht. Da in den engl. Krönungsstuhl die erbeutete Sitzplatte des schott. Throns integriert wurde, verkörpert er das engl. Kgtm. schlechthin.

Frz. Quellen des 14. und 15. Jh.s enthalten zahlreiche Bestellungen für transportable Stükke zur Herrscherrepräsentation. Außer den Sitzen fallen Fußbänke, Baldachine, Wandbehänge und andere Textilien auf. Erneut wird eine große Typenvielfalt der Herrschersitze erkennbar: z. B. 1316 zwei reich geschnitzte Stühle für Kg. Philipp V., 1328 ein metallener mit Samt bespannter Armlehnstuhl für Kg.in Clémence, 1353 ein Thronsessel mit Silberauflagen, Kristallschmuck, den Wappen Frankreichs und Prophetendarstellungen für Karl V. von Frankreich. Offenbar resultierten Aufwand und Anzahl der Bestellungen aus dem permanenten Ringen um Anerkennung, gerade bei den häufigen Ortswechseln der Höfe.

1450-1550

Darstellungen von Herrschern lassen erkennen, daß die in der Spätgotik aufgekommenen Scherenstühle unter dem Einfluß der ital. Renaissance allmähl. in der Form der sedia dantesca bevorzugt wurden: Die Stühle erhielten Sitze und Lehnen aus Stoff/Leder; Füße, Nabe, Armlehnen oder Knäufe der Lehne bekamen Schnitzereien. Auch der spätgotische, vierbeinige Holzsessel hatte ein Fortleben, sogar im Staatsportrait: Das Gemälde Tizians von 1548 zeigt Ks. Karl V. auf einem solchen Sessel (München Bay. Staatsgemäldesammlung), dem durch Kissen, Fransen, Throntuch und das Würdemotiv der Säule repräsentative Elemente beigegeben sind.

Viele Herrscher besaßen vermutl. mehrere Stühle; je nach Anlaß erhielten ihre Res.en eine mobile Ausstattung, darunter Throne, Wandteppiche und andere Textilien. Dies galt z. B. für den Wladislavsaal auf der Prager Burg, den Benedikt Ried 1493-1502 errichtete und in dem Turniere, Feste und Huldigungen stattfanden. Dies läßt sich auch aus Bild- und Schriftquellen schließen, wie den Herrscherbildern im weiss Kunig oder der Überlieferung zu Neuburg e. D. Pfgf. Ottheinrich (1522-59 reg.) ist auf dem Gemälde Christian Richters (Schloß Gotha) im Sinne des Staatsportraits mit Reichsapfel und Kurschwert auf schlichtem Holzsessel dargestellt. Auf den beiden Tapisserien der »großen« genealog. Folge sitzt Ottheinrich auf einem Scherenstuhl. Das Alabasterrelief Dietrich Schros im Louvre zeigt ihn auf geschnitztem Sessel, während die Neuburger Akten für 1556 einen goldenen Stuhl Ottheinrichs nennen. Im Neuburger Schloß gab es im 16. Jh. wohl weder einen fest installierten Thron, noch einen Thronsaal. Immer war der Ort mit dem installierten Herrschersitz das polit. Zentrum des Staates und diente der permanenten Erneuerung der Huldigungsbeziehung von Fs.en und Untertanen. Die in den Neuburger Inventaren genannten Thronbehänge und Thronbaldachine dienten dem gleichen Ziel. Daher gewannen diese zum Herrschersitz gehörenden Textilien im 16. Jh. an Bedeutung und bekamen oft verschlüsselte polit. Bildprogramme (z. B. auch am Dresdner Hof).

1550-1650

Mit der Einführung des span. Hofzeremoniells an den dt. Höfen nach dem Vorbild der span. Habsburger erfolgte eine funktionale Festlegung der Räume in den Res.en, die in der Enfilade (einer Aufreihung von Räumen mit Steigerung der Pracht hin zum Herrscher) ihren sinnigsten Ausdruck fand. Das Zeremoniell regelte nun die Sitzrituale und die Zuordnung bestimmter Stuhltypen zu bestimmten Hofrängen.

Wie brisant Sitzvorrechte waren, zeigt ein Streit 1616 in der Prager Hofkapelle. Der Sohn eines span. Gesandten legte sich in Abwesenheit von Ks. Matthias mit einem Gf.en aus Florenz wg. des besseren Sitzes an, was letzterer mit dem Tod büßen mußte.

Das Tabouret hatte sich aus dem Faldistorium in Form der Ployants/Pliants (Klapphocker) oder des Placets (ein Schemel ohne Lehnen) entwickelt. Es war Prinzen und Hzg.innen zugeordnet, z. B. bei Festmählern oder Feierlichkeiten, und wurde von vornehmen Hofcavalieren gerückt. Stühle mit Rücken- und Armlehnen (Fauteuil) standen fsl. und ihnen gleichrangigen Personen zu. Thronstühle sind durch hohe Rücklehnen, Baldachine und bisweilen Fußschemel, im Grunde Konstanten ihres Äußeren über die Jh.e, gekennzeichnet. In der Iconologia des Cesare Ripa von 1603, dem berühmten Buch barocker Sinnbilder ist als Personifikation von auttorita o potesta (Obrigkeit oder Macht) eine weibl. Figur auf edlem Sitz (nobil sedia) mit geschnitzter hoher Rückenlehne und Fußschemel dargestellt. Die Beischrift ergänzt für das Verständnis des Throns, daß das Sitzen ein Vorrecht von Fs.en und hohen Beamten ist.

Originale Bestuhlung ist in den Res.en kaum erhalten. Die verschiedenen Typen herrscherl. Stühle und Sitzrituale werden im 17. Jh. zunehmend organisator. Instrumente, mit Hilfe derer Herrscher und Fs.en Distanz zw. allen Gruppen der höf. Gesellschaft schufen.

→ vgl. auch Farbtafel 135; Abb. 101, 141, 154

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