Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Genealogie

Ahnengalerie

Die Bildnissammlung von Angehörigen eines Familiengeschlechts durch mehrere Generationen hindurch, im weiteren Sinne auch von Mitgliedern einer Korporation oder von Amtsverwaltern. Im genealog. Sinne wird von einer Ahnengalerie nur dann gesprochen, wenn die abgebildeten Personen zu den blutsverwandten Vorfahren des Probanden zählen. Fsl. Ahnengalerien können über die eigene, agnat. definierte Dynastie fiktional hinausgreifen, etwa um die genealog. Reihe bis in die Antike zurückzuführen und damit bes. herrschaftl. Ansprüche zu legitimieren (Kfs. Ottheinrich von der Pfalz läßt im Skulpturenprogramm des nach 1556 begonnen Ottheinrichbaus des Heidelberger Schlosses seine Ahnenreihe auf Herkules zurückführen). Die Ahnengalerie hat im Sinne der nationalen Mythenbildung auch die Funktion, eine Kontinuität zw. Vergangenheit und Gegenwart herzustellen und eine entspr. Zukunft zu verheißen. Die genealog. Ahnengalerie wird häufig mit einer Amts- oder Sukzessionslinie verbunden.

Die gewachsene Ahnengalerie ist hingegen durch die allmähl. Ansammlung einzelner Originalportraits über Generationen entstanden, die auch matrilineare Vorfahren umfassen kann. Es sollte daher zw. konstruierter und gewachsener Ahnengalerie unterschieden werden. Die Übergänge sind allerdings fließend, in der Regel finden sich Mischformen aus fiktionalen sowie tatsächl. Ahnen und Verwandten innerhalb einer Ahnengalerie (Landgrafenbildnisse im Rotenstein-Saal im alten Landgrafenschloß in Kassel) (Abb. 149). Auch die Grenze zw. Ahnen- und Familiengalerie ist nicht scharf zu ziehen. Bei letzterer werden neben den Darstellungen der Vorfahren auch Bildnisse von Seitenverwandten wie Geschwistern, Onkeln, Tanten oder Vettern aufgenommen, die oftmals über Erbschaften, Heiratsverbindungen oder Schenkungen in die Ahnengalerie gelangten.

Die Bildnisse einer Ahnengalerie können Gemälde (Bildnisreihe wettin. Fs.en bis zu Friedrich III. dem Weisen im Wittenberger Schloß, erwähnt in einer Beschreibung des Magisters Mainardus von 1508), Zeichnungen (Geschichte der Wettiner in der um 1530 verfaßten »Chronik der Sachsen und Thüringer« von Georg Spalatin) oder auch Drucke (Ehrenpforte für Ks. Maximilian von Albrecht Dürer, ab 1512) umfassen. Im weiteren Sinne gehören auch Skulpturen und Grabmonumente dazu (Bronzestatuen des Innsbrucker Maximiliangrabes ab 1508; Grablege der albertin. Wettiner im Freiberger Dom 1594-95). Ahnengalerie werden in bes. Räumen oder Galerien wie »Ahnensälen« oder »Ahnenkabinetten«, aber auch in Buch- oder Albumform vereinigt. Seltener wird eine größere Anzahl von Ahnenportraits auf einem Bild oder in einheitl. architekton. Umrahmung an Fassaden zusammengefaßt (1601-07 wurden am Heidelberger Schloß die Ahnen des Kfs.en Friedrich IV. von der Pfalz bis zu Karl dem Großen als Skulpturen an der Hoffassade des Friedrichsbaus angebracht) (Farbtafel 62). Häufig existieren bildl. Wiedergaben von Verwandten in Leichenpredigten (Monumentum Sepulcrale (1637), das Funeralwerk für Lgf. Moritz den Gelehrten von Hessen-Kassel († 1632) mit Abbildungen der Familienangehörigen ).

Auch auf Textilien finden sich Wiedergaben von Ahnen oder deren Wappen. Kfs. Ottheinrich von der Pfalz († 1559) ließ mehrere Tapisserien anfertigen, auf denen er sich, von seinen Ahnenwappen umgeben, portraitieren ließ (etwa auf einem 1535 entstandenen Teppich in Neuburg an der Donau mit acht Ahnenwappen). Hzg. Johann II. von Simmern-Sponheim († 1557) kommentiert Abbildungen von Ahnen auf Textilien so: Die Allten haben ire geburte ankhunfft unnd (wie man es bey den vom adell nennt) iro anchen, derglechter iro thate und geschichten in ducher gewircket. Oftmals wird auf die portraithafte Darstellung der Ahnen vollständig verzichtet, so daß Wappen oder genealog. Schemata an die Stelle der Portraits treten.

1200-1450

Ahnengalerien entstehen im Zusammenhang mit der familiären Memoria. Die Figuren des vor 1250 erbauten Naumburger Westchores erklären sich aus dem Gebetsgedenken, das an dieser Stelle für die im 11. Jh. hier lebenden Eckhardinger stattfand. Entsprechend bilden die Gründer des Stifts und ihre Verwandten in Form von Gewändefiguren eine frühe Form der Ahnengalerie Die scholast. Ausbildung des Schemas erzeugt vielfältige genealog. Systeme wie die arbores consanguinitatis, bei denen Personen in ihrem Verwandtschaftsgrad untersucht werden. Ein weiteres genealog. System ist die Stammtafel, wie die von Ks. Heinrich I. von 1237 mit dessen Nachkommenschaft (Farbtafel 61). Eine Ahnengalerie im eigentl. Sinne findet sich in der Marburger Elisabethkirche. Seit dem 13. Jh. befand sich hier die Grablege der Lgf.en von Hessen aus dem Hause Brabant. Die lange Reihe mit zehn Tumben erzeugt eine Sukzessionslinie von mehr als 200 Jahren (Abb. 150).

1450-1550

Die Ahnengalerien als Teil fsl. Erinnerungskultur gehört v. a. der Frühen Neuzeit an. Als im 15. Jh. das Bildnis als selbständige Kunstgattung entsteht, ist die Vorraussetzung für die Ahnengalerie ohne kult. oder sepulkralen Nebenzweck geschaffen, wobei auch jetzt noch Stifterbild und profanes Portrait nicht immer klar unterscheidbar sind. Die Verbindung aus genealog. Schema und dem autonomen Portrait bildet die Voraussetzung für die neuzeitl. Ahnengalerie. Die Ahnengalerie als Portraitsammlung von Verwandten und Vorfahren nimmt hier ihren Anfang. Entsprechend entstehen jetzt zahlreiche Ahnengalerie bei den Dynastien des Alten Reichs, so die Portraitserien der Wettiner von Lukas Cranach d. Ä. in Weimar oder Dresden.

Eine frühe Form der Ahnengalerie liegt auch bei den um 1470/80 entstandenen Fresken im Münchner »Alten Hof« mit einer Reihe von 61 bayer. Hzg.en bis zu Hzg. Sigmund vor. Vermutl. um 1500 sind für das Heidelberger Schloß Ahnenbilder geschaffen worden, die den Kfs.en Friedrich I. von der Pfalz und seine Vorfahren zeigen, ergänzt um Darstellungen der von ihm geführten Schlachten.

Barthel Beham schuf um 1530 zwei Familienserien der Wittelsbacher. Hier wird die ausschließl. die Sukzessionslinie umfassende Ahnengalerie zu einer Familiengalerie ausgeweitet, was v. a. durch die Aufnahme von Ehepaarbildnissen sowie von Portraits berühmter Verwandter bedingt ist. Die große Serie wurde von Hzg. Wilhelm IV. von Bayern für die Kunstkammer in der Münchner Res. in Auftrag gegeben und umfaßte mind. vierzehn Gemälde. Die kleine Serie entstand vermutl. im Auftrag von Kfs. Ottheinrich für seine Res. Neuburg an der Donau.

1550-1650

Nur in wenigen Fällen hat sich die Aufstellung in Form einer Ahnengalerie vor Ort erhalten: Ehzg. Ferdinand II. ließ im Zuge der Umbaumaßnahmen für seine Res. Ambras ab 1564 seine umfangr. Portraitsammlung der Habsburger dort unterbringen. Diese Ahnengalerie wurde mit den übrigen Sammlungen des Erzherzogs wie den Rüstkammern und der Kunst- und Wunderkammer aufgestellt – ein durchaus zeittyp. Zusammenhang.

Hzg. Ulrich zu Mecklenburg bewahrte die Doberaner Klosterkirche vor dem Abriß und ließ hier spätestens ab 1578 eine umfassende Ahnengalerie für sein Geschlecht anlegen. Er wurde dabei vom Hoftheologen David Chytraeus wissenschaftl. beraten. Ulrich bezog gleich mehrere mediale Formen der Ahnengalerie in sein Vorhaben ein. Neben der Renovierung der zahlreichen ma. Grabmäler von Angehörigen der Dynastie ließ der Hzg. ein großes Fürsten- epitaph anbringen, auf dem die bedeutendsten Regenten des Landes gewürdigt wurden. Der Maler Cornelis Krommeny schuf zudem ab 1587-89 mind. acht Ganzfiguren-Bildnisse für die Kirche, auf denen die wichtigsten mecklenburg. Hzg.e abgebildet waren. Diese Ahnengalerie setzte ihrerseits die ma. Wandmalereien im Choroktogon sowie die Figuren an den Pfeilern des Chorumgangs mit Darstellungen der hzgl. Vorfahren fort.

Hzg. Ludwig von Württemberg ließ ab 1584 in Stuttgart das Neue Lusthaus errichten. Am Außenbau wurden insgesamt 65 Portraitbüsten der hzgl. Ahnen angebracht. Sie zeigen die Vorfahren nach dem Prinzip einer Ahnentafel über fünf Generationen. Die Ahnenbüsten umlaufen auf Konsolen innerhalb des Gewölbegangs den rechteckigen Bau über alle vier Seiten.

Eine Ahnengalerie, die alle typ. Merkmale dieser Form fsl. Memoria enthält, befand sich im 1586-1591 errichteten Dresdner Schloß. Im »Langen Gang«, einem wohl von Giovanni Maria Nosseni entworfenen Verbindungstrakt zw. Schloß und Stallhof, befand sich im Obergeschoß ein Saal mit der Ahnengalerie der Wettiner. Die Außenseiten des Gangs wurden mit den Wappen der wettin. Herrschaften dekoriert.

→ vgl. auch Farbtafel 118; Abb. 217