Wehr- und Befestigungsanlagen der Residenz
Der Begriff Vorwerk ist in der burgenkundl. Literatur kein fest definierter Begriff und ist nicht zu verwechseln mit dem rechtshistor. Begriff des Vorwerks, der eine Sonderform grundherrl. Besitzes, d. h. ein landwirtschaftl. Nebengut von einem Haupthof, betrifft. Zumeist werden mit dem architekturhistor. Terminus Vorwerk Verteidigungswerke eines Wehr- und Befestigungsbaues angesprochen, die diesem vorgelagert sind (z. B. Geschützturm »Kleinfrankreich« der Burg Berwartstein). Somit ist ein Vorwerk als ein dem Tor der Befestigung einer Burg oder (bastionären) Festung vorgelagertes autonomes äußeres Verteidigungswerk (Außenwerk) anzusehen. Vereinzelt wird mit dem Begriff Vorwerk auch die zumeist eigenständig befestigte Vorburg benannt, die zur wirtschaftl. Versorgung der Kernburg mit ihren zentralen Gebäuden (Bergfried, Palas u. a. m.) diente und von dieser in der Regel durch Graben und Mauer sowie ein eigenes Tor getrennt war. Auch werden gelegentl. frühneuzeitl. Außenwerke (d. h. zw. (Haupt-)Umwallung und Glacis gelegene Verteidigungswerke) einer bastionären Befestigung als Vorwerk bezeichnet.
Eine spezielle wehrtechn. sowie architekton. bedingte Form eines Vorwerks ist die sog. Barbakane (Barbacane, Barbigan; lat. barbacana, barbachanna, barbacanis, barbacenus, barbicanum u.ä.), die sich im Zuge der Einführung der Feuerwaffen in Europa entwickelte. Dabei wird durch Mauerzüge, die mit Wehrgängen ausgestattet sein konnten, ein hof- oder brückenkopfartiges Areal zum Schutze des Tores oder einer zu einem Tor führenden Brücke als Außenwerk geschaffen. Sie kann sowohl vom Tor als auch vom Bering ganz oder teilw. separiert sein (Vortor) und wurde zumeist jenseits von Zwinger und Graben errichtet. Als ein dem Tor vorgesetztes starkes Verteidigungswerk wurde eine Barbakane zunächst parallel zur Mauer errichtet, um dann in Richtung Tor abzuknicken, so daß Angreifer von der Wehrmauer aus bestrichen werden konnten (Burg Schweinsberg, Kraków/Krakau). Die Feldseite eines solchen »Torzwinger«-Komplexes kann die Form eines großen Rondells besitzen, auf dem Geschütze zur Vorfeldbestreichung postiert sein konnten.
Bereits in der Geschichte der Kreuzzüge des Albert von Aachen (Anfang 16. Jh.) läßt sich die Bezeichnung Barbakane nachweisen (antemurale, quod vulgo Barbacanum vocant; muros exteriores, quos Barbicanas vocant; zitiert nach Piper 1967, S. 316). Die Ableitung des artifiziellen Terminus Barbakane (vgl. arab. baru – Mauer; pers. bàtah khaneh – oberes Zimmer) ist jedoch nicht genau geklärt, was bes. in der älteren Literatur eine vielfältige Nutzung des Wortes mit sich brachte (z. B. für Schießscharten, Zinnen, Strebepfeiler, Zwingermauer, Fallgitter).
Sowohl die Bezeichnung Barbakane als auch die spezif. Bauform verweisen wohl auf eine durch die Kreuzzüge über Frankreich (Château Gaillard, Carcassonne) und England (Chepstow, Dover, Lincoln und Oxford) vermittelte Herkunft dieser Art von Vorwerken aus Arabien oder Persien. Doch auch die Motte (Turmhügelburg) von Bayeux wurde auf dem bekannten Teppich von Bayeux (um 1070) bereits mit einem hölzernen Torvorbau dargestellt.
Im Engl. wird der Begriff Barbakane für Torzwinger, die mit der Hauptumwallung oder Ringmauer verbunden sind, oder für befestigte Torhäuser verwendet. In einigen roman. Sprachen bezeichnet demgegenüber Barbakane eine Zwingermauer mit Schießscharten. In bezug auf die Burgen des Deutschen Ordens wurde in der Literatur vergleichbar der Begriff Parcham verwendet, wobei er sich dort auf die Fläche zw. dem Haupthaus und der umgebenden Wehrmauer (Parchammauer) bezieht. Die so ausgebildete zwingerartige Fläche wurde z. T. von den Arkaden der Zugänge zu den Danskern (Abortanlagen) überbrückt oder der Danksker wurde in einem (Parcham-)Mauerturm integriert.
Die größte Anzahl erhaltener Barbakane stammt aus dem Hoch- und SpätMA sowie der frühen Neuzeit. Dieses läßt sich mit der immer stärkeren Nutzung von Artilleriewaffen erklären, die einen stetigen Ausbau und eine Verstärkung des Tores notwendig machten.
Barbakane wurden in verschiedenen Grundformen erbaut. Einerseits gibt es runde (Rochsburg, Kraków/Krakau) oder polygonale Vorwerke dieser Art (Rathsamhausen), die jeweils ein fast isoliertes Außenwerk der Befestigung darstellen. Andererseits gibt es langgestreckte und an das Haupttor einer Befestigung angeschlossene Baukörper (s.u.), die gelegentl. als viereckiger Vorbau mit geräumigem oder kleinem Innenhof (Isar- und Sendlingertor in München, Kreuztor in Ingolstadt) ausgebildet wurden. Darüber hinaus erfolgte oft ein Ausbau der Barbakane mit Rondell. Ab dem 14. Jh. dominierte die Errichtung als langgestreckter Baukörper mit Außentor, Zungenmauern und langer, direkt an das Haupttor anschließender Torpassage (Auerburg).
Barbakane fanden v. a. bei der Stadtbefestigung Anwendung, wie bspw. folgende Tore belegen: Ponttor in Aachen, Roermonder Tor in Erkelenz, Friedländer und Stargarder Tor in Neubrandenburg, Neustädter Tor in Tangermünde, Klever Tor in Xanten, Schloßtor in Zons und Bach-, Köln-, Münster- und Weiertor in Zülpich. Vereinzelt sind sie auch an Burgen (z. B. Sterrenberg, Hohenwerffen, Frauenburg, Rathsamhausen, Ebernburg, Althohensems, Schattenburg, Pfannberg, Pernštein/Pernstein) oder an Kirchenburgen (Tartlau in Siebenbürgen) zu finden.
Die Errichtung von Barbakanen, die als eine Art Torzwinger ausgebildet waren, war bis in das frühe 16. Jh. hinein verbreitet. Anschl. dominierten neue Bauformen, die auf den Theorien und den verschiedenen »Manieren« der Festungsbaukunst basierten.
Quellen
Abraham Thumshirn, Bericht über die Visitation der kurfürstlichen Vorwerke im Jahre 1571, hg. von Harm Wiemann (Sonderdruck in: Crimmitschauer Stadt- und Land-Zeitung), Crimmitschau 1940. – Albertus Aquensis (Albert von Aachen), Historia Hierosolimitaniae expeditionis [Chronicon Hierosolymitanum], Reinbeck 1602, Kap. 3, 32. – Weitere Literaturhinweise siehe Art. »Wehr- und Befestigungsbauten«.
Literatur
Biller/Grossmann 2002, S. 247 (Stw. »Barbakane«). – Brohl, Elmar/Losse, Michael: Art. »Außenwerk«, in: Wörterbuch der Burgen, Schlösser und Festungen, 2004, S. 71. – Friedrich, Reinhard: Art. »Vorburg«, in: Wörterbuch der Burgen, Schlösser und Festungen, 2004, S. 255-256. – Hotz, Walter: Kleine Kunstgeschichte der deutschen Burg, Darmstadt 1991, S. 49. – Krahe, Friedrich-Wilhelm: Burgen des deutschen Mittelalters. Grundriß-Lexikon, Würzburg 1996, S. 27. – Losse, Michael: Art.: »Barbakane«, in: Wörterbuch der Burgen, Schlösser und Festungen, 2004, S. 73-74. – Losse, Michael: Art. »Vorwerk«, in: Wörterbuch der Burgen, Schlösser und Festungen, 2004, S. 256. – Piper 1967, S. 315-318, 665. – Rösener, Werner: Art. »Vorwerk«, in: LexMA VIII, 1997, Sp. 1869. – Torbus, Tomasz: Die Konventsburgen im Deutschordensland Preußen, München 1998 (Schriften des Bundesinstituts für ostdeutsche Kultur und Geschichte, 11), S. 299-300, 872. – Wehling, Herbert: Die Vorwerke von Eutin, Lensahn 1999/2000 (Beiträge zur Geschichte von Eutin). – Zeune, Joachim: Art.: »Barbakane, Torvorwerk, Außenwerk«, in: Burgen in Mitteleuropa, 1, 1998, S. 250. – Zeune, Joachim/Uhl, Stefan: Wehrarchitektur, in: Burgen in Mitteleuropa, 1, 1998, S. 226-257. – Anm.: Weitere Literatur zu einzelnen Vorwerken sind lokal- oder regionalgeschichtl. Publikationen zu entnehmen und lassen sich über die gängigen Datenbanken sowie Bibliographien ermitteln.