Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Fortbewegungsmittel

Schlitten

1200-1450

Der reine Gebrauchsschlitten – aus Gestell (Kasten) mit Kutscherplattform und Kufen – diente vermutl. vorwiegend als Fortbewegungs- und Transportmittel und erschien deshalb offenbar nicht als speziell erwähnungs- oder abbildungswürdig.

1450-1550

Schlitten, ursprgl. reine Fortbewegungs- und Transportfahrzeuge auf Schnee, erhielten die Funktion des Wintervergnügens. So, wie es schon vordem mitunter als verwerfl. galt, sich im vergoldeten oder verzierten Wagen öffentl. zu zeigen, war es nun aber – zumindest von kirchl. Seite her – verpönt, sich der Schlitten zu bedienen, die z. B. mit Bildnissen von heidn. Götzen verziert waren, was sogar mit dem geistl. Bann bestraft werden konnte: Aus einer Nürnberger Chronik geht hervor, daß Kard. Capistranus 1452 eine Strafpredigt gehalten habe, in der er befahl, Bilderschlitten (aber auch Schnabelschuhe, Wulsthauben, Karten- und Brettspiele) öffentl. zu verbrennen, was aus frommem Eifer auch befolgt worden sei. So, wie z. B. in München, war in Residenzstädten vermutl. allenthalben, auch die ausdrückl. Genehmigung des Hofes zum Schlittenfahren als Vergnügung erforderlich. Aus einem reinen Gebrauchsgegenstand war ein repräsentativ gestalteter Prunkschlitten hervorgegangen, der zu Lustfahrten und Maskeraden bestimmt war. Friedrich, der damals 14jährige Sohn des Kfs.en Albrecht Achilles von Brandenburg, fuhr im Febr. 1475 tägl. ein bis zwei Stunden auf einem Schlitten in der Stadt Ansbach umher. Sein Vater, Kfs. Albrecht selbst, erwartete zu Martini 1476 Gäste, die sich im Turnier und beim Schlittenfahren erfreuen wollten. Diese Modeerscheinung, in prunkvoll verzierten Schlitten umherzufahren, versuchte auch der Rat der Stadt Augsburg bei seinen Bürgern einzuschränken, indem er 1530 ein Nachfuhrverbot, 1568 eine Beschränkung des Höchstpreises für Schlitten erließ.

1550-1650

Die ersten nachweisbaren Schlitten am bayer. Hof besaß Hzg. Albrecht V.: Ihm standen (nach einem Inventar von 1560) neben sieben repräsentativen, z. T. vergoldeten und mit Jakobsmuscheln verzierten Schlitten auch ein vermutl. gänzl. vergoldeter Leibschlitten zur Verfügung.

Solche Prunkschlitten fanden im höf. Zeremoniell Einsatz, so wie z. B. auch bei den Hochzeitsfeierlichkeiten des bayer. Erbprinzen Wilhelm mit Prinzessin Renata von Lothringen, während denen am 20. März 1568 in München eine mittägl. Schlittenfahrt stattfand.

Organisierte, mitunter turnierartige Schlittenumzüge wurden ebenfalls durchgeführt: In der Residenzstadt München z. B. war bis 1605 jährl. eine Schlittenfahrt zur Begrüßung des neuen Jahres und gleichzeitigen Huldigung des Landesherrn Tradition, an der Patrizier und Hofbeamte teilnahmen. Auch in der Augsburger Chronik ist für den 4. Januar 1569 verzeichnet, daß einige Angehörige der Familie Fugger und andere junge Bürger aus den führenden Augsburger Geschlechtern mit Schlitten zu der verwitweten Hzg.in Christina von Lothringen, die sich zu Friedberg aufhielt, gefahren seien; nachdem sie einige Stunden in der Stadt gefahren waren, kehrte der Zug nach Augsburg zurück.

Choreograph. gestaltete Schlittenfahrten, wie sie u. a. in der rügen-pommerschen Res. (Stadt) Barth stattfanden, sind auf Stammbuchblättern aus dem Besitz Hzg. Augusts d. J. von Braunschweig-Lüneburg bildl. überliefert (1954- 1604), wie es überhaupt übl. wurde, solche sog. Schlittaden, vermutl. als wichtig empfundene Erlebnisse der Studienzeit, in Stammbüchern adliger wie auch bürgerl. Studenten darzustellen.

Aus den eher schwerfälligen, mit niedrigen, sich kreuzenden Kufenausläufen ausgestatteten Prunkschlitten war inzw. ein leichterer Rennschlitten hervorgegangen, dessen Kufen den Kasten überragten bzw. zur Stabilisierung der Konstruktion vorn zusammengeführt waren. Gelenkt wurde das im Prunkgeschirr (oft an Kopf, Brust und Rücken mit Glöckchen besetzt und z. T. mit Federbüschel am Kopfgestell verziert) vorgespannte Pferd weiterhin vom Platz hinter dem Sitzkasten (vgl. Farbtafel 34). Der künstl. Gestaltungsschwerpunkt lag nun meist auf den sog. Bildern (Figuren) an Schlittensitzkasten und Kufen. Bei diesen zumeist aus Pappmaché oder Leinwand bestehenden Aufbauten waren bes. die traditionellen Tierallegorien beliebt. Hzg. Ferdinand, ein Sohn Hzg. Albrechts V., besaß Figuren- oder Bilderschlitten, darunter vermutl. einen Fortuna-Schlitten (mit der ein aufgespanntes Segel haltenden Göttin des Glücks), einen Schlitten mit einem Adler und einen kleinen, versilbert und vergoldet und mit goldenen Löwenköpfen (Verzeichnis des bayer. Hofmarstalls von 1570); 1573 standen 10 Schlitten mit 12 Schlittengeläuten und 1581 14 Schlitten im Marstall. Dem Hzg. und späteren Kfs.en Maximilian I. sollen 19 schwarze Rennschlitten, drei bemalte und ein kleiner Schlitten für den Zwerg gehört haben.

Weniger aufwendig gestaltete, in Res.en benutzte Schlitten waren zumindest – meist bunt – bemalt und mit kostbaren Textilien wie Samt ausgeschlagen, so auch drei 1603 im bayer. Hofmarstallinventar verzeichnete Frauenzimmerschlitten.

Aber nicht nur aus weltl. Residenzstädten ist das Schlittenfahren bekannt: Am 23. Jan. 1618 nachmittags unternahm z. B. Fs. Christian, Bf. von Minden, zusammen mit dem ihm einen Besuch abstattenden Hzg. Karl Philipp von Södermanland eine Schlittenfahrt durch die Stadt Celle.

Vorlagen für prachtvoll gestaltete Schlitten stammten z. B. vom Dresdner Hofmaler Daniel Bretschneider. Er fertigte 1602 51 Entwürfe an, die u. a. Strauß, Storchennest, Fuchs und Gans, Adler, Phönix, Hunde, Drachen und verschiedene Fabelwesen zeigen (Abb. 87). 1624 kam – in dritter Auflage – das Musterbuch des Georg Engelhart Löhneysen (Löhneiss) mit 60 Zeichnungen von prunkvollen und bunten Schlitten zum Druck. Diese Schlitten, die Löhneysen ausdrückl. für eine fsl. Zielgruppe entworfen hatte, zeigen doppelköpfige Adler, Schwan, Pelikan, Pfau, Affen, Löwen und Bären, und seine Zeichnungen bestimmten mitunter sogar die Farbe des Pferdes.

Aufbewahrt wurden Schlitten im Marstall der Res.en; für Dresden ist bekannt, dass es im Marstall zwei Schlittenkammern gab. Eine Bestandsaufnahme von 1629 bezeugt, dass hier 52 Schlitten vorhanden waren, 1671 wurden sie als mit z. T. lebensgroßen Tieren (Löwen, Hirschen, Bären, Tigern u. a.) verziert beschrieben.

→ vgl. auch Abb.257

Quellen

Daniel Bretschneider, Ein Buch Von allerley Inventionen, zu Schlittenfahrten […] für Fürstliche Graffliche Herrn [..], 51 Bl., Dresden 1602 (Dresden, Sächsische Landesbibliothek). – Georg Engelhard Löhneysen (Löhneiss), Della Cavalleria, 3. Aufl., Remlingen 1624 (München, Bayerische Staatsbibliothek). – August d. J., Herzog zu Braunschweig und Lüneburg: Stammbuch 1594-1604. – Theodort Bry, Stamm vnd Wapenbuchlein, Frankfurt am Main 1592 (Faksimile-Druck, hg. von Wolfgang Harms und M. von Katte, Stuttgart 1979).

Volk, Peter: Barocke Rennschlitten am Münchner Hof, in: Staats- und Galawagen der Wittelsbacher. Kutschen, Schlitten und Sänften aus dem Marstallmuseum Schloß Nymphenburg, Bd. 2: Staats- und Galawagen der Wittelsbacher, hg. von Rudolf Wackernagel, o. O. 2002, S. 106-108.