Rückzugsorte
Es ist bis heute umstritten, inwiefern im MA und in der frühen Neuzeit Personen ein physikal. Raumbereich zur Verfügung stand, der mit dem Attribut der Privatheit belegt werden kann (vgl. die gegensätzl. Positionen von Elias 1997 und Duerr 1988-2002). Dies kann auch im folgenden nicht entschieden werden. Hier sollen vielmehr architekton. Situationen zusammengestellt werden, die den Rahmen für eine räuml. Distanzierung von den alltägl. Lebensabläufen einer Fürstenres. ermöglichten. Diese Distanzierung war prinzipiell in unterschiedl. Graden möglich; wie von ihr Gebrauch im Konkreten gemacht wurde, ist in den meisten Fällen noch kaum untersucht.
Bereits die Herausbildung eines persönl. zugeordneten Wohnbereiches stellt eine Distanzierung gegenüber der Gemeinschaft des gesamten Hauses dar. Insofern gehören die Prozesse der Ausdifferenzierung der Wohnräume seit dem Hohen MA, die Einrichtung von Frauenzimmern oder das Aufkommen separater Tafelstuben für die fsl. Mahlzeit bereits zum Thema. Eine architekton. kaum zu überbietende Steigerung fanden diese Vorgänge in der Einrichtung persönl. Studierräume als bereits aufgrund ihrer räuml. Beschränktheit nur solitär oder in engstem Personenkreis nutzbare Ergänzungen der bereits personalisierten Appartements. Alleinsein war für eine Person von hohem Stand im MA eher ungewöhnl., und jene Kulturtechniken, die außerhalb der religiösen Sphäre eine Separierung wünschenswert erscheinen ließen, wie die Lektüre eines Buches, das Schreiben eines privaten Briefes oder das Kontemplieren eines Kunstobjektes, nahmen erst im Laufe des SpätMA zu. Der funktionale Typus eines den Studien gewidmeten Sonderraumes wurde mehrfach von antiken Autoren erwähnt. Bes. der jüngere Plinius hat in seinen Villenbriefen verschiedene für Lektüre und andere Studien vorgesehene und deshalb von den Hauptwohnräumen abgesonderte Raumkomplexe beschrieben; weitere Erwähnungen finden sich bei Vitruv, Cicero und Quintilian (Liebenwein 1977, S. 13).
Die ältesten Rückzugsräume solcher Art im dt. Schloßbau lassen sich z. Z. architekton. in kursächs. Schlössern nachweisen. Mit dem 1471 begonnenen Bau des Meißener Residenzschlosses (Albrechtsburg) entstanden zwei kleine Räume in einem turmartigen Anbau, die jeweils eins der beiden fsl. Appartements erweiterten (Abb. 210). Sie waren beide mit Bedacht der jeweiligen Wohnstube der Raumfolge zugeordnet und durch einen Ofen beheizbar. Durch ihre Lage auf der dem Schloßhof abgekehrten, über dem Elbtal aufragenden Ostfassade des Schlosses ermöglichten sie, anders als übrigens als viele der frz. Pendants, eine echte Distanz zum normalen Hofleben. Ihre kunstvolle Gewölbearchitektur machte sie zu architekton. Schaustücken und erlaubte mehrseitige Ausblicke in das Elbtal, die als Herrschaftsgesten verstanden werden können, aber auch als frühe Zeugnisse für eine ästhet. Wertschätzung des Landschaftsausblicks. Ob Parallelen in der Wertschätzung des Ausblicks mit Villenbeschreibungen des jüngeren Plinius (II, 17, 20) oder die Übereinstimmung in der Ausrichtung der Meißener Räume nach O mit den Anweisungen, die Vitruv für die Lage von Bibliotheken gibt (VI, 4, 1), in dieser Frühzeit der Humanismusrezeption in Dtl. mehr als Zufälle sind, kann derzeit nicht entschieden werden.
Als Vorbilder für diese frühen sächs. Rückzugsräume zum persönl. Gebrauch sind Beispiele aus dem frz. Schloßbau (Papstpalast in Avignon, kgl. Schloß zu Vincennes) anzunehmen, die dort éstudes gen. wurden; in Italien hat sich der Name studiolo durchgesetzt. Die in den dt. Quellen des 16. Jh.s am häufigsten auftauchende Bezeichnung ist die »Schreibstube«; oft aber wurde auf solche Räume schlicht mit »Stube« oder »Stüblein/Stübchen« Bezug genommen, so daß die Funktion dann nur aus dem baul. Kontext ablesbar ist (Hoppe 1996, S. 383ff., Müller 2004, S. 263ff.).
Wenig später, ab 1489, ließ sich der Sohn des Meißener Bauherren, Kfs. Friedrich der Weise, gleich zwei (nicht erhaltene) persönl. Rückzugsräume in seinem Schloß zu Wittenberg einrichten. Zum einen wurde eine der tiefen Fensternischen der kfsl. Wohnstube im Südwesteckturm mit einer Tür abgetrennt, so daß ein kleiner Separatraum entstand. Als Rückzugsraum kann man auch die einzelne Stube an der Spitze desselben Turmes ansehen. In diesem Schloßbau lassen sich also zwei Typen von Rückzugsräumen für den herrschaftl. Gebrauch unterscheiden: Zum einen ein kleiner Raum, der direkt aus der fsl. Wohnstube zugängl. war oder sogar ledigl. einen Einbau in diese darstellte (vergleichbar der Albrechtsburg, Typ a) und zum anderen ein Einzelraum mit eigenen Ofen (Stube) in den oberen Regionen eines Schlosses, wo ihn bereits seine Höhe und die Beschwerlichkeit des Zugangs vom alltägl. Hoftreiben separierte (Typ b). Beide Raumtypen, der Annex eines Appartements wie auch der Separatraum in der Dachregion, lassen sich in der Folgezeit zahlreiche in dt. Residenzschlössern nachweisen, sie sind jedoch nur in Ausnahmefällen erhalten geblieben.
Zu den einem herrschaftl. Appartement zugeordneten Rückzugsräumen (Typ a) gehört der kleine, noch erhaltene Bibliotheksraum in dem prunkvoll vertäfelten Appartement im obersten Geschoß der Hohensalzburg (um 1500). Nach seiner Ausstattung mit Bücherborden wurde er auch als Bibliothek genutzt. Erhalten sind zwei jüngere Rückzugsräume, die sich Ottheinrich von der Pfalz einrichten ließ. Der ältere befindet sich in dem 1530 errichteten Jagdschloß Grünau. Der mit einer Tonne gewölbte Raum war mit einem Ofen und einem Fenstererker ausgestattet und aus den beiden Schlafkammern des Hzg.s und der Hzg.in zugänglich. Diese sonst eher ungewöhnl. Zuordnung einer kleinen Separatstube zum Schlafraum wiederholt sich im Appartement, das sich Kfs. Ottheinrich 1556 in dem nach ihm benannten Flügel im Heidelberger Schloß einrichten ließ (Hubach 2002). In beiden Fällen ist der Raum vom Schloßhof abgekehrt und bietet auch so eine Distanz zum alltägl. Hoftreiben; in Heidelberg öffnete sich sein Fenster jedoch nur auf einen Lichthof. Weitere, nicht mehr erhaltene Studierstuben lassen sich 1537 in als Teil der fsl. Appartements in der Landshuter Stadtres. (Deutscher Bau) und 1544 im Torgauer Schloß nachweisen (Hoppe 2000).
Im Laufe der zweiten Hälfte des 16. Jh.s. scheint die Nachfrage nach solchen Separaträumen abgenommen zu haben, sie sind immer seltener nachweisbar. Dies ist mit Sicherheit nicht auf eine Abnahme der Bildungsinteressen der Schloßbesitzer zurückzuführen; eher könnten Änderungen im Hofzeremoniell, das die Zugänglichkeit der Fs.en reglementierte, oder das Aufkommen von weiteren Sonderräumen wie Bibliotheken und Kunstkammern die Notwendigkeit des alten Typs der räuml. beengten Studierstube als Teil des Fürstenappartements obsolet gemacht haben (vgl. die Appartements in der Münchener Res.).
Auch der zweite frühe Typ des Rückzugsraums, die vom Wohnappartment räuml. entfernte Turm- oder Dachstube (Typ b) geht mit hoher Sicherheit auf verwandte Raumbildungen zurück, die in Frankreich bereits im 14. Jh. bekannt waren. Typ. ist dort ein Raum auf der Spitze des Haupttreppenturms, seiner Lage gemäß als chambre haute bezeichnet (Albrecht 1986, Prinz/Kecks 1994).
Wahrscheinl. ist ein ähnl. Raum auf den Ansichten der Innsbrucker Hofburg von Albrecht Dürer von 1494/95 überliefert (Farbtafel 116). Noch erhalten ist die sog. Spiegelstube auf dem Großen Wendelstein des Torgauer Schlosses (1533). Sie besaß eine reiche Ausmalung der Cranachwerkstatt und wie für solche Räume im dt. Kulturbereich üblich, einen Ofen.
Das Wittenberger Schloß besaß noch einen dritten Typ eines Rückzugsraumes, eine frühe Form jener Galerien, die weniger die Aufgabe eines Verbindungsraumes als der Gewährung einer innerhäusl. Promenade besaßen (Typ c). Die Galerie nahm im zweiten Obergeschoß bei gleicher Länge die halbe Breite des darunter liegenden Großen Saales ein (vgl. Abb. 69). Auch dieser Raumtyp hatte sich zuerst in Frankreich entwickelt und wurde in ganz Europa rezipiert (Prinz 1970, Götz 1980, Hoppe 1996, S. 433ff., Lange 1998). Bes. die engl. Beispiele werden in der Forschung als Rückzugsorte beschrieben: »Die ersten Galerien sollten wahrscheinl. nicht mehr als geschützte Wege sein, die von einem Ort zu einem anderen führten, doch sie erhielten bald eine weitere wichtige Funktion als Raum, an dem man sich unbeobachtet körperl. betätigen konnte. Die Ärzte im 16. Jh. hoben die Bedeutung des tägl. Spaziergangs für die Gesundheit hervor, und die Galerie ermöglichte körperl. Bewegung, wenn das Wetter sie normalerweise vereitelt hätte.« (Girouard 1989, S. 108f). Inwieweit eine Galerie jedoch dem auf diese oder andere Weise motiviertem Rückzug diente, oder ob sie eher zur Erzielung bestimmter visueller Erlebnisse (Aussichtsgalerie, Kunstgalerie) aufgesucht wurde, muß im Einzelfall abgewogen werden. Mitteleurop. Beispiele für Galerien befanden sich in Halle a. d. Saale, Stadtres. (1531), Landshut, Stadtres. (1537), Dresden (1548 und 1586) und der Augustusburg bei Chemnitz (1568) sowie dem Hradschin über Prag (1570er Jahre). Auffällig ist auch die Anlage zusätzl. saalartiger Räume in den oberen Geschossen der Residenzschlösser, die zwar aufgrund ihrer Proportionen nicht direkt als Galerien bezeichnet werden können, aber viell. aufgrund ihrer Lage eine vergleichbare Funktion als Rückzugsräume ausübten (Dresden um 1470, Marburg 1493, Güstrow 1558)
Einen ungewöhnl. Fall eines fsl. Rückzugsbereichs stellt der 1584-91 errichtete Turm des Residenzschlosses Brake bei Lemgo dar, wo über der Traufhöhe der übrigen Gebäude ein ganzes Appartement nur über ein komplexes System von engen Wendeltreppen erreichbar war und so den Zugang regulierte (Abb. 211) (Kastler 1989).
Während es sich bei den geschilderten Beispielen um Rückzugsorte innerhalb von Residenzschlössern handelte, kam auch der zeitweilige Rückzug aus der Res. in Frage. Den institutionellen Rahmen dazu stellte im MA die Jagd bereit und so kann das Jagdschloß fallweise als Rückzugsort angesehen werden. Die Situation wurde differenzierter, als solche Satellitenschlösser nach dem Vorbild der antiken und ital. Villa auch zu Orten der Kontemplation, Bildung und des Festes wurden. Als um 1500 der sächs. Kfs. Friedrich der Weise begann, außerhalb seiner Hauptres. Torgau das ältere Jagdschloß Lochau durch einen Garten und kleinere Lusthäuser zu erweitern, schuf er sich damit auch einen Ort des Rückzuges, den er bes. in seinen letzten Lebensjahren auch aus Gesundheitsgründen aufsuchte. In ihrer Binnenstruktur erlaubte es die Lochau wiederum, sich aus dem Hauptschloß in einzelne, im Garten verteilte Lusthäuser zurückzuziehen. Schon aufgrund ihrer beschränkten Größe verboten es diese Orte einer größeren Gesellschaft, sich dem Fs.en zu nähern (Abb. 212) (Hoppe 2005). In diesem Sinn hat jedes der seit dieser Zeit im dt. Kulturkreis in Verbindung mit einem Ziergarten entstehenden Lustschlösser auch das Potential eines Rückzugsortes. Eine bes. Form des Rückzuges praktizierte Hzg. Wilhelm V. von Bayern, der 1598 im Umkreis seines Mustergutes Schleißheim kleine Eremitagen errichten ließ, in die er sich persönl. zurückziehen konnte.
→ vgl. auch Farbtafel 18
Literatur
Albrecht 1986. – Albrecht 1995, S. 108ff. – Duerr, Hans Peter: Der Mythos vom Zivilisationsprozeß, 5 Bde., Frankfurt am Main 1988-2002. – Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Neuausgabe, Frankfurt am Main 1997. – Girouard, Mark: Das feine Leben auf dem Lande. Architektur, Kultur und Geschichte der englischen Oberschicht. Frankfurt u. a. 1989. - Götz, Wolfgang: Beobachtungen zu den Anfängen der Galerie in Deutschland, in: Festschrift für Wilhelm Messerer zum 60. Geburtstag, Köln 1980, S. 273-295. – Hoppe 1996. – Hoppe, Stephan: Rezension von: Die Landshuter Stadtresidenz. Architektur und Ausstattung, München 1998, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 63,1 (2000) S. 144-148. – Hoppe, Stephan: The Schloss and Garden of the Saxon Elector Frederick the Wise in Lochau (Annaburg) according to the 1519 Report of Hans Herzheimer. Anatomy of an Early ›Villa‹ in Central Europe with Features Stamped by Humanism, in: Maison des Champs dans l'Europe de la Renaissance, hg. von Monique Chatenet, Paris 2006 – Hubach, Hanns: Kurfürst Ottheinrichs neuer hofbaw in Heidelberg. Neue Aspekte eines alten Themas, in: Mittelalter. Schloß Heidelberg und die Pfalzgrafschaft bei Rhein bis zur Reformationszeit, Begleitpublikation zur Dauerausstellung, bearb. von Volker Rödel, Regensburg 2002, S. 191-203. – Kastler, José: Der Schloßturm in Brake als öffentliche und private Architektur, in: Renaissance im Weserraum, Aufsatzband. München u. a. 1989, S. 113-127. – Lange, Hans: Gasse, Gang und Galerie. Wegenetz und Inszenierung des Piano nobile in der Stadtresidenz, in: Die Landshuter Stadtresidenz 1998, S. 151-162. – Liebenwein, Wolfgang: Studiolo. Die Entstehung eines Raumtyps und seine Entwicklung bis um 1600. Berlin 1977. – Müller 2004. – Prinz, Wolfram: Die Entstehung der Galerie in Frankreich und Italien. Berlin 1970. – Prinz, Wolfram/Kecks, Ronald G.: Das französische Schloß der Renaissance. Form und Bedeutung der Architektur, ihre geschichtlichen und gesellschaftlichen Grundlagen. 2., durchges. und verb. Aufl., Berlin 1994.