Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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TURNIERBÜCHER

A.

1. Allgemeines

Turnierbücher müssen von ihrer Entstehung her als Arbeitsinstrumente der Herolde gesehen werden, in denen ihr Wissen um Namen, Wappen und Rang der Adeligen festgehalten wurde, die ihnen bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben als Boten, Gesandte, Sprecher, Turnierausrufer, Schreiber von Zeremonialnachrichten und Tatenchroniken und damit als Makler von Ehrzuteilung begegneten. In diesen Büchern wurden neben Namen, Familie und Geschlecht auch Rang und Rangverhalten der Adligen dokumentiert. Besonders wichtig waren die Organisation und Rezeption der Wappenpräsenz dort, wo sie die Praxis ehrenvoller Bewährung und Behauptung als regelrechte soziale Standesübung begleiteten und reflektierten. Im Kern handelte es sich dabei um die am fürstlichen Hof ausgebildete und dann sehr bald auch im niederen Adel aufblühende Turniertradition. Denn die Teilnahme daran war nicht nur gesellschaftliches Event, sondern sie war zugleich auch immer Demonstration sozialer Rangzugehörigkeit und ritterlicher Kompetenz. Hier tritt die Funktion der Herolde auf deutliche Weise in Erscheinung: bei der Helmschau und der Helmteilung, also bei den Gelegenheiten, wo die Wappen der potentiellen Turnierer in aller Öffentlichkeit von einer Dame – von einem Herold souffliert – vorgestellt, kommentiert und (bei nachgewiesenermaßen standeswidrigem Verhalten) zurückgewiesen wurden: die Wappen/Helme standen für den Namen und die Person. In zweiter Stufe, also bei der Helmteilung, war es von Bedeutung, welche Wappen zueinander gestellt wurden, um als Turnierpartei aufzutreten, oder – was ebenso bedeutsam war –, wer im Stechen gegen wen anzutreten hatte. Es waren die Herolde, welche als Quasi-Monopolisten im gesellschaftlichen Nachrichtenwesen die Informationen über spezifische Standesqualitäten der einzelnen Teilnehmer und deren Familien verwalteten, diese oder jene Nachricht in eigenem Interesse oder im Auftrage zu lancieren und als erste öffentliche Reaktion auf ein präsentiertes Wappen zu deuten verstanden (Ranft, Adlige Wappenbücher, bes. S. 122ff.).

Infolgedessen finden sich zunächst in den → Wappenbüchern des 15. Jahrhunderts immer häufiger Zusammenstellungen von Turniergegnern und -parteien in Gestalt verschiedenster Wappenkombinationen oder zumindest Namenlisten von Turnierteilnehmern. Ein Beispiel bietet etwa Hans Ingeram, dessen nach ihm benannter Wappenkodex im Kern aus seinen ganz praktischen Arbeitsunterlagen im Dienste verschiedener Turnierveranstalter, namentlich der in der Adelsgesellschaft vom Esel organisierten Adligen, hervorgegangen ist. Er hat diese Gesellschaft auf Turniere begleitet, hat ihre Heraldik »verwaltet« und »gepflegt« und auf höfischer Festebene lanciert. Denn mit der Einbindung in das höfische Fest (→ Höfische Feste und ihr Schrifttum) gewann das Turnier eine Bedeutung weit über das reine Kampfgeschehen hinaus (→ Statuten von Gesellschaften). Die höfische Festgesellschaft insgesamt identifizierte sich mit der elitären Praxis ritterlicher Bewährung, welche über die rechtlichen Unterschiede zwischen principes, nobiles und ministeriales hinweg ihre Gemeinsamkeit als milites manifestierte und damit zugleich den niederen Adel in die höfische Sphäre zog (Ranft, Turnier, Sp. 1116). Die verpflichtende Gegenwart der zugehörigen Damen als Zuschauerinnen an den Schranken (siehe unten B.I.a mit Farbtafel 4) und ihre aktive Rolle bei der Ehrzuteilung (sie promovieren die Turnierteilnehmer bei Helmschau und -teilung, aus ihren Händen empfangen die Sieger den Preis) überhöht – als Huld verstanden – den Kampf zum Minnedienst. Nicht zuletzt Ingerams Wirken hat dieser Genossenschaft ein ganz besonderes Renommée in der adligen Gesellschaft, die ihren Mitgliedern ritterliche Ehre exklusiv sichern helfen sollte, eingetragen. Verfasser anderer → Wappenbücher wie Konrad Grünenberg oder Conrad Schnitt haben solche Entwicklung mitvollzogen und boten in ihren codices ebenfalls derart auf turnierende Adelsgesellschaften zugeschnittene Wappenpräsentationen.

Mit der Aufwertung der Turniere als Standesübung, die einer immer stärker sich ausdifferenzierenden Regelhaftigkeit unterworfen wurde und sich längst nicht mehr auf reine Kampfbestimmungen kaprizierte, sondern eine Standesgerichtsbarkeit entfaltete, welche konsensual Kriterien zur Bewertung der sozialen Verhaltensnormen im Blick auf Ehrverhalten, gerechte Fehdepraxis etc. entwarf und Vorschriften für den festlichen Auftritt am Hof (Turnierhof) durchsetzte, bot die Form des reinen Wappenbuchs schließlich immer weniger Möglichkeit, das komplexe soziale Geschehen der Turnierhöfe und die daraus resultierende Balance der Ehrzuteilung adäquat festzuhalten. Das erklärt, warum in die vormals reinen → Wappenbücher immer mehr schriftliche Notizen der Herolde Eingang fanden, die eng mit der die turnierende Adelswelt repräsentierenden Heraldik verknüpft waren. Statutentexte, Schiedssprüche, Teilnehmer-, Sieger- und Besiegtenlisten sowie ausführliche Protokollnotizen durchsetzten die heraldische Dokumentation und kommentieren sie in Bild und Schrift – das Wappenbuch mutiert insofern unter der gewandelten Notationspraxis der Herolde zum Turnierbuch.

2. Fürstliche Turnierbücher

Berühmt ist das aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammende Turnierbuch des René von Anjou, das dieser nach Beendigung seiner Karriere als Turnierkämpfer und fürstlicher Schirmherr vieler Turniere angelegt hat. Die darin enthaltenen Abbildungen schildern in ihrer Abfolge außerordentlich detailliert das gesamte Turniergeschehen, beginnend mit dem Einzug der Turniergesellschaft in die Stadt, allen voran die Herolde und Turnierrichter (siehe unten B.I.b mit Farbtafel 5), beispielsweise die Aufstellung der noch das Banner haltenden Kämpfer vor einem Kolbenturnier (siehe unten B.I.c mit Farbtafel 6), sowie die Überreichung der Turnierpreise aus Damenhand (siehe unten B.I.d mit Farbtafel 7). René betrachtete das Turnier als eine Seite der reichen künstlerischen Möglichkeiten fürstlicher Lebensführung und dokumentiert auf diese Weise seine außerordentliche Phantasie bei der Gestaltung der von ihm arrangierten Turnierfeste, die sich wie selbstverständlich der Bilderwelt der Artusromane bediente. Sein Turnierbuch ist zugleich Zeugnis für eine internationale Turnierpraxis der europäischen Höfe, die sich auf diese Weise ihrer Lebensform als adlige Elitengemeinschaft in Gestalt althergebrachten Rittertums herrschaftsübergreifend versichern (Barber, Barker, Tournaments, S. 151-155).

Unter Kaiser Maximilian I., dem »letzten Ritter«, erlebte das Turnierwesen auch einen letzten Höhepunkt und mit ihm das Genre der Turnierbücher. Denn obgleich die großen Reichsturniere des 15. Jahrhunderts der Vergangenheit angehörten, wurde das Turniergeschehen an den Fürstenhöfen weiterhin genauestens beobachtet und protokolliert. Aus der Zeit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts stammen denn auch die berühmten Turnierbücher, die nun bekannte Künstler in perfekter Heroldsmanier anfertigten und als propagandistische Schauexemplare den Fürsten dedizierten. Zu diesen gehören u. a. das Turnierbuch des Hans Burgkmair d. Ä., einem Künstler aus dem Umkreis Maximilians. In ihm sind die Turniere des Kaisers in Wort und Bild systematisch zusammengestellt und die einzelnen Turnierarten beschrieben. Sein gleichnamiger Sohn hat die Handschrift fortgeführt und vollendet (siehe unten B.I.e mit Farbtafel 8).

Auf Grundlage der Aufzeichnungen des den jugendlichen Herzog Wilhelm IV. von Bayern in den Jahren 1510-18 auf die Turniere begleitenden Herolds Hans Schenk fertigte dann Hans Ostendorfer unter Beteiligung Hans Burgkmairs d. J. in den Jahren 1541-44 einen Prachtband, der dem Herzog als Turnier Buch überreicht wurde. Schenk versichert darin dem Fürsten, hierin seyen beschrieben und eigentlich verzeichnet alle Gestech, Rennen und Ritterspiel, so der durchleuchtig Fürst, mein gnädiger Herr Herzog Wilhelm, in seinem Leben vom Anfang bis zum Ende besitzlich, ritterlich und völlig verbracht und gethan hat; auch wie und an welchem Tage; auch in was Form, Gestalt und Livereyen, mit Rossen, Decken und Geschmuckten, allenthalben, wie dan die gesehen worden seyn; dies ist alles hienach mit Farben lauter angestrichen und gemalt (vgl. unten B.I.f mit Farbtafel 9).

Unter den Turnierbüchern der sächsischen Kurfürsten ist das heute in Coburg befindliche Turnierbuch Johann Friedrichs des Großmütigen besonders bekannt, da es aus der Werkstatt Lucas Cranach d. Ä. stammt. Aus ihm lassen sich allein für die Jahre 1521-35 nicht weniger als 146 fürstliche Turniere belegen. Seine Ausführungen sowie die Turnierbücher Johanns des Beständigen und Herzog Augusts I. belegen, daß diese Turniere wesentlich nach dem Vorbild Maximilians gestaltet waren.

3. Turnierbücher des Niederadels

Spätestens mit dem Postulat eines Turnieradels, das die nachgewiesene Turnierteilnahme, die mit einer Ahnenprobe verknüpft war, zum Kriterium der Standeszugehörigkeit machte, avancierten die Turnierbücher der Herolde zu heiklen Instrumenten gezielter Standespolitik, fiel den Parsevanten und Herolden als ihren Verfassern und mit einer ihnen qua Amt zugewachsenen Zeugenschaft eine gesellschaftspolitische Schlüsselrolle zu. Der Blick in ihre Bücher, die selbst aus ihrer Hand zu besitzen vielen Adligen langes Bemühen und materieller Aufwand Wert waren, konnte ein Menetekel gesellschaftlicher Ächtung beschwören, wenn das eigene Wappen fehlte und/oder der Name nicht aufgeschrieben waren – oder dem Leser grenzenlose Erleichterung verschaffen und das Gefühl sozialer Standesgeltung neu aufglühen lassen und bewahren helfen.

Letzteres war jedenfalls dann so gut wie sicher, wenn auch noch eine – heute wissen wir: fiktive – Chronologie sämtlicher Turniere geboten wurde, unter deren verzeichneten Teilnehmern selbstverständlich auch der betreffende Name des neugierigen Lesers als Auftraggeber zu finden war. Gerade der Umstand einer fiktiven Rekonstruktion des Turnierwesens, dessen sagenhaftes Alter legitimatorische Funktion besaß und deshalb regelmäßig den Büchern vorangestellt war, eröffnete Möglichkeiten zarter Manipulation für klingende Münze (siehe unten) – aus Gunst und Liebung, wie es zuweilen heißt. Die Adelsarchive sind uns noch nicht so erschlossen, daß wir gezielt nach Informationen darüber suchen könnten und schnell fündig würden; doch wir wissen, daß Turnierbücher in großer Zahl professionell, d. h. heroldsamtlich autorisiert, angeboten wurden. Sie dienten ihren Besitzern der Selbstvergewisserung/Legitimation hinsichtlich ihres Standes und als didaktisches Mittel zur Vermittlung eines den Status erhaltenden adligen Lebensgestus an die nächste Generation im Sinne einer Belehrung. Namen wie Jörg Rugen (1495), Marx Würsung (1518), Johann Holland (Herold bei Sigismund) oder Püterich von Reichertshausen stehen für erste Bemühungen darin. Ihre Werke werden sehr rasch aufgenommen und rezipiert wie beispielsweise von Ludwig von Eyb d. J., der mit seinem Turnierbuch die bei Würsung überlieferte sagenhafte Turnierchronik übernimmt und mit einer zeitgenössischen Aufstellung der Turniere seiner Zeit kombiniert einschließlich der neuesten Turnierbestimmungen, die z. T. verschärfende Beurteilungskriterien des Ehrverhaltens der Turniergenossen brachten, alle Namen der Teilnehmer, die Ergebnislisten der Turnierausgänge sowie die aktuellen Urteilssprüche. Es versteht sich von selbst, daß der Name seiner Familie darunter einen ehrenvollen Platz fand: er selbst und andere Vertreter seines Geschlechts werden in der Reihe namhafter Familien Frankens – versammelt in der Adelsgesellschaft vom »Einhorn« (→ Statuten von Gesellschaften) – gebührend erwähnt (Stamm, Turnierbuch, bes. S. 45-67).

So sehr jedoch von Manipulation und Fiktion in diesem Zusammenhang ausgegangen werden muß, was als Beleg für die große Begehrtheit der Turnierbücher und ein bedenkenswerter Reflex auf die gravierende Bedeutung im Blick auf Standesqualität, Ehre und Prestige der einzelnen Adelsfamilien genommen werden kann, muß doch betont werden, daß sie im Kern recht genau waren und die wahrlich historischen Turniere von der Mitte des 14. Jahrhunderts an korrekt wiedergeben. Wir können noch recht gut erkennen, wo man sich bei den Informationen aufeinander bezogen hat und wo eigene Traditionen begründet wurden, welche die Vorlieben der Herolde für bestimmte Wappenprovinzen verraten bzw. ganz spezifische persönliche Kenntnisse eines Herolds.

Beinahe ein zeitweiliges Produktionsmonopol besaß der Reichsherold Georg Rüxner, dessen Turnierbuch in unendlich vielen Adelsbibliotheken gestanden haben muß. Von ihm wissen wir, daß er einige Turniere sowie manche Teilnehmerliste zum eigenen Nutzen, d.h besseren Verkauf, eigens kreiert hat. Sein Werk ist das bekannteste und umfangreichste seiner Art. Es behandelt ausführlich 36 Turniere zwischen 938 und 1487, berichtet über Veranstalter, Turniervögte und Grieswärtel, bringt die langen Namenslisten der Teilnehmer und schildert ausführlich den Verlauf der einzelnen Turniere. In den → Genealogien der einzelnen Familien haben Rixners Angaben bereitwillige Aufnahme gefunden. Familiengeschichten und Stammbäume konnten dadurch bereichert und der Ursprung eines Geschlechts oft um Jahrhunderte vorverlegt werden. 1859-70 erschien in Leipzig das neunbändige Adelslexikon von Ernst Heinrich Kneschke, das noch immer unkritisch sämtliche Angaben Rixners übernahm, obgleich vorsichtigere Historiker sehr bald schon Zweifel am Turnierbuch des kaiserlichen Herolds angemeldet hatten. Sein Turnierbuch hatte mehrere Auflagen, die letzte erschien 1720 in Ulm, veranlaßt durch den kaiserlichen Rat Johann Stephan Burgermeister, und noch 1791 wurde in Nürnberg auf der Basis dieser Aufzeichnungen eine »Rüxnersche Turnierkarte von Teutschland« gedruckt.

Zeugt schon die wiederholte Auflage von Rüxners Turnierbuch von der Bedeutung eines solchen Werks auch noch im 17. Jahrhundert, findet seine modifizierte Übernahme durch andere Autoren darin besondere Bestätigung. Berühmt ist beispielsweise das sog. Kraichgauer Turnierbuch (heute im Bestand der Bibliotheca Rossiana und als Faksimile zugänglich), das sogleich in der Familie von Helmstadt seinen Käufer fand. Untersuchungen haben ergeben, daß es zu einer in Serie produzierten Reihe Kraichgauer Turnierbücher gehört, von denen bis heute immerhin vier Exemplare ermittelt werden konnten (Kurras, Turnierbuch, S. 93).

4. Bürgerliche Turnierbücher

Rüxners großzügige Handhabung der Überlieferung machte seine Produktion auch im stadtadlig-patrizischen Milieu interessant, das auch hierin den Adel nachzuahmen suchte. Rüxner taucht nämlich mehrfach als Beschenkter in den städtischen Rechnungen der Stadt Nürnberg auf, der er auf Wunsch des Patriziats eine eigenhändige Aufzeichnung des sagenhaften Turniers von 1198 überreicht hatte, wofür er gesondert ein weiteres Geldgeschenk erhielt. Es ist zu vermuten, daß der Wunsch des Nürnberger Patriziats Rüxner zur Erfindung dieses Turniers veranlaßt hat. Diese Urschrift für den Rat ist ebenso erhalten wie eine weitere Abschrift, die der Herold im selben Frühjahr für den Nürnberger Patrizier Bartholomeus Haller angefertigt hat. Seitdem gehörte das angebliche Turnier von 1198 für ein Jahrhundert zum festen Bestandteil der Nürnberger Chronistik. Abgesehen davon, daß das als Nachweis eines bereits 1198 von einem Kaiser in Nürnberg abgehaltenen Reichsturniers das Selbstbewußtsein der Bürger dieser freien Reichsstadt besonders heben mußte, leitete sich das Patriziat – im alten Nürnberg die geblütsrechtlich streng abgeschlossene, allein zur Ratsherrschaft befähigte Schicht – seitdem von diesem Ereignis ab: Patrizier sind demnach vor allem diejenigen, deren Vorfahren dem Kaiser nach dem Nürnberger Turnier 1198 mit Pferden das Geleit bis Donauwörth gegeben haben. Ihre Liste ist bei Rüxner zu finden, und in einem Nürnberger Turnierbuch aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts sind die Privilegien, die angeblich der Kaiser seinen Begleitern erteilte, präzise formuliert (siehe unten B.II.).

Hier wird die Gleichstellung der städtischen Oberschicht mit der Ritterschaft, dem Adel »auf dem Land« proklamiert und die Turnierfähigkeit des Patriziats ausdrücklich betont. Gegen die spätmittellalterlichen Turnierordnungen, die städtische Bürger grundsätzlich vom Turnier ausgeschlossen hatten, wird hier der Standesanspruch des Patriziats auf Ebenbürtigkeit mit der Ritterschaft auf den fränkischen Burgen schon für die Frühzeit betont.

Neben Haller, der von Rüxner sein Turnierbuch erwirbt, um sein Geschlecht zu adeln, ist der Augsburger Marx Walther ein bekanntes Beispiel dafür, wie sich auch einzelne Geschlechter der städtischen Oberschicht über den Erwerb solcher Bücher um Adelszugehörigkeit bemühten. Vielfach ließ er sich abbilden, u. a. um mit seinem Auftritt in beeindruckender Turnierrüstung und mächtiger Turnierlanze zu renommieren (siehe unten B.I.g mit Farbtafel 10). Im beistehenden Text von eigener Hand auf der gegenüberliegenden Seite führt er neben anderem »bürgerlich protzend« aus, daß bei seinem Erscheinen ain red auß gieng, der spieß werre hol. Da für ich, Marx Walther, czu und beritt mich ongefar auf dem fronhof czu Augspurg und hett darinnen bey mir ain knaben, der was im vierczechenden iar, den ließ ich mir auf den spieß setzen, wie es den da gemalt stat, und fürt in über den fronhof und herwider. Das hat gesechen und ist darpey gewessen graf Fridrich von Öttingen, der narnach ain bischoff czu Passau ward und Friderich von Lichtenaw, Christof Herwart, Ulrich Probst, Ulrich Apt, maller, Christein Breischuch, Petter Meck, kystler, Christelin, kystler und sunst vil leut. Und darnach schlug ich das eyssen vom spieß herab, da gos ich ain maß weins ins spieß eyssen. Graf Eberhart von Wirtenberg und her Wilhalm marschalk von Papenhaim sagten baid gegen mich auf der pan, das sy noch kain grosern spieß hetten nie rennen sechen for besuchen.

B.

I. Abbildungen

a) Die Abbildung aus einem englischen Turnierbuch des 15. Jahrhunderts betont mit ihrer Komposition die außerordentlich hohe Bedeutung der Beteiligung der Damen im Turnier. Sie sitzen erhöht an einer mit Teppichen behangenen Brüstung und beobachten zwei tjostierende Ritter auf einer Bahn, die noch nicht von einem zuvor stattgefundenen Zweikampf gereinigt wurde. Unter ihnen liegt noch das gebrochene Stechzeug aus einem vorhergehenden Kampf. Im Vordergrund ein beobachtender Grieswärtel, zwischen Kämpfern und Bahnbegrenzung u. a. ein signalgebender Trompeter.

→ Farbtafel 4

b) Diese Abbildung im Turnierbuch des René von Anjou zeigt den Einzug der vornehm gekleideten Turnierkämpfer zu Pferde in die Stadt, voran die Herolde und Grieswärtel sowie mit an der Spitze des Zuges ein signalgebender Trompeter gefolgt von der Adelsgesellschaft.

→ Farbtafel 5

c) Die Abbildung im Turnierbuch des René von Anjou zeigt die Szene kurz vor Beginn des mannschaftlichen Kolbenturniers. Noch stehen sich die Turnierkämpfer als Parteien in den Schranken gegenüber; jeder einzelne hält zur Erkennung sein Banner empor, und werden von den Zuschauern, darunter rechts und links hervorgehoben die aufmerksamen Damen auf eigens eingerichteten Bühnen, beobachtet. Im Vordergrund halten sich zwischen den Schranken Grieswärtel und Helfer mit Stangen bereit, um ordnend eingreifen und gegebenenfalls gestürzte oder/und verletzte Kämpfer bergen zu können.

→ Farbtafel 6

d) Die Abbildung im Turnierbuch des René von Anjou zeigt die Überreichung der Turnierpreise aus der Hand der Damen. In diesem Fall handelt es sich um einen Edelstein mit einem Büschel aus Straußenfedern.

→ Farbtafel 7

e) Die obere Abbildung stammt aus dem Turnierbuch Ludwigs IV. von Bayern und zeigt, wie Wilhelm IV. von seinem Bruder bei einem Scharfen Gestech in München (Juli 1520) von seinem Bruder aus dem Sattel gehoben wird (München, Bayerische Staatsbibliothek, MS Cgm. 1929, fol. 22v-23). Die untere Abbildung entstammt »der sächsischen Kurfürsten Turnierbücher« und zeigt, wie Herzog Heinrich von Sachsen 1498 in Innsbruck von Kaiser Maximilian besiegt wird.

→ Farbtafel 8

f) Die Abbildung aus dem Turnierbuch Hans Burgkmairs d. J. (1529) zeigt Gestech im hohen Zeug: Die Reiter, im Vordergrund Kaiser Maximilian, tragen das Stechzeug sowie die Stechstange mit Krönlein und Brechscheibe. Das wesentliche Merkmal bildet in dieser Gestechart der auch im Kolbenturnier gebräuchliche Sattel, das hohe Zeug. Durch das stark erhöhte Sitzblatt stand der Reiter beinahe in den Bügeln. Das Roß trägt den Roßharnisch, darüber die bemalte Decke, die über die Beine des Reiters und über den Vordersteg des Sattels gelegt ist, und einen Schellenkranz. Die Augen des Pferdes sind verdeckt. Die Farben des Zimiers wiederholen sich auf der Tartsche, dem Harnischröckchen des Reiters und der Ausrüstung des Pferdes.

→ Farbtafel 9

g) Die Abbildung aus Marx Walthers Turnierbuch zeigt Marx Walther bei einem Turnier in Nürnberg vor dem Kampf über den Fronhof preschend mit übergroßer Lanze, auf die er zum Beweis ihrer Echtheit – man hatte ihm verhöhnend vorgeworfen, sie sei doch hohl – einen vierzehnjährigen Knaben setzen ließ zum Beweis sowohl seiner Kraft als auch der Echtheit der überdimensionalen Waffe.

→ Farbtafel 10

II. Auszug aus dem Nürnberger Turnierbuch aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts

Auff diessen riett erlangten die adelichen geschlecht zu Nürmberg gar ein genedigen kayßer dan sie im feldt wohl geschicket waren und sie so dienschaff hielten dass Ihro Maystatt eigener bewegnus aller geschlecht die mit waren hiervor angezeigt mit fleiß verzeigent und auff dießer Reiß gedient haben, mit sondern genaden und freyheiten von newem gehret und erhaben hatt. Alß dergestaldt wo sie sich der adelichen Tugenten und freyheiten Ihres adelichen Standts fürbaß hienhalten wollen und gemeiner burgerschafft der Statt Nürmberg allen Ihren hendteln und gewerben freylaßen. In solcher maßen er halt und befrey sie von neuem zu allen ehrlichen adelichen dingen, dass sie allen edlen geschlecht auff dem Landt in deß Heiligen Reichs gebütt gleich gehaldten werden sollen. Sie mögen auch mit allen riettermessigen geschlechten Thurnier Rennen und Stechen in feldt und andern ordten zu schimpff und ernst sich anderm Adel gleich halten, sie sollten auch zu andern adelichen sachen gezogen werdten.

Nürnberg, Stadtbibl., Amb. 451, 2h, Bl. 9v

C.

Quellen

Der »Ehrenbrief« Jakob Putrichs von Reichertshausen, die »Turnierreime« Johann Hollands, der »Namenkatalog« Ulrich Fuetrers. Texte mit Einleitung und Kommentar, hg. von Martha Mueller, Ann Arbor 1985 [Microfiche]. – Georg Rüxner, ThurnierBuch. Von Anfang, Ursachen, ursprung, und herkommen / der Thurnier im heyligen Römischen Reich Teutscher Nation […]. Getruckt zu Franckfurt am Mayn / bey Georg Raben / in verlegung Sigmund Feyerabends vnd Simon Hüters, 1566. – Hans Burgkmair des Jüngeren Turnierbuch von 1529. 16 Blätter in Handkolorit mit erl. Text, hg. von Heinrich Pallmann, Leipzig 1910. – Helmstatter Turnierbuch [in Privatbesitz]. Auktionskatalog H. Tenner 87 [Heidelberg 1971] Nr. 833 mit Abbildung S. 4. – Ingeram-Codex der ehemaligen Bibliothek Cotta, hg. von Charlotte Becher und Ortwin Gamber, Wien 1986 (Jahrbuch der Heraldisch-Genealogischen Gesellschaft Adler. 3. Folge, 12). – Marx Walthers Turnierbuch, München, Bayerische Staatsbibliothek: MS Cgm. 1930. – Marx Würsung, Wann und umb wellicher ursachen willen das löblich Ritterspil des turnirs erdacht und zum ersten geübet worden ist, Augsburg 1518. – Nürnberger Turnierbuch, Nürnberg, Stadtbibliothek, Amb. 451, 2h, Bl. 9v. – Der sächsischen Kurfürsten Turnierbücher in ihren hervorragendsten Darstellungen, auf 40 Tafeln, hg. von Erich Haenel, Frankfurt am Main 1910. – Sigmund von Gebsattel, Aufzeichnungen über die Turniere zu Stuttgart, Ingolstadt, Ansbach, Bamberg und Worms, München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm. 300. – Turnierbuch im Archiv der Freiherrn von Gemmingen-Hornberg, Burg Hornberg über Neckarzimmern (datiert 1616). Zweites Exemplar in der Württembergischen Landesbibliothek, Cod. Hist. Fol. 298. – Turnierbuch des Bartelme Haller, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Handschrift 3994a. – Turnierbuch Herzog Wilhelms IV. von Bayern, München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm. 1929. – Turnierbuch des Johann Sigmund Prechtel von Sittenbach (1617), München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Nothaft Lit. 1073. – Turnierbuch aus der Kraichgauer Ritterschaft: Cod. Ross. 711, entstanden um 1615, Bd. 1: Faksimileband, Zürich 1983 (Codices e Vaticanis selecti quam simillime expressi, 57). – Turnierbuch des Ludwig von Eyb d. J., München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 961. – Turnierbuch des René von Anjou, Paris, Bibliothèque Nationale, ms. fr. 2692/3. – Turnierbuch des Wilhelm Raidenbuch. Abdruck der Handschrift von 1510, in: Gumppenberg, Ludwig A. Freiherr von, Die Gumppenberger auf Turnieren. Nachtrag zur Geschichte der Familie von Gumppenberg, Würzburg 1862. – Turnierchronik des Jörg Rugen 1494, München, Hauptstaatsarchiv, Nothaft Lit. 1200, 62, 689.

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