INVENTARE
A.
1. Begriff und Funktion
Das Wort »Inventar«, abgeleitet von lat. invenire, bezeichnet das zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgefundene Hab und Gut eines Hauses, Hofes, einer Person oder Institution ebenso wie die listenmäßigen Verzeichnisse dieser Mobilien und Immobilien in schriftlicher und bildlicher Form. Inventare als schriftliche Verzeichnisse zeigen grundsätzlich die Intention, einen Komplex von Gegenständen derart zu erfassen, daß jederzeit die Teile dieses Komplexes identifizierbar sind. So weisen die Selbstbezeichnungen der Quellen als Inventierung, Specification und was im Hause oder Hofe vorgefunden ist auf die Situation des Auffindens und den Zweck der Identifizierung hin. Die Funktion der Identifizierung bedingt die Notwendigkeit einer Beschreibung der Objekte, so daß ein Inventar ein beschreibendes Verzeichnis von Objekten mit dem Ziel einer übersichtlichen Kenntlichmachung der Einzelobjekte nach Art und Zahl in einem Gesamtkomplex von Gegenständen darstellt (Klapsia, Kunstkammer-Inventare, S. 447). Eine Erweiterung dieser Funktion stellt die Zuordnung von Wertangaben zu Einzelobjekten und Gesamtbeständen von Inventaren dar. Im Bereich des Hofes als Ort differenzierter materieller Kultur traten Inventare in besonderer Vielfalt auf. Über die Erfassung von gesamten Hausratskomplexen hinaus betrafen Inventare im höfischen Umfeld Kriegsgerät, Heiratsgut, Schatz- und Kunstkammerbestände, die Ausstattungen von Kapellen sowie spezielle Sammlungen, etwa von Münzen oder Büchern.
Der Vielfalt der Kategorien der Bestände entsprechen unterschiedliche Inhalte und Methoden der Inventarisierungen. Ihrem Ursprung nach ist ihr Zweck juristischer Art, worauf auch die frühe Verwendung des Begriffs Inventar in der Rechts- und Verwaltungspraxis hinweist. So stellen Nachlaßinventare, Revisionslisten, Übergabeverzeichnisse, die beim Wechsel der verwaltenden Person oder bei der Transferierung von Beständen, auch zu Verpfändungen und Veräußerungen erstellt wurden, ebenso wie Brautschatzlisten Rechtssicherungen zur Wahrung von Eigentumsansprüchen dar. In dieser rechtssichernden Funktion kommt der zahlenmäßigen Erfassung und den Wertangaben besondere Bedeutung zu, während die Beschreibungen der Objekte summarisch sein können. Bezeichnend für diesen umfassenden Zweckbereich, in dem die Nachlaßinventare die größte Bedeutung haben, ist die Heranziehung von Juristen zur Abfassung der Inventare.
Neben die juristisch quantifizierende Funktion tritt eine weitere, für das Inventar als kulturgeschichtliche Quelle bedeutendere Dimension. Diese Dimension wird in Inventaren mit detaillierten Beschreibungen der Objekte deutlich. So können Angaben zu Herkunft, Material, Verarbeitung und räumlichem Kontext der Gegenstände präzise Vorstellungen von der materiellen Kultur einer Gruppe vermitteln. Darüber hinaus ermöglichen Bemerkungen zu persönlichen Beziehungen zu den Gegenständen sowie zu ihrer Schönheit und Kostbarkeit Einblicke in Formen der Wahrnehmung von Objekten bis hin zu deren etwaigen memorialen Funktionen im persönlichen und sozialen Umfeld. Für Inventarisierungen mit solchen detaillierten Beschreibungen kamen Personen aus der nahen Umgebung der Besitzer und Sachverständige in Betracht, die auch spezielle Hofämter, etwa als Hof- und Schatzmeister sowie als Kammerdiener, innehatten.
Mit dem Spannungsfeld zwischen juristisch quantifizierendem und individualisiert privatem Charakter von Inventaren sind auch ihre unterschiedlichen temporalen Eigenschaften verbunden. So repräsentieren Inventare nur bedingt lang andauernde Rechtsansprüche. Ihr Zweck im Zusammenhang mit der Wahrung von Bestands- und Eigentumsansprüchen war nach Abschluß von Nachlaßregelungen und Teilungen erfüllt (Löffler, Inventare, S. 123). Für den persönlichen Bereich und als katalogartige Verzeichnisse von Kunstbeständen kam ihnen durchaus dauerhafte Relevanz zu. Dies wird in Nachträgen und Aktualisierungen von Bestandslisten umfangreicher Kunstkammerbestände (Inventar Kaiser Rudolfs II. 1607/11, siehe unten B.IV.) ebenso wie im Interesse an der Illustration der Bestände in Bildinventaren deutlich. Zwischen Nachlaßinventaren, die nach dem Tod des Besitzers verfaßt, einen Bruch in der Beziehung von Besitzer und Objekt darstellen, und den aus eindringlicher Anschauung, Sachkenntnis und methodischen Vorstellungen hervorgegangenen Inventaren höfischer Sammlungen spannt sich der mittelbare und unmittelbare Charakter des Inventars als Quelle zu Ökonomie und Kulturgeschichte.
2. Form und Entwicklung
Während aus dem Früh- und Hochmittelalter grundherrlich geprägte Inventare und vor allem kirchliche Schatzverzeichnisse überliefert sind (Rödel, Inventar; Bischoff, Mittelalterliche Schatzverzeichnisse), erscheinen Inventare, die im weiteren Sinne als Hausratsverzeichnisse zu bezeichnen sind und die die genannten Funktionen als Bestands-, Nachlaß- und Übergabeverzeichnisse erfüllen, erst vereinzelt im 14. Jahrhundert. So markiert das Inventar der Gegenstände, die man nach dem Tod Herzog Ottos von Tirol 1310 im Schloß Tirol fand (Riedmann, Adelige Sachkultur, S. 110-112), einen frühen Zeitpunkt spätmittelalterlicher Überlieferung. Komplexe Inventare entstanden im 14. Jahrhundert an den europäischen Höfen, die über einen anspruchsvollen Verwaltungsapparat verfügten, so am päpstlichen Hof in Avignon und an den französischen Königs- und Fürstenhöfen. Dort wurden die umfangreichen und detaillierten Schatzverzeichnisse König Karls V., Ludwigs I. von Anjou und von 1401 bis 1416 die Inventare des Jean Duc de Berry angelegt (Seelig, Historische Inventare, S. 21f.). Aus dem deutschsprachigen Bereich sind aus dem Verwaltungsschrifttum des Deutschen Ordens seit der Mitte des 14. Jahrhunderts Inventare erhalten, die als Teile von detaillierten Übergabeprotokollen beim Wechsel eines Komturs oder Vogtes der einzelnen Ordenshäuser erstellt wurden. Die ältesten dieser Übergabeverzeichnisse stammen von 1364 (Ziesemer, Ämterbuch, S. XI).
Von der starken Zunahme der Überlieferung im 15. Jahrhundert zeugen die von Oswald von Zingerle zusammengestellten Quellen aus Tirol und Vorarlberg, die, beginnend mit einem Verzeichnis von 1417, 82 Inventare aus dem 15. Jahrhundert aus Burgen, Amts- und Bürgerhäusern aufführen. Während Inventare von kleineren Beständen im 14. und 15. Jahrhundert häufig summarisch und ungegliedert aufgestellt wurden, zeigt sich bei umfangreicheren Inventaren die Tendenz der Gliederung nach Räumen als Inventarisierungseinheiten. So können, wie in den Inventaren, die der Speyrer Bischof Matthias Ramung 1464/65 anläßlich seines Amtsantritts für die Burgen seines Herrschaftsbereichs anfertigen ließ, über die aufgelisteten Gegenstände hinaus Informationen über untergegangene Gebäude und deren Raumeinteilung aus den Verzeichnissen gewonnen werden (Andermann, Inventare, S. 134; Lhotsky, Quellenkunde, S. 97f.).
Neben diese Inventare, die auf die Erfassung sämtlicher Ausstattungs- und Gebrauchsgüter ausgerichtet waren, und die Mobiliar, Waffen, Gerätschaften, Kleidung, Vieh und Nahrungsvorräte erfaßten, traten vermehrt seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die Aufzeichnungen, die speziellen Komplexen wie etwa den Schatzkammerbeständen gewidmet waren. Anschließend an die frühen Schatzinventare der Herzöge von Tirol sind für das erste und zweite Drittel des 15. Jahrhunderts Nachlaßinventare hochadeliger und fürstlicher Herkunft zu nennen, die die reichen Bestände an Edelmetallarbeiten an spätmittelalterlichen Höfen bezeugen, so das 1417 verzeichnete Nachlaßinventar Graf Eberhards des Milden von Württemberg (Fleischhauer, Kleinodien- und Silberbesitz) und das nach dem Tod Herzog Friedrichs von Tirol im Jahr 1439 aufgenommene Inventar von dessen Kleinodien (Schönherr, Kunstbestrebungen). Den Inventaren der Silber- und Kleinodienschätze kam im 15. Jahrhundert immer größere Bedeutung zu, da diese Schätze einen Kern adeligen und landesherrlichen Vermögens bildeten, worauf die den inventarisierten Objekten beigefügten exakten Wertangaben verweisen. Als Dokumente einer verfügbaren Vermögensmasse bezeugen diese Inventare häufig als einzige Belege aufwendig gestaltete Objekte, die durch Einschmelzen verloren gingen.
Der Anlage fürstlicher Schatz- und Silberkammern sowie dem beginnenden Sammlungswesen entsprechen seit dem beginnenden 16. Jahrhundert umfangreiche beschreibende Inventare, die häufig das intensive Interesse an der differenzierten Betrachtung der Objekte in ihrem Kontext erkennen lassen. Kunstkammerinventare erfassen nicht nur eine große Zahl von Gegenständen, sondern klassifizieren sie nach Formen, nach Räumen oder mit enzyklopädischem Interesse nach übergeordneten Sachgruppen. Ein frühes Beispiel für eine Kombination dieser Kriterien stellt das 1524 abgefaßte Inventar des Besitzes der Erzherzogin Margarete von Österreich dar. Die Gliederung von Inventaren nach topographischen Gesichtspunkten, entsprechend dem Gang durch die Räume, kommt der Grundfunktion der Auffindbarkeit der Objekte entgegen und gibt Aufschlüsse über Zusammenstellungen und Präsentationsformen von Sammlungen. So ermöglicht das 1598 nach diesem Prinzip angelegte Inventar der Münchner Kunstkammer der bayerischen Herzöge Albrecht V. und Wilhelm V. eine anschauliche Vorstellung von der Erscheinung der mit etwa 3400 Positionen äußerst umfangreichen Sammlung. Seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts zeigen die Kunstkammerinventare immer deutlicher die Tendenz einer grundsätzlichen Ordnung der Sammlungsobjekte im Sinn eines repräsentativen Spiegels der bekannten Welt (Seelig, Historische Inventare, S. 26).
Eine so bevorzugt an Sachgruppen orientierte, auf eine enzyklopädische Darstellung der Bestände ausgerichtete Form der Inventarisierung bedingte Sorgfalt und ausgeprägte Sachkenntnis der aufzeichnenden Personen. Die Auffindbarkeit der Objekte konnte in solchen Konzepten jedoch erschwert sein. Einen Höhepunkt solch anspruchsvoller Kategorisierungen nach sachlichen Gesichtspunkten stellte das Prager Kunstkammerinventar Kaiser Rudolfs II. von 1607/11 dar, das, mit einem Inhaltsverzeichnis und Randbemerkungen versehen, Orientierungshilfen für den Benutzer beinhaltete. Für Inventare von Spezialsammlungen wie Münz- oder Gemäldesammlungen und für Bibliotheken boten sich andere Formen der Aufzeichnung der Bestände an. So wurden Münzen häufig chronologisch mit Bezug auf die jeweiligen Regenten inventarisiert, während Gemälde nach Künstlern, Schulen oder Darstellungsgegenständen verzeichnet wurden.
Eine besondere Form der Inventare stellen die illustrierten Verzeichnisse dar, deren Gestaltungsbreite von der Textergänzung durch Randillustrationen, wie beim Kunstkammerinventar Kaiser Rudolfs II. von 1607/11 (siehe unten B.I.a, Abb. 13), bis zu bilddominierten Inventaren wie dem der Silberkammer der Fürsten von Lobkowitz (siehe unten B.I.b, Abb. 14) aus den Jahren 1650/60 reichte (Braun, Silberkammer). Das Lobkowitz'sche Inventar läßt durch die mit gelber Höhung bezeichneten vergoldeten Teile der Objekte und die beigefügten Gewichtsangaben das am Materialwert orientierte Interesse der Aufzeichnungen erkennen. Die ältesten überlieferten bildlichen Bestandsverzeichnisse stammen aus dem religiösen Bereich. So zeichnen die seit der Mitte des 15. Jahrhunderts entstandenen Einblattdrucke mit der Darstellung der an einzelnen Wallfahrtsorten vorhandenen Reliquien und die umfangreichen Heiltumsbücher, die die Bestände an Reliquien und Reliquiaren eines Kirchenschatzes in speziellen Text-Bildkombinationen erfassen, alle Eigenschaften von Inventaren aus. Darüber hinaus kamen den Heiltumsbüchern, wie sie 1509 in Wittenberg (siehe unten B.I.c, Abb. 15) und 1520 in Halle entstanden, jedoch weiterreichende Funktionen als Medien der persönlichen Andacht sowie in ihrer Vervielfältigung auch für die öffentliche fürstliche Repräsentation und in ihrem Bezug auf Heiltumsweisungen zu (Merkel, Reliquien).
Auch die für weltliche Bereiche entstandenen Inventare zeigen in ihren aufwendigen Ausgestaltungen, teilweise in Form von Prachtcodices, besondere repräsentative Intentionen. Der Maler Hans Miliech fertigte 1546/55 Pergamentminiaturen der Pretiosen der Herzogin Anna von Bayern an (Meisterwerke Bayerns, S. 44 und S. 115). Die Harnische der Ambraser Rüstkammer wurden 1601/03 in dem illustrierten Kupferstichwerk ›Armamentarium heroicum‹ von Jakob Schrenckh von Notzing detailliert wiedergegeben (Auer, Irblich, Natur und Kunst, S. 45). Ihre weiteste Verbreitung fanden illustrierte Inventare im 18. Jahrhundert in den Gemäldeinventaren, wobei jedoch je nach Aufwand ihrer Anlage häufig das ein Inventar kennzeichnende Kriterium der Vollständigkeit zugunsten einer Auswahl exklusiver Objekte aufgegeben wurde.
Für eine quellenkritische Betrachtung der Inventare ist generell der Aspekt einer bewußten oder unbewußten Auswahl der inventarisierten Objekte einzuräumen. Objekte, deren Wert die aufzeichnenden Personen gering erachteten oder in der Absicht der Verkleinerung oder Wertminderung des Bestandes verschwiegen, konnten der Inventarisierung ebenso entgehen wie im Bereich des Hausrats die Verwahrmöbel von Objekten und fest installierte Möbel wie Sitzbänke und Kamine sowie mit den Wänden verbundene Dekorationen (Löffler, Inventare, S. 126f; Andermann, Inventare, S. 141f.). Objekte aus dem direkten persönlichen Gebrauch wie Andachtsbücher oder ständig getragener Schmuck wurden nur bedingt erfaßt. Für den Vergleich von Inventaren ist zu bedenken, daß die Inventarisierungen kaum je nach einheitlichen Grundsätzen durchgeführt wurden. Dies belegen die Burgeninventare des Speyrer Bischofs Matthias Ramung von 1464/65, die unter gleicher Intention stark in Umfang und Gliederung differieren.
Dennoch vermitteln diese Quellen in ihrer Unterschiedlichkeit einen Eindruck der materiellen Lebensbedingungen auf diesen mittelalterlichen Burgen, indem sie nicht nur Kenntnisse über die Existenz einzelner Objekte, sondern deren Erscheinung als kontextbezogene Elemente eines Ensembles erschließen lassen. In der Gesamtsicht stellen schriftliche und bildliche Inventare angesichts des weitgehenden Verlustes originaler materieller Zeugnisse und des Fehlens anderer Dokumentationsträger die zentralen Überlieferungsmedien materieller Kultur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit dar.
B.
I. Abbildungen
II. Übergabeverzeichnis der Deutschordenskomturei Althaus aus dem Jahr 1364
Im deutschen Ordensstaat verlangten die Statuten beim Wechsel eines Komturs oder Vogtes die Anfertigung eines Übergabeprotokolls, das lebendes und totes Inventar ebenso wie den Bestand an Bargeld und ausstehende Forderungen eines Hauses dokumentierte. Die Aufnahmen wurden in doppelter Ausführung auf sog. Kerbzetteln oder in Heftchen niedergelegt, von denen ein Exemplar bei dem betreffenden Amt verblieb, während das andere an das Haupthaus Marienburg gesandt wurde, um dort in das gemeinsame buch der ampte eingetragen zu werden, das so einen Überblick über alle Bestände der einzelnen Gebiete ermöglichte.
Eines der beiden ältesten Übergabeverzeichnisse des Ämterbuches aus dem Jahr 1364 überliefert noch ohne genaue Datumsangabe für die Komturei Althaus den Bestand an Geld und Schulden. Es differenziert die Bestände weiterhin vorrangig topographisch nach Vorräten im Keller, nach Waffen sowie nach den Räumen Stall, Küche und Viehhof.
Aldehus anno 64.
In den jaren unsers herren 1364 tet bruder Rabe von Papenheym bruder Reynhart vom Rode dem kompthur czum Aldenhuse dese rechinschafft:
Czum ersten 280 m. an gereitem gelde, item an gewisser schult 170 m. item an bereitem korne 21 ½ leste, item an schultkorne 12 ½ last. Item im kellir: 250 scheffel malczis, item 2000 scheffel hoppen, item 650 scheffel habir, item 90 scheffel erweis. Item an harnasch: 9 platen, item 10 helme, item 5 pekilhuben, item 15 isenhute, item 9 panczir, item 17 ruckarmbroste, item 1 stegereiffarmbrost. Item in des kompthurs stalle: 5 ros, item 6 knechtepfert, item 12 waynpfert, item 3 sweiken, item 1 schog kobiln minus 1 kobil, item 16 volen von 1 und von 2 und von 3 jaren, item 16 kobiln von 1, von 2 und von 3 jaren. Item in der kochen: 2 schog und 9 flicken, item 2000 kese, item 3 tonnen pottir. Item im vihoffe: 200 houpt rintvies ane 6 houpt jung und alt, item 2 schog junger swyn. item obir desir rechinschafft ist der kompthur von der Swecze.
Das Große Ämterbuch des deutschen Ordens, S. 495.
III. Nachlaßinventar der Kleinodien Herzog Friedrichs IV. von Österreich vom 11. August 1439 (in Auszügen)
Das Inventar verzeichnet den Nachlaß der Kleinodien des am 24. Juni 1439 verstorbenen Herzogs Friedrich IV. von Österreich, wie er am 11. August 1439 bei der Besichtigung der Schatzkammer in Anwesenheit des späteren Kaisers Friedrich III. und weiterer Zeugen aufgenommen wurde. Dem Inventar kommt als dem ältesten erhaltenen Kleinodienverzeichnis der Habsburger besondere Bedeutung zu, zumal es einen Schatz von außergewöhnlichem Umfang sowie großer materieller und kunsthandwerklicher Kostbarkeit bezeugt. Die Objekte sind weitgehend nach Sachgruppen geordnet, teilweise detailliert beschrieben, jedoch mit keinerlei Angaben zu Verwahrorten und –vorrichtungen versehen. Aufgezählt werden zunächst als Schmuckstücke Hals- und Armbänder, danach Broschen, Ringe, Objekte des religiösen Gebrauchs, gefolgt von silbernem und goldenem Tischgerät. Das mit Wertangaben versehene Geschirr repräsentierte zusammen ein Gewicht von 1272 Mark. Abschließend werden ungemünztes Silber, 4655 Dukaten, 44 500 rheinische Gulden sowie mehrere Schuldscheine verzeichnet.
Nota. Die nachgeschriben klainat, so vnser herr herzog Fridreich der elter gelassen hat, sind besichtet vnd verschriben worden in gegenwurtikait vnsers gnedigen herren herzog Fridreichs vnd herzog Sigmunds, herrn Georgen, bischofen zu Brixen, herrn Conrats von Kreyg hofmaister, herrn Hansen Vngnaden marschalch, Hansen Velsekger vnd Jörgen Metzner.
Von erst ain guldein halspant mit sechzehen gesmuckten hefftlein von edelm gestain vnd perlein, ains als das ander.
Item ain guldein frawn gürtl mit gesmelzten weissen röslein mit etweuil edelm gestain vnd perlein.
Item zway guldein halspenntl in ainer form geschubt, mit etweuil perl vnd yeds mit ainem saffir.
Item aber ain guldein halspant mit rubin vnd perl.
Item sybenvndnewnzig guldein ring mit rubin an ainem guldein pörtlein.
Item aber ain slechts guldeins smals halspant von rubin, smaragden vnd perlein. […]
Item ain guldein gesmukts hefftel mit ainem micheln pales, vnd ainem saffir darob vnd sechs grossen perl.
Item ain guldein hefftel mit zwain saffirn mit ainem pales, mit ainem prustpild vnd mit ainer grossen perl.
Item ain guldein hefftel mit ainem rubin, ainem saffir, ainem dyamant, mit ainem prustpild gesmelzt vnd vier perl. […]
Item ain krewz mit ainem sardyn mitten darinn, mit vier perl innen im krewtz.
Item aber ain krewtz vnden mit ainem geekten saffyr, neben mit zwain palesen, zwelf perl darumb, mitten ain carniol mit ainem weissen angesicht. […]
Item silbrain köph, pecher vnd gürtl, vergolt, wegent hundert sechs mark, drewzehen lot wiennisch gewicht.
Item silber schüssel, koph vnd pecher vnd gloken gürtl, peck vnd schaln unuergolt wegent hundertachtvndfumfzig mark, drewzehen lot.
Item koph, gross vnd klain, patenn, natterzungen, vergolt, wegent achtvndfumfzig mark fumf lot wiennisch gewicht. […]
Nota so hat man das silber gewegen in den siben vesslein, das hat an der wag wiennisch gewichts sechsvndvierzig zenten, sechsvndachtzig pfunt vnd acht lot.
Item unger vnd ducaten viertawsend sechshundert fumfvndfumfzig.
Item reinischer guldein viervndvierzig tawsent fumfhundert.
Item vnd vier tawsent reinischer guldein die vnserm herrn herzog Fridreichen vor als in lehensweis geantwurt sind.
Item dem von Brixen gelihen zwaytawsent unger vnd ducaten. […]
Schönherr, Kunstbestrebungen,
Anhang I, S. 202-208. hier S. 202, 207, 208.
IV. Kunstkammerinventar Kaiser Rudolfs II. von 1607-1611 (in Auszügen)
Das Inventar stellt das Verzeichnis des Inhalts der Prager Kunstkammer Kaiser Rudolfs II. dar, das, im Jahr 1607 angelegt, in den Jahren 1608 bis 1611 laufend um Neuzugänge ergänzt wurde. Das Verzeichnis gibt als zu Lebzeiten des Kaisers entstandenes Inventar Einblick in die Sammeltätigkeit Rudolfs II. bis kurz vor seinem Tod am 20. Januar 1612. In seiner enzyklopädischen Anlage, bei der die Objekte nicht topographisch nach Verwahrorten, sondern in Gruppen und einzelnen Kapiteln entsprechend ihrer sachlichen und materiellen Zugehörigkeit verzeichnet und detailliert beschrieben sind, wurde das Inventar als literarisches Zeugnis des geistigen Konzepts der persönlich geprägten Sammeltätigkeit Rudolfs II. gewertet. Die Gliederung wurde nach den drei Oberthemen naturalia, artificialia und scientifica vorgenommen. Weitere bedeutende Bereiche des kaiserlichen Kunstbesitzes wie Prunkwaffen, Tapisserien und Gemälde sind nicht im Inventar aufgenommen. Entsprechend den Kriterien der Zugehörigkeit konnte derselbe Gegenstand mehrfach Erwähnung finden. Dem Problem der durch dieses System erschwerten Auffindbarkeit begegnet das Inventar mit am Rand vermerkten Lokationsverweisen und dem Register der einzelnen Objektgruppen. Für den Umfang von insgesamt 414 gebundenen, zum geringen Teil leer gebliebenen Blättern nummeriert die Edition 2814 teilweise umfangreiche Positionen. Als Verfasser des Inventars gilt der kaiserliche miniatormahler und antiquarius (Inventar S. XXII) Daniel Fröschl, von dem sowohl einige in der Ich-Form geschriebene Bemerkungen als auch die zahlreichen Randzeichnungen zeugen, die zusätzlich zur Identifizierung einzelner Gegenstände beitragen.
[fol. 1r] Vonn Anno 1607.
Verzaichnus was in der Röm: Kay: May: Kunstcammer gefunden worden, und Erstlich
Allerley köstliche Hörner und Gebain.
1 einhorn, gantzer lenge.
Renotzerhörner.
a. 1 schön gantz rhenotzerhorn, in einem vergulten lidern futral.
b. 1 kleiners nit gar aussgewachsenes stumpfes rhenotzerhorn, in einem schwartz lidern futral oder seckhel.
c. 1 ander junges rhenotzerhorn, in rott sametinem futral.
d. 1 anders noch jungers, darauff hinden am ansatz verzaichnet 250. Δ sol.
e. 1 kurtz kumpfets rhenotzerhorn. […]
[fol. 97v] von helffenbain und ebano – gedrechselte Sachen.
72. Ein geschirrlin von helffenb: mit 8 meulern, inwendig ligt die zierd, so oben uf den deckel gehört, Pilsen.
73. Ein helffenb: 8-rundlaffender becher, vom hertzog von Braunschweig Ihr. May: verehrt, Ao. 1607.
74. Ein kunststückl, so h: von Braunschweig Ihr May: verehrt, ist von helffenbain, Ao. 1607.
75. Ein straussenay mit ablang von helffenbain gedrehtem fueß.
76. Ein geschirrlin auß indianischem dattelkern gedreht, von burgermaister Schachtman vonn Dantzig verehrt, Ao. 1607. […]
[fol. 140r] Porcelanae becherlein mit gold gemalt und aussen rott.
81. Ein tieffes schälein oder becherlein von porcelan, ist aussen rot und mit gold gemalt.
82. 83. Zwey kleine solche obgemelte becherlein, aussen rot und mit gold gemalt.
(fol. 142 r) Porcelanen becherlein ohne farben, allein mit gold gemalt.
84. 85. 86. Drey zimblich grosser becherlein, aussen mit gold gemalt.
87. 88. 89. Drey andere obigen gleichmessige aber kleinere becherlin, aussen mit gold gemalt.
90. 91. 92. 93. 94. 95. Sechs noch kleinere becherlin, aussen mit gold gemalt. […]
[fol. 344r] Uhrwerck von bildern und andern kurtzweyligen sachen.
425. Ein dockenwerckh, so man aufzeucht wie ein uhr, ist in einem grienen kästlin, ein pfeiffer, ein trommelschlager und ein landtsknechtin, recht beklaidet und thut jedes sein wesen.
426. Ein jung knäblin in einem langen röckhlin beklaidet, welches man auch wie ein uhr aufzeucht, schlegt natürlich die trummel und geht umbher.
427. Ein messin vergulten hund ligendt mit uhrwerck, ligt uff ebenim kestlin, riert die augen, dabey ein Türck, zaigt mit seinem stab die stund, hatt ein schlagwerckh vom Jerg Frommüller.
428. Ein messing vergultte schiltkrott, die durch uhrwerckh auch geht, vom Frommüller. […]
Kunstkammerinventar Kaiser Rudolfs II., S. 4, 51, 61, 113, 114
(vgl. dort auch den textkritischen Apparat).
C.
Quellen
Andermann, Kurt: Die Inventare der bischöflich speyerischen Burgen und Schlösser von 1464/65, in: Mitteilungen des historischen Vereins der Pfalz 85 (1987) S. 133-176. – Braun, Edmund Wilhelm: Die Silberkammer eines Reichsfürsten (Das Lobkowitz'sche Inventar). Werke deutscher Goldschmiedekunst der Spätgotik und Renaissance, Leipzig 1923. – Fleischhauer, Werner: Der Kleinodien- und Silberbesitz der württembergischen Grafen im frühen 15. Jahrhundert, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 35 (1972) S. 54-68. – Das Große Ämterbuch des deutschen Ordens, hg. von Walther Ziesemer, Danzig 1921, ND Wiesbaden 1968. – Das Hallesche Heiltumbuch von 1520, Nachdruck zum 450. Gründungsjubiläum der Marienbibliothek zu Halle, hg. und mit einem Nachwort versehen von Heinrich L. Nickel, Halle 2001. – Inventar der Kleinodien des Herzogs Friedrich 1439, in: Schönherr, David: Die Kunstbestrebungen Erzherzogs Sigmund von Tyrol. Nach Urkunden und Acten des k. k. Statthalterei-Archivs in Innsbruck, in: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen des allerhöchsten Kaiserhauses 1 (1883) S. 182-212, Anhang I., S. 202-208. – Inventar des Kunstbesitzes der Erzherzogin Margarete: Inventar des gesammten Besitzes der Erzherzogin Margarethe, Tochter Kaisers Maximilian, an Kunstgegenständen und Büchern, in: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen des allerhöchsten Kaiserhauses 3 (1885) Reg. Nr. 2979, S. XCIII-CXXIII. – Inventar des Nachlasses Herzog Ottos von Tirol 1310, in: Mayr-Adlwang, Michael: Regesten zur tirolischen Kunstgeschichte von der ältesten Zeit bis zum Jahre 1364, in: Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg 3 (1898) S. 117-203, Reg. 339, S. 166-168. – Die Inventare des päpstlichen Schatzes in Avignon 1314-1376, hg. von Hermann Hoberg, Vatikanstadt 1944. – Johann Baptist Fickler, Das Inventar der Münchner herzoglichen Kunstkammer von 1598, Editionsband, Transkription der Inventarhandschrift cgm 2133, hg. von Peter Diemer in Zusammenarbeit mit Elke Bujok und Dorothea Diemer, München 2004. –Kunstkammerinventar Kaiser Rudolfs II., 1607-1611, hg. von Rotraut Bauer und Herbert haupt, in: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen in Wien 72. NF 36 (1976) S. 1-140. –Mittelalterliche Inventare aus Tirol und Vorarlberg mit Sacherklärungen, hg. von Oswald von Zingerle, Innsbruck 1909. – Mittelalterliche Schatzverzeichnisse. 1. Tl.: Von der Zeit Karls des Großen bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, hg. vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte in Zusammenarbeit mit Bernhard Bischoff, München 1967. – Wittenberger Heiltumsbuch, Faksimile-ND der Ausgabe Wittenberg 1509, Unterschneidheim 1969.
Literatur
Auer, Alfred, Irblich, Eva: Natur und Kunst. Handschriften und Alben aus der Ambraser Sammlung Erzherzog Ferdinands II. (1529-1595). Katalog der Ausstellung des Kunsthistorischen Museums und der Österreichischen Nationalbibliothek in Schloß Ambras, Wien 1995, S. 95, Nr. 4. – Eichberger, Dagmar: Leben mit Kunst. Wirken durch Kunst. Sammelwesen und Hofkunst unter Margarete von Österreich, Regentin der Niederlande, Turnhout 2002. – Frankenburger, Max: Die Silberkammer der Münchner Residenz, München 1923. – Ketelsen, Thomas: Künstlerviten, Inventare, Kataloge. Drei Studien zur Geschichte der kunsthistorischen Praxis, Ammersbek 1990. – Klapsia, Heinrich: Von Kunstkammer-Inventaren. Versuch einer quellenkritischen Grundlegung, in: Mitteilungen des österreichischen Instituts für Geschichtsforschung 49 (1935) S. 444-455. – Kurzel-Runtscheiner, Monica: Glanzvolles Elend. Die Inventare der Herzogin Jacobe von Jülich-Kleve-Berg (1558-1597) und die Bedeutung von Luxusgütern für die höfische Frau des 16. Jahrhunderts, Wien u. a. 1993. – Lhotsky, Alphons: Die Geschichte der Sammlungen, 1. Hälfte von den Anfängen bis zum Tode Kaiser Karls VI. 1740 (Festschrift des Kunsthistorischen Museums zur Feier des fünfzigjährigen Bestandes, 2. Tl.), Wien 1941-45. – Lhotsky, Alphons: Quellenkunde zur mittelalterlichen Geschichte Österreichs, Graz u. a. 1963 (Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Ergänzungsbd. 19). – Löffler, Peter: Inventare. Historische Entwicklung und rechtliche Grundlagen, in: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 23 (1977) S. 120-131. – Luchner, Laurin: Denkmal eines Renaissancefürsten. Versuch einer Rekonstruktion des Ambraser Museums von 1583, Wien 1958, mit Abdruck des Inventars von 1603. – Mannheims, Hildegard, Roth, Klaus: Nachlaßverzeichnisse. Internationale Bibliographie. Probate Inventories. International Bibliography, Münster 1984 (Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, 39). – Meisterwerke Bayerns von 900-1900. Kostbarkeiten aus internationalen Sammlungen zu Gast im Bayerischen Nationalmuseum, hg. von Renate Eikelmann, München 2000, S. 42-44, 115. – Mely, Fernand de, Bishop, Edmund: Bibliographie générale des inventaires imprimés, 3 Bde., Paris 1892-95. – Merkel, Kerstin: Die Reliquien von Halle und Wittenberg. Ihre Heiltumsbücher und Inszenierung, in: Cranach. Meisterwerke auf Vorrat. Die Erlanger Handzeichnungen der Universitätsbibliothek, hg. von Andreas Tacke, München 1994 (Schriften der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, 25), S. 37-50. – Probate Inventories. A new source for the historical study of wealth, material culture and agricultural development, hg. von Ad van der Woude und Anton Schuurman, Utrecht 1980. – Riedmann, Josef: Adelige Sachkultur Tirols in der Zeit von 1290 bis 1330, in: Adelige Sachkultur des Spätmittelalters. Internationaler Kongreß Krems an der Donau 22. bis 25. September 1980, Wien 1982 (Veröffentlichungen des Instituts für Mittelalterliche Realienkunde Österreichs, 5), S. 105-131. – Rödel, Dieter: Art. »Inventar«, in: Lexikon des Mittelalters V, 1990, Sp. 474-475. – Seelig, Lorenz: Historische Inventare. Geschichte, Formen, Funktionen, in: Sammlungsdokumentation. Geschichte, Wege, Beispiele, hg. von Walter Fuger und Kilian Kreilinger, München u. a. 2001, S. 21-35.