Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Neustadtgödens

Neustadtgödens

(1, 2) N. war Zentralort der kleinen Herrlichkeit (d.h. der kleinräumigen, selbständigen in Ostfriesland mehrmals vorkommenden Häuptlingsherrschaft) Gödens, die an der sog. Etzeler Bucht und am Schwarzen Brack am Rande des heutigen Jadebusens liegt, einem Gebiet, das im Laufe des Mittelalters und der frühen Neuzeit durch Überflutungen und Eindeichungen starken Veränderungen unterlag, was die Bildung größerer Machtkomplexe erschwerte. Die Herrlichkeit Gödens umfasste nur wenige Dörfer und Hofstellen. Als »Godinge« wird eine Siedlungsstelle (wohl Altgödens) 1158 in einer Papsturkunde für das Kloster Rastede genannt. Die Häuptlingsherrschaft Gödens entstand wohl schon im 14. und 15. Jahrhundert, erstmals werden die Häuptlinge 1425 genannt. Deren Sitz war ein wohl um 1400 erbautes Steinhaus in Altgödens. 1481 erbte Häuptling Hicko von Oldersum Gödens und verband sich mit den Cirksena, den Grafen von Ostfriesland. Nachdem das Steinhaus Altgödens während der sächsischen Fehde 1514-1517 zerstört worden war, wurde um 1517 etwas nördlich davon ein Schloss erbaut. Eindeichungsmaßnahmen boten den Häuptlingen eine gute Möglichkeit zur Ausweitung bzw. Festigung ihrer Herrschaft, da das eingedeichte Land der Landesherrschaft zufiel. So war ein größeres Eindeichungsprojekt der Herrin von Gödens, Hebrich von Oldersum (†1571) aus dem Geschlecht der Inn- und Kniphausen, entscheidend für die Entwicklung des Ortes N., etwa zwei Kilometer südöstlich des Schlosses zu Gödens gelegen. Die Eindeichung bedeutete u.a. die Anlage eines neuen Siels 1544, an dem die Siedlung »Sielehusen« entstand, aus der der spätere Flecken N. hervorging. Seit dem 16. Jahrhundert wird der Ort »Niestadt«, »Olde Goedens und Neystatt« bzw. »Gödens« oder »Neustadt-Gödens« genannt. Gezielt förderte die Herrschaft die Ansiedlung von Fachleuten für Deichbau und Handwerk. Zu den ersten Siedlern gehörten Spezialisten für Deich- und Wasserbau aus den Niederlanden sowie Glaubensflüchtlinge (Täufer und Mennoniten). Die tolerante Siedlungspolitik der Herren von Gödens ließ auch eine Niederlassung von Lutheranern, Reformierten, Katholiken und Juden (ab 1644) in N. zu. Die Familie von Gödens gehörte dem calvinistisch-reformierten Glauben an. Als die Herrlichkeit 1574 an Harro von Frydag fiel, der mit einer Katholikin verheiratet war, blieb die Herrlichkeit dennoch evangelisch-reformiert. Dieses Nebeneinander der verschiedenen Konfessionen innerhalb der Gf.enfamilie machte sicherlich die religiöse Vielfalt in N. möglich. 1746 erbten die von Wedel (1776 in den Gf.enstand erhoben) die Herrlichkeit Gödens, in deren Besitz das Schloss noch heute ist. Sie übertrugen 1836 die Patrimonialgerichtsbarkeit und alle weitere Herrlichkeitsrechte an die hannoversche Regierung in Aurich.

(3, 4, 5) Die verkehrsgünstige Lage mit einem Zugang zum Meer machte den Ort schnell attraktiv. Die Leinenweberei und die Kontakte in die Niederlande haben die Tuchherstellung und -vertrieb zum bedeutendsten Wirtschaftszweig gemacht. Die Eindeichung des »Schwarzen Bracks« (einer Meeresbucht) ab 1615 und der von der Grafschaft Oldenburg vorangetriebene Bau des Ellenser Dammes (1576-1615) schnitten in den Folgejahren N. vom Zugang zum Jadebusen und damit zum Nordseehandel ab. Die starke Prosperität der ersten Gründungsjahre stagnierte in der Folgezeit (1750: 811 Einwohner). Der Ausbau des Ortes erfolgte vorwiegend im 17. und 18. Jahrhundert im niederländischen Baustil. Die verschiedenen Konfessionen und Religionen errichteten ihr je eigenes Gotteshaus, allerdings erst in der Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs. Auch heute noch machen sie die Besonderheit des kleinen Ortes aus. Die lutherische Pfarrkirche wurde 1695 als Saalkirche mit Apsis erbaut. Es folgten die katholische Kirche 1714 und die Kirche der Reformierten 1715 (alle Ziegelbauten). Die Mennoniten erhielten 1741 ihr Gotteshaus und die Synagoge wurde 1752 erstmals erwähnt. Jede der Gemeinden unterhielt überdies einen eigenen Friedhof und eine Schule. Der jüdische Friedhof wurde außerhalb des Ortes auf halber Strecke in Richtung Schloss Gödens errichtet. Einige Konfessionen, wie z.B. die Reformierten und Mennoniten, unterhielten zeitweise gemeinsam ein Schulhaus bzw. nahmen auch Kinder anderer Glaubensrichtungen auf. Zuvor war die Kirche in Dykhausen (zwei Kilometer nördlich von Schloss Gödens, etwa vier Kilometer nordwestlich von N.) das geistliche Zentrum der Herrlichkeit. Hier hatten die Herren von Gödens im 16. Jahrhundert ihre Grabstätte. Neben der Organisation der Einwohner in ihren Kirchen- bzw. Synagogengemeinden bildeten sich keine ratsähnlichen oder Selbstverwaltungsgremien. Die Herren von Gödens und später die Freiherren bzw. Reichsgf.en von Frydag hatten die Gerichtshoheit im Ort und errichten im 17. Jahrhundert ein Landrichterhaus. Trotz des Namens »Neustadt« hat N. keinen städtischen Charakter ausgebildet, verblieb aber nach dem wirtschaftlichen Niedergang im 18. Jahrhundert immerhin als ein Ort mit einer starken Handwerker- und Kaufmannschaft. Hervorzuheben ist, dass sich Schloss Gödens etwa zwei Kilometer nordwestlich des Fleckens befindet. Das Schloss wurde im frühen 16. Jahrhundert als Zweiflügelanlage im Renaissancestil erbaut.

(6) N. lässt sich als Flecken zu den Residenzstädten im weiten Sinn rechnen. Bemerkenswert ist die konfessionelle Toleranz, die die Herren zu Gödens an den Tag legten, die zu einem dynastisch motiviert war, zum anderen die Ansiedlung von Glaubensflüchtlingen ermöglichte, was dem kleinen, zeitweise als Gewerbe- und Hafenort fungierenden Flecken eine wirtschaftliche Dynamik verlieh, die so stark war, dass der Verlust des Zugangs zur Nordsee nicht zur Aufhebung des Orts führte.

(7) Die ungedruckte Überlieferung befindet sich im Niedersächsischen Landesarchiv (Abteilung Aurich), Bestände Rep. 15, 48, 103, 235.

(8)Hegenscheid, Enno: Die Mennoniten und Neustadtgödens, Gödens 1985 (Am Schwarzen Brack, 2). - Hegenscheid, Enno, Knöfel, Achim: Die Juden in Neustadtgödens, Neustadtgödens 1988 (Am Schwarzen Brack, 5). - Salomon, Almuth: Herrschaftsbildungen und Machtkämpfe im Silland vom Spätmittelalter bis zum frühen 17. Jahrhundert, in: Oldenburger Jahrbuch 94 (1994) S. 1-85. - Hafermann, Klaus: Die außergewöhnliche Geschichte der 300jährigen lutherischen Kirche in Neustadtgödens, Neustadtgödens 1995 (Am Schwarzen Brack, 9). - Nöldeke, Ingeborg: Von den Boings zu den Wedels. Häuptlinge, Freiherrn und Grafen als Besitzer der Herrlichkeit Gödens von 1430 bis 1788, in: Oldenburgische Familienkunde 42, 1 (2000) S. 133-164. - Görlich, Lothar: Die katholische Kirchengemeinde Neustadtgödens. Berichte und Dokumente aus 400 Jahren, Neustadtgödens 22004. - Parisius, Bernhard: Gödens, eine Herrlichkeit in Ostfriesland, in: Tota Frisia in Teilansichten. Hajo van Lengen zum 65. Geburtstag, hg. von Heinrich Schmidt, Wolfgang Schwarz und Martin Tielke, Aurich 2005, S. 355-363. - Düselder, Heike: Schloss Gödens. Geschichten einer Herrlichkeit, Gödens [2008]. - Eckhardt, Albrecht: Art. »Gödens«, in: Oldenburgisches Ortslexikon, hg. von Albrecht Eckhardt, Bd. 1, Oldenburg 2010, S. 356-358, und Ders. zusammen mit Tautz, Joachim: Art. »Neustadtgödens«, in: ebd., Bd. 2, S. 716-718.

Antje Sander