Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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POMESANIEN, BF.E VON

I.

Bf.e von P. (Ebm. → Riga) ab 1254 mit Amtssitz in Marienwerder und ab etwa 1330 mit Res. in Riesenburg, bis 1527 Landesherren.

Herrschaftsgebiet: Der Anteil der Bf.e am pomesan. Stiftsgebiet umfaßte ein geschlossenes Territorium von etwa 600 qkm östl. der Weichsel im Deutschordensland Preußen (→ Deutscher Orden) um die Städte Marienwerder und Riesenburg.

II.

Das Bm. P. wurde 1243 durch den päpstl. Legaten Wilhelm von Modena begr. Als erster Bf. ist Anfang 1249 der Dominikaner Ernst gen., der 1250/54 bei der Teilung der Diöz. mit dem → Deutschen Orden das westl. Drittel um die pruß. Landschaft Resia als Stiftsgebiet mit allen landesherrl. Rechten erhielt und die 1233 gegründete Stadt Marienwerder zum Kathedralort bestimmte.

Aufgrund der anhaltenden Kämpfe mit den heidn. Prußen weilten Ernst und sein Nachfolger Albert (1259-86) zumeist außerhalb ihrer Diöz. und wirkten als Weihbf.e im Reich. 1284/85 stiftete Albert am Dom zu Marienwerder ein Kapitel aus Priesterbrüdern des → Deutschen Ordens und übertrug ihm den Besitz der Kathedralkirche sowie ein Drittel seines Territoriums mit allen landesherrl. Rechten. Die Aufteilung des Stiftsgebietes, bei der das Domkapitel den östl. Teil um die spätere Stadt Rosenberg erhielt, erfolgte aber erst unter den Bf.en Heinrich (1286-1302) und Christian(1303-08/09). Ihr ging 1294 eine genaue Abgrenzung mit dem Territorium des → Deutschen Ordens voraus.

Die Besiedlung und Erschließung des bfl. Landes schritt im 14. Jh. zügig voran. Um 1400 umfaßte das Bischofsterritorium fünf Städte (Marienwerder, Riesenburg, Garnsee, Freystadt, Bischofswerder) und etwa 80 Güter und Dorfsiedlungen mit insgesamt 32 Kirchspielen. Die bfl. Burg vor der Stadt Marienwerder wurde seit den 1330er Jahren als Res. zunehmend von dem neu erbauten Schloß in Riesenburg abgelöst.

Die wiederholten krieger. Auseinandersetzung des → Deutschen Ordens mit Polen-Litauen ab 1410 beendeten den wirtschaftl. Aufschwung, der unter Bf. Johann Mönch (1377-1409) seinen Höhepunkt erreicht hatte. Die 1454-66 andauernden Kämpfe gegen die mit Polen verbündeten Stände führten zu einer weitgehenden Verwüstung des Landes. Im Zweiten Thorner Frieden wurde das Bm. P. 1466 polit. geteilt: das Stiftsgebiet und die östl. Gebiete verblieben unter der Herrschaft des → Deutschen Ordens, während die nördl. Teile der Diöz. mit dem Gebiet um Marienburg zumPreußen kgl. Anteils unter die Aufsicht der Krone Polen kamen. Der Sekretär des poln. Kg.s, Wincenty Kiełbasa, erhielt auf Lebenszeit die Administration des Bm.s (1467-78).

Zu einer allmähl. wirtschaftl. Erholung des Stifts kam es erst unter den Bf.en Johann IV. (1480-1501) und Hiob von Dobeneck (1502-21): 1495/96 übernahm Johann IV. vom → Deutschen Orden die an Söldnerhauptleute verpfändeten Orte Zinten und Kreuzburg im O des Ordenslandes mit einigen umliegenden Besitzungen und löste sie aus. Anstelle des fern vom Hochstift liegenden Zinten verschrieb bzw. verpfändete der Hochmeister Bf. Hiob von Dobeneck 1513/18 Gebiet und Schloß Preußisch Mark samt der Kammerämter Liebemühl, Deutsch Eylau und Dollstädt. Für das ferne Kreuzburg erhielt Hiob 1518auf Lebenszeit das Amt Mohrungen. Die neuen Besitzungen schlossen sich im O an das Stiftsgebiet an und verdoppelten kurzzeitig die territoriale und wirtschaftl. Basis des pomesan. Bf.s. Ab 1515 sind mehrere Aufenthalte Hiob von Dobenecks in seinen neuen Territorien, v. a. auf der Burg Preußisch Mark belegt, die durch einen Hauptmann verwaltet wurde.

Bf. Erhard von Queiß (1523-29) führte 1525 in P. die Reformation ein und übertrug das Stiftsterritorium 1527, zwei Jahre nach der Säkularisierung des Ordensstaates, an Hzg. Albrecht von Preußen.

Über den Hof und die weltl. Verwaltung der Bf.e von P., die zumeist Priesterbrüder des → Deutschen Ordens waren, sind nur wenige Nachrichten überliefert.

In Vertretung des Bf.e war der Offizial für die geistl. Jurisdiktion und die Aufsicht über die kirchl. Angelegenheiten der gesamten Diöz. zuständig. Das Amt ist seit 1321 belegt und wurde bis 1371 ausschließl., später nur noch vereinzelt von einem Domherrn versehen. Archidiakone und Weihbf.e sind in P. bis zur Reformation nicht belegt. Die weltl. Verwaltung des bfl. Territoriums, die Wirtschaftsführung, die Aufsicht über die Landgerichte in Marienwerder und Riesenburg sowie die Strafverfolgung und die milit. Belange lagen in den Händen eines Vogtes (advocatus),der gewöhnl. aus den Reihen der Ritterbrüder des → Deutschen Ordens stammte. Das Amt eines bfl. Komturs (commendator episcopi), das nur 1257 belegt ist, scheint noch aus der älteren Ordensverwaltung vor der Teilung des Territoriums übernommen worden zu sein.

Seit Beginn des 15. Jh.s werden unter den Zeugen der bfl. Urk.n regelmäßig zwei Kapläne aus dem Hofklerus des Bf.s herausgehoben, deren Wirken aber wohl ganz auf geistl. Aufgaben innerhalb der Schloßkapellen beschränkt blieb. Erst unter Bf. Hiob von Dobeneck ist ab 1504 das Amt eines Kanzlers bezeugt, der als polit. Berater und persönl. Sekretär des Bf.s diente.

Der erste notarius der bfl. Kanzlei erscheint 1293. Seit den 1370er Jahren bis zur Mitte des 15. Jh.s haben zumeist mind. zwei Schreiber gleichzeitig in den Diensten der Bf.e gestanden (1402 ist einmalig der Titel prothonotarius belegt). Sie waren häufig zugl. öffentl. Notare und stammten mehrheitl. aus dem Lande selbst.

Für die engere bfl. Hofverwaltung waren im 14. Jh. wohl die seit 1338 bezeugten Hauskomture (vicecommendator) in Marienwerder und Riesenburg zuständig. Das Amt wurde aus der Verwaltungsstruktur des → Deutschen Ordens übernommen und zunächst von Ritterbrüdern, seit 1362 zumeist von pomesan. Domherren bekleidet. Die Aufgabe des Hauskomturs könnte ursprgl. die Leitung des Deutschordenskonvents in der Burg des Bf.s bei Marienwerder gewesen sein. In den dreißiger und vierziger Jahren des 14. Jh.s lassen sich dort bis zu sieben Ritterbrüder gleichzeitig alsInhaber verschiedener Hausämter nachweisen, die auch aus der Verwaltungsorganisation preuß. Deutschordenskonvente bekannt sind: Kellermeister (magister cellarii), Karwansherr (magister carvanorum), Schmiedemeister, Küchenmeister (magister coquine), Mühlmeister (magister molendinus), Maurermeister (magister murorum), Pferdemei-ster (magister equorum) und Zimmermeister (magister carpentariorum). Der bfl. Hauskomtur ist bis 1446 nachweisbar.

Für die bfl. Res. in Riesenburg lassen sich dagegen nur vereinzelt Ritterbrüder des → Deutschen Ordens in Hausämtern belegen. 1376/78 ist für die Burg ein Pfleger (provisor) gen., 1386-99 erscheint ein Waldmeister, 1389-1405 wird das Amt des Kellermeisters erwähnt. Für die Zeit um 1415 ist für einen Ritterbruder der Titel eines »Burggrafen zu Riesenburg« bezeugt; der Amtstitel erscheint 1396-1403 sowie 1497 für den Verwalter des Riesenburger und 1417 bzw. 1497/99 auch für den Vorsteher des Marienwerder Bischofsschlosses.

Aus dem Kreis des engeren Dienstpersonals des Bf.s sind seit der zweiten Hälfte des 14. Jh.s verschiedene Diener (domicellus, seit Ende des 15. Jh.s mind. zwei nebeneinander, im 16. Jh. auch »Hofdiener«), das Amt des Kämmerers (seit 1363) und zahlr. »Familiaren« bekannt, die häufig aus stift. Vasallenfamilien stammten. Um 1400 werden zudem ein Pferdemarschall (1388/96), ein Mundschenk (pincernus, 1388) und ein Küchenmeister (magister coquine, um 1400) des Bf.s erwähnt. Ein nach dem Tod Hiob von Dobenecks 1521aufgenommenes, wohl nicht vollständiges Register des hoeff gesins nennt u. a. zwei Kapläne, einen Kanzleischreiber, den Bgf.en, einen Jungen, einen Kämmerer, einen Barbier sowie aus den Reihen des gemeinen hoeff gesindes vier Stallknechte, einen Stalljungen, einen throsszer, drei Wagenknechte, einen Kornschreiber, einen Kellerknecht, einen Bäcker, zwei Köche, einen Küchenknecht, zwei Küchenjungen, einen Torwärter, vier Wächter, einen Metzner in der Mühle, den Fischmeister, zwei Fischer, einen Bediensteten im Weinberg, einenJagdknecht, einen Klein- und zwei Grobschmiede; auch ein Zeugmeister des verstorbenen Bf.s ist erwähnt.

Da Zins- und Wirtschaftsbücher für das pomesan. Stiftsterritorium nicht überliefert sind, sind weitergehende Aussagen über die Wirtschaftsführung des bfl. Hofes kaum noch möglich. Bf. Berthold (1333-46) erwarb in Danzig einen Getreidespeicher mit angrenzendem Hof. 1362 werden erstmals die bfl. Weinberge bei Riesenburg erwähnt, von deren Ernte (most) auch Lieferungen an den hochmeisterl. Hof nach Marienburg gingen. Für das Vieh der Marienwerder Bischofsburg wird um 1400 eine »Viehmutter« (matrona in curia pecudum) erwähnt, deren Amt ausder Wirtschaftsorganisation preuß. Deutschordenskonvente bekannt ist. Bf. Hiob von Dobeneck betrieb südl. von Marienwerder am Lauf der Liebe eine Hammermühle für Eisenbleche (»Eisenhammer«).

Auch für die Verwaltung der bfl. Vorwerke im Stift wurden häufig Ritterbrüder des → Deutschen Ordens eingesetzt. Als Leiter des Gutes Stangenwalde westl. von Bischofswerder erscheint 1342 ein Ordensritter als magister curie. Der Hof an der Südgrenze des Stiftsgebietes, auf dem sich Reste eines quadrat. Wohnturms und einer Ringmauer nachweisen ließen, scheint zeitw. als Nebenres. gedient zu haben; für Bf. Kaspar Linke (1440-63) sind Anfang der 1450er mehrere Aufenthalte in Stangenwalde bezeugt. Zu den dortigen Besitzungen gehörte auch der benachbarteGüterkomplex um das Dorf Thiemau, für den 1346 ein Ritterbruder als »Vogt und Pfleger« gen. wird. Für die curia Limbsee westl. von Freystadt, zu der auch Güter im nahen Bauthen gehört haben dürften, wird 1388 eine domus estivalis des Bf.s gen. Weitere bfl. Vorwerke, die wohl vornehml. zur Versorgung der beiden Bischofsburgen dienten, waren Neuhöfen und Sedlinen (westl. und südl. von Marienwerder) sowie Gunthen, Rahnenberg und Schrammen (bei Riesenburg). Für die Verwalter finden sich die Titel Vogt (advocatus), Pfleger(provisor), Kämmerer (camerarius) und Hofmann.

Die kulturelle Bedeutung des bfl. Hofes erreichte um 1400 einen ersten Höhepunkt. Der pomesan. Offizial Johann von Posilge (1376-1405) verfaßte die seinerzeit umfangr. Chronik des Preußenlandes. Für die Fiedler, Trommler und Spielleute des Bf.s Johann Mönch sind 1404-08 mehrfach Auftritte auf der Marienburg bezeugt. Die Bemühungen der gelehrten Domherren Johann Marienwerder und Johann Ryman um die Heiligsprechung Dorotheas von Montau, die 1394 in einer Klause am Dom gest. war, und der 1404/05 in Marienwerder stattfindende Kanonisationsprozeß, machten das Stift für einige Jahre zu einemgeistigen und geistl. Zentrum des Ordenslandes. Nach einem wirtschaftl. und kulturellen Niedergang im 15. Jh. unterhielt wohl erst Bf. Hiob von Dobeneck an seinem Hof wieder einen großen Kreis von Gelehrten und Künstlern, zu denen auch der Humanist Eobanus Hessus zählte.

Quellen

Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, XX. Hauptabteilung (historisches SA Königsberg): Urkunden (bes. Schieblade XXII, XXIII und L), Ordensbriefarchiv (bes. Nr. 25241), Ordensfolianten (bes. Nr. 61, 73, 115, 116 und 276), Ostpreußische Folianten (bes. Nr. 119 und 132), Etatsministerium (bes. Abt. 94, 95 und 128). - Urkundenbuch Pomesanien, 1885-87. - Preußisches Urkundenbuch, 1-6, 1882-2000. - Regesta historicodiplomatica Ordinis S. Mariae Theutonicorum, 1-2, 1948-73.

Cramer, Hermann: Geschichte des vormaligen Bisthums Pomesanien, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für den Regierungsbezirk Marienwerder 11-13 (1884) [mit fortlaufender Seitenzählung]. - Glauert, Mario: Das Domkapitel von Pomesanien (1284-1527). Untersuchungen zur Geschichte, Struktur und Prosopographie, Diss. phil. masch. Univ. Berlin 1999. - Wiśniewski, Jan: Dzieje Diecezji Pomezańskiej (do 1360r.). Wydano z okazji 750-lecia erygowania Diecezji Pomezańskiej, Elbing1993. - Wiśniewski, Jan: Pomezania. Z dziejów kościelnych, Elbing 1996.