ÖSEL-WIEK, BF.E VON
I.
Das Bm. wurde im Zuge der Eroberung und Christianisierung Livlands 1228/34 errichtet (seit 1246/55 zum Ebm. → Riga). Es umfaßte die Inseln Ösel (estn. Saaremaa) und Dagö (estn. Hiiumaa) sowie auf dem Festland die Wiek (estn. Läänemaa). Rund ein Drittel des insularen Teils der Diöz. sowie ein kleinerer Teil der Wiek stand unter der Verwaltung des → Deutschen Ordens, während der Bf. im Großteil des Stiftes zugl. die weltl. Herrschaft ausübte.
1228 vergab Kg. → Heinrich (VII.) das Bm. als Lehen des Reiches an den ersten Bf. Gottfried. Tatsächl. war das Reich in polit.-rechtl. Hinsicht für Ö.-W. drei Jh.e lang unbedeutend. Wichtiger war in innerstift. wie innerlivländ. Konflikten das Institut der Schutzherrschaft. Eine solche Schutzherrschaft (protectio; defensio; bescherminge, beschuttinge unde bevell u. ä.) über das Bm. beanspruchte und realisierte v. a. der livländ. Zweig des → Deutschen Ordens sowie zeitw. diedän. Krone. Nach 1500 intensivierten sich infolge der institutionellen Verfestigung des Reiches und der wachsenden außenpolit. Bedrohung Livlands durch den Aufstieg Moskaus die Beziehungen Ö.-W.s zum röm.-dt. Reich: So wandten sich die Bf.e mehrfach an das Reichskammergericht bzw. den Reichshofrat. 1521 wurde der Bf. von Ö.-W. zum Rfs.en erhoben (ohne jedoch in der Reichsmatrikel dieses Jahres zu erscheinen); zugl. bestimmte → Karl V. die Kg.e von Dänemark und Polen, den Kfs.en von → Brandenburg, → Mecklenburg, den → Deutschen Orden und die Magistrateder Hansestädte zu Schutzherren (conservatores) der livländ. Bm.er (Monumenta Livoniae Antiquae, 5, 1847, S. 127ff). Als ab 1558 Altlivland zerfiel, nahm Friedrich II. von Dänemark 1559 das Bm., dessen Zugehörigkeit zum Reich ausdrückl. bestätigt wurde, unter seinen Schutz und erhielt das Recht, den Bf. zu nominieren. Zugl. verkaufte Bf. (eigtl. Administrator) Johann von Münchhausen seine bfl. Rechte an Friedrich. Dieser setzte seinen jüngeren Bruder Magnus als Bf. ein. Im Frieden von Stettin 1570 (§ 17) bestätigte Ks. → Maximilian II. dieSchutzherrschaft Friedrichs über das Stift. 1573 ließ letzterer sich auf Ösel als Landesherr huldigen. Damit löste sich das Bm. auf: Dagö und die Wiek kamen im Lauf des Livländischen Krieges unter die Krone Schweden, auf Ösel regierten dän. Statthalter bis 1645. In diese Zeit fällt die Errichtung eines evangel. Kirchenwesens auf der Insel.
Seit ca. 1300 sind die Vasallen des Bf.s als eine Korporation faßbar, wobei der wiek. Stiftsadel die Führungsrolle innehatte. Daneben hatte das Domkapitel landständ. Rechte. 1524 erwirkte die Ö.-W.er Ritterschaft das Privileg, gemeinsam mit dem Kapitel den Bf. zu wählen. Seit derselben Zeit war der Zugang zum Domkapitel Nichtadligen verwehrt.
II.
Die Bf.e residierten bis Mitte des 14. Jh.s in der Wiek, zunächst in → Leal, ab 1251 in Alt-Pernau, nach 1263 in Hapsal. Nach dem auch Ö.-W. erschütternden Estenaufstand von 1343-45 verlegte der Bf. seinen Hauptsitz vom Festland auf die Insel Ösel. Dort wurde die Burg Arensburg (estn. Kuressaare) errichtet, neben der bald ein Hakelwerk entstand. Der Bf. weilte jedoch auch häufig in der Wiek, v. a. auf dem Schloß Hapsal (hier sind für das 16. Jh. Hofdiener namentl. bezeugt), ferner zu Lode (estn. Koluvere) und → Leal. Das 1251eingerichtete, zwölfköpfige Domkapitel verblieb in Hapsal, wo sich in der Domkirche die Grablege der Bf.e befand. Soweit die Domherren an der geistl. oder weltl. Verwaltung des Bm.s mitwirkten (Offizial, Propst, Dekan, Kanzler, bfl. Sekretär), weilten sie jedoch zeitw. in der Hauptres. Arensburg.
Das bfl. Tafelgut, die wirtschaftl. Grundlage des Hofes, wurde durch Stiftsvögte verwaltet, je einen in der W. (Sitz Hapsal) sowie für Ösel und Dagö (Sitz Arensburg). Die Stiftsvögte beaufsichtigten die Unterbeamten, führten die Landeskasse, saßen den lokalen bäuerl. Gerichten vor und befehligten im Kriegsfall das Aufgebot der bfl. Vasallen.
Die Namen der geistl. wie weltl. Amtsträger Ö.-W.s sind aufgrund des urkundl. Materials zusammengestellt worden (Arbusow 1914). Darüber hinaus ist vom bfl. Hof des 16. Jh.s nur wenig bekannt, für die vorhergehende Zeit fast nichts. Ein Hauptgrund hierfür ist die generell schlechte Überlieferungslage für Ö.-W. - bis zur Mitte des 14. Jh.s sind selbst die Daten einiger Bf.e fragl. Die im dän. und schwed. Reichsarchiv befindl. Quellen für das 15./16. Jh. wurden unter dem Aspekt des Hofes bisher nicht untersucht, sind aber wahrscheinl. in dieser Hinsicht wenigergiebig. Einstweilen ist davon auszugehen, daß das Hofleben recht bescheidenen Umfang hatte; das dürfte auch den ökonom. wie kulturellen Rahmenbedingungen eines städtearmen livländ. Bm.s entsprechen - obgleich Ö.-W. als das reichste Stift Livlands galt. Langdauernde innerstift. Auseinandersetzungen (Gegenbf.e im 15. Jh., Konflikte mit der Ritterschaft) standen der Entfaltung höf. Lebens ebenso entgegen. Bf. Jodokus Hoenstein (1458-71), der vor seiner Wahl in röm. Humanistenkreisen verkehrt hatte, mußte sich mit einem Gegenbf. auseinandersetzen, was sicherl. dazu beitrug, daß aus seinerBischofszeit keinerlei wissenschaftl. oder kulturelle Aktivitäten bekannt sind (Arbusow 1921, S. 81). Für die Bf.e Johann Orges (1492-1515) und Johann Kievel (1515-27) wiederum standen Reformen der Geistlichkeit und bessere Pfarrseelsorge im Mittelpunkt ihrer Aktivitäten; hier scheinen Verbindungen zum Bibelhumanismus bestanden zu haben.
In ersten Drittel des 16. Jh.s gehörten rund 40 bis 50 Personen dem Hof an. Hierunter ist zu verstehen: das persönl. Gefolge des Bf.s samt dem Kaplan, die Inhaber der Hofämter (Schenk, Marschalk, Kämmerer, Küchenmeister, Jägermeister, Rüstmeister, Vorratsverwalter), Edelpagen, einzelne Musikanten sowie die niedere Dienerschaft. Höchster Würdenträger bei Hofe war der Hofrichter. Ferner ist die Kanzlei mit bis zu sechs Sekretären und Schreibern (meist Kleriker, oft Angehörige des Domkapitels) in die genannte Zahl inbegriffen. Einen Kanzler weltl. Standes gab es zeitw., zu anderen Zeitenleitete ein Domherr die Kanzleigeschäfte. Künstler scheinen vereinzelt für jeweils kurze Zeit am Ö.-W.er Hof geweilt zu haben. Stets waren Angehörige livländ. Vasallenfamilien als Inhaber der Hof- und Verwaltungsämter vertreten; wie groß der jeweilige Anteil von Livländern und Einwan-derern (meist stadtbürgerl. Deutsche aus dem Ostseeraum) war, läßt sich nicht generell sagen. Die personelle Fluktuation am Ö.-W.er Hof scheint hoch gewesen zu sein. Die Bf.e selber stammten seit dem letzten Drittel des 15. Jh.s fast alle aus ritterschaftl. Familien Livlands, und hatten meist bereits zuvor ein geistl. Amt in einer livländ. Diöz. innegehabt.
Um 1530 waren die Ausgaben für Hof, Beamtenschaft, Dienstvolk und Soldaten so angestiegen, daß die Einkünfte aus dem Tafelgut nicht mehr Schritt hielten. Bf. Münchhausen (1541-59), zugl. Bf. von → Kurland (→ Pilten), konzentrierte sich daher erfolgr. auf eine Sanierung der Stiftsfinanzen. Er entließ in der Wiek die Hälfte der Lohnempfänger (Dienstvolk, Soldaten) und steigerte die Getreideausfuhr aus den Überschüssen des Tafelguts beträchtl., teils mit eigenen Schiffen, teils über Kaufleute aus → Reval, → Riga und den Niederlanden. Ein vereinzelterBeleg dokumentiert die Einfuhr von Tuchen via → Lübeck für die hofcledung am bfl. Hof (Ahvenainen 1963, S. 207). Einzelhinweise auf Feste in den 1550er Jahren (Ausrichtung der Hochzeit seiner Nichte zu → Pilten unter Aufwendung von mind. 1000 Talern; Einladung des Adels zu Pfingsten 1555 zum Maigrafenbier, bei dem auf Papageien geschossen werden soll; Schirren 1881, S. 33ff.) reichen nicht aus, um ein auch nur einigermaßen schlüssiges Bild von Alltag und Fest am Hof diesesgeschäftstüchtigen Bf.s zu gewinnen.
Der letzte Bf., Hzg. Magnus von Holstein, weilte nur zeitw. in Ö.-W. Obwohl seine Ambitionen weit reichten - 1570 wurde er »König von Livland« von Zar Ivans IV. Gnaden und heiratete 1573 eine Großnichte Ivans - war wg. des Livländischen Krieges und dem Scheitern aller seiner Pläne nicht an eine standesgemäße Hofhaltung zu denken.
Quellen
Dänisches Reichsarchiv Kopenhagen: Lifland, Øsel stift, 10 Registranten ca. 1490-1560 (überwiegend Besitzdokumente, Lehnsbriefe); vgl. Tyske Kancellis Udenrigske Afdeling Livland (hierunter sieben Konvolute, die teilw. die Zeit vor 1560 betreffen). - Schwedisches Reichsarchiv Stockholm, Livonica I. - Liv-, Est- und Kurländisches Urkundenbuch I,1-12, 1853-1910, II,1-3, 1900-14, III,1-3, 1910-38. - Monumenta Livoniae Antiquae. Samml. von Chroniken, Berichten. Urkunden u. a. schriftl. Denkmalen und Aufsätzen, welche zur Erl. der Geschichte Liv-, Ehst- und Kurlandsdienen, 5 Bde., Riga 1835-47.
Literatur
Ahvenainen, Jorma: Der Getreidehandel Livlands im Mittelalter, Helsinki 1963. - Arbusow d. Ä., Leonid: Livlands Geistlichkeit vom Ende des 12. bis ins 16. Jh., in: Jahrbuch für Genealogie, Heraldik und Sphragistik (1911-13) S. 1-432, hier S. 322-335. - Arbusow 1921. - Busch, Nicolaus: Geschichte und Verfassung des Bistums Ösel bis zur Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, Tl. 1: Geschichte des Bistums bis 1337, Riga 1934. -Hübner, Eckhard: Zwischen allen Fronten: Magnus von Holstein als König von Livland, in: Zwischen Christianisierung und Europäisierung. Beiträge zur Geschichte Osteuropas in Mittelalter und früher Neuzeit. Festschrift für Peter Nitsche zum 65. Geburtstag, hg. von Eckhard Hübner, Ekkehard Klug und Jan Kusber, Stuttgart 1998, S. 313-33. - Laakmann, Heinrich: Zur Geschichte der öselschen Ritterschaft, in: Genealogisches Handbuch der OeselschenRitterschaft, bearb. von Nicolai von Essen, Dorpat 1935. ND Hannover-Döhren 1971, S. 698-704. - Leesment, Leo: Über die Livländischen Gerichtssachen im Reichskammergericht und im Reichshofrat, Tartu 1929. - Mühlen, Heinz von zur: Art. »Ösel, Ösel-Wiek«, in: LexMA VI, 1993, Sp. 1492f. - Schirren, Carl: Bischof Johann von Münchhausen, in: Baltische Monatsschrift 28 (1881) S. 1-37. - Stackelberg, Friedrich von: Die Verwaltung des Bistums Oesel-Wiekim XVI. Jahrhundert, in: Sitzungsberichte der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde zu Riga. Vorträge zur Hundertjahrfeier 1934, Riga 1936, S. 36-51.