KURLAND, BF.E VON
I.
Bf.e von K. (Ebm. → Riga) ab etwa 1260 mit Amtssitz in Memel, ab dem 14. Jh. Res. in Pilten, bis 1559 Landesherren, 1520 Reichsfürstenwürde.
II.
Das Bm. K. umfaßte die altlivländ. Gebiete Kurland und Semgallen mit einer Fläche von etwa 4500 qkm. Seine Anfänge reichen in die frühen Jahre der christl. Mission in Livland zurück, doch liegt die Gründung der Diöz., die zunächst in Konkurrenz zum Missionsbm. Semgallen stand, teilw. im Dunkeln. 1234 setzte der päpstl. Legat Wilhelm von Modena mit Engelbert den ersten sicher nachweisbaren Bf. von K. ein, der aber bereits wenige Jahre später bei einem Aufstand der Kuren ums Leben kam. Nach der milit. Unterwerfung des Gebietes durch den → DeutschenOrden (1242-47), der das Erbe des livländ. Schwertbrüderordens antrat, übertrug Papst Innocenz IV. dem → Orden 1253 zwei und den Bf.en von K. ein Drittel der Diöz. Bischofssitz waren zunächst die von Bf. Heinrich von Lützelburg (1251-63) und dem → Deutschen Orden gemeinsam errichtete Burg bzw. die bald darauf begründete Stadt Memel, deren Marienkirche zur Kathedrale des Bm.s erhoben wurde.
Bf. Heinrich schloß mit dem → Deutschen Orden mehrere Teilungsverträge, in deren Folge das Stiftsgebiet im westl. K. aber schließl. in fünf nicht zusammenhängende Territorien zerfiel. Die möglicherw. schon von Heinrich geplante Gründung eines Domkapitels scheiterte wegen des Ausbruchs eines weiteren großen Aufstandes der Kuren 1260. Nach Heinrichs Translation nach → Chiemsee gelang es dem → Deutschen Orden, einen seiner Priesterbrüder, Edmund von Werth (1263-92), zum Bf. einsetzen zu lassen, doch mußte auch Edmund die Diöz. wegen der ungenügenden Versorgungbald wieder verlassen und wirkte als Weihbf. im Reich. Nach der Unterwerfung Semgallens kehrte Edmund kurzzeitig nach Livland zurück und stiftete 1290 in enger Absprache mit dem → Orden ein Domkapitel, das aus Priesterbrüdern des → Deutschen Ordens bestehen sollte, und dotierte es 1291 mit einem Drittel seines Territoriums. Vor seiner Rückkehr ins Reich 1292 überließ Edmund die bfl. Burg Amboten (Embute) dem → Orden als Pfandlehen. Das Domkapitel versuchte ebenfalls, die vom → Orden dominierte Stadt Memel zu verlassen, und tauschte seine Rechte an derMarienkirche und der Pfarrkirche St. Johannis gegen die Pfarrkirche von Windau, um dort vorübergehend seine Hauptkirche einzurichten. 1328 kam Memel zu Preußen, gehörte aber weiterhin zum Bm. K.
Bald darauf übernahm das Domkapitel die bfl. Burg Hasenpoth, während der Bf. seinen Sitz um 1300 nach Pilten verlegte. Der Ort »Assenputten« (1290 Asseboten, 1338 Hasenpothe; lett. Aizpute) wird 1253 bei der Teilung K.s erstmals gen. und dürfte auf eine Wallanlage der heidn. Kuren zurückgehen, die der → Deutsche Orden 1245 zerstörte. Es ist unklar, wann Bf. und Domkapitel dort am rechten Ufer der Tebber auf einer leicht erhöhten Halbinsel mit der Errichtung einer befestigten Burg mit Vorburg begannen (nach 1254); sie wirderstmals bei der Gebietsabtretung 1338 erwähnt. Das Domkapitel verlieh der Ansiedlung vor der Burg 1378 mit Zustimmung Bf. Jakobs (1360-71?) das Rigische Stadtrecht (zugl. erste urkundl. Erwähnung des Domes). Von der aus Feldsteinen gemauerten Burganlage mit quadrat. Grundriß sind heute nur noch wenige Baureste erhalten.
Unter Bf. Burkhard (vor 1300-21?) kam es mehrfach zu Auseinandersetzungen mit dem livländ. Ordensmeister über die Grenzen des zersplitterten Hochstifts. 1309 überließ der Bf. mit Zustimmung des Domkapitels das Bm. mitsamt der bfl. Res. Pilten und allen Einkünften auf Lebenszeit dem → Deutschen Orden, der ihm dafür eine angemessene Versorgung zusagte. Die Streitigkeiten flackerten aber unter Bf. Johann (1332-53) wieder auf, der die Aufteilung des Bm.s 1345 schließl. einer Schiedskommission übertrug. Bereits 1338 hatten die Domherren dem → Deutschen Ordendie Burgen Nommen und Neuhausen im Tausch gegen das Land Opiten übergeben.
Unter Bf. Otto (1371-98?) kam es mit dem → Deutschen Orden zu einer Einigung über die alten Rechte des Bf.s an der Stadt Memel. Otto verzichtete 1392 auf einige Ländereien im W seines Bm.s und erhielt dafür im nördl. K. die frühere Domkapitelsburg Neuhausen mit dem umliegenden Gebiet, so daß zwischen den Ländereien um Hasenpoth und Ambothen eine durchgehende Verbindung bestand.
Seit dem 14. Jh. bestand das Stiftsterritorium damit aus vier Gebieten (bis 1583): im N (als frühere Teile der Landschaften Wannema und Sagara) die Ämter Pilten (Vense), Dondangen und Erwahlen, im W auf beiden Seiten der Tebber (als früherer Teil der Landschaft Esestua) das Amt Zierau, im S (früher Teil der Landschaft Bandowe) die Ämter Amboten und Neuhausen, im SW einzelne Besitzungen südl. von Libau auf der Libauschen Nehrung (Ausen).
Die Hauptres. der kurländ. Bf.e blieb bis zur Säkularisierung K.s die 1309 erstmals erwähnte Burg Pilten am östl. Ufer des ehemaligen Laufes der Windau. Der letzte Bf. Johann von Münchhausen (1540-60) verkaufte Pilten und das gesamte Stiftsgebiet 1559 an Hzg. Magnus von Holstein, den Bruder des Königs von Dänemark.
Über den Hof und die weltl. Verwaltung der Bf.e von K., die zumeist Priesterbrüder des → Deutschen Ordens waren, liegen bislang keine detaillierten Untersuchungen vor. Die weltl. Verwaltung des bfl. Territoriums lag in den Händen von Stiftsvögten, die - anders als in Preußen - nicht dem → Deutschen Orden angehörten, häufig aber Verwandte der Bf.e waren. Die Kammerämter, von denen es 1503 neun gab, wurden seit dem 15. Jh. durch Droste, im 16. auch durch Bggf.en verwaltet. Erst 1463 sind aus dem Kreis des bfl. Hofpersonals ein Schreiber und ein Kämmerer belegt, letztereraus einer Vasallenfamilie des Stifts.
Quellen
Akten und Recesse der livländischen Ständetage, 1-3, 1907-33. - Liv-, Est- und Kurländisches Urkundenbuch I,1-12, 1853-1910, II,1-3, 1900-14.
Literatur
Baltisches historisches Ortslexikon, 2, 1990, S. 209-211, 312-314, 468-470. - Bischöfe 1198 bis 1448, 2001, S. 311-321 [Art. von Jan-Erik Beuttel u. a.]. - Hertwich, Erwin: Das Kurländische Domkapitel bis 1561. Untersuchungen über die persönliche Zusammensetzung des Kapitels hinsichtlich der Herkunft und Laufbahn seiner Bischöfe und Domherren, Diss. phil. masch. Univ. Königsberg [1943]. - Jähnig, Bernhart: Die Entwicklung der Sakraltopographie von Memel im Mittelalter und in derfrühen Neuzeit, in: Das Preußenland als Forschungsaufgabe. Eine europäische Region in ihren geschichtlichen Bezügen. Festschrift für Udo Arnold zum 60. Geburtstag, gewidmet von den Mitgliedern der Historischen Kommission für Ost- und Westpreußische Landesforschung, hg. von Bernhart Jähnig und Georg Michels, Lüneburg 2000 (Einzelschriften der Historischen Kommission für Ost- und Westpreußische Landesforschung, 20), S. 209-226. - Burgenlexikon für Alt-Livland, 1, 1922, S. 63, 92f. - Schwartz, Philipp: Kurlandim 13. Jahrhundert bis zum Regierungsantritt Bischofs Edmund's von Werd, Leipzig 1875.