Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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FREISING, BF.E VON

I.

Das reichsunmittelbare Hochstift F. umfaßte ein vergleichsw. kleines und zersplittertes Herrschaftsgebiet größtenteils inmitten des bayer. Territoriums. Es bestand aus der Stadt F. (Reichsunmittelbarkeit seit 1230 nicht mehr bestritten), der angrenzenden Gft. Ismaning zw. F. und → München entlang der Isar (seit 1319), der Herrschaft Burgrain mit dem Markt Isen sowie seit dem 13. Jh. der Gft. Werdenfels zw. → Bayern und Tirol mit den Hauptorten Garmisch, Partenkirchen und Mittenwald, die v. a. aufgrund ihrer Verkehrslage an einem wichtigenAlpenübergang von Bedeutung war. Wesentl. umfangr. und von großer wirtschaftl. Bedeutung für das Hochstift waren bfl. Grundherrschaften im Bereich der bayer. sowie v. a. der österr.-habsburg. Landeshoheit, letztere im österr. Donauraum, in der Steiermark, in Kärnten, im heutigen Slowenien und im südl. Tirol. Für seine bayer. Hofmarken war der Bf. von F. bayer. Landstand. 1802 fiel das Hochstift im Zuge der Säkularisation an → Bayern.

Die Diöz. F. umfaßte als Teil des Metropolitanverbandes → Salzburg im wesentl. den SW des bayer. Hzm.s; sie grenzte an die Diöz.n → Regensburg im N, → Salzburg im O, Säben/ → Brixen im S und → Augsburg im W. Der Einfluß des gemeinständ., aber überwiegend adeligen Domkapitels auf die Regierung von Hochstift und Diöz. war beträchtl.

II.

Bereits im 8. und 9. Jh. hatte der bfl. Hof eine überregionale kulturelle Bedeutung (Schreibschule, Bf. Arbeo als Vitenautor, Domschule), die - mit wenigen Unterbrechungen - für das gesamte Früh- und HochMA gegeben ist. Mit Bf. Otto I. (»Otto von Freising«) hatte von 1138 bis 1158 einer der führenden polit. und geistigen Köpfe des Reiches den Bischofsstuhl inne.

Mit dem Erstarken der hzgl. Macht seit dem 12. Jh. und der herrschaftl. Erschließung des umliegenden Raumes durch die Hzg.e verloren die F.er Bf.e ihre herausgehobene Stellung: Die Umleitung der Warenströme vom Isarübergang beim F.er Markt (Ober-)Föhring, etwa 25 km südl. F.s, nach dem neu gegründeten → München durch Hzg. Heinrich den Löwen um 1158 und mehr noch die Festigung der Territorialherrschaft des seit 1180 regierenden Herzogsgeschlechts der → Wittelsbacher in → Bayern, der die F.er Bf.e kaum etwas entgegensetzen konnten, reduzierte die BedeutungF.s erheblich. Die Stadt und der bfl. Hof standen nun wirtschaftl. und kulturell dauerhaft im Schatten der bayer. Residenzstädte → München und bis ins 16. Jh. hinein auch → Landshut.

Unter Bf. Emicho (1283-1311) gelang immerhin die Verfestigung der territorialen Eigenständigkeit des Hochstifts durch Ablöse konkurrierender Herrschaftsrechte der bayer. Hzg.e über die Stadt F. und Erwerb der Herrschaft Burgrain sowie der Gft. Werdenfels. In dieser Zeit erscheint erstmals der gekrönte Mohrenkopf als Wappenzeichen. Zum Abschluß kam die territoriale Entwicklung des Hochstifts 1319, als Bf. Konrad III. der Sendlinger (1314-22) die Gft. Ismaning am Isarufer nördl. → Münchens erwarb.

Erfolgr. traten die Bf.e im späten MA jegl. Bestrebungen der Stadt F. nach mehr Eigenständigkeit entgegen; F. blieb immer unter derLandesherrschaft des Hochstifts. Ständiger Aufenthaltsort des Hofes konnte daher die im 14. Jh. als Burg errichtete und im 15. und 16. Jh. mehrfach umgestaltete fürstbfl. Res. auf dem Domberg in F. bleiben.

Seit dem 15. Jh. wuchs der Einfluß der → wittelsb. Hzg.e auf das Hochstift; mehrfach gelang es ihnen, den Bischofsstuhl mit nachgeborenen Söhnen zu besetzen. Allerdings war F. nur kurzzeitig in das Netz der bayer. Sekundogenitur um das Erzstift → Köln eingebunden. Dies betrifft v. a. den Sohn Hzg. Albrechts V., Fbf. Ernst von Bayern (1566-1612, Kfs. von Köln ab 1583), der den größten Teil seiner Regierungszeit am Niederrhein verbrachte. Nicht aus der bayer., sondern aus der Pfälzer Linie der → Wittelsbacher stammte Fbf. Philipp, Pfgf. bei Rhein(1499-1541).

Die Forschungssituation zum fürstbfl. Hof an der Schwelle zur Neuzeit ist unbefriedigend. Stehen die Biographien der Bf.e, die Rolle F.s im Konfessionenstreit des 16. und 17. Jh.s, die auswärtige Politik und die Herrschaftsgeschichte des Hochstifts seit langem im Blick der landes- und kirchenhistor. Forschung, so ist der F.er Hof des 15. und 16. Jh.s bisher kaum beachtet worden und daher nur in einigen Schlaglichtern greifbar.

Das kulturelle Umfeld des Bf.s in F. wurde v. a. für die Blütezeiten im frühen und hohen MA bis zum 12. Jh. thematisiert und dann wieder ab dem 17. Jh. bis zum Ende des Hochstifts 1802. Für das 16. Jh. liegen immerhin mehrere Werkbiographien zu Künstlern vor, die auch für den F.er Hof tätig waren, so der Maler Hans Wertinger (ca. 1480-1533). Sozialgeschichtl. Untersuchungen zum Hof der F.er Bf.e fehlen.

In der Regierungszeit Bf.s Sixtus von Tannberg (1474-95) wirkte mit Veit Arnpeck (1435/40-95) einer der maßgebl. Vertreter der süddt. Historiographie an der Schwelle zur humanist. Geschichtsschreibung in F. Arnpecks Hauptwerk ist eine Geschichte Bayerns (»Chronica Baioariorum«), daneben verfaßte er eine Geschichte → Österreichs und eine F.er Bischofschronik.

V. a. für die Zeit Fbf.s Ernst von Bayern verdichten sich Hinweise auf eine enge Anlehnung des F.er Hofes an sein bayer. Pendant in → München. So läßt sich etwa für die Hofkapelle der Einfluß der Münchner Musikkultur daran ablesen, daß an ihrer Spitze seit 1580 Anton Gosswin aus dem Kreis um Orlando di Lasso stand. Mit dem Gelehrten Alexander Secundus Fugger trat ein Sohn des in bayer. Diensten stehenden Johann Jakob Fugger um 1585 an die Spitze des neuen Geistlichen Rates.

Ebenfalls im Zeichen der humanist. Gelehrsamkkeit stand die F.er Hofkanzlei mit fürstbfl. Kanzlern wie Marcus Tatius Alpinus († 1562), der v. a. als Übersetzer antiker Texte hervorgetreten war, und seinem Vorgänger Wolfgang Hunger († 1555).

Eigene Münzen schlugen die Bf.e von F. zumindest im 11. und 12. Jh.; nach der Etablierung der nahen hzgl. Stadt → München als Münzstätte sind aus dem MA keine weiteren F.er Prägungen bekannt. Erst Fbf. Veit Adam von Gepeckh (1618-51) machte 1622 wieder von seinem Münzrecht Gebrauch; weitere Prägungen erfolgten erst im 18. Jh. Gepeckh ist auch der erste Fbf., für den die Anlage eines Hofgartens am südl. Fuß des Domberges belegt ist.

Die Entwicklung der Zentralverwaltung des Hochstifts vollzog sich offenbar im Verlauf des 16. und frühen 17. Jh. in ähnl. Bahnen wie im benachbarten → bayer. Hzm. Für das 16. Jh. ist die Existenz eines Hofrates sowie eines Hofkastenamtes belegt; um 1580 entstand ein Geistlicher Rat; weitere Behörden lassen sich in den Quellenserien im Verlauf des 16. und 17. Jh.s erfassen (Hofkanzlei, Hofküchenamt, Hofkelleramt, womögl. erst ab 1602 eine Hofkammer). Allerdings werden die hier einschlägigen umfangr. Bestände im Bayerischen HSA zur Zeit endgültig formiert und die einzelnenBehördenprovenienzen rekonstruiert; erst danach kann die Geschichte der Zentralbehörden des Hochstifts für das 15. bis 17. Jh. geschrieben und auch der fürstbfl. Hof umfassend erforscht werden.

Albrecht, Dieter: Hochstift Freising, in: Handbuch der bayerischen Geschichte, 3,3, 1995, S. 239-245. - Bogner, Josef: Zum fürstbischöflichen Hofgartenwesen in Freising und in Ismaning, in: Amperland 25 (1989) 353-358. - Ehret, Gloria: Hans Wertinger. Ein Landshuter Maler an der Wende der Spätgotik zur Renaissance, München 1976 (Tuduv-Studien. Reihe Kulturwissenschaften, 5) - Freising, 1989. - Hailer, Eduard: Marcus Tatius Alpinus. EinHumanistenleben des XVI. Jahrhunderts, in: Sammelblatt des Historischen Vereins Freising 10 (1916) 61-79. - Johanek, Peter: Art. »Arnpeck, Veit«, in: Verfasserlexikon, 1, 1978, S. 493-498. - Leutner 1996. - Mass 1986. - Das Bistum Freising in der Neuzeit, 1989. - Sellier, Robert: Die Münzen und Medaillen des Hochstifts Freising, Grünwald 1966 (Bayerische Münzkataloge, 4).