CAMBRAI, BF.E VON
I.
Fbm. des Reichs. C. wurde Res. und bfl. »Hauptstadt« spätestens seit dem hl. Gaugericus (Saint Géry, 584/90 bis nach 624) und ist es noch bis in die heutige Zeit (heute Diöz. von C.). Das Gebiet, das der polit. Macht des Bf.s unterstand, hatte Vergrößerungen erfahren, bevor es sich wieder verkleinerte: zu den Domänen seiner Kirche, die von der Immunität abgedeckt waren, waren i. J. 948 dank Otto I. die gfl. Rechte über die Stadt C. (erworben durch den Bf. Fulbert) und i. J. 1007 dank Heinrich II. dieselben Rechte über das ganze Gebiet von C.(zugestanden dem Bf. Erluin) hinzugekommen. Das kirchl. Fsm. C. entstand zur selben Zeit wie dasjenige von → Lüttich unter Notger (972-1008). Die kleine Stadt Cateau fiel unter die persönl. Gerichtsbarkeit des Bf.s; sie diente als mensa episcopalis. Catillon war eine neue bfl. Stadt aus dem 12. Jh. Am Ende des MA hatte das polit. Cambrésis, »angenagt und durchsiebt von Enklaven«, v. a. denen des Hennegaus, ein Drittel seiner ursprgl. Fläche verloren. Die Grenzen des Fsm.s blieben damals bis zu seiner Vereinigung mit dem Kgr. Frankreich i. J. 1678 unv.Ursprgl. war die Diöz. von C. der civitas der Nervier nachgezeichnet, einer administrativen Struktur also, die eine Erbschaft des Römischen Reichs war. Bis 1559 erstreckte sich dieser riesige kirchl. Bezirk, der in seiner ganzen Ausdehnung in Lotharingien gelegen war, während der Bf. dem Erzbischofssitz Reims unterstand, auf der östl. Seite der Schelde, von der Quelle bis zur Mündung, und deckte das Cambrésis, einen kleinen Teil der Gft. Flandern, so gut wie den gesamten Hennegau, den westl. Teil von → Brabant und die Region von Lobbes im Fsm.→ Lüttich ab. Sein äußerster N (Erzdiakonat Antwerpen) stellte wahrscheinl. eine Ausdehnung des Gebiets gegenüber der alten civitas dar. Was die Region von Mecheln angeht, so gehörte sie zunächst zur Diöz. → Lüttich, bevor sie im 11. Jh. der Diöz. C. eingegliedert wurde. Bis 1093 verwaltete der Bf. von C. die Nachbardiözese Arras, die mit seiner vereinigt war. Durch die Bulle »Super universas« vom 12. Mai 1559 wurde die Diöz. um ihren nördl. Teil beschnitten (Erzdiakonate von Antwerpen und → Brüssel), um zwei neue Diöz.n entstehenzu lassen: Antwerpen und Mecheln. C. wurde damals eine kirchl. Metropole, der Saint-Omer, Arras, Tournai und Namur unterstanden. Der alte évêque-comte von C. wurde seit 1562 archevêque-duc von C., Gf. des Cambrésis und Rfs.
II.
Für die Zeit vor dem 13. Jh. ist wenig über die bfl. Gefolgschaft bekannt, da wissenschaftl. Publikationen fehlen. Im 13. bis 15. Jh. war der Bf. von C. von einer tatsächl. curia umgeben, die aus zwei großen Personenkreisen bestand, die sich dennoch kaum vermischten. Der erste Kreis setzte sich zusammen aus einem im wesentl. aus Laien bestehenden »Personal«, das dem évêque-comte half, seine weltl. Verpflichtungen zu erfüllen. Der zweite Kreis umfaßte kirchl. Würdenträger, »hohe Amtsträger«,die das Haupt der Diöz. in seinen geistl. Obliegenheiten, seinen administrativen und gerichtl. Aufgaben unterstützten; dazu kam weiteres untergeordnetes Personal sowie andere, dem Bf. nahestehende Personen. In seiner Eigenschaft als Haupt der weitläufigen Diöz. von C. verfügte der Bf. zunächst über einen Kreis Vertrauter, der ihn umgab und der einen mächtigen Verwaltungsapparat befehligte, der Einfluß auf seine Handlungen und Entscheidungen auf dem Gebiet der Verwaltung, der Regierung, der Information und der Justiz hatte, der aber auch ohne ihn funktionieren konnte und von dem man einbescheidenes Bild aus den synodalen Versammlungen erhält: zunächst die Erzdiakone (seit dem 11. Jh. fünf an der Zahl, dann sechs ab 1273 - C./Cambrésis, Valenciennes, Hennegau, → Brabant, → Brüssel und Antwerpen), wirkl. Gehilfen des Bf.s im 13. Jh.; ihre administrativen Befugnisse und gerichtl. Kompetenzen (Überwachung der Dekane, Besuch der Pfarreien, Instandhaltung der kult. Gebäude, Investitur der Priester, Vorsitz des Diözesan-Tribunals) waren seit dem 14. Jh. reduziert (zu Gunsten des Offizials und der Dekane, der doyens de chrétienté); oftwurden sie von der päpstl. Regierung in Avignon aus dem Kreis der Kurialen gewählt und waren deswegen häufig abwesend von C.; sie waren Inhaber einer Präbende innerhalb des Domkapitels (vom 15. Jh. an bildeten die Erzdiakone fläm. Sprache von Antwerpen und Brüssel ein eigenes Vikariat, das aus einem Generalvikar, einem Offizial und diversen Justizbeamten bestand); schließl. die Generalvikare, neue, vom Bf. selbst ernannte Würdenträger, die im Unterschied zu den alten Erzdiakonen ad nutum absetzbar waren, da ihr Amt kein Lehen darstellte; der Offizial, der »bevorzugte«Amtsträger des Bf.s im späten MA, ernannt und von ihm beauftragt, dem Diözesan-Tribunal vorzusitzen, oft Mitglied des Domkapitels, umgeben von spezialisiertem Personal (Schöffen, fiskal. Sachwaltern, Promotoren, Beisitzern, Anwälten, Notaren, Gerichtsschreibern); ein oder zwei Hilfsbf.e, seit dem 14. Jh. von der päpstl. Regierung ernannt, die Mitte des 15. Jh.s unter der Herrschaft Johanns von Burgund (1439-79), eines illegitimen Halbbruders Philipps des Guten, das gesamte bfl. Amt trugen; möglicherw. der Siegler (scelleur), jedoch nicht vor Ende des 14. Jh.s; einbfl. Vikar, der den Bf. in seiner Abwesenheit in gewissen Funktionen vertrat (Predigt und Erteilung der Sakramente).
Zu diesen hochrangigen »Beamten« kann man das Domkapitel hinzurechnen, das das Bm. im Falle einer Vakanz des Bischofsstuhls verwaltete, das Recht der Bischofswahl innehatte und das im Prinzip sein Einverständnis gab, wenn dieser Gesetze erließ ebenso wie die 18 Dekane, die »Augen und Arme« des Bf.s; diese wurden von ihm ernannt und übten eine gerichtl. Tätigkeit aus (sie nahmen die Anzeigen der »synodalen Zeugen« entgegen und dienten als Vermittler zur Gerichtsbarkeit). In seiner Eigenschaft als weltl. Lehensherr wurde der éveque-comte von C., derSteuern erhob, den Grundzins einzog und Geld prägte, von einer Gruppe von Personen unterstützt, die administrative, milit. und gerichtl. Ämter ausübten. Den ersten Platz unter ihnen nahm der bailli des Cambrésis ein; die Grundlage seiner Macht lag in den verschiedenen Rechtsprechungsbefugnissen; er verwaltete die Güter der mensa episcopalis. Es folgen die Bgf.en, die hommes de terrain und die zwölf Pairs des Cambrésis (erste Erwähnung dieses Adels in den Akten u Beginn des 12. Jh.s), die das Lehensgericht bildeten (diePairies waren an erbl. Herrschaften gebunden). Schließl. der Offizial, bereits erwähnt als kirchl. Richter der Diöz., der zudem ziviler Richter über C. und das gesamte Fsm. war.
Zu diesem ersten Kreis der Würdenträger am Hofe kam ein größerer Kreis an Männern hinzu, die klar bestimmte administrative und gerichtl. Funktionen erfüllten. Dieser Kreis bestand aus dem bereits erwähnten Personal der Offizialität, den hommes de loi, dem Steuereinnehmer, der die Einkünfte der mensa episcopalis entgegennahm, den vier preud'hommes, den von den Schöffen beauftragten Notabeln der Stadt C., die die Steuern einzogen, zwei Steuereinnehmern, dem Vogt und den Schöffen der Stadt C., vom Bf. ernannt, sowie dem Bf.nahestehen-dem Personal; zu nennen sind hier die 24 nichtadelig Beliehenen francs fieffés, die zum »Haus« des Prälaten gehörten und deren Amt als erbl. gewordenes Lehen eingerichtet war (erste Erwähnung Ende des 12. Jh.s). Diese »Männer des Bischofs« organisierten das tägl. Leben des Prälaten und gewährleisteten seine Sicherheit. Über die Bischofskanzlei können keine Aussagen getroffen werden, da wissenschaftl. Publikationen fehlen. Festzustellen ist allerdings die Erwähnung von Personal, das ausnotarii, scriptores, clerici und secretarii bestand und das sicherl. eine wesentl. Rolle bei der Redaktion der bfl. Akten gespielt hat, ohne daß man allerdings mehr über Anzahl, Rolle, Bedeutung und intellektuelles Profil dieser Leute sagen könnte. Was die Neuzeit betrifft, kann man für die Diöz. in der Tat von einem bfl. Rat sprechen (ab dem 16. Jh.); er schloß vom Bf. gewählte Generalvikare ein, die fast immer Würdenträger des Domkapitels waren, Erzdiakone, die seelsorger. Besuche übernahmen, sowieein Offizial, dessen Tribunal 1631 reorganisiert wurde und Statuten erhielt; diese Statuten waren allen Offizialitäten der Provinz C. gemeinsam. Alle waren Graduierte der Theologie und der Rechtswissenschaft. Anfang des 18. Jh.s bestand die Gefolgschaft des Ebf.s Fénelon (1695-1715) aus frz. Edelleuten. Dieser bfl. Rat, in dem die Generalvikare dominierten (acht um 1750, zum Großteil Adlige), die in Vollversammlungen die wichtigsten Amtsgeschäfte leiteten, wurden von den Dekanen unterstützt, die ihre Dekanate zweimal jährl. besuchten und die ebenfalls zweimal jährl. die Priesterversammelten, um ihnen die Richtlinien für ihr Amt zu geben. Die Verwaltung der Dekanate war unter den acht Generalvikaren aufgeteilt, die im allgemeinen aus dem Domkapitel hervorgingen. Für den Bischofssitz Douai wurde 1586 ein Seminar eingerichtet; sein Präsident gehörte dem Rat an, war aber oft der Feindseligkeit des Generalvikariats und des Domkapitels ausgesetzt. Nach 1715 findet man auch einen Weihbf. Die wichtigsten Würdenträger und Verantwortl. der Diöz. versammelten sich jedes Jahr zum Remigiustag im Bischofspalast zu einer Synode der Diöz. Im 18. Jh. verwalteten Generalvikare undErzdiakone in Abwesenheit des Ebf.s, der es vorzog, am Hof von Versailles zu leben, die Diöz.n allein. Der Offizial der Diöz. war immer noch ordentl. ziviler Richter für das gesamte kirchl. Fsm. Unter den berühmten Persönlichkeiten, die am Bischofshof von C. weilten, bleiben, außer den Namen der sehr zahlr. »Vertrauten« - Freunde und Tischgenossen - die Päpste von Avignon im Gedächtnis, Gilles Carlier, Dekan des Domkapitels für mehr als 40 Jahre (1431-72), François Buisseret, Dekan Ende des 16. Jh.s und Initiator des Seminars mehrerer Diöz.n an der Universität von Douai, Gründer derSonntagsschulen, Verfasser eines Katechismus, späterer Bf. von Namur, späterer Ebf. von C., der Domherr Henri Denis Mutte, Dekan i. J. 1752 und Mitarbeiter der Bollandisten für die Acta Sanctorum, Mgr d'Aigneville de Milliancourt, Weihbf. 1760-93, Besitzer einer Bibliothek von 20 000 Bänden. Zieht man die Lücken in der Historiographie in Betracht, ist es allerdings zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich, ein genaues und aussagekräftiges Bild des Lebens am Bischofshof von C. zu entwerfen.
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