MAXIMILIAN I. (1486/93-1519)
I.
M., Erwählter röm. Ks., dt. Kg., Ehzg. von → Österreich, Hzg. von → Burgund, → Brabant, Steiermark, Kärnten, Krain etc., * 22. März 1459 Burg zu Wiener Neustadt als zweites Kind Ks. → Friedrichs III. (1415-93) und Eleonores von Portugal (1434-67). - Geschwister: Christoph (1455-56); Helene (1460-61); Kunigunde (1465-1520, ⚭ Hzg. Albrecht IV. von Bayern-München); Johann (1466-67). - 20. Aug. 1477 Hzg. von Burgund etc.; 16. März 1490 Antritt der Regierung in Tirol und den Vorlanden; 1493 im Land unter und ob derEnns und Innerösterreich; 1500 in der Gft. Görz. - 16. Febr. 1486 Wahl zum röm.-dt. Kg. in Frankfurt. - 9. April 1486 Königskrönung in Aachen. - 4. Febr. 1508 Proklamation zum Erwählten röm. Ks in → Trient. - ⚭ (1) Gent 20. Aug. 1477 Maria von Burgund (* 13. Febr. 1457, † 27. März 1482), Tochter Hzg. Karls des Kühnen (1432-77); (2) → Innsbruck 16. März 1494 Bianca Maria Sforza (* 5. April 1472, † 31. Dez. 1510), Tochter Hzg. Galeazzo Maria Sforzas (1444-76). - Kinder aus (1): Philipp (* 22. Juni 1478, † 25. Sept. 1506); Margarete (* 10. Jan. 1480, † 1. Dez. 1530);Franz (* 2. Sept. 1481, † 26. Dez. 1481). - † 12. Jan. 1519 in der Burg in Wels. - ⚰ in St. Georg in Wiener Neustadt, das Herz im Sarg der Maria von Burgund in der Marienkirche in Brügge.
II.
M.s Regierung ist geprägt durch den ambitiösen Ausbau der Machtgrundlagen, des profit und honneur seines Hauses, der durch den universalen Anspruch des Kaisertums noch überhöht wurde. Hatte bereits sein Vater → Friedrich III. die inner- und niederösterr. Länder wiederum vereinigt, so kamen unter M. 1490 noch Tirol und die Vorlande hinzu. In den Niederlanden konnte M. nach dem frühen Tod seiner ersten Frau Maria (1482) deren Erbe mit Ausnahme des Hzm.s Burgund durch den Frieden von Senlis 1493 für sein Haussichern. Die Union der burgund. und österr. Länder und sogar des span. Weltreichs wurde durch den frühen Tod seines Sohnes Philipp 1506 verhindert, realisierte sich aber unter seinen Enkeln Karl und Ferdinand. Mit dem Doppelverlöbnis zw. den Häusern → Jagiello und → Österreich 1515 waren, wenn auch damals nicht absehbar, dieGrundlagen für die Sukzession auch in den Ländern der ungar. und böhm. Krone geschaffen. Die seit M.s Verschwägerung mit den Sforza bestehenden Ansprüche auf Mailand wurden durch → Karl V. verwirklicht.
M.s familial orientierte Politik beinhaltete ein Maximalprogramm, das die finanziellen Ressourcen der Hausmacht überforderte und eine langfristige Gegnerschaft mit der frz. Krone nach sich zog, wobei der Krieg als ein primäres polit. Mittel erschien. Soziale und zuletzt religiöse Fragen seiner Herrschaft blieben unterschätzt, wenn auch M.s Persönlichkeit und Politik den Zusammenbruch trotz größter finanzieller Belastung bis zu seinem Tod zu vermeiden vermochte. Auch die kulturelle Dimension seiner Herrschaft blieb der dynast. Legitimation untergeordnet. Zukunftsweisend waren, obgleichüberwiegend aus fiskal. Interessen, die institutionellen Reformen in den österr. Ländern.
Im Reich etablierten sich seit 1495 zwei wichtige Institutionen außerhalb des Hofes, der Reichstag und das Reichskammergericht. M. entfaltete seit der Heirat mit Maria von Burgund 1477 durch gut 41 Jahre eine rastlose Aktivität und Mobilität, die seit den Friedensschlüssen mit Venedig und Frankreich 1516 zuletzt in ein verstärktes Engagement für einen universalen Frieden der Christenheit, wenn auch unter seinem Ksm., mündeten. Die Bedeutung M.s ist zuletzt in den großen Ausstellungen »Hispania - Austria« (1992) sowie zu → Karl V. (2000) vermehrt im europ., insbes. auchniederländ. und span. Kontext interpretiert worden. Daß über den Burgunder M. zahlr. niederländ. Strukturen und Elemente v. a. in die polit. und kulturelle Praxis an seinem Hof und in den österr. Erbländern (wie auch im Binnenreich) gelangten, wurde in den jüngeren Forschungen in den Grundzügen plausibel bestätigt, wenn dazu auch genauere Studien noch fehlen.
III.
Bei der Entwicklung des Hofes können vier Phasen unterschieden werden. Die erste ist vom niederländ. Aufenthalt M.s in den Jahren 1477 bis 1489 geprägt. Die zweite bezieht sich auf die Übernahme und Konsolidierung der Herrschaft in den österr. Erbländern 1489 bis 1496. Die dritte Periode der Jahre 1496 bis 1502 ist durch die am Hof mitregierenden Rfs.en charakterisiert, während in der letzten Phase bis 1519 eine gewisse Verbeamtung der Herrschaft mit Fachleuten eintrat.
Der vorwiegend erbländ. Hof M.s wurde mit dem Herrschaftsantritt in den Niederlanden anscheinend rasch umgestaltet. In der Hofordnung vom Sept. 1477 ist nur burgund. Hofgesinde verzeichnet. Informell einflußreich blieb jedoch ein schwer faßbarer Kern dt. Höflinge M.s, v. a. in der Kammer und im Finanzwesen, seine mignons privéz familliers, die teils bereits als Edelknaben mit ihm in Wiener Neustadt erzogen worden waren. Sie traten seit der Rückkehr M.s in das Binnenreich 1489, als der burgund. Hofstaat wiederum aufgelöst wurde, auch in formalen Spitzenpositionenhervor. Seit der Übernahme der Länder Ehzg. Sigmunds 1490 übernahm M. Mitglieder auch aus dessen Hofstaat wie ebenso vom Hof seines Vaters → Friedrich III. teils noch vor dessen Tod. Nach der Rückkehr aus Italien Ende 1496 begann am Hof - zusammen mit den Reformen der zentralen Behörden, der Errichtung eines repräsentativen Hofrats, der Hofkammer und der neuen Hofkanzlei - eine neue Ära der »fürstlichen Mitregierung« (Wiesflecker 5, 1986, S. 220), durch Friedrich von Sachsen als Statthalter sowie Georg den Reichen von Niederbayern als Hofmeister desHofrats.
Beide Fs.en schieden wg. polit. Differenzen zu M., wohl auch wg. divergierender Interessen und Rangfragen in der tägl. Ratsarbeit 1498 beziehungsweise 1502 aus dem Hofdienst aus. Marschall Heinrich von Fürstenberg und der oberste Sekretär Zyprian von Serntein kommentierten den Abgang Friedrichs, sie könnten jetzt dem Kg. gut dienen. Es folgte, sozial gesehen, eine Phase mehr des Bürgertums und des niederen Adels, auch eine gewisse Monopolisierung des Einflusses durch eine neue polit. Elite im höf. Regiment. Der Anschein einer auch reputativen Mitregierung durch das Reich war nur mehr durchvereinzelte Gf.en wie die Fürstenberg und → Zollern gewahrt. Hier sollte ein neuer Anlauf erst durch die - nicht mehr konkretisierte - sog. Hofordnung von 1518 erfolgen, die für den Hofrat (neben dem Hofmeister, Marschall, Kanzler und Schatzmeister) fünf Personen aus dem Reich und neun aus den Erbländern festlegte.
Die internationale oder zentraleurop. Ausstrahlung des Hofes bestand v. a. im kulturellen Bereich, in der Erfindung raffinierter Feste und neuer Spielarten durch M. selbst, der Wiederbelebung des Turniers als Kampfsport sowie in der Musikpflege; sozial in der Multiethnizität des Hofes, nicht zuletzt durch die zahlr. auswärtigen Gesandtschaften; polit. im Versuch M.s, v. a. die burgund. und österr. Länder, aber auch die Lombardei durch die Exulanten am Hof zu integrieren.
Der tägl. Hof M.s, der sich (auch aufgrund von Verpfändungen) häufig auf mehrere Orte verteilte, umfasste zw. 300 und 500 Personen. Beim Tod M.s 1519 waren von den rund 520 Personen nur etwa 320 in Wels, die übrigen befanden sich in → Innsbruck und Meran. Der Reisehof M.s hatte eine beträchtl. und temporeiche, von zahlr. Feldzügen geprägte Mobilität von den Niederlanden bis nach Ungarn, in die Toskana und das Elsaß. Auch nach der Rückkehr in das Binnenreich reisten M. und der Hof zw. 1489 und 1519 noch achtmal von Oberdeutschland in die Niederlande.
Residenzfunktionen erfüllten am ehesten die Stadt Innsbruck und deren Umgebung, wo sich M. von 1493 bis 1519 insgesamt drei Jahre und gut acht Monate oder 36 mal (von kurzen Unterbrechungen abgesehen) aufhielt. Auch → Augsburg (Besitz mehrerer Stadthäuser, Aufenthalt v. a. im Bischofshof) hatte neben Mechelen und → Brüssel residentielle Funktionen, ebenso teils → Freiburg und weiterhin Wien, Wiener Neustadt, Graz und Linz. In Innsbruck als festem Standplatz des Hofes befanden sich die Warenlager für den Nachschub, das Zeughaus sowie der Großteil des Hausschatzesund das Familienarchiv.
Das nach dem Tod M.s 1519 verfaßte Verzeichnis kategorialisierte das in Wels befindl. Hofgesinde in die Gerüsteten mit dem Hofmarschall, die alten und jungen Einspännigen, die Türhüter, Furiere, Kapläne, die Trabanten zu Pferd und zu Fuß, die Trompeter und Pauker; es folgen die Hofräte (u. a. mit dem Hofmeister, Kanzler, Schatzmeister und Kammermeister), die Gf.en und Herren, die Sekretäre und Kanzleischreiber, die Zahlschreiber und anderes Hofgesinde (wie die Trommler und Pfeifer, die Leibwäscherin, Profosen u.a). Gen. sind weiter die Diener in der Kammer und Silberkammer mit demHofmaler, die Diener im Keller mit dem Hofschenk, in der ksl. und Dienerküche, sowie andere officiers (wie der Futtermeister, der Lichtkämmerer, Hofschneider und -barbier, die Tapetenmeister und die Wundärzte), schließl. die Stallknechte, der Harnischmeister, die Senftenknechte, Lakaien und der Schulmeister.
Unter dem in Innsbruck verbliebenen Hofgesinde sind die Edelknaben, Stall- und Wagenknechte sowie unter der Rubrik »Kapelle« die Tenoristen, Bassisten, Altisten und Sängerknaben verzeichnet. Es folgen die Kapellendiener, die Falkner und Jäger, Postmeister und Boten, weiter die Gruppe der ital. Exulanten. Schließl. die außerordentl. Hofmitglieder, darunter gelehrte Ärzte, ein Apotheker sowie die Geschichtsschreiber Mennel, Grünpeck und Stabius. In diesem Verzeichnis nicht ausdrückl. gen. sind die Garde, der Wappenmeister, die Herolde, Lehensgewandknechte und Hofnarren.
An der Spitze des Hofes standen - wie am Hof Ehzg. Sigmunds - der Hofmeister und der ihn vertretende Hofmarschall. Eine umfassende Hofordnung, die auch die obersten Hofämter reglementierte, wurde für den Hofstaat M.s jedenfalls nach seiner niederländ. Zeit nicht erlassen (Krieg müg nit Hauß Ordnung erliden, 1518), wohl aber wurden für Teilbereiche wie v. a. für die Kammerverwaltung und Kanzlei Geschäftsordnungen errichtet.
Die Entscheidungen in der großen Politik fällte M. zusammen mit einem kleinen Kreis der innersten räte. Die unter → Ferdinand I. später sich als Geheimer Rat etablierende Gruppe bestand aus Personen engsten Vertrauens. Sie wurde nach Belieben herangezogen und von außen wg. ihres Informationsmonopols auch als Hecke wahrgenommen. Die persönl. und wohl auch die chiffrierte Staatskorrespondenz erledigten Kammersekretär Matthäus Lang und dessen Kanzlei, die um 1500 sechs Personen umfasste. Als oberstes Regierungs- und Gerichtsorgan desReiches und der österr. Länder wurde 1497 der aus zwölf Personen bestehendeHofrat errichtet, dessen Wirkungskreis wie jenen der Hofkammer 1500-02 das Augsburger Reichsregiment auf die Erbländer beschränkte.
In der Verwaltung der zentralen Finanzen wechselten kollegiale (Hofkammer) und monokrat. Strukturen (Generalschatzmeister), wobei M. diese v. a. in Krisenlagen wie im Krieg vorzog. Nach burgund. Vorbild wurde 1491 zunächst ein Generalschatzmeister für das Reich sowie die österr. und burgund. Länder ernannt. Angesichts des Italienzugs richtete M. 1496 die kollegial organisierte Österreichische Schatzkammer ein, die nur bis Ende 1499 Bestand hatte, zumal im Zuge der großen Reformen 1498 parallel zum Hofrat auch die Hofkammer geschaffen wurde; diese löste sich im Venezianerkrieg seit derBestellung Jakob Villingers als Generalschatzmeister 1514 fakt. auf. Die Rechnungskontrolle für die gesamte Finanzverwaltung des Hofes und der Erbländer übte die Innsbrucker Raitkammer aus.
Ausführendes Organ des Hofrats und der Hofkammer war die Hofkanzlei. Gemäß einer Abrechnung von 1500 für die Hofwinterkleidung umfasste sie 44 Kanzleiangehörige, davon 10 Sekretäre, 16 Registratoren, Taxatoren und Schreiber sowie 18 nichtschreibende Diener. Im Ringen um reichsständ. Einfluß am Hof übernahm der Mainzer Erzkanzler Berthold von Henneberg 1494-1502 mit Unterbrechungen die wirkl. Leitung der röm. Kanzlei, in Konkurrenz mit der Hofkanzlei in Reichsagenden.
V. a. seit der Heiligen Liga von Venedig 1495 wurde das Gesandtschaftswesen mit diplomat. Beziehungen bis nach Rußland und Persien ausgebaut. Ständige Gesandtschaften bestanden in Rom, am burgund. Hof sowie phasenweise in Mailand und Spanien. In den 25 Regierungsjahren M.s seit dem Tod → Friedrichs III. waren rund 300 Gesandte unterwegs. Nach der Eroberung Mailands und Neapels durch Frankreich (1500) traten viele Italiener auch als Diplomaten in kgl. Dienste. Laufende Meldungen gingen zunächst meist an das Innsbrucker Regiment, das die wichtigeren dem Hof nachsandte. Um dieKommunikation zw. den Höfen, v. a. zw. den österr. Erbländern und den Niederlanden zu verbessern, wurden die Nachrichtenverbindungen ausgebaut. Die Post wurde seit 1489 Mitgliedern der Familie Taxis übergeben und unter M. zu einer ständigen Einrichtung der Regierung und Verwaltung.
Von den am Hof befindl. hohen Klerikern gingen zwei Kard.e und vier Bf.e aus der Kanzlei hervor. Die Mitglieder der Hofkapelle, die 1519 zehn Kapläne umfasste, standen M. meist weit näher als irgendeiner geistl. Autorität. Ein höf. Beichtamt bestand zumindest für M. anscheinend nicht. Beliebte Beichtväter und theolog. Gesprächspartner M.s waren der Kartäuser Gregor Reisch, Johannes Geiler von Kaisersberg und Johannes Trithemius.
Die Hofmusikkapelle, in der wie unter → Friedrich III. noch die Niederländer dominierten, bestand aus namhaften Mitgliedern wie dem Organisten Paul Hofhaimer, Georg Slatkonia und Heinrich Isaac. Die von etwa zwanzig Instrumentalisten begleitete Kantorei hatte rund zwanzig Sänger, meist Kleriker, und zwanzig Singknaben. Der große Auftritt der Hofmusikkapelle erfolgte 1515 in Wien bei den Feiern zum habsburg.-jagiellon. Doppelverlöbnis. Zum Krönungsfest nach Frankfurt hatte M. zur großen Überraschung der Fs.en Sängerinnen mitgebracht. An M.s Tafel und für sonstige weltl. Feste spielteeine kleinere Tanzkapelle.
M. besaß eine ansehnl. medizin. Literatur, wenn er auch der gelehrten Medizin mißtraute. Neben Wundärzten und einem Apotheker beschäftigte er mehrere Buchärzte, wie den ehemaligen Leibarzt Karls des Kühnen, Dr. Matheo Lupi, der 1493 zur Beinamputation → Friedrichs III. nach Linz gekommen war.
Als Geleitschutz des Hofes diente die sog. Burgundische Garde, nach frz. Vorbild eine stehende Reitertruppe, die aus 300-500 rittermäßigen und gemeinen Knechten bestand. Den milit. Nachschub sicherten die vorwiegend in Grenznähe errichteten Zeughäuser, wie die burgund. gegen Frankreich und jene in Breisach, Lindau und → Trient, in Wien, Laibach oder Graz, v. a. aber das Zeughaus in Innsbruck mit seinen Waffenmanufakturen. Die erbländ. Zeughäuser standen unter der Aufsicht des obersten Zeugmeisters. Eine Kriegskammer ist erstmals 1502 gen., seit 1508 wurden regionaleKriegskammern beziehungsweise Kriegsräte an den Fronten des Venezianerkriegs - wie in → Trient, Verona, Lienz und Görz - vorübergehend eingesetzt, die in erster Linie für die Besoldung und Nachschub zuständig waren.
Der höf. Alltag M.s begann mit einem Gottesdienst, auch frühmorgens vor der Jagd. Die eigentl. Regierungsarbeit setzte sich mit Treffen der engsten Räte, mit Vorträgen und gemeinsamen Beratungen der Hofräte sowie Audienzen fort. Diese waren üblicherweise nur für höhere Stände und Gesandtschaften vorgesehen, für den einfachen Untertan bestanden Chancen der Kontaktnahme vor der Kirche, bei der Jagd und bei Festen, oder er konnte sich mit dem Hofnarren, unter dem Tisch kriechend, an den Monarchen heranschwindeln.
Zunächst hatten sich alle Diener unbegrenzt bereitzuhalten, auch an hohen Feiertagen, falls die Geschäfte es erforderten. Die Sitzungen des Hofrats sollten gemäß Ordnung von 1498 tägl. von 7 bis 9 und von 12 bis 16 Uhr stattfinden. Die Sekretäre und Schreiber hatten nach Bedarf Tag und Nacht zu arbeiten, zumal M. selbst einen beträchtl. bis akrib. Arbeitseifer zeigte, während der Mahlzeiten und auf der Jagd diktierte und mit Gesandten bis tief in die Nacht verhandelte. Bis zu mehrtägige Jagden unterbrachen teilweise die Geschäftigkeit des Hofes, hatten aber auch die Funktion derInformationssperre M.s gegenüber Gesandten oder um Schuldforderungen auszuweichen. Dienste auf Zeit, par terme, wie in Burgund waren am Hof M.s aus Kostengründen nicht übl., wenn auch der Hofrat nur in seltenen Fällen - aufgrund von auswärtigen Missionen oder Beurlaubungen einzelner Mitglieder - vollständig versammelt war. Allerdings legte die (nicht mehr realisierte) Hofordnung von 1518 fest, daß sich v. a. die neun erbländ. Hofräte halbjährl. abwechseln sollten.
Der Finanzbedarf der großen Politik intensivierte Ansätze eines überregionalen Wirtschaftslebens in den österr. Ländern, teils auch im Reich. Auf der Grundlage der Reformen Ehzg. Sigmunds setzte M. in den Erbländern eine leidl. Einheit der Münze durch. Der Aufstieg des Hauses → Österreich gelang nur mit Hilfe der oberdt., rasch liquiden Kredite, die M.s Politik bis zuletzt gewährt wurden. Ungeachtet der Ständekritik und des Monopoldiskurses wurden die großen Gesellschaften in Bergbau und Handel, an denen die ersten Räte des Hofes selbst beteiligt waren, begünstigt. Dieführenden Hofhandwerker, wie der oberste Hofschneider Martin Trummer, die den Hof mind. zweimal jährl. einzukleiden hatten, waren quasi privilegierte Großunternehmer.
Hof- und Landeswirtschaft begannen sich zu trennen. Als Pächter aller ordentl. erbländ. Einkünfte erstellte der Augsburger Georg Gossembrot für die am Hof M.s zu versorgenden Personen 1502 einen Voranschlag (52 000 Gulden). Die Kosten des gesamten Hofes, die auch die oberste Verwaltung des Reiches und der österr. Länder umfassten, betrugen jährl. gegen 190 000 Gulden.
Der Hof M.s war wg. der guten Verdienstmöglichkeiten und dessen großen Finanzbedarfs attraktiv. Die Entlohnung mit Geld und Naturalien durch die Kammer ergänzte sich durch zahlr. weitere Einkünfte: Ämterverpfändungen und kirchl. Pfründen, Taxen, einmalige Gnadengelder M.s, auswärtige Pensionen, auch geduldete Ehrungen, Prokureien und Beteiligungen an Monopolen. Bei großen Vertragsabschlüssen wurden den Untererhändlern Tantiemen bezahlt (Bratenschneiden). Verdeckter Ämterkauf durch die Übernahme selbstverwalteter Pfandschaften war übl. Für alte und kranke Beamte, Wwe.nund Waisen wurde gesorgt; so sollte der Hofnarr Guggerilis in seinen alten Tagen im Stift Mehrerau untergebracht werden. Kritik von außen richtete sich v. a. gegen Korruption, Mißbrauch der Siegel, hohe Provisionen bei Interventionen (wie auch gegen den Hofnarren Kunz von der Rosen) und die Teilhabe an Gesellschaften und Geldgeschäften.
Die erbländ. Einkünfte setzten sich aus den Erträgen der Grundherrschaft, des Bergbaus, der Münze, von Maut und Zoll, den Schutzgeldern der Juden und - v. a. in Kriegsjahren - den außerordentl. Steuern zusammen. Aus dem Reich flossen jährl. bei 50 000 Gulden, wodurch Verwaltung und ksl. Repräsentation nicht gedeckt werden konnten. Hinzukamen außergewöhnl. Lehenstaxen, wie 200 000 Kronen anläßl. der Belehnung des frz. Kg.s mit Mailand, Subsidien auswärtiger Mächte und Einnahmenaus geistl. Pfründen. Die Beamten gewährten M. im Lauf der Jahre bei 1 500 000 Gulden an Privatkrediten. Auch Ablaßtruhen wurden aufgebrochen. Insgesamt betrugen die jährl. Einnahmen (während des Venezianerkrieges) zw. 500 000 und 1 Mill. Gulden.
Die Ausgaben für die Jahre 1493-1518 werden auf 25 Mio. Gulden geschätzt, davon waren sechs Mio. Schulden. Der Hauptanteil floß in Rüstungsausgaben, Grenzbefestigungen und die Kriegsbesoldung. Bezogen auf das Budget der Tiroler Rechenkammer betrugen die Kriegsausgaben 1516 über 69%. Die Finanzierung der Wahl → Karls V. verschlang etwa eine Million Gulden. Machiavelli charakterisierte die ksl. Finanzpolitik als Verschwendung. Aufgrund aktueller Geldnot mußten häufiger das Tafelsilber, auch Mitglieder des Hofes verpfändet werden. Trotz enormer Verschuldung blieb M.s Politik beiden großen Kapitalgebern bis zuletzt kreditfähig; durch die Aufnahme neuer Kredite konnte die Finanzkatastrophe bis zum Ende der Regierungszeit hinausgezögert werden. Das Innsbrucker Regiment trat 1518 aufgrund des Finanzdebakels gegen den Willen M.s zurück.
Die zweite Ehe M.s mit Bianca Maria Sforza 1494 hatte nicht nur der Absicherung von Reichspositionen in Italien zu dienen, sondern wurde nicht zuletzt aus ökonom. Motiven geschlossen. Die unebenbürtige Heirat sorgte bei den fsl. Standesgenossen für beträchtl. Unwillen. Dies hatte Folgen auch auf die polit. Wirksamkeit Biancas, die im Gegensatz zu M.s sonst geübter Praxis, durch Verwandte zu regieren, nur 1499 im Schwabenkrieg als seine Stellvertreterin hervortrat.
Eine Zäsur bedeutete 1497 die Entlassung nicht nur ihrer Hofmeisterin Violanta Cayma, sondern der meisten mailänd. Mitglieder ihres Hofstaats, 20-30 Personen, wenn auch eine kleine Gruppe der Sforza während ihrer Exile an den Höfen Biancas und M.s präsent blieb. Nicht nur die zunehmend distanzierte Beziehung zw. Bianca und M., sondern auch dessen temporeiche Reisemobilität erschwerten die Bildung einer gemeinsamen Haushaltung. In ihrer beinahe siebzehnjährigen Ehe residierten M. und Bianca beziehungsweise deren Höfe nur max. fünf Jahre in nächster oder relativer Nähe, dann vorwiegendin Städten, in Innsbruck, → Worms, → Augsburg, → Konstanz und → Freiburg, v. a. im Umfeld von Reichstagen. M. und Bianca führten nur zwei größere gemeinsame Reisen durch, 1494 von Tirol in die Niederlande und 1506 durch Innerösterreich. Aufgrund der Finanzknappheit M.s kam auch der Hof Biancas häufig in Zahlungsschwierigkeit, so daß sie - wie 1508/09 in → Konstanz - monatelang pfandweise festgehalten wurde.
Der Hof der Ks.in umfasste zw. 100-150 Personen, darunter gegen 30 Hofdamen, mit den übl. Ämtern: von dem Hofmeister, der Hofmeisterin, dem Marschall, Kanzler bis zu den Wäscherinnen und Küchenknaben. Nach der Auflösung des Hofes Sigmunds hatte M. einige Damen in das Frauenzimmer der Kg.in übernommen. Bianca und ihr engster Hofstaat, das Frauenzimmer und das Gesinde hatten eine je eigene Küche. Die Küche Biancas versorgten ein alter und junger ital. Koch. Im Frauenzimmer speisten am 8. Juli 1501 - es haben sich einige tägl. geführte Verpflegungslisten erhalten - auch drei Edelknaben, einZwerg, eine Mohrin und zwei Närrinnen. Das Frauenzimmer sollte (im Unterschied zur burgund. Praxis) über Nacht verschlossen bleiben. Bianca pflegte regelmäßigen Austausch mit befreundeten Höfen in Mailand, Mantua und Ferrara, sowie mit deren Gesandten am Hof M.s. Dennoch war die Vereinsamung beträchtlich; Bianca Maria starb nach Joseph Grünpeck 1510 an Magersucht (dörrsucht). Beim Begräbnis in der tirol.-habsburg. Grablege in Stams, M. blieb in → Freiburg, hielt Ulrich Zasius die Grabrede.
Am tägl. Hof M.s lebten keine Mitglieder aus seiner engeren Familie. Wenn bereits der gemeinsame Haushalt mit seiner zweiten Frau Bianca Maria sehr eingeschränkt blieb, so waren die Treffen mit seinen Kindern Philipp und Margarete sowie seinen Enkelinnen und Enkeln in den Niederlanden noch sporadischer. Am Hof M.s lebten primär männl. Verwandte, wie überhaupt der krieger. dominierte Reisehof ein Männerhof war. Unter den Verwandten, die sich phasenweise am Hof aufhielten, sind v. a. Vettern und Schwäger aus den Häusern → Sachsen, → Wittelsbach und → Badenzu nennen, wie Albrecht der Beherzte und Friedrich der Weise von Sachsen oder Georg der Reiche von Niederbayern; seit der Flucht aus Mailand, 1499, lebten am Hof M.s und Biancas zudem die verschwägerten Massimiliano, Francesco und Hermes Sforza.
Erste höf. Positionen als Hofmeister oder Marschälle besetzten neben Georg von Bayern auch Adolf von Nassau-Wiesbaden, Eitelfriedrich von Zollern sowie Wolfgang von Polheim, Heinrich und Wolfgang von Fürstenberg. Ein Kanzler des röm.-dt. Kg.s ist bereits für den Frankfurter Reichstag 1489 mit dem Konstanzer Dr. Marquard Breisacher erwähnt, dem 1490 der tirol. Kanzler Konrad Stürtzel aus Kitzingen und 1500 (am Augsburger Reichstag) Zyprian von Serntein folgten. Zu den engsten Beratern M.s seit etwa 1500 zählten der Augsburger und spätere Kard. Matthäus Lang, Sernthein und die Finanziers Paulvon Liechtenstein und der Breisgauer Jakob Villinger.
Die ebenso einflußreichen Räte Johann Fuchsmagen, Florian Waldauf und Pietro Bonomo wie auch Lang waren humanist. sehr gebildet. Der Kämmerer und spätere Landeshauptmann Siegmund von Dietrichstein sowie der Sekretär Marx Treitzsaurwein wirkten an der gedechtnus, M.s Geschichtsbüchern, mit. Bedeutende Diplomaten waren Andrea da Burgo und Sigmund von Herberstein. Auch Mercurino Gattinara, der Rat Margaretes und spätere Großkanzler → Karls V., diente teils am Hof M.s. Unter den Hofbf.en sind neben Lang der aus dem frz. Surgères stammende Kard. RaimondPeraudi sowie der Meißener Melchior Meckau (seit 1503 Kard.) zu erwähnen.
Der Nördlinger Niklas Ziegler beeinflußte als oberster Sekretär der Hofkanzlei maßgebl. die Entwicklung der dt. Schriftsprache. Als Mitarbeiter an der gedechtnus M.s dienten die Historiographen Joseph Grünpeck, Jakob Mennel, Johannes Stabius, Ladislaus Suntheim und Johannes Cuspinian, der zudem diplomat. tätig war; auch Konrad Peutinger, Willibald Pirckheimer und Albrecht Dürer zählten als Berater sowie als Mitarbeiter an den Geschichtsbüchern zum äußeren Hofkreis. Der persönl. Sekretär Langs, Riccardus Bartolini, dichtete zum Sieg M.s über die Pfälzer dieAustrias. Der Hofmaler und -baumeister Jörg Kölderer gestaltete den Innsbrucker Wappenturm.
Als Feldhauptleute dienten teils wiederum M.s fsl. Verwandte und Schwäger, wie Albrecht von Sachsen, Friedrich von Ansbach-Bayreuth und Erich von Braunschweig; ebenso Rudolf von Anhalt, den er 1510 in der Familiengrablege in Stams bestatten ließ. Der gebildete Jörg von Frundsberg war bereits im Venezianerkrieg erster ksl. Feldherr.
Am Hof Biancas lebte Apollonia Lang, die Schwester des späteren Kard.s und Freundin Georgs des Reichen. Eine »schöne Frau« erhielt, nicht ohne innerhöf. Protest, jährl. 2400 Gulden. M. hatte etwa 30 illegitime Nachkommen, die jedenfalls zu seinen Lebzeiten ohne größeren Einfluß blieben. Der in den Niederlanden aufgewachsene Georg (* 1505) war zuletzt Bf. von → Lüttich; Cornelius (* 1507) sollte später wie Georg das Hzm. Mailand übernehmen.
M. persönl. vermittelte 1517 aus Antwerpen seinem Geschichtschreiber Stabius span. Wappenbilder für die Gestaltung des Triumphzugs. Die neue Hofburg in Innsbruck ließ er durch einen Wappenturm (wie einst sein Vater in Wiener Neustadt) gestalten, dessen Wappenfolgen wie in der Ehrenpforte die macht des Ks.s und seines Hauses darstellen sollten. Auch am Hof M.s wurden das Amt eines Wappenmeisters vergeben; für das Reich, Frankreich, Ungarn und für jedes große Erbland, sogar für Schwaben und das Elsaß, wurden mitunter eigene Herolde unterhalten.Die Forschungen zum Zeremoniell sind noch eher rudimentär. Das diffizil-steife Zeremoniell und die kostspielige Repräsentation der Burgunder wurden am tägl. Reise- und Kriegshof M.s anscheinend nur sehr eingeschränkt übernommen beziehungsweise später gelockert. Das äußere Erscheinungsbild des Hofes war relativ einfach, im Vergleich zum prunkvollen Gefolge westeurop. Monarchen mitunter ärmlich, wie 1513 beim Treffen bei Guinegate mit dem jungen Heinrich VIII. von England offenbar wurde, so daß Begegnungen mit dem frz. Kg. auch aus solchen Gründen ausgewichen werden mußte.
Gleichwohl kam es bei wichtigen Anlässen zu »höf. Aufgipfelungen« (→ Friedrich III.) auch des Zeremoniells. Bei einer Krönung, Hochzeit, einem Begräbnis, auf Reichstagen, der Begegnung mit anderen Herrscherhöfen, Einzügen,großen Belehnungen, Dichterkrönungen oder wichtigen Audienzen und kirchl. Hochfesten wurde auf Repräsentation und Zeremoniell großer Wert gelegt: mit Thronsitz, Insignien, Prunkgewändern wie jenen Karls des Großen, Tapisserien, Aufstellung des Schatzes, teils mit Ritterschlägen. Der burgund. Grundgedanke der Distanzierung des gottähnl. Kaisers von den Untertanen (man vgl. auch die Darstellung des Mysteriums in der Ehrenpforte) spielte hinein.
Unter Gerangel verteidigten die kgl. Gesandten die Präzedenz auch gegenüber dem frz. Kg. am päpstl. Hof. Die neuen Ansprüche des Hauses konnten auch durch demonstratives Zeremoniell unterstützt werden: Als M. und sein Sohn Philipp 1503 aufeinander trafen, ließ ihn jener nicht absitzen, sondern umarmte ihn als künftigen span. Kg. zu Pferd. Im tägl. Umgang, wie mit Gesandten oder bei städt. Festen, konnte M. sehr leutselig sein, ohne auf repräsentative Gesten zu verzichten. Cuspinian schrieb etwas pathet., es habe niemand gegeben, auch keinen Fremden, der ihn nicht unter dreißig der größtenFs.en als den Ks. erkannt hätte. Auf Reichstagen beeindruckte er durch eigene Reden (bei seinem Enkel Karl zählten später die Gesandten dessen Worte), bediente sich aber auch Sprecher, wie seines Kämmerers Veit von Wolkenstein. Engste Vertraute wie Serntein oder Liechtenstein konnten mit ihm poltern.
Unterwegs ritt M. meist zu Pferd, in den letzten Jahren (wie 1515 bei der Doppelhochzeit in Wien) reiste er in der Sänfte. Zu Tisch speiste er vorzugsweise allein, bei lauter Tafelmusik und einer kleinen Bedienung mit eher bescheidenem Gedeck. Von den vom Vater gestifteten Mäßigkeitsorden übernahm er seine, im persönl. Lebensstil (Ernährung) geübte Devise »Halte Maß - Tene mensuram«. Der von → Friedrich III. v. a. zur Osmanenabwehr gegründete Georgs-Ritterorden wurde erneuert. Die junge polit. Konstruktion Österreich-Burgund plante M., wenn auch erfolglos, durch einen gemeinsamenOrden des Goldenen Vlieses mit einem burgund. und österr. Zweig zu festigen.
M. legte Wert auf seine Kompetenz als Festregisseur. Anders als → Friedrich III. war er ein Freund des Tanzes und »Erfinder von Mummereien« (Wiesflecker 5, 1986, S. 393), die v. a. im Winter abgehalten wurden. Kein größeres Fest sollte ohne Turnier stattfinden, in jeder Fasnacht sollte eine höf. Hochzeit den Höhepunkt bilden. Für Damen und Gäste wurden Schaujagden, in Tirol gerne Gemsenjagden veranstaltet. Für die Festprogramme wählte die höf. Propaganda häufig zeitgenöss. Stoffe, wie den Kampf gegen den frz. Kg. wg. Italien und derKaiserkrone oder gegen die Osmanen. Die Begegnung mit Wladislaw II. von Böhmen-Ungarn und Sigismund von Polen 1515 beim Doppelverlöbnis in Wien veranlaßte auch den Hof M.s zu größter Prachtentfaltung (Kosten gegen 200 000 Gulden).
Der weltl. und geistl. Hausschatz war mit dem burgund. an Kunstwert nicht zu vergleichen. Er wurde teils aus dem Schatz Karls des Kühnen durch jenen Ehzg. Sigmunds, seiner Gemahlin Bianca und der Gf.en von Görz erweitert. Der Schatz zählte quasi zum Intimgut der Dynastie, den M. selbst in finanzieller Notlage allenfalls zu verpfänden bereit war (wie 1511 zur Finanzierung seiner Wahl als Papst). Er blieb meist in Truhen verpackt und war in Innsbruck, Wiener Neustadt, Graz, Linz, auch in → Augsburg und in einzelnen Schlössern aufbewahrt.
M. war von krit. Religiösität, der Kirchenpolitik von persönl. Frömmigkeit trennte. Vor den großen Festtagen sowie in der Fastenzeit zog er sich einige Tage in ein nahes Kl. zu religiöser Einkehr und theolog. Gesprächen zurück, wozu er sich gebildete Beichtväter holte. M. war Mitglied der Kölner Rosenkranzbruderschaft und ließ sich mit einem Kartäuserrosenkranz begr. Er pflegte die Kultur der ars moriendi und führte in den letzten Jahren den eigenen Sarg mit sich. Auf dem Augsburger Reichstag 1518 wurde er mit dem geweihten Hut und Schwert ausgezeichnet. Erbeschäftigte sich mit Weissagungen; an seinem Finger hatte er einen wundertätigen Ring, den sog. Teufel. Die Gebeine des Familienheiligen Leopold wurden in Klosterneuburg 1506 feierl. erhoben und in einen silbernen Sarg gelegt.
Unter den Sekretären und gelehrten Räten am maximilian. Hof befanden sich zahlr. Humanisten, Poeten und Redner, die neben verwaltungsmäßigen auch publizist. Aufgaben zu erfüllen hatten. Matthäus Lang, seine Sekretäre Sebastian Sprenz und Bartolini, Peutinger, Hofhaimer und andere zählten zu einer Art Hofakademie. Zollschreiber Hans Ried besorgte die Abschrift von Heldenliedern. M. besaß ein ausgeprägtes Interesse für Natur- und Geheimwissenschaften, an der Entdeckung der Neuen Welt, teils aus strateg. Gründen auch an Karten, anhand derer er mit den Gesandten verhandelte. Anantiken Münzen interessierten ihn v. a. die abgebildeten Kaiserporträts. Gelehrte Hofleute diskutierten die Gründung einer Ritterakademie zur Erziehung des künftigen Hofmanns. Gerade für seine histor.-genealog. Unternehmungen ließ M. seine Gelehrten nach Büchern, v. a. nach Chroniken suchen. Die Bibliothek befand sich zum größten Teil wohl in Innsbruck; weitere Bestände waren in Wiener Neustadt, Wien, → Augsburg und Burg Finkenstein verstreut. M. konnte auf einen Grundstock von etwa 150 Büchern seines Vaters aufbauen, den er auf fast 400 Handschriften und Druckwerke vermehrte.
M. investierte v. a. in Zweckbauten wie Zeughäuser, Befestigungsanlagen und Jagdhäuser. Für seine beiden verstorbenen Frauen ließ er Grabmäler in Brügge und Stams errichten, das Hochgrab seines Vaters im Wiener Stephansdom wurde erst 1513 vollendet. Den äußeren Rahmen für höf. Repräsentation boten die erweiterte neue Hofburg mit dem Prunksaal (1534 abgebrannt) und dem Wappenturm in Innsbruck, das Goldene Dachl am Stadtplatz sowie das Grabmal in der Hofkirche, dessen Kult M. in ein bis dahin unbekanntes Ausmaß steigerte. An seinem Grab in der Georgskirche in Wiener Neustadt sollten sichseine Vorfahren und nächsten Nachkommen, die Heiligen und Seligen seines Hauses sowie die antiken Ks. als Erzbilder monumental versammeln (40 Standbilder, 100 Statuetten, 34 Büsten). Sie wurden nur teilw. vollendet und 1563 in der neu erbauten Innsbrucker Hofkirche aufgestellt.
Nach burgund. Vorbild führte M. mit Sunthaim und Stabius das Amt eines ksl. Hofchronisten ein. Anweisend und korrigierend griff er in den Entstehungsprozeß höf. Kunst (Müller 1982) intensiv ein, für deren memorative Funktion er plädierte. Dies wird gerade auch in seinen Geschichtsbüchern und genealog. Werken, der lat. Autobiographie, den Bildgeschichten des Freydal, Theuerdank und Weißkunig, der Ehrenpforte, des Triumphzuges, der Heiligen aus der Sipp-, Mag- und Schwägerschaft, in der Fürstlichen Chronik Jakob Mennels deutlich. Ungeachtet steterfinanzieller Knappheit sollte darin kein kosten gespart werden, was deren dynast.-legitimative Intention unterstreicht.
Quellen
Verzeichnis der wichtigsten Quelleneditionen in: Quellen zur Geschichte Maximilians I., 1996. Eine detaillierte Übersicht jeweils in: Ausgewählte Regesten des Kaiserreiches unter Maximilian I. 1493-1519, bearb. von Hermann Wiesflecker u. a., bisher Bde. 1-4,1, Wien u. a. 1990-2002. Neuerdings: RTA.MR II, 2001.
Literatur
Im Text wurden zitiert: Hispania - Austria. Die Katholischen Könige. Maximilian I. und die Anfänge der Casa de Austria in Spanien (Ausstellungskatalog), Red. Lukas Madersbacher, Mailand 1992. - Heinig, Paul-Joachim: B.1. Friedrich III. (1440-93), Beitrag in diesem Bd. - Reyes y mecenas. Los reyes católicos. Maximiliano I y los inicios de la Casa de Austria en España (Ausstellungskatalog), Mailand 1992. - Müller, Jan-Dirk: Gedechtnus. Literatur und Hofgesellschaft um MaximilianI., München 1982 (Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Literatur, 2). - Wiesflecker 1-5, 1971-86. - Die maßgebl. Literatur bis 1998 dann bei: Wiesflecker 5, 1986 und Wiesflecker, Hermann: Österreich im Zeitalter Maximilians I. Die Vereinigung der Länder zum frühmodernen Staat. Der Aufstieg zur Weltmacht, Wien u. a. 1999. - Seither sind erschienen u. a.: Heinig, Paul-Joachim: Theorie und Praxis der »höfischenOrdnung« unter Friedrich III. und Maximilian I., in: Höfe und Hofordnungen, 1999, S. 223-242. - Heinig, Paul-Joachim: Die letzten Königskrönungen in Aachen: Maximilian I., Karl V. und Ferdinand I., in: Krönungen, 2000, S. 563-572. - Heinig, Paul-Joachim: Ein bitter-freudiges Familientreffen: Maximilian I. und sein Vater in Löwen (24. Mai 1488), in: Liber amicorum Raphaël de Smedt, 3, 2001, S. 183-195. - Hollegger, Manfred: Maximilian I. Herrscher und Mensch einer Zeitenwende, Stuttgart vorauss. 2003(Urban-Taschenbücher, 442). - Kathol 1998. - Maximilian I. Der Aufstieg eines Kaisers. Von seiner Geburt bis zur Alleinherrschaft1459-1493 (Ausstellungskatalog), hg. von Norbert Kop- pensteiner, Wiener Neustadt 2000. - Müller, Jan-Dirk: Archiv und Inszenierung. Der ›letzte Ritter‹ und das Register der Ehre, in: Kultureller Austausch und Literaturgeschichte im Mittelalter = Transferts culturels et histoire littéraire au moyen âge, hg. von Ingrid Kasten, Sigmaringen 1998 (Beihefte der Francia, 43), S. 115-126. - Noflatscher1999. - Noflatscher, Heinz: »Die heuser Österreich vnd Burgund«. Zu den Quellen der Habsburgerhöfe um 1500 oder zu einem historiographischen Streßsyndrom, in: Frühneuzeit-Info, 12,2 (2001) S. 1-16. - Noflatscher, Heinz: Maximilian im Kreis der Habsburger, in: Kaiser Maximilian I. Bewahrer und Reformer. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Reichskammergerichtsmuseum Wetzlar, hg. von Georg Schmidt-von Rhein, Ramstein 2002, S. 27-44. - Werke für die Ewigkeit. KaiserMaximilian I. und Erzherzog Ferdinand II. (Ausstellungs-Katalog), hg. von Wilfried Seipel, Wien 2002.