WITTENBERG C.2.
I.
Wittburc (1174); Wittenberch (1292); Wittinberk (1370); Wyttemberch (1436) - Der Ortsname geht auf mnd. wit zurück, bedeutet »Siedlung am weißen Berge« und bezieht sich auf einen hellen Sandsteinfelsen an der Elbe - ab Anfang des 13. Jh.s wurde W. durch sächs. Hzg.e häufig aufgesucht - Res. Kfs.s Wenzels (1370-88), Kfs.s Friedrichs d. Weisen (1486-1525) - 1356-1815 Kfsm. Sachsen; 1815-1945 preuß. Provinz Sachsen-Anhalt; 1952-90Kreisstadt im Bezirk Halle, seit 1990 Kreisstadt Sachsen-Anhalt. - D, Sachsen-Anhalt, Reg.bez. Dessau, Landkr. W.
II.
Die Anfänge von W. gehen bis in die ausgehende Burgwardzeit zurück und weisen auf die erste territoriale Gliederung des Raumes. 1174 nennt sich ein Adelsgeschlecht nach dem Ort. Der askan. Hzg. Albrecht II. verlieh der Siedlung 1293 Stadtrecht. Voll ausgebildet war die Ratsverfassung mit Bürgermeister und Ratsmannen 1317. In diese Zeit fallen auch kommunale Bündnisse mit Städten des Hzm.s gegen das Fehdeunwesen. Der Rat erwarb 1441 vom Kfs.en die Obergerichtsbarkeit und der W.er Schöppenstuhl gewann Bedeutung im mitteldeutschen Raum. Seit Mitte des 14. Jh.swurden in W. Münzen geschlagen. W. war namengebend für das 1180 entstandene neue Hzm. Sachsen-Wittenberg, welches spätestens 1356 mit dem Erzmarschallamt verbunden war. Recht früh muß hier ein Elbübergang bestanden haben, worauf der rechtselb. slaw. Ortsname Pratau (brod - Furt) hinweist. Neben der Stadtkirche St. Marien kamen um die Mitte des 13. Jh.s noch Niederlassungen der Franziskaner und der Augustiner hinzu, wobei das Franziskanerkl. von den askan. Hzg.en gestiftet worden war und die Klosterkirche als Grablege des Geschlechtes bis zumAussterben im Mannesstamm 1422 genutzt wurde. Ende des 19. Jh.s fand man 27 fsl. Begräbnisse aus dem bereits 1525 abgetragenen Kl. und überführte sie in die Schloßkirche.
Die Stadtanlage auf einer leicht erhöhten Elbterrasse hat einen langgestreckten rechteckigen Grdr. und erscheint planmäßig angelegt. Die Stadt war von einer OW-Durchgangsstraße gekennzeichnet und vollständig ummauert. Neben dem Handel mit regionalen Produkten besaßen die W.er Gewandschneider das Monopol im Tuchhandel.
Kfs. Friedrich der Weise richtete in W. 1402 die Universität Leucorea ein, die sich zu einem Zentrum der Reformation entwickelte. Hier wirkten u. a. Martin Luther, Andreas Bodenstein, gen. Karlstadt, Hermann von dem Busche, Philipp Melanchthon und Mathäus Aurogallus. In der Reformationszeit war W. ein Zentrum der Buchdruckerei und der Rat setzte sich vorrangig aus Patriziern, Professoren und kfsl. Beamten zusammen.
III.
Im Rechnungsjahr 1489/90 wurde mit dem Bau des Hauptschlosses zunächst unter Konrad Roder und dann unter Konrad Pflüger, dem Vollender der → Meißner Albrechtsburg, begonnen, wozu zunächst der burgartige marode Vorgängerbau abgetragen wurde. Der Sandstein für den Wohnteil kam aus Pirna, der Kalkstein aus → Magdeburg. Auftraggeber war Kfs. Friedrich der Weise. Geplant war eine komplexe Wohn- und Verwaltungsanlage für die kfsl. Familie und für die Amtmannen. Das Hauptschloß wurde konzipiert als eine regelmäßige dreigeschossigeDreiflügelanlage, das Vorschloß hingegen als ein unregelmäßiger Bau, wobei beide Teile einen langgestreckten rechteckigen Hof umschließen. Am Hauptschloß wurde mit dem elbseitigen Südflügel und dem großen Rundturm und der südl. Eckwendeltreppe begonnen. 1492/93 standen Innenausbau und Arbeiten an der Dacheindekkung und Giebelgestaltung an. Mit der Verglasung der Fensterfronten 1495/96 waren die Bauarbeiten in wesentl. Punkten abgeschlossen. Die Ausgestaltung nahm noch einige Zeit in Anspruch.
Das gesamte Erdgeschoß des Elbflügels diente als Hofstube für die Dienstmannen. Sechs Bogenfenster erhellten den Raum und zwei Säulen stützten die Decke. Die bemalten Wandflächen zeigten Darstellungen aus der röm. Geschichte. Möbliert war die Hofstube mit Bänken und Tischen. Der Mittelflügel gliederte sich in drei Holzkammern und die Südwestecke nahm die Silberkammer sowie ein Raum für den Silber-Diener ein. Der Südwestturm diente als Gefängnis.
Das Obergeschoß mit seinen drei gleichmäßigen Fenstern auf jeder Längsseite und seiner flachen hölzernen Balkendecke diente als Festsaal. Vier Gerechtigkeitsdarstellungen waren auf die Wandflächen gemalt. Durch eine Tür gelangte man in das mit einem großen Westfenster erhellte Schlafgemach des Kfs.en. Dieser Raum war ausgemalt mit einer Pegasusdarstellung, der Argonautensage, einer allegor. Darstellung des Glücks und sächs. und thüring. Wappen. Die völlig zerstörten Ausmalungen und die auf Holz oder Leinen aufgebrachten Bilder gehen auf den Niederländer Johann Kunz Maler undLudwig Maler zurück und ab 1505 auf Lucas Cranach und seine große Werkstatt. Die relativ genaue Beschreibung der Ausstattung des Gebäudes verdanken wir einem lat. Dialog von Andreas Meinhard und dem Inventar von 1539. Das ausführl. Inventarverzeichnis von 1618 weist bereits Reduzierungen in der Ausstattung aus. Über einen Gang gelangte man in den Südwestturm, der als Stammstube bezeichnet wurde. Der holzgetäfelte Raum enthielt 24 Tafelbilder der Vorfahren des Kfs.en einschließl. eines Bildnisses Kg. Heinrichs I. sowie der askan. Vorgänger. Im Elbflügel wurde als repräsentativer Raum die»Tafelstube«, die über der Hofstube je zwei Fenster zum Hof und zur Elbe und ein bes. großes nach O zeigte, vollkommen mit Schnitzereien ausgestaltet. 1493/94 arbeiteten bis zu sechs Schnitzer daran. Hans von Amberg faßte die Schitzereien farbig und vergoldete Teile davon. An der Westwand befand sich ein steinerner Kamin. Das dritte Geschoß der beiden Flügel stand als Wohnbereich den Verwandten des Kfs.en zur Verfügung und war neben Bildern und allegor. Darstellungen mit fünf gewirkten Teppichen ausgestaltet. So bewohnte Hzg. Johann die beiden Turmgeschosse des Schloßkirchenturms und imdritten Geschoß befand sich sein Schlafgemach, welches ebenfalls mit Bildern aus der Herkulessage ausgestaltet war. Wohnlichkeit erreichte man vor allem durch Kamine und Kachelöfen. Aufwendige Kachelöfen mit Bildnissen und Napfkacheln gab es in der Tafelstube, in Hzg. Johanns Turmstube und im Frauenzimmer. Glasierte Kacheln wurden aus → Nürnberg bezogen. Repräsentative Räume waren bleiverglast mit venezian. Scheiben, die Räume für das Personal mit grünlich-gelbl. Waldglas einheim. Produktion. Im Schloß gab es zwei Küchen, zwei Badstuben und seit 1542 kam das benötigte Wasser überein Röhrkastensystem direkt ins Schloß. Vermutl. neun Toilettenanlagen waren in die Mauern eingebaut, die im Wall endeten.
Das Vorschloß sollte ursprgl. nach einer Planung von 1515 aus drei Flügeln mit runden Ecktürmen bestehen, was aber nicht zur Ausführung kam, sondern nur ein vereinfachter Bau unter Einbeziehung älterer Bausubstanz mit einem neuen Flügel und einem Torhaus. Erhalten blieb die vergoldete Inschrift von 1518 an der Toreinfahrt zum Schloßhof. Die Baumeister, Hans Zinkeisen und zuvor Hans Meltwitz, kamen mit dem Bau langsamer voran als im Hauptteil der Anlage. Nur die Geschosse des Torturmes waren künstl. ausgestaltet, vermutl. durch den Hofmaler Lucas Cranach d. Ä. Die Pflasterung des Hofeszögerte sich bis 1525 hinaus.
Ab 1496/97 wurde als dritter Flügel des Hauptgebäudes mit dem Bau der Schloßkirche unter Konrad Pflüger begonnen. Die Eindekkung des Kirchenschiffes erfolgte 1501/02. Der Innenausbau dauerte bis 1404/06. Die Schloßkirche hatte in einer Burgkapelle einen Vorgängerbau. Hzg. Rudolf I. dotierte 1338 eine Kapelle mit sieben Pfründen in der Burg und ließ ihr das Patrozinium Allerheiligen geben und legte damit den Grundstein für die spätere Schloßkirche. Das Exemtionsrecht wurde 1346 erteilt. In der 1509 vollendeten Schloßkirche ließ Kfs. Friedrich der Weise eine der größten ReliquiensammlungenEuropas zusammentragen. Das Altarbild malte Lukas Cranach, der 1505 zum Hofmaler ernannt wurde. Ab 1815 wurde unter preuß. Herrschaft die Schloßkirche zum Denkmal der Reformation deklariert und am Ende des Jh.s neugot. umgebaut. 1883 erfolgte die erneute Bestattung von fast 30 Familienangehörigen der Askanier im westl. Gewölbe der Eingangshalle.
Nach der Einrichtung der W.er Universität diente die Schloßkirche auch mit als Universitätskirche. Die Schloß- und Universitätsbibliothek wurde über der großen Hofstube eingerichtet und die Juristen fanden Aufnahme im zweiten Stock des Mittelflügels in der Hofgerichtsstube.
1525, im Todesjahr Hzg. Friedrichs des Weisen, war der Schloßbau fertiggestellt und die Nachfolger Hzg. Johann der Beständige und Hzg. Johann Friedrich der Großmütige nahmen kaum Veränderungen vor. Einschneidende Veränderungen erfuhr die Anlage im Ergebnis des Sieges über den Schmalkald. Bund 1547, als den Albertinern die Kurwürde übertragen wurde. Das Schloß diente als Universität und ab dem 18. Jh. nur noch als Verwaltungssitz, 1760, baufällig, brannte es ab. Notdürftig wiederhergestellt, zerstörte es ein Feuer erneut 1813 und wurde fortan als Zitadelle im nunmehrigen preuß.Kurkreis genutzt.
Quellen
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Literatur
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