Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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WIJK BIJ DUURSTEDE C.3.

I.

in uilla quondam Dorsteti nunc autem UUick nominata (948), Wick (zweite hälfte 11. Jh.?), Wic (1147), Wich (ca. 1164), UUich (ca. 1164), Wijck (1261), Wijc bi Duersteden (1320) - Schloß und Stadt -Stift Utrecht (Nedersticht); Bf.e von Utrecht - das Schloß war Hauptres. der Bf.e von 1459-1528 und 1545-80. - NL, Prov. Utrecht.

II.

Stadt, ehem. an der Gabelung von Rhein und Lek gelegen (bis der Kromme Rijn, der ehemalige Hauptarm des Rheins, kurz nach 1122 abgedämmt wurde), 20 km südwestl. von Utrecht. Im FrühMA gab es in dieser Gegend viel Moorland, so daß die Besiedlung nur auf Flußdünen und Uferwällen mögl. war. Demgemäß war die Lage W.s hervorragend. An prähistor. Siedlungen gab es in der Gegend das Limeskastell Levefanum (später im Fluß verschwunden) und u. a. eine einheim. villa (bis Anfang des 3. Jh.s). Eine fränk. Siedlung miteinigen Hufen vervollständigte einen Teil der früheren Siedlung (De Geer) seit dem 5. Jh. Im frühen 7. Jh. lag die Siedlung, Dorestad gen., an der Grenze zw. Friesen und Franken. Zusammen mit der günstigen geograph. Lage und viell. auch auf den Resten des ehemaligen Kastells, führte dies dazu, daß sich Dorestad zu einem der wichtigsten Häfen und Handelsorte des fränk. Reiches entwickelte. Es existierte ein Reihenhäuserbau vom mehr als 3 km Länge mit drei Kernen und mehreren tausend Einw.n. Dorestad hatte auch eine Münsterkirche (errichtet mit kgl. Unterstützung) und war im 8. Jh. Sitz einesChorbf.s. Nicht so sehr die Plünderungen der Wikinger (seit 834) als vielmehr der Verfall und die Verlagerung der polit. Macht der Karolinger sowie die Versandung des Kromme Rijn in Verbindung mit dem nun weit entfernten Meer beendeten die Blütezeit Dorestads in der Mitte des 9. Jh.s.

Seitdem war Dorestad wieder eine agrar. Siedlung, die ab dem 10. Jh. W. gen. wurde und später W. bij Duurstede. Ca. 1001 übertrug der Kg., offensichtl. mit Ausnahme früher schon der Utrechter Kirche dotierten Teilen des Kronguts, seine Rechte (u. a. an der Kirche) und Güter in W. dem → Kölner Bf., der sie wiederum 1019 auf die Abtei Deutz bei → Köln übertrug. Diese Abtei verkaufte 1256 Domänen und Rechte in W. an den Gf.en von Geldern, der damit den Herrn von Abcoude belehnte. Damit wurde wahrscheinl. ein schon existierender Zustand mit dem Herrn von Abcoude alsRechtsnachfolger der Meier bzw. Gutsverwalter der Abtei Deutz bestätigt. Die Familie von Abcoude - bisweilen auch von Gaasbeek gen. - entwickelte sich im 14. und 15. Jh. zu einem der reichsten und einflußreichsten Geschlechter in Utrecht, Holland und → Brabant mit einer bisweilen gleichsam unabhängigen Stellung im Fbm.

Der Herr von Abcoude und W. ließ in der Nähe von W. ca. 1270 - nach einer anderen Hypothese bereits 1240 - einen steinernen Donjon erbauen und versah die Siedlung 1300 mit dem Stadtrecht. Davor hatte die villa bereits ein Freiheitsprivileg besessen, viell. von dem Utrechter Bf. Der Stadtherr beförderte die Entwicklung seiner Stadt durch die Ausgabe von Höfen und die Unterstützung beim Bau eines Stadtwalles. Wegen älterer Besitzverhältnisse konnte dieser Wall jedoch nur teilw. die ursprgl. Siedlung ohne bspw. die Pfarrkirche umgeben. Im dritten Viertel des14. und im dritten Viertel des 15. Jh.s erfolgte die Erweiterung der Stadt und der Bau bzw. die Modernisierung und Erweiterung der Stadtmauer. Wie übl. verwalteten Schöffen und ein vom Stadtherr ernannter Schultheiß die Stadt. Schon 1300 gab es aber auch einen Rat und in gewissem Umfang bürgerl. Einfluß auf einen Teil der Verwaltung. Der Kastelein des Schlosses war immer auch Schultheiß in W.

Zw. dem Bf. und dem Herr von W. gab es neben Zeiten der polit. Kooperation auch eine ganze Reihe von Schwierigkeiten und Kompetenzstreitigkeiten (so 1256-61, 1305, 1345, 1386 und 1420-22), bspw. über die Gerichtshoheit in W. 1412 war der Herr von W. gezwungen, den Bf. als Lehnsherrn von Stadt und Burg W. anzuerkennen, und 1449 erwarb der Bf., der Jacob von Gaasbeek während eines Aufstandes hatte gefangennehmen können, die Nachfolge in W. Dies geschah 1459. Sofort wählte Bf. David von Burgund W. zu seiner Hauptres. Er vergrößerte Stadt und Schloß, erweiterte die Marktrechte, verlegte denLekzoll (viell. 1465 oder 1470-76) und die Münze (zw. 1456-74) von Rhenen nach W. und begann mit dem Bau eines neuen Kirchturmes (1486). Gleichzeitig wurde auch die Kirche selbst - wo bereits seit 1366 ein Kollegiatstift existierte - erweitert. Ein bfl. Angestellter, viell. der Schultheiß oder ein Richter (nach 1524 der Kanzler), residierte im Nederhof, wohl dem alten Fronhof der Abtei Deutz, mit seiner rechtcamer. Bf. Philipp (1517-24) benutzte ein schön ausgestattetes huysken (u. a. mit zwei kleinen Gemälden Gossaerts:Venus und Amor), nahe einem der Stadttore gelegen, als Absteigequartier, viell. um sich mit jungen Frauen zu unterhalten, an denen er seinem Biograph zufolge großen Gefallenen fand. Durch diese Bauaktivitäten, ökonom. Maßnahmen und häufige Aufenthalte des Bf.s war dies eine Blütezeit W.s, das zuvor überwiegend agrar. Charakter gehabt hatte. Das Ende der bfl. Herrschaft und damit des Fürstbms. 1528 bedeutete auch das Ende dieser Entwicklung. Ks. → Karl V. wurde schon 1528 neuer Herr von W., doch erlaubte er 1545 die Rüchgabe des Schlosses. Nachdem Zoll und Münze verlagert undandere Rechte verkauft waren, schenkte er 1545 dem Bf., der seit 1528 nur noch die geistl. Autorität hatte, das Schloß, das bis 1580 wieder als Res. der Bf.e fungierte.

III.

Viell. schon 1240, auf jeden Fall aber vor 1275, hatte der Herr von Abcoude wie erwähnt südl. von W. einen steinernen, viereckigen Donjon erbauen lassen, außerhalb der späteren Wälle entlang des Kromme Rijn, mit einer Mauertiefe von 2,60 m. Spätere Herren von Abcoude haben viel gebaut, erweitert, modernisiert und renoviert. Eine plausibele Rekonstruktion ihres Schlosses ist jedoch leider noch nicht möglich. Nachdem Bf. David von Burgund 1459 Herr von W. geworden war, begann er sofort, das Schloß umzubauen. Es entstand ein prachtvolles got. Torhaus und,anstatt eines früheren, kleineren Turms, ein riesiger, 41 m hoher Turm in frz.-got. Stil. Mit einer Mauerstärke von mehr als 4 m konnten Geschütze diesem Turm nichts anhaben. Zu diesem Zweck bekam das Schloß auch einen doppelten Graben mit zwei Brücken und einem Wall. Westl. des Torhauses wurde wahrscheinl. das ganze Schloß erneuert, auch in der Vorburg wurde gebaut. Seit 1466 war Dombaumeister Jacob van der Borch Inspektor der bfl. Schlösser, aber auch der Böhme Przilyk Behem von Kossenberch oder ein frz. Baumeister könnten in W. gearbeitet haben. Jedenfalls wurde das Schloß mit seiner (20Sänger starken) Kapelle, seinen hohen und steilen Dächern, seinen prachtvollen Gewölben, seinen Betten, seinen Gärten, seiner Küche, seinem blitzend polierten natursteinernen Boden und seinen schönen Ställen (mit Kamin und gescheuertem Boden) von dem Xantener Dechanten Arnold Heymerick (1476) sehr gelobt. Nahe dem Nederhof in W. hatte Bf. David seinen eigenen, ummauerten Ballspielplatz und große Obstgärten. Diese gab es auch in der Nähe des Schlosses.

Davids Halbbruder, Bf. Philipp von Burgund (1517-24), modernisierte den Doppelgraben mit zwei Rondellen, um das Schloß gegen Kanonen zu schützen. Dadurch erhielt der neugebaute Süd- und Ostflügel einen offeneren Charakter mit bspw. großen Fenstern im Speisezimmer. Unter dem Dach waren zwei Stockwerke für die Diener eingerichtet mit neun und acht Kammern, jede Kammer mit einer eigenen Dachkapelle. 1524 hatte das Schloß einen inneren Hof, an den insgesamt 66 Zimmer grenzten, u. a. das Schlaf- und das Arbeitszimmer des Bf.s, ein Rittersaal, zwei weitere große Säle (davon einer fürdie bfl. familia), ein Ratszimmer, ein neues Speisezimmer, ein Zimmer für den Schloßvogt, eine Kapelle und ein Oratorium mit einer Bücherei sowie zahlr. Zimmer bspw. für den Brauer, den Gerichtsvollzieher und den Bäcker. Es gab mehrere Tore, Brücken und Ställe, eine Vorburg mit Werkstätten, einen Bauernhof und, nördl. vom Schloß zw. den Doppelgräben, Gärten mit einem Bade- und einem Waschhaus. Der Bf., ein aktiver Mäzen, ließ das Schloß großartig ausstatten mit Gemälden (u. a. von Bosch), Renaissancemalereien (Gossaert mit antiken Darstellungen) und -figuren (darunter 14Terrakottabrustbilder des Ks.s, des Bf.s, verschiedener Adliger und Ratgeber der ksl. Verwaltung), Tapisserien und Mobiliar, Gartenbildern in einem viergeteilten Lustgarten (darunter ein marmornes Bild des Priapus), einer Bibliothek und einer Kuriositäten- und Antiquitätensammlung.

Seit dem Tode des letzten Bf.s 1580 war das Schloß unbewohnt. Schon 1642 war es teilw. verfallen. Nach der Besetzung durch die Franzosen (1672-74) verwendeten die Einwohner W.s viele Baumaterialien des Schlosses für ihre Häuser und Gebäude. Ca. 1770 wurden die Wälle niedergelegt; das Schloß war nun eine romant. Ruine mit einem Park, in dem man sich ergehen konnte. 1883 kam es zu einer der frühesten, durch den Staat angeregten und finanzierten Restaurierung in den Niederlanden.

Quellen

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