Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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WETTIN C.2.

I.

Vitin (961); Witin (1123); Within (1198); Wytin (1271); Witthin (1303); Wettin (1305); Wettyn (1331); Wettin (1345) - der Ortsname geht auf altsorb. Vitin zurück und bedeutet Ort des Vit als Personenname - Höhenburg auf schmalem Porphyrfelsen am Saaleufer.

Res. der Gf.en von W. (1034-1217), Aufenthaltsort der Gf.en von Brehna und weiterer Familienzweige der Wettiner (1217-90), Sitz eines Amtmannes der Ebf.e von → Magdeburg (1290-1446), Besitz der Familie Aus dem Winkel (1446-ca. 1796), Teil des preuß. Hzm. Magdeburg (ab 1680); 1952-90 Stadt im Saalkreis, Bezirk Halle. - D, Sachsen-Anhalt, Reg.bez. Halle, Saalkreis.

II.

Die Anfänge der Stadt reichen bis in die Burgwardzeit in der zweiten Hälfte des 10. Jh.s zurück. Die Siedlung (961 civitas Vitin) am nordöstl. Fuße des Burgplateaus übernahm die Funktion eines Suburbiums. Zudem bestand in W. die Möglichkeit der Überquerung der Saale, so daß die Furt sich auf die Stadtwerdung auswirkte, ohne jedoch ein großes bebautes Areal hervorzubringen. Die halbkreisförmige Stadt hat nur einen Durchmesser von 200 m, verfügt aber über ein radial angelegtes Straßennetz und einen rechteckigen Marktplatz. DieUmwehrung der Stadt mit einem an den Burgfelsen angelegten Mauerzug mit drei Toren erfolgte im SpätMA (Anfang 15. Jh.?). Im Bereich um die Stadtkirche St. Nikolai entwickelte sich ein geringes Marktgeschehen, das auf regionale Produkte beschränkt blieb. Die Stadtrechtsverleihung erfolgte wohl zu Beginn des 15. Jh.s.

III.

Der von drei Seiten natürl. geschützte Felsen (30 m Höhenunterschied zum Fluß) über dem östl. Saaleufer ist in eine Unter- und Oberburg unterteilt, wobei die Unterburg »Winkel« der alte wettin. Stammsitz und die Oberburg Sitz des Bgf.en war. Die gesamte Anlage der wettin. Burg wurde im 19. Jh. sehr stark verändert, so daß kaum noch Bausubstanz des MA erkennbar ist. Die Burg »Winkel« gliedert sich in eine tiefer liegende Vorburg und eine anschließende Hauptburg. Den Zugang zur Burg sicherte der steinerne »Hundeturm«. Er ist im 19. Jh. zurBaumaterialgewinnung abgetragen worden. Die Futtermauern des Turmes erheben sich noch heute 2 m über die der anderen Mauern. Aus einem Merian-Stich von 1640 hat man eine Mauerstärke von reichl. 4 m erschlossen.

Zu diesem Vorburgbereich gehörte eine dem Apostel Petrus geweihte Kapelle (1185 erwähnt), die wahrscheinl. im 11. Jh. nur ein hölzener Sakralbau war. Seit 1446 diente die steinerne Petruskapelle der Familie Aus dem Winkel als Burgkirche und Grablege. Die Kirche stand östl. des Hundeturmes und wurde um 1840 vollständig niedergelegt.

Die ältesten Bauten der Oberburg »Winkel« befinden sich auf der saaleabgewandten Seite und weisen Mauerstärken von 2-3 m auf. Der erste Ausbau zur zeitweiligen Res. erfolgte vermutl. in der ersten Hälfte des 11. Jh.s unter Gf. Dietrich II. Sein Sohn Thimo († 1091) erweiterte dann die Anlage und nannte sich als erster Angehöriger der Familie Gf. von W. Die Bauten im S sollen im Kern auf die Mitte des 12. Jh.s weisen. Die starken und breiten Strebepfeiler am Mauerwerk stammen aus dem 16. Jh. Die Erweiterung um Wohnbauten in Richtung N sollen dem ausgehenden 13. Jh. in den Grundmauernangehören und verfügten kaum über Kellergewölbe. Mit dem Verkauf der Burg W. 1288 an das → Magdeburger Erzstift zog ein Amtmann in die Gebäude ein. Ob damit baul. Veränderungen vorgenommen worden sind, kann nicht beantwortet werden. Auf Grund der mißl. finanziellen Lage des Erzstiftes, wurde W. mehrfach verpfändet, so daß nicht mit Umbauarbeiten zu rechnen ist. Burg und Stadt wurden 1440 endgültig an die Familie Aus dem Winkel verkauft. Aus einer Beschreibung von 1485 ergibt sich, daß zwei Häuserreihen an der Ostspitze zusammenliefen und es sich um einfachekastellartige Bauten handelte. Der große Südflügel der Saaleseite war zweietagig und bestand aus mehreren Gebäuden. Auch die anderen Baulichkeiten verfügten nur über zwei Stockwerke und der Wirtschaftstrakt schloß sich westl. in Richtung Vorburggelände an. Die dem Südflügel gegenüberliegenden Häuser sollen repräsentativer Natur gewesen sein und neben einem Speisesaal auch Gemächer für Frauen enthalten haben. Die Familie Aus dem Winkel ließ die Anlage im 16. und 17. Jh. baul. im Stile der Renaissance verändern und fügte an der äußersten Ostspitze 1606 den sog. Winkelturm an, der keinefortifikator. Bedeutung hatte. Seit dem Verkauf des Winkelschen Besitzes 1795/96 an die Gf.en von Merode-Westerloo und kurze Zeit danach an Prinz Louis Ferdinand von Preußen diente die Anlage kaum noch zu Wohnzwecken, obwohl der Hohenzoller baul. Veränderungen vornahm.

Quellen

CDSR I,A, 1-3, 1882-98. - Mülverstedt, George Adalbert von: Regesta archiepiscopatus Magdeburgensis. Sammlung von Auszügen aus Urkunden und Annalisten zur Geschichte des Erzstifts und Herzogthums Magdeburg, 3 Bde., Magdeburg 1876-86. - Schieckel 1960.

Becker, Walther: Aus der Vergangenheit der Burg Wettin an der Saale, in: Mitteldeutsche Monatshefte 10 (1926) S. 132-135. - Brachmann, Hans: Wettin, in: Archäologie, 1989, S. 723-725. - Pätzold 1997. - Posecker, Willy: Die Buzici als Vorfahren der Wettiner und Posecker, in: Genealogisches Jahrbuch 15 (1975) S. 25-69. - Schöttgen, Christian: Historie der Burggrafen von Wittin, in: ChristianSchöttgen, Opuscula minora, o. O. 1767, S. 388-399. - Schultze-Galléra, Siegmar von: Die Burg Wettin und die Wettiner, Halle/Saale 1912. - Schultze-Galléra, Siegmar von: Die Burg Wettin. Ihre Baugeschichte und ihre Bewohner, Halle/Saale 1926. - Schultze-Galléra, Siegmar von: Kurze Geschichte und Beschreibung der Burg Wettin, nebst Wettiner Sagen, Halle/Saale 1930.