Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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WERDEN C.4.1.

I.

Uuerethinum (799), Uuerthina (829), Uuerdina (875), Vuerdena (1145), Werden (1278/1288) - Stadt - Reichsabtei W., Reichsäbte von W. - D, Nordrhein-Westfalen, Kr. Essen, Stadtteil von Essen.

II.

W., gelegen im niederberg.-märk. Hügelland, im unteren Ruhrtal auf den Terrassen unterhalb des Südhangs. Eine der Straßen von → Köln zum Hellweg, wo Fernverbindungen nach O (→ Magdeburg, später → Berlin, bis ins Baltikum) und N (→ Münster, → Bremen, Hamburg) weiterführten, kreuzt die Ruhr in W. Die Abtei lag im Ebm. → Köln.

Erste Erwähnung als Ort des Klosterbaugrundes von W. i. J. 799. Nach dem Übergang der Abtei aus der Hand der Gründersippe (der »Liudgeriden«) in den Schutz des Reichs (877/87) wird W. die wichtigste Res. der Wahläbte. Die mit Grundbesitz reich ausgestattete Abtei erlangt durch die Arrondierung eines kleinen Territoriums im Umkreis von drei Kilometern seit dem 13. Jh. den Status eines Reichsfsm.s. Spätestens seit dem 10. Jh. sind die Haushalte von Abt, Konvent (und Propst) getrennt, und der Abt verfügt über eine eigene Wohnung im Klosterbezirk. Seit dem 10. Jh. nachweisbar, jedochvermutl. schon im 9. Jh. gegr., regiert der Abt von W. auch die Ludgeri-Abtei in → Helmstedt in Ostfalen, die er regelmäßig aufsucht; mehrere Güter der Abtei in Westfalen sind als Reisestationen bezeugt, etwa Holthausen bei den Externsteinen. W. bleibt jedoch die Hauptres. der Äbte bis zur Säkularisation 1802/03.

Im NW der Abtei entwickelte sich im 10. bis 13. Jh. auf Eigengut ein Klosterstädtchen, das 1317 im Vertrag zw. Abt und Klostervogt civitas gen. wird, von einem Rat vertreten wird und eine Ummauerung erhält. Die Einwohnerzahl überschreitet erst im 18. Jh. die Zahl 2000. Die Stadtherrschaft des Abts wird trotz der starken Position des Klostervogtes, der sein Kastell am Ruhrübergang in den nordwestl. Abschnitt der Stadtmauer einfügt, nie angefochten. Das gilt auch für die Reformation, die sich seit 1568 in der Stadt durchsetzt und - mit kurzer Unterbrechung imDreißigjährigen Krieg - bis zum 18. Jh. die Einwohnerschaft dominiert.

Die Huldigung des Abts durch die abteil. Lehnsträger und die Stadt W. fand nach den Abtswahlen und nach Bestätigung und Weihe durch den zuständigen Diözesanbf., den Ebf. von → Köln, statt. Sie war verknüpft mit der Huldigung des Stiftsvogts, der seit dem 13. Jh. der Gf. von der Mark war (später im Erbgang auch Hzg. von → Kleve, Kfs. von → Brandenburg und Kg. von Preußen). Die Huldigungszeremonie begann mit dem Empfang des Vogts oder dessen Gesandten an der Stiftsgrenze, umschloß Abtei, Stadt und Teile des Territoriums mit dem »Bischofsritt ümb S.Ludgers Weg« (1668) und fand auf dem Markt vor der Nikolauskapelle ihren Höhepunkt in der Übergabe der Stadtschlüssel durch die Bürger an den Abt in Anwesenheit zahlr. Lehnsträger. Die Untertanen huldigten dem neuen Abt auf einem Gerüst vor der Kapelle. Beim anschließenden Hochamt in der Abteikirche leisteten Erbzinsleute aus der Umgebung den Ehrendienst. Schließl. fand die Belehnung und Huldigung der Vertreter des Vogts in der Res. des Abts vor kleinerem Publikum statt.

Die Verwaltungsbeamten der Abtei wurden im 15. und 16. Jh. dazu verpflichtet, in der Abtei zu wohnen und sich nur mit Genehmigung in der Stadt aufzuhalten. Seit dem 17. Jh. wurden die Kleriker und Notare zunehmend durch jurist. gebildete Räte abgelöst.

III.

Die Abteigebäude liegen im S der Abteikirche. Noch im 9. Jh. dürfte die Stephanskapelle im S des Querhauses entstanden sein (niedergelegt im 18. Jh.), im 11. Jh. die Johann-Baptist-Kapelle an der Südostecke des Kreuzgangs. Die Klosteranlage wird nach dem Brand von 1119 wieder aufgebaut. Das Abtshaus befand sich an der Südseite des so gen. Paradieses: des ummauerten westl. Vorhofs der Klosterkirche. Es wurde beim Neubau der Klausur von 1548 an das nordöstl. Ende des Kreuzgangs verlegt. - Die heute noch teilw. erhaltene barocke Anlage entstand im 18. Jh. durchumfangr. Um- und Neubauten unter dem Architekten Georg Weinrather.

Nebenres.en unterhielten die Äbte von W. kontinuierl. in → Helmstedt und zeitweilig in der so gen. Abtsküche im nahe gelegenen Oberhof Hetterscheid. Das Gut ist bereits im 14. Jh. als »des Abtes Kuchen« bezeugt, diente der Haushaltung des Abtes und verfügte über ein »Schloss«, das Abt Hugo Preutaeus während des Dreißigjährigen Krieges zum ständigen Wohnsitz ausbaute und befestigte (Wasserburg). Haus Heisingen am nördl. Ruhrufer wurde erst 1709 unter Abt Cölestin von Geismar erworben und zur Nebenres. ausgebaut.